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Jüdische Rundschau · 1915-12-31 · Heft 53 (31.12.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 53 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 434 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 53 Die Judengesetzgebung in Finnland bat iltre eigenen Herrlichkeiten, die selbst i!1 Rußland ihren Eindruck nicht verfehlen. Zunächst haben die Juden Wohnrecht nur in drei Städten (Helsingfors, Abo und Wyborg). Mehr als drei Kilometer dürfen sie sich von diesen Städten nicht entfernen. Sollte dies durch einen längeren Spaziergang geschellen und ein Jude beim vierten Kilometerstein ertappt werden, so wird er des Landes verwiese«. Jedes Halbjahr muß das Wohnrecht der Juden erneuert werden. Außer dem Handel mit alten Kleid ern ist den Juden jede Beschäftigung verboten, und sobald sie sich verheiraten, gehen sie des Wohnrechts Verlust ig. Dieses Gesetz wird sogar wohlweislich und tiefsinnig begründet: ״damit nicht durch solche Unternehmungen die Zahl der Juden in Finnland vermehrt werde“. Diese Gesetze, deren Entstehungsz.eit in den Anfang des 17. und 18. Jahrhunderts fällt, bilden bis auf den heutigen T ag für die finnische Polizei die beste Handhabe für die Behandlung der Juden. Alle Bemühungen verschiedener Kreise, die auf das Schmachvolle dieser Behandlung gerade von seiten Finnlands hinwiesen, blieben erfolglos. Nach der Ueberzeugung aller maßgebenden Kreise ist diese barbarische Hartnäckig- , keit der finnischen Regierung dadurch mitverschuldet, daß die öffentliche Meinung in Europa zum Teil in Unkenntnis darüber ist und zum Teil irre geführt wird. Es ist eine bezeichnende Tatsache, daß, während es in Rußland fast in allen Orten des ״Ansicdlungs- Rayons“ immerhin kleinere oder größere jüdische Gemeinden gab, in Finnland für einen Juden ab solut keine Möglichkeit besteht, sich in irgendeinem Orte mit Ausnahme der obenerwähnten Städte niederzulassen So ist es zu erklären, daß in ganz Finnland mit seinen 31,4 Millionen Einwohnern kaum 250 jüdische Familien leben. Selbst diese verschwindend kleine Zahl bildet den Gegenstand andauernder Verfolgungen und Polizeischikanen. Beginnen die Sommermonate, so werden an alle Bahnhöfe und Stationen der finnischen Kurorte und Erholungsgegenden Polizeispione geschickt, deren Aufgäbe cs ist, Neuangekommene, die im Verdacht stehen, Juden zu sein, sofort festzunelithen und nach Rußland zurückzutransportieren. In der Kanzlei des Generalgouverneurs laufen jeden Sommer Anklagen und Beschwerden von Armeniern, Grusinen, ebenso“ von Russen ein, die von den finnischen Häschern an den Bahnhöfen irrtümlich als Juden verdächtigt, ergriffen und eingesperrt wurden. Es kommt so weit, daß, wenn es einem russischen Juden gelingt, sich unbemerkt in einer der Städte niederzulassen, wo den Juden der sechsmonatliche Aufenthalt erlaubt ist, er von den dortigen jüdischen Familien durch Geld und gute Worte bewogen wird, die Stadt schleunigst zu verlassen, da durch solche ״Verbrechen“ der Verletzung des Wohnrechts der ganzen Gemeinde die Gefahr der Ausweisung droht. Seit Kriegsausbruch ist die Lage der Juden in Finnland noch unerträglicher geworden, ln der Zeit, wo die skandinavischen Landenden Flüchtlingen und Fremden gastfreundliche Aufnahme gewährten, hat sich Finnland als ein Land der Barbarei gezeigt. Kein russischer Jude wird seit Kriegsausbruch länger als 24 Stunden auf dein Boden Finnlands geduldet. Kranke Männer und Frauen wurden in ihren Betten auf das Pflaster gesetzt und per Schub nach Rußland transportiert. Selbst Frauen und