Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 410 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 50 Uiiica herausgesucht und diese mit größter Sorgfalt nach gediegener Vorbereitung, ediert hat. Von diesen sind besonders zu nennen: 1. The wisdom of Ben Sira (hebräischer Text des Ben Sira), zusammen mit Taylor, Cambridge 1899; 2. Goadyana (verschiedene gaoniiische Schriften, dessen Inhalt für die Geschichte von hervorragender Bedeutung ist), Cambridge 1903 (zuerst in Review erschienen); 3. Docunients of Jewish sectaries (Ibid. 1910), 2 Bände; und 4. das neue Dokument über die Chazaren (in der neuen Jewish Quarterly Review 1912/13). Jede dieser Publikationen ist bereits Grundlage einer großen Literatur geworden, die noch bei weitem nicht abgeschlossen ist. Durch die Genizafunde wurde auch Schechters gesellschaftliche lind akademische Stellung mächtig gefördert. 1898 erhielt er von der Universität Cambridge den ״Doetor litterarum“, ein Jahr später wurde er dort Professor der hebräischen Sprache. Aber schon 1901 folgte er einem Rufe nach Amerika, um das reichlich ausgestattete ״Jewish-Theological Seminary“ zu leiten. An der Spitze dieses Institutes stand Schlechter bis zu seinem Tode. Aber auch sonst nahm er an dem geistigen jüdischen Leben in Amerika einen tätigen Anteil. Er war einer der besten Mitarbeiter und Redakteure der ״Anglo-Jewish Encyclopaedia“. Zusammen mit Cvrus Adler gründete er in Amerika von neuem die in England eingegangene ״Jewish Quarterly Review“ (1910), ein Wahrzeichen der Verschiebung des geistigen Mittelpunktes der englisch-sprechenden Judenheit nach Amerika zu der auch Schcchter das Seinige beigetragen hat. ln religiösen Dingen gehörte Schcchter einer orthodoxen Richtung an, der die Freundschaft des Liberalen Montefiore keinen Abbruch tat. Die gesellschädlichen Erscheinungen war er geneigt von dem Standpunkte seiner religiösen Ueberzeugungen zu werten. Deshalb ist eine gewisse Unausgeglichenheit in seinen Beziehungen zu den Erscheinungen außerhalb der Religion zu erkennen, so z. B. auch zum Zionismus. Im großen und ganzen stand er dem Zionismus freundlich gegenüber und hat ihn in einigen Vorträgen sehr warm geschildert, ohne übrigens organisierter Zionist zu sein. Auch der hebräischen Renaissancebewegung hat er seine Sympathien nicht versagt, 1913 war er in Wien Ehrenpräsident der ״Hebräischen Konferenz“. Später hat er die modernen nationalen Bewegungen angegriffen, weil sie, wie es' ihm schien, der Religion gegenüber vollkommen gleichgültig sind. Hiergegen war seine Neutralität während des Sprachenkampfes in Palästina entschieden wohlwollend für uns. Er hat eine geistige Erbschaft hinterlassen, die noch viele anregen wird. In dieser wie in seinen Schülern wird sein Name fortleben. J. Simchoni, Brief aus Holland Im November 1915. Die holländischen Zionisten, soweit sie die Verwirklichung unserer palästinensischen Hoffnungen ganzlieh der o r g a 11 i s e h e n E n t w i c k 111 n g u 11 s e ־ res S i e d 1 u 11 g s w e r k s in E r e z Israel an vertrauen -- und diese Anschauung ist hierzulande tief eingewurzelt schätzen diplomatische Unterbandhingen, ganz gleichmit welcher Mächtegruppe, sehr niedrig ein, ja, halten sie grundsätzlich für verfehlt. Man ist neutral nicht nur, weil man in einein neutralen Lande lebt, sondern glaubt auch vom jüdisehen, bezw. zionistischen Standpunkte aus keine andere Haltung wählen zu dürfen. Diese Anschauung ist der Grundton eines vor einiger Zeit im ״joodsehe Wächter“ veröffentlichten, beachtenswerten Aufsatzes von Nehemia de Li e m e, der sich mit der