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Jüdische Rundschau · 1915-12-17 · Heft 51 (17.12.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 51 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 418 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 51 T a g e s b e f e 111 e, um die jüdischen Einwohner hei der einheimischen Bevölkerung zu verleumden und um eine feindselige Stimmung gegen sie hervorzurufen. Ganz nach alter Manier werden die jüdischen Gemeinden aufgefordert, dafür zu sorgen, daß ihre Mitglieder das Kleingeld nicht verbergen sollen, da nur durch die Schuld der Juden der Mangel an Kleingeld hervorgerufen sei; auf diese Weise soll dem Feind ein Dienst geleistet werden. Solche ,,Befehle“ haben gewöhnlich den gewünschten Erfolg. Wenn die jüdischen Gemeinden in Anbetracht der feindseligen Stimmung Deputationen zum Gouverneur oder zur Militärmacht entsenden, so werden sie abgewiesen. Solche Fälle gab es in Kiew, Kisch in ew und Witebsk. fn Minsk ging man sogar soweit, daß der Gouverneur verbot, den Juden kleines Geld auszuhändigen; in anderen Städten wurden die jüdischen Friedhöfe untersucht, ob dort nicht Kleingeld, Silber und Gold vergraben liege. Dies alles wird unternommen und in der weitesten Oeffentlichkeit verbreitet, um eine Stimmung hervorzurufen, die jeden Augenblick in einen Pogrom ausarten kann. Schrecklich waren die Ausschreitungen der Soldateska, die erst vor kurzem in Smorgon, Gouvernement Wilna, planmäßig arrangiert wurden. Alle dort verübten Greueltaten sind protokolliert und befinden sich seit Anfang September in der Kanzlei zur Annahme von Gesuchen an den Zaren. Als nämlich in Smorgon der Befehl erging, daß sämtliche Juden die Stadt verlassen müssen, kam der Jude Leib So bol zum befehlshabenden Kosaken-Offizier mit der Bitte, ihm den Aufenthalt zu verlängern, da er seinen todkranken Vater nicht verlassen könne. Der Offizier forderte den Juden auf, ihn an das Bett des Kranken zu führen, und als er den schwerkranken Juden erblickte, erschoß er ihn mit seinem Revolver. Dann sagte er verächtlich zu dem Sohn: ״Nun können Sie reisen“, und verwies Um aus der Stadt. Der unglückliche Sohn schilderte den empörenden Fall ausführlich in einem Gesuch an den Zaren milder Bitte, eine Nachforschung zu veranlassen. Bevor man die Stadt zu evakuieren begann, wurde der Befehl erteilt, sämtliche jüdischen Häuser in Brand zu stecken. Der Befehl wurde ausgeführt, ohne daß den jüdischen Einwohnern Frist gegeben wurde, die Häuser zu verlassen. Auf diese Weise erlitten sehr viele Personen den Feuertod, darunter die angesehenen jüdischen Bürger W e i n r e c h t, R o s 0 w s k i, S c h vv a r z und K a t z. Aber nicht nur gegen die jüdische Be- Völkerung wendet sich die grausame Hand der russischen Militärgewalt, sondern auch gegen den jüdischen Soldaten, der im Schützengraben für sein Vaterland blutet. Nach wie vor werden hetzerische Befehle an die Regimentskommandcure versandt mit der Aufforderung, die russischen Soldaten vor einem näheren Verkehr mit ihren jüdischen Kameraden zu warnen, lind nach wie vor werden allerlei Mittel angewandt, um den russischen Soldaten von der Gefährlichkeit und Unzuverlässigkeit der Juden zu überzeugen. Nach wie vor werden Belobigringsschreiben lind Auszeichnungen von zahlreichen jüdischen Soldaten, um deren Veröffentlichung