Kinder, deren Männer und Väter nacli Rußland einberufen waren, wurden schonungslos ausgewiesen mit der Begründung, daß durch den Wegzug des Ernährers die Familien das Wohnrecht verloren hätten. Unmenschlich und gewissenlos war das Verhalten des ü o uverncurs W a w a r i n e 11 in Abo, der einen zehnjährigen jüdischen Knaben, dessen Vater als russischer Soldat in den Karpathen gefallen war und dessen!Mutter bei einer Niederkunft starb, gleich am Tage nach dem Tode der Mutter als nicht wohnberechligtcn Einwohner verhaften ließ, ihn zwei Tage lang im Polizeigefängnis ohne Nahrung hielt und ihn dann in einem Güterwagen nach Rußland transportieren ließ, ln Abo und Wyborg sperrte die finnische Polizei am Versöhnungstage die Synagogen ab, um das Wohnrecht der betenden Juden zu untersuchen. Dabei wurde ein alter Jude, ein Flüchtling, ertappt, der kein Wohnrecht besaß. Alles Bitten der Gemeinde, den alten Juden wenigstens für den Versöhnmigstag in der Synagoge zu belassen, blieb erfolglos. Noch während des heiligen Feiertages wurde der alte, fromme Jude mit der Eisenbahn zurück trans portiert. Das Schändliche an dieser ganzen Judenpolitik ist, daß sie nicht nur der Regierung und den Behörden zugesci.neben werden darf. Diese Judenpolitik wird auch von den politischen Parteiführern F i 11 n 1:! n d s ei i r e k t gefordert, und von den Sozialisten stillschweigend geduldet. Als der Krieg ausbrach und die ״Gefahr“ bestand, daß von und nach Rußland flüchtende Juden sich vorläufig in Finnland niederlassen würden, berief die Part ei der Alt-Finoaanneii eine Konfcrctiz ein, in der beschlossen wurde, sämtliche Gouverneure Finnlands durch Zirkulare aufzufordern, untcl keinen Umständen die Niederlassung eines Juden zuzulassen. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß die Behörden die Aufforderung der Regierungspartei streng und gewissenhaft durcliführten. Bekanntlich unterliegen die Finnländer anstatt dem Militärdienste einer Militärsteucr an die russische Regierung. Demgemäß sind, auch alte in Finnland wohnenden Russen, die ja militärpflichtig sind, von dieser Steuer befreit. Ganz eigenmächtig erklärte eines Tages das finnische Gouvernement, daß die russischen Juden nichtsdestoweniger Militär- Steuer zu entrichten hätten. So müssen z. B. die russischen Juden während ihres Militärd i e n s t e s in Rußland gleichzeitig die Militärstcüer in Finnland bezahlen. Klagen gegen dieses Unrecht der Beamten haben bisher keinerlei Erfolg gehabt. So ist z. B. der großen Oeffentlichkcit unbekannt, daß Juden als Zeugen vor einem finnischen Gericht nicht nur nicht vereidigt, sondern überhaupt n i c 111 z u g e 1 a s s e n werden d ü r - fen. Mehrfach kam es in Prozessen vor, daß finnische Angeklagte zu ihren Gunsten wichtige jüdische Zeugen anführten, die aber abgclehnt wurden, mit der Begründuing, daß die fraglichen Zeugen sich ״zur jiidischen Konfession bekennen“. Es muß auch gesagt werden, daß von den Behörden in Finnland eine systematische Verachtung gegen die jüd i s c 11 e Religion genährt wird. Beim schlimmsten russischen Gouverneur ist es immer noch durclizusetzen, daß ein Rabbiner oder Religionslehrer unter irgendeinem Vorwände das Wohnrecht erhält. Die finnische Polizei in der Hauptstadt Helsingfors scheute nicht davor zurück, die beiden Religionslehrer, die einzigen, die überhaupt in Finnland waren, unter einem Vorwände auszuweisen. Alle Bitten von seiten der kleinen jüdischen Gemeinde in Helsingfors wurden abgewiesen, so daß ihre jüdischen Kinder jetzt ohne Religionsunterricht erzogen werden müssen. Die finnischen Parteiführer