bekannten Abhandlung Kurt Blumenfelds in den Preußischen Jahrbüchern kritisch auseiiiandersetzt. Mit der gegenwärtigen Situation befaßte sich kürzlich auch Ingenieur S. Kaplansky in einer Versammlung der s’Gravenhagener Ortsgruppe gelegentlicli eines interessanten Referates über Palästinafragen. Der Redner suchte den Beweis zu liefern, daß unser zionistisches Streben in der Richtung der welthistorischen Entwicklung liege, die durch vorübergehende Konstellationen nicht auf die Datier gehemmt werden kann. Er begrüßte das in Amerika immer stärker auitretende Verlangen nach einem jüdischen Kongreß, der die Ansprüche und Wünsche des jüdischen Volkes nach voller Gleich- Berechtigung und Beseitigung aller politischen Hindernisse auf dem Wege zu einer freien Kolonisation vernehmlich zum Ausdruck bringen soll. Dann ging der Referent auf die grundlegenden Probleme unserer Palästinaarbeit ein und warnte vor falschen Analogien, indem er zunächst den prinzipiellen und praktischen Unterschied zwischen der Kolonialpolitik der Mächte und der jüdischen Kolonis a t i o n s politik nachwies, die erst s c I h s t \v i r t - sc haftende Bauern schaffen muß. Jene Mächte erstreben die Gewinnung neuer Länder als Absatzgebiete oder als Bezugsquellen für Rohstoffe, womit nicht selten die Unterdrückung oder Ausbeutung der Koloiiialbevölkcrung verbunden ist, W i r jedoch suchen nicht einen überseeischen Markt für irgendwelche europäische Produkte oder Rohmaterial für europäische Industrien, sondern wir wünschen bloß, friedliche Sicdlungsarbeit in Erez Israel zu leisten, indem wir geeignetes Menschenmaterial zur Erschließung brachliegender Ländcrstrccken, die bishei vernachlässigt wurden, heranbilden wollen. Jene haben ein Interesse an der völkerrechtlichen Sicherung der Kolonien zwecks kapitalistischer Ausbeutung. Uns hingegen liegt weniger an staatlichen oder privaten Rechtstiteln als an der Heranbildung lind Einwiirzclung eines jüdischen Mefl'schcnmatcrials, das durch der Hände Arbeit wieder mit der heimischen Scholle in engstem Zusammenhang leben und aus ihr seine national schöpferischen Kräfte entnehmen wird. Nicht rein geschäftliche Rentabilität ist bei der jüdischen Kolonisation die Hauptsache, sondern vor allein der volkswirtschaftliche Nutzen, den unser Kolonisatioiiswerk, wenn es in richtigen Bahnen geleitet wird, auf die Dauer für die jüdische Gesamtheit stiften muß. Zum Schlüsse berührt Kaplansky die Frage der Vorbereitung unbebauter Flächen für eine rationelle Bewirtschaftung. Sobald geordnete Verhältnisse herrschen, sollten Okkupationsgenossenschaften, d. s. Gruppen ländlicher Pioniere, ans Werk gehen, um Neuland für die jüdische Siedlung zu erschließen. — Von wichtigen Veranstaltungen der letzten Monate sei in erster Linie eine Zusammenkunft der Sekrctärc aller zionistischen Ortsgruppen Hollands erwähnt, bei welcher Gelegenheit eine ausgiebige Erörterung der zionistischen Tätigkeit während des begonnenen Winterhalbjahres stattfand. Das Hauptaugenmerk soll diesmal weniger auf uie Propaganda nach außen hin als die Belehrung im Innern gelegt werden. Insbesondere sollen die kleinen Ortsgruppen mit Hilfe der benachbarten größeren Gruppen gefestigt werden. Ein anderer Beschluß der Konferenz betraf die bessere Nutzbarmachung der zionistischen W a n d e rb i b 1 i o t h e k. An Stelle eines vielfach gewünschten zionistischen Propagandaorgans für Holland werden demnächst einige Flugschriften erscheinen, ln den meisten Ortsgruppen sowie irn Zionistischen Studentenbund fand eine Reihe von Vorträgen statt. Die Antvverpener Zionisten in