und Bekanntgabe verschiedene Kommandeure sich bemühen, von der Militärzensur kassiert, ln sehr vielen Fällen wurden solchen Komtnandeuren von der obersten Leitung für ihre freundliehe Gesinnung gegenüber ihren jüdischen Untergebenen Rügen erteilt und Disziplinär- Untersuchungen gegen sie eingeleitct. In der letzten Zeit fanden mehrfach bedeutsame Beratungen von jüdischen und russischliberalen Kreisen statt. Es wurde allgemein konstatiert, daß die zuversichtliche Stimmung der liberalen Kreise in Moskau und Petersburg eine starke Schwächung erlitten hat. Ungeachtet der Erklärung des jetzigen Ministers des Innern C11 wostow, er werde das Zirkulär wegen der Erweiterung des Wohnrechts keinesfalls aufheben, ist man in jüdischen Kreisen sehr be_ unruliigt. Man glaubte anfangs, daß der Einfluß des neuen Oberprokurators des heiligen Synods, W 0 1s hin, der den Juden freundlich gesinnt sein soll, zur Aufrechterhaltung der Privilegien beitragen werde. Aber auch diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Der einzige Machtfaktor in Rußland ist jetzt zweifellos die schwarze Kamarilla, die sich hinter dem Rücken des Ministerpräsidenten Ooremykin verbirgt. Die Juden wissen davon ein Lied zu singen. Organisationsbestrebungen im polnischen Judentum Der Warschauer jicüschen Tageszeitung ״Haint“ (Nr. 250, 10. Dezember) entnehmen wir folgende sehr interessante und charakteristische Ausführungen über neue Ürganisations bestreb ungen und Pläne in der polnischen, namentlich in der Warschauer Judenheit. ״Versucht man ein klares Bild vom inneren Leben der Warschauer Judenheit in den neuen politischen Verhältnissen zu gewinnen, so muß man vor allem einem Hauptmomente Aufmerksamkeit schenken: dem Erwachen des Sinnes für Organisation und Zusammenwirken. Noch nie bisher haben die Warschauer Juden, namentlich die Jugend, sich so viel und so eingehend mit Organisatiousfragen befallt und ürganisations- Probleme studiert, wie gerade in den letzten Monaten. Sicherlich hat hier die Tatsache mitgewirkt, daß wir zum ersten Male unverwandt mit einem Volke in Berührung kamen, das der hohlen Prahlerei und dem Wortemachen keinen Geschmack abzugewinnen vermag; sondern durch unausgesetztes Lernen und Organisieren jene Eigenschaften erworben hat, die es zum Sieger auf allen Fronten machten. Allein dies ist die einzige Ursache der neuen Erscheinungen nicht. Eher sind es die in den langen Jahren der Unterdrückung niedergehaltenen und gelähmten Kräfte und Energien, die, plötzlich in Freiheit gesetzt, das normale Tempo der natürlichen Entwicklung beschleunigen und vielfach den Anschein der Ueberstürztheit erwecken. Es gibt nämlich gar vieles Versäumte nachzuholen. Eile tut not. Also: die Judenheit organisiert sich. Gewiß eine begrüßenswerte Erscheinung. Allein es muß auch darauf geachtet werden, vv e r sieh organisiert und zu welchen Zvvezken. Man muß von vornherein feststellen, welche Organisation eine Gefahr für unsere nationalen Interessen bedeutet und deshalb starke Gegenkräfte in Wirkung träten lassen wird. Man organisiert sich in wirtschaftlichen Genossenschäften und in professionellen Vereinigungen. Auf dem nationalen Standpunkt stehende jüdische Parteien, von den Zionisten bis zum ״Bund“, bauen ihre Organisation auf die Grundlage ihrer Parteiprogramme auf, in denen die nationaljüdischen Gegenwartsfragen nur