sind offenbar bestrebt, den gegenwärtigen Moment im Kampf gegen die Juden aus zu nutzen. Haben doch die Kadettenführer in Petersburg, um deren Gunst sie immer warben, jetzt mit ihren eigenen inneren politisehen Sorgen vollauf genug zu tun. Die finnischen Politiker können daher ruhig sein, daß sie von ihren russischen Freunden wegen dar Judenfrage nicht ״belästigt“ werden. So gehen jetzt positive Gerüchte herum, daß die Finnen beschlossen hätten, i h r L an d vollkommen von den Juden zu säubern. Das soll dadurch erreicht werden, daß zum Beginn des Jahres 1 Ql6 den Juden weder Handelspatente noch Gewerbescheine ausgestellt werden sollen. Sämtliche Juden werden daher etwcrbslos, was zu ihrer sofortigen Ausweisung Anlaß geben muß. Auf diese Weise soll der Kampf gegen die Juden ausgefochten werden. Als der russische Ministerpräsident S t o 1 y p i n das bekannte ״Gleichstellungsgesetz der Russen in Finnland“ mit Hilfe der 3. Reichsduma durchsetzte und so die Autonomie Finnlands verletzte, wurde ein Paragraph aufgestellt, wonach die ,,russischen Juden in Finnland dieselben Rechte genießen sollten, wie in den Orten außerhalb des Ansiedlungsrayons“. Dieser Paragraph rief in Rußland naturgemäß eine bittere Heiterkeit hervor, in Finnland aber wurd« dieser Punkt als eine Freudenbotschaft aufgefaßt. Denn so rechtlos der russische Jude außerhalb des Ansiedlungsrayons war, galt er doch stets im Vergleich zu den Juden in Finnland als ein glücklieber, vollberechtigter Bürger. Dies alles geht in einem Lande vor, welches selbst I durch Unterdrücker leidet und an die ganze Kulturweit appelliert, seine primitiven Rechte zu schützen. Angesichts der Barbareien, die sich Volk und Regierung in Finnland den Juden gegenüber erlauben, ist es die Aufgabe der gesamten gesitteten Kulturweit, dafür zu sorgen, daß beim Friedensschluß Finnland gezwungen wird, den Juden das Menschenrecht anzuerkennen. Eine seltsame Folgerung Das englische Handelsministerium hat ein ״Memorandum über den Importliandel im russischen Reiche“ veröffentlicht, der das Ziel hat, die englischen Kaufleute mit den Zuständen des russischen Marktes vertraut zu machen. Unter anderem enthielt dieses Memorandum auch eine Empfehlung für die englischen Kaufleute, ״keine jüdische Firma als Vertreterin zu ernennen“, da die ״vielen Begrenzungen in bezug auf Wohnrecht und Freizügigkeit cs den Juden unmöglich machen, die Interessen ihrer* Prinzipale in der riehtigen Weise zu vertreten.“ Das ist also die einzige logische Folgerung, die das englische Ministerium aus der Rechtlosigkeit der I Juden im Bundeslande zieht. Statt der verbündeten Regierung zu empfehlen, im Interesse des englischen Handels die Beschränkungen der Juden aüfzuheben, fordert das Ministerium die englischen Kaufleute auf, der Praxis der verbündeten Regierung sieh anzuschließen, obgleich dadurch die Interessen der jüdischen Firmen schwer geschädigt sind. So harmonisch gestaltet sich die gegenseitige Wirkung der Alliierten auf dem Gebiet der jüdischen Rechtlosigkeit. Geheime russische Militärbefehle Wir sind in der Lage, im nachfolgenden wichtige geheime russische Militärbefehle zu veröffentlichen, welche das in der russisehen Armee den Juden gegenüber befolgte System mit ganz außerordentlicher Klarheit ' beleuchten. Befehl des Generals Janow. 