Gemeinschaft mit dem ״Verein Haschaehar“ begründeten eine zionist isehe Lesehalle in Schcveningen, in der nunmehr regelmäßig Vorträge, hebräische Kurse usw. abgehalten werden. — Das zweifellos vorhandene, vielleicht nur zu wenig gepflegte Interesse für jüdische Fragen in breiten jüdischen Schichten, die man hier gewöhnlich als Ghettojudcntum bezeichnet, konnte man unhingst in einer Versammlung beobachten, in der ein jugendlicher Redner das Thema ״Die Mobilisation des jüdischen Volkes“ behandelte. Er bemühte sich, seinen Zuhörern die Tragödie des östlichen Judentums eindringlich vor Augen zu führen, und forderte zur Befreiung der Ostjuden eine alljüdische Aktion, unabhängig vom Zionismus und -■ Itoismus. ״Itoisteri“ nennen sich liier sonderbarerweise viele Leute nur deshalb, weil sie Gegner des Zionismus sind. (Auch kann man hier aus Antizionismus dem orthodoxen ״Tischbi“ angeboren, selbst wenn man einen ultraliberalen Standpunkt cinnimint). — Am 2!). und 27. Dezember wird der De 1 e g i e rt e 11 t a g der holländischen Zionisten zusaninientreten. Es ist vorauszusehen, daß die dort bevorstehenden Verhandlungen einen lebhaften und den besonderen Zeiten und Verhältnissen angepaßten Charakter aufweisen werden. Das Temperament der Niederländer ist nicht ganz so ruhig, wie vielfach angenommen wird, und am wenigsten ist diese Annahme bei den holländischen Zionisten zutreffend. Das wird sich vermutlich beim Delegiertentage zeigen. VomNJüdischen Nationalfonds Im Monat Oktober hat der Jüdische Nationalfonds 3 6 0 7 0 Ai a r k an Spenden vereinnahmt. Diese Summe verteilt sich auf verschiedene Länder wie folgt: Oesterreich 1 1 396 M., Deutschland 8 508 Ai., Nordamerika 7 862 M., Rumänien 1 935 M., Holland 1 023 M., Rußland 509 M., England 464 M., Schweiz 399 M., Bulgarien 342 M., Schweden 233 A4., Italien 1-12 Al. und Frankreich 33 M. Die Spenden, welche im Laufe des Monats N o v e m b e r beim Hauptbureau des Jüdischer! Nationalfonds cintrafen, beliefen sich auf 4 544 1 Ala rk. Hierzu haben beigetragen: Oesterreich 12 698 Ai., Nordamerika 9 799 M., Canada 7 974 M., Deutschland 5 307 Al., Rußland 3 447 M., Ungarn 2 607 Al., Stidafrika 1 172 Al., Holland 1 124 Al., England 632 M. Dänemark 324 Ai., Schweiz 313 Al., Italien 32 M. und Frankreich 12 M. Protestkundgebungen der amerikanischen Juden gegen die Judenverfolgungen in Rußland Der ״Jüdisch-nationale A r b e i t e r v e r - band für jüdische Rechte“ berief am 11. No vember eine Konferenz, in der eine Reihe wichtiger Beschlüsse über die künftige Tätigkeit des Verbandes gefaßt wurden. Es wurde ti. a. beschlossen, unmittelbar vor der Eröffnung des Kongresses und des Senats eine Reihe von Protestversaminliiiigcn gegen die russischen und rumänischen Judenverfolgungen im ganzen Lande zu veranstalten, um so die Aufmerksamkeit der gesamten amerikanischen Ocffentlichkeit, namentlich aber die Kongreßmitglieder und Senatoren auf die furchtbare Lage der Juden in Rußland und in anderen Ländern zu lenken und die letzteren zu einer Protestaktion zu veranlassen. In New York wird die Protestversammlung im ״Carnegie Hall“ stattfinden. Zahlreiche namhafte Kongreßmitglieder lind Senatoren und andere Personlichkeiten werden als Hauptredner auftreten, darunter auch das Kongreßmitglied Meyer London, Louis D. B r a 11 d e i s 11. a. Mit der Arrangierung der New Yorker Kundgebung wie auch der anderen Veranstaltungen im ganzen Lande wurde ein dreigliedriger Ausschuß, bestehend aus den Herren Dr. Rosenblatt, David P i 11 s k i und S. Schor, beauftragt. Im Zusammenhang mit dieser Protestaktion wird laut