Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnements auf die wöchentlich am Freitag erscheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten bei der Expedition uml bei allen Postämtern vierteljährlich M. 1,75 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- Ungarn M. 2,50, im Ausland M. ü,—. Jüdische Rundschau, G. m. b. H. BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. jUcDISCHC RUNDSCHAU Anzeigen kosten für di« *eehsgeapadteae Petihteile oder deren Raum 40 Ff.; Steiles- Angebote und -Gesuche sowie Verein»• Mitteilungen und ״Klein« Aüzeigen* O O O O nur SO Pfennig. O O O O Manuskripte werden, wenn Porto beüiegt, stets ruruckgesandt Redaktionasdhlwii Mittwoch vormittags. Redaktion J&dladhe Rand* du» BERLIN W. 15, Sttchsisckc Strafie 8, Telephon: Amt Uhland 845, 846, Postschodckonta: Berlin Nr. 173«. ■j ALLGEMEINE 9UEDISCHE ZEITUNG Nummer 53 Berlin, den 31. Dezember 1915 — 24. Tebeth 5676 xx. Jahrgang. Zionistische Kraft 111 Palästina erschien vor kurzem unter der Redaktion des hebräischen Schriftstellers Scrubabel ein Saminelbuch ״Ben hatiuzarira“. Aus der Einleitung des Herausgebers bringen wir ein kleines Stuck in Üebersetzung, weil es kundtut, welcher zionistische Geist aus diesem Zeugnis hebräischen Schaffens in Palästina spricht. Die zionistische Bewegung war die einzige, die der Einfluß aller erschreckenden Ereignisse nicht aus der Fassung zu bringen vermochte und die die folgenreiche Zeit, in der wir leben, richtig eingesehiitzt hat. Wahrend'die übrigen Nationalisten unter dein Druck eines äußeren Zwanges auch jetzt noch den lebenden Organismus des ältesten Volkes in einzelne Teile zerschneiden und sich mit der Erlaubnis, die Brocken zusammenzulesen, begnügen, hat die zionistische Bewegung dem Lebenswillen eines lebendigen Volkes kräftigen Ausdruck verliehen, und vorlangt für das Volk volle und ganze nationale Gleichberechtigung. Erst jetzt in der Zeit der Not ist zu erkennen, eine wie große Wirkung der Zionismus Gm Laufe der letzten Jahre auf die Masse des jüdischen Volkes und aut die Außenweit in ihrem Verhältnis zu unseren wichtigsten Lebensfragen gewonnen hat. Jetzt, da das LJnglück über alle Mittelpunkte unserer Diaspora, die ihre Scharen nach Millionen zählt, gekommen ist und ihr Schicksal in uns Furcht und Zittern erregt, da ist eine starke Anteilnahme in allen Teilen des jüdischen Volkes, namentlich in Amerika, am Geschick des kleinen und unbedeutenden palästinensischen Jischuw, wie auch an den übrigen zionistischen Institutionen zu erkennen. Und in diesem Augenblick, in dem der Trauernden und Weinenden so viele sind, in dem alle hoffnungslos ihre Hände haben sinken lassen, setzen die Zionisten mit um so größerer Hartnäckigkeit ihre Bemühungen, das Volk zu selbständigem Tun zu erwecken, fort, um den Hauptfehler in unserem Leben gut zu machen und an der Verwirklichung unseres nationalen Zieles zu arbeiten, die eine völlige Umwandlung in der ganzerr sozialen Struktur unseres Lebens hervorrufen soll. Und wenn es trotz der materiellen Krise möglich ist, 10 000 Dollar au einem Tage für den Nationalfonds zu sammeln, und trotz der gesellschaftlichen Krise gelingt, neue Schekel zu Tausenden zu gewinnen, wenn man angesichts der Preisgabe so vieler politischer Hoffnungen trotzdem von einer großen örtlich-nationalen Tätigkeit und von einem jüdischen Kongreß spreeben kann, der die Rechte des jüdischen Volkes in den Augen der ganzen politischen Welt