einen sehr beschränkten Raum eimiehmen. Jede Partei entfaltet ihre Tätigkeit in dieser Richtung nicht im Einvernehmen mit den anderen nationaljüdischen Parteien, sondern;! sehr oft ijn strikten Gegensatz zu denselben. Von einer gemeinsamen nationaljüdischen Politik gar nicht zu reden. Allein zu gleicher Zeit tauchten auch in ganz anders gearteten Schichten der Warschauer Judenheit Organisationsbestrebungen auf. Auf der einen Seite organisieren sich die Assimilatoren, auf der anderen ist eine kleine Gruppe zweifelhafter Persönlichkeiten aufgetaucht, die gegen den ausgesprocheneu Willen der überwiegende n M e h r - heit der jüdischen Orthodoxie — der scharfe Protest des Warschauer Rabbinats beweist es — sich zu Repräsentanten derselben aufwerfen und das gesamte jüdische Leben beherrschen wollen. Sie erheben den Anspruch auf ihre Anerkennung als Repräsentanten nicht allein in religiösen, sondern auch in allgemeinen jüdischen Fragen. Diese beiden Gruppen, die Assimilatoren und die Quasi-Orthodoxen, begnügen sich keineswegs mit einer Organisationstätigkeit auf wirtschaftheh-praktischen! Gebiete; sie haben weitläufige Programme aufgestellt und treiben mit Vorliebe allgemeine jüdischc ״Politik“. Trotz aller Verschiedenheit der Riehhingen und des Ausgangspunktes steuern sie beide auf (das eine Ziel zu: sic streben die Verknöcherung des :polnischen Judentums an. Ihre Absicht geht dahin, :die nauonal-jüdischen Forderungen aller Welt gegenüber als ״leere Träume“ und ״grundlose Anmaßun- -gen“ hinzustellcn. Sie wollen uns den Todesstoß .,.versetzen, von dem wir uns in der nahen Zukunft nicht mehr erholen werden. Es sind in letzter Zeit in Warschau Gerüchte in Umlauf, denen zufolge die kleine Gruppe der AssimilarUcn, wie auch die pseudo-orthodoxen ״Organisatioiisgriinder“ einflußreiche Protektoren hinter sidi haben, denen jede Kenntnis der Ortsverhältnisse abgeht und die wirklich zu glauben scheinen, cs mit den legitimen Wortführern der beiden Richtungen im polnischen Judentum zu tun zu haben. Diese einflußreichen Persönlichkeiten entfalten eine energische Tätigkeit zugunsten ihrer Schützlinge und haben auch einige Aussichten auf Erfolg. Welche Folgerungen ergeben sich aus der Tätigkeit dieser beiden extremen, aber trotz aller prinzipielleu Gegensätzlichkeit im Kampfe gegen jede selbständige jüdisch-nationale Existenz vereinten Gruppen für uns? — Ganz, einfach: Was sie bekämpfen, bildet die Grundlage, die elementare Voraussetzung aller auf dem nationalen Standpunkt stehenden jüdischen Parteien. Daraus ergibt sich für letztere die unumgängliche Notwendigkeit der Vereinigung ztun Zwecke eines allgemeinen Widerstandes. ־ Damit ist selbstverständlich nicht etwa die Verschmelzung aller Parteien gemeint. Mögen sie weiter für sieh bestehen und einander sogar auf allen Gebieten bekämpfen; iri der r! a t i o n a 1 e r! F r a ge aber muß eine Einheitsformel gefunden werden, eine Losung, die von allen mit gleicher Entschiedenheit verteidigt werden muß. So etwa die Losung: ״Das jüdische Volk stellt eine selbständige nationale Einheit dar“. 