Beschluß der genannten Konferenz ein ,,Schwarzhuch“ in der Form einer Denkschrift über die Juden- Verfolgungen in Rußland erscheinen. Außer der regulären für die große Oeffentlichkeit bestimmten Ausgabe wird eine Extraausgabe dieses Werkes erscheinen, die an sämtliche Kongreßmitglieder, Senatoreil und Beamte der Vereinigten Staaten versandt werden wird. Der genannte Ausschuß hat einen Bericht über seine Verhandlungen mit dem ״American Jewish Committee“ und dem ״Kongreßkomitee“ veröffentlicht. Diesem Bericht zufolge hat das ״Kongreß- Komitee‘ beschlossen, die Resolutionen des Nationalen Arbeiterverbandes als Grundlage für das Arbeitsprogramm des geplanten allgemeinen jüdischamerikanischen Kongresses zu akzeptieren. Es gelangte eine Zuschrift des Kongreßkomitees zur Verlesung, in der diese Punkte einer ausführlichen Erörterung unterzogen werden und gleichzeilig auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, eine Verständigung auf Grundlage dieses Programms zwischen dem Kongreßkomitce und dem American Jewish Committee herbeizuführen. Man hofft allgemein, daß eine Verständigung zwischen diesen drei jüdischen Hauptorganisatignen auf dieser Basis zustande kommen werde. Der Nationale Arbeiterverband beschloß gleichzeitig, ein Begrüßungstelegramm an die Konvention des A.F. O. L. (״American Federation of Labour“) abzusenden und zugleich an sie die Aufforderung zu richten, die A. F. O. L. möge eine Resolution zugunsten der nationalen, politischen und bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden aller Länder annehmen. Es steht außer Zweifel, daß die Konvention der ״American Federation of Labour“ dieser Anregung folgen und einen entsprechenden Beschluß fassen werde, der seine Wirkung nicht allein auf die ameriklinische Arbeiterschaft, sondern auch auf die Regierung nicht verfehlen wird. Zur Zulassung jüdischer Rechtsanwälte in Rußland Kürzlich fand die zweite Sitzung der vom Justizminister eingesetzten Kommission statt, in der die Frage der eventuellen Aufhebung der für die Juden geltenden Beschränkungen bei der Ausübung der Advokatur zur Abstimmung kam. Trotz der Reden des Duma-Abgeordneten \V. A. A4 a k 1 a k 0 w und trotz der Resolutionen, die in den Versammlungen der Advokaten in Moskau, Kiew und Petersb u!' g g e g e 11 d i e A u s n a 11 m s g e s e t z e gefaßt worden waren, erhielt die Resolution für die jüdische Gleichberechtigung in der Advokatur insgesamt n u 16 ׳ S t i m in e n, indem die weitaus überwiegende Mehrheit der Kommission prinzipiell für eine P 1׳ o z e 111 n o r in für jüdische Rechtsanwälte votierte. Hierauf kam zur Beratung der Prozentsatz der jüdischen Rechtsanwälte und, was mit denjenigen jüdischen Advokatursgehilfen werden soll, die schon fünf Jahre lang ״Gehilfe“ gewesen sind und die der Advokatenrat dem Justizministerium zur Bestätigung als Rechtsanwälte vorgcsch'.agcn hat. Für die Rechte dieser Kategorie trat nochmals energisch A4 a k 1 a k o w ein, Senator Kraschcnnikow machte ihm den Vorwurf, daß er mit seinen Vorschlagen die Gefahr erzeuge, daß der Advokatenstand von den Juden völlig überflutet werde; er forderte ihn auf, lieber vernünftige Vorschläge zu machen, um die Juden nur in beschränktem Made zur Advokatur zuzulassen. Darauf erwiderte Maklakow, es gebe keine vernünftigen Mittel mehr, wenn der Weg der Beschränkung gewählt sei. Entweder verbiete man allen Juden, den Beruf eines Advokaten zu wählen oder gestatte es allen. ln einer weiteren Sitzung der Kommission wurde beschlossen, alle jüdischen Advokatursgehilfen, die vom Advokatenrat zu Rechtsanwälten bereits vor-