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Jüdische Rundschau · 1915-12-10 · Heft 50 (10.12.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 50 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 409 Böhmen B.-Leipa: Rabb. Dr. Krengl . Kr. KD Jf 7,-10 