wahrer! soll ■ es legt das alles hundertfach Zeugnis davon ab, wie stark und tief eingreifend der Einfluß des Zionismus auf die geistige Struktur der jüdischen Gesellschaft ist und wie der gegenwärtige Krieg ihn nicht nur nicht verringert, sondern ihm im Gegenteil die Möglichkeit gegeben hat, das Verdeckte zu verdeutlichen, so daß jetzt die im Volke latenten Lebenskräfte an che Oberfläche gedrungen sind. Ja noch mehr: auch die Außenwelt Int ־jetzt einen neuen Standpunkt gegenüber der jüdisdien Frage gewonnen. Freilich liegt in vielen Aeußemngen über die Zukunft des jüdischen Volkes sehr viel diplomatische Pfuscherei und Zeitungsklatsch, und wir, die wir das »Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenilieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. politische Leben kennen, wir sollten uns nicht leeren Hoffnungen hingeben und auf eitle Phrasen vertrauen, die irn Grunde nur gesprochen werden, um fromme Seelen zu fangen; doch die Tatsache, daß man sich überall mit dem jiidisclK־n Problem beschäftigt, daß alle sich verpflichtet fühlen an seiner Lösung mitzuarbeiten, und sei es auch nur, um den Schein zu wahren, diese Tatsache an sich beweist, wie groll die Aenderurig ist, die in der Beziehung der nichtjüdischen Außenwelt zur jüdischen Frage sich vollzogen hat. Diese Aenderurig ist nur der zionistischen Tätigkeit zu verdanken, die fortwährend die Welt mit der ״verfluchten Frage“ belästigt und auf sie auch mit der Zeit ihre Weltanschauung übertragen hat, welche in der jiidischen Frage keine Erscheinung des Augenblick.-, sieht, sondern eine allgemein geschichtliche, die nur durch eine vollkommene historische Uinu aiidluiig de Lug des jüdi-ch. n Volkes endgültig aus der Welt geschafft werden kann. Manchen Riß hat der Krieg in unserem riationalen Körper zum Vorschein gebracht, viel sind der Dahingegangenen, auch aus den Reihen der Äonisten, die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen ist gelöst. Und doch erhebt der Zionismus inmitten der Verwüstung seine Stimme, um die Erlösung zu verkünden, er schreitet unter den Verzweifelten und Schwachen und fordert zur Organisation der Kräfte auf, zur Konzentrierung der nationalen Energie für die innere und äußere Arbeit. Denn die Haupttatigkeit des Zionismus wird selbst dieser Weltkrieg nicht lähmen können das ist das Erwecken der Aktivität unter den Juden und der gewaltige Haß gegen das Leben in Knechtschaft und Kriecherei, das einem freien, sehaft'ensfreudigem Leben nicht Platz machen will. | Die ״Jüdische Rundschau" | | in Russisch~Polen | ( Die in Russisch-Polen bestehenden 1 j§ deutschen Postanstalten in Bendzin, §§ g Czenstochau, Kalisch, Kolo, Konin, f§ Ü Lodz,Pabjanice,Sieradz, Sosnowice, J Warschau, Wielun und Wloclawek 1 §§ nehmen Bestellungen auf die ״Jü* jj S di.sehe Rundschau“ zum Abonne- 1 g mentspreis von M 1 ML 1,75 vierteljährlich j §j entgegen. Ebenso werden Be- 1 g Stellungen aus diesen Städten auch g § bei der Unterzeichneten Administraj| §§ tion entgegengenommen. g | Administration der ,JOdischen Rundschau“ | §§ Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. gj Die Judenfrage in Finnland Wir erhalten von der holländischen Grenze von einer gut informierten Persönlichkeit nachfolgende wichtige Ausfüliru iigen: Es ist bekannt, daß die Behandlung der Juden 111 F i n ti I a!1 d seit einer Reihe von Jahren einem großen Teil der europäischen Presse und öffentlichen Meinung Anlaß zur scharfen Kritik des finnisch«! Volkes und der finnischen Regierung gegeben hat. Jahre hindurch hat es' die finnische Regierung verstanden, sich hinter der russischen Regierung za! verstecken und unter Irreführung der öffentlich«! Meinung vorzugeben, daß sie zu der ungerechten Behandlung der jüdischen Einwohner/von der russisehen Regierung in der Person des finnischen Generalgouvemeurs gezwungen werde, und daß diese es sei, die jede Erleichterung des Schicksals der Juden unmöglich mache. In jüdischen Kreisen wußte man allerdings, daß!lies nur Manöver der ״Alt-Finomannen“, der finnischen Mehrheitspartei, seien. Wußte man docl! /. B., daß gerade der seinerzeit ermordete finnische Lkneralgouvemeur Bobry ko vr sehr oft in der merkwürdigen Rolle des ״Judenbeschützen!“ gegenüber den maßlosen finnischen Uebergriffen auftrat. 111 den Kreisen der russischen Liberalen dagegen, ebenso last in der gesamten ausländischen politischen Welt glaubte man den Argumenten der All-Füionianm-n. AK jin Jahn: '1910 die finnischen Parteiführer eingesehen hatten, daß sie, um ihre Selbständigkeit vor dem völligen Untergange zu retten, mit den russischen Liberalen paktieren müssen, und mit den Kadettcnfülirern Konferenzen abhielten, erklärten ihnen die letzteren, daß die russischen Liberaleii die unwürdige Behandlung der Juden in Finnland nicht dulden würden. I>ie Kadetten machten aus dieser ihrer Forderung kein Hehl, und als seinerzeit dem bekannten, inzwischen verstorbenen finnischen Parteiführer Leo M e c h c 1 i n in Petersburg ein glänzendes Bankett bereitet wurde, das zugleich als eine großzügige Sympathie-Kundgebung für Finnland angesellen werden sollte, sprach der Kadettenführer Fürst Dolgoruki in seinem Toast die Hoffnung aus, daß das finnische Volk nunmehr einsehen werde, daß jede Rechtlosigkeit und jede Rechtsbeschrät!־ kung, wo sie auch immer erfolge, eine Schmach der Nation bedeute. Es war auch natürlich kein Zufall, daß bald nach dieser unzweideutigen Bemerkung der russische Zionistenführer t)r. Tschlenow das Wort erhielt und in einer ausführlichen Rede die Rechtlosigkeit, der Juden in Finnland besprach und hervorhob, daß in vielen Hinsichten die politische Lage der Juden in Rußland bedeutend besser sei als in Finnland. In den letzten 5—1> Jahren hat das finnische Volk schwere Tage erlebt. Die Uebergriffe der Schwarzen Hunderte erstreckten sich weit über die Grenzen Finnlands, es verging kein Tag, der nicht einen neuen Riß in die Selbständigkeit und in die Autonomie Finnlands gebracht hätte. Es ist höchst bezeichnend, daß gerade diese Jahre es sind, die den Juden in Finnland das Leben beinahe tt 11 ertraglieh machten. Fs ist notwendig, die gesamte K u I t 11 r w e 11 d a r u her a 11 f z u k 1 ä re n , daß es ein gewissenloses M;1 n ö v e r v on seiten d er 1e i t ende n Per-o neu in F i n n1a nd ist, wenn sie sich bei der Unmenschlieh e 11 B e h a 11 d 1 u n g der Juden auf den a n g e b 1 i c h e n Z w an״ von seiten der russischen Regierung berufen. Das ist eine Unwahrheit, die bekämpft werden muß. Es ist klar, daß die russische Regierung nichts gegen die Behandlung der Juden in Finnland einzuwenden lut, aber Tatsache ist es, daß in der unwürdigen Behandlung, die die finnische Regierung den Juden gegenüber an den Tag legt, eine ganz sclbständi g e und originell systematische Politik liegt. Es ist die Aufgabe der gesamten Kulturweit, für diese Untaten von der finnischen Regier u u g Rechenschaft zu!־erlang e n.