30. März 1015. Nr. 3803. In Anbetracht der offenen Erklärung der Frontkommandeure, daß die Juden als Kriegsmaterial untauglich seien und es sehr wünschenswert wäre, wenn der Zufluß von Juden bei der Kornpletierung von Korps vermindert würde, hat der Stab des Höchstkommandierenden wegen dieser Frage mit dem Generalstab verhandelt. Es hat sich herausgestellt, daß es augenblicklich keinen Ausweg gibt, sodaß die Frage über die Unfähigkeit der Juden zum Militärdienst und die Notwendigkeit, sie zu lösen, sofort nach dem Kriege behandelt werden muß. Sie zwingt uns jetzt schon, Material zu sammeln, wonach festgestellt werden kann, daß die Anwesenheit von Juden in der Armee nicht wünschenswert ist. Der Höchstkommandierende hat daher befohlen, die Kommandeure der einzelnen Armeeabteilungen wegen dieses Materials jetzt schon anzufragen. Dieses soll für die Untauglichkeit der Juden als Kriegsmaterial zeugen. Es ist notwendig, festzustellen, wieviel von den Juden desertiert sind und sich freiwillig in Gefangenschaft begeben haben. Diese Fragen müssen möglichst allseitig beleuchtet werden, und sowohl durch einzelne Tatsachen wie durch al'gemeine Ausführungen belegt werden. Das ganze Material ist sodann zusammen mit dem Gutachten des Korpskommandeurs dem Stabe der Armee zuzustellen. In Anbetracht der Wichtigkeit dieser Frage hat der Höchstkommandierende befohlen, das oben Erwähnte sofort und genau auszuführen. Auf der Rückseite ״Eilig“. ״Geheim“. II. Der Hauptkommandeur der ersten R e s e r v c -1 n f a n t e r i e - B r i g a d e. 8. Juli 1915. Nr. 7383. Fis ist niemandem ein Geheimnis, daß jeder Jude mit allerlei Mitteln bestrebt ist, sich dem Militärdienst zu entziehen. Sogar nebenstehende Privatpersonen entdecken iiire Fälschungen. Aber niemals ist die moralische Physiognomie so sehr hervorgetreten, wie gerade in der jetzigen Zeit. In der jetzigen Zeit, wo der russische Soldat heldenhaft, von tief patriotisch ern Gefühl getragen, sein Blut für den Zaren und das Vaterland vergießt, in dieser Zeit ist der Jude bemüht, durch verschiedene Kunststücke sich seiner Pflicht zu entziehen, in die Reihen der russischen Armee zu treten, um sein eigenes Vaterland zu verteidigen. Er hofft auf diese Weise alle zu betrügen, nach dem Kriege wiederum anzufangen, die Gleichberechtigurig zu verlangen für seinen angeblichen aktiven Anteil an der Verteidigung des Vaterlandes zusammen mit allen Russen. Die Offiziere sind daher verpflichtet, gegen diese jüdische Boshaftigkeit in der russischen Armee jetzt schon mit Eifer den Kampf zu beginnen, diese Boshaftigkeit, die auch die russischen Soldaten ansteckt. Es muß dagegen nicht mit Drohungen und Abschreckungsmitteln gekämpft werden, sondern durch das lebendige Wort müssen sic überzeugt werden, ebenso wie durch zweifellose Beweise, wie schändlich diese Künste sind. Alan muß die Soldaten darüber aufklären, wie wir alle, mit Ausnahme der Juden, uns zum Schutze des Vaterlaiides vereint haben, wie wir einig für die gemeinsame Sache eingetreten sind und wie sämtliche nationalen Gegensätze bei uns völlig vergessen worden sind. Wenn es den Juden gelingen sollte, iiin auszunutzen, würde dieser historische Moment von großer Bedeutung sein für die Wiederherstellung ihres guten Namens. Niemals, wenn nicht jetzt, haben sie die Möglichkeit, ihre menschliche Würde zu beweisen und die langerwartete Gleichberechtigung•z.tt erreichen, vor! der sie ewig träumen, und von der sic immer sprechen als von einer zu fordernden Gerechtigkeit. Es ist noch nicht zu spät. Sie sollen es sich überlegen, und sollen keine einzige Gelegenheit versäumen, tim ihre Treue und Liebe zum Vatcrlande zu beweisen. Sie werden es dann verstehen und sich überzeugen, dal; kein einziges Beispiel ihres Heldentums und Mutes unbemerkt und ohne Folgen für sie und die zukünftige

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