111 den Momenten nationaler Gefahr haben die verschiedensten Parteien immer eine einhcitliche Losung gefunden, 11m die sie sich alle scharen konnten. So entstand in Rußland der ״progressive Block“, in Deutschland der ״Burgfrieden‘‘ und in Frankreich das Zusammengehen der Sozialisten mit den Nationalisten in allen Fragen der nationalen Verteidigung. Nun, unsere nationale Existenz ist von ״Eigenen“ bedroht. Es muß deshalb auch bei uns eine ״Blockpartei für nationale Verteidigung“ ins Leben gerufen werden. Hand aufs Herz: Wir glauben wirklich, daß im Kampfe gegen diejenigen, die in heimlicher, unausgesetzter Arbeit unsere nationale Existenz untergraben und gegen alles, was mit dieser in Zusammenhang steht — daß in diesem gemeinsamen Kampfe der Zionist ,Dr. K 1 u m in e 1 und Wladimir Medern sehr wohl Zusammengehen können. * Nachdem dies geschehen sein wird, wenn eine derartige Blockpartei Tatsache geworden sein wird — wird eine der heißesten und schwierigsten Fragen der Warschauer Judenheit von selbst gelöst werden. Wir meinen damit die Frage der jüdischen Repräsentanz. Es braucht nicht zum so und sovielten Male wiederholt zu werden, daß die leidige ״Omina“ (Gemeinde- Verwaltung) als Vertreterin der jüdischen Interessen nicht betrachtet werden könne. Es erübrigt sich, darzutun, wie die jüdischen Interessen verschachert werden, daß die Herren von der ״Grnina“ überall, nur nicht dort zu finden seien, wo sie sein müssen; daß sie de!1 Anweisungen jener Kreise folgen, deren Interessen in keinem Falle für uns maßgebend sein dürfen. Es ist überflüssig, auf all dieses einzugehe.n. ln Warschau sind damit bereits die Kinder vertraut, und in der Provinz wissen alle, daß die Warschauer jüdische Gemeinde keine Repräsentanz besitzt. Man rechnet mit ihr einfach nicht. Nim hat man endlich die Notwendigkeit der Schaffung einer wirklichen jüdischen Repräsentanz eingesehen. Allein wie soll sie geschaffen werden? Von wem soll sie Vollmacht erhalten? Wer soll sie wählen? Wir behaupten immer, die Gmina-Leute wären .nur dank dem hohen Wahlzensus zu ihrem Amte gekommen. Soll wiederum eine zufällige ״Repräsentanz“ geschaffen werden, gewählt von einigen hundert Personen? Diese Einwendungen und Schwierigkeiten fallen aber weg, wenn eine auf Zehntausenden organisierter und volksbewußter Juden gestützte Blockpartei aus ihren eigenen Reihen eine Koalitionskör perscliaft ins Leben ruft. Eine so geartete jüdische Repräsentanz, gestützt von der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Warschaus, wird das volle Vertrauen dieser selbst genießen und auch nach außen hin mit der gebührenden Autorität auftreten können. Beispiele derartiger jüdischer Repräsentanzen an der Seite und trotz der offiziellen Gemeimieverwaltuiigen gibt es in Westeuropa und in Amerika viele.“ Geldsendungen aus Oesterreich ־ Ungarn Unsere Gesinnungsgenossen inOesterreich- Ungarn machen wir darauf aufmerksam, dass sie Geldbeträge für die Zwecke des Zionistischen Aktions-Komitees, wie auch für die Jüdische Rundschau sowie das Hilfswerk in Palästina am einfachsten und unter Ver• meidung aller Kosten auf folgenden Postscheck-Konten einzahlen können: Postsparkassenkonto Professor War bürg für Zionistisches Zentral-Büro Nr. 145340 Wien Postsparkassenkonto der ״Welt“ Nr. 39913 Wien Postsparkassenkonto der ״Welt“ Nr. 61555 Budapest. ft un sit W ״-e m du n i di Ri Ed lir sa P< w G di dt J״ 111 ai bi s!: J VI m dt fr,' la M Jt er N Jt 0 tii 0 K tri fo sn ZV di m ki sr d< ei di lit S< E dt J. di (11 n d! E e! 1\ 11 11 b u ( u d ii ־0 h ( u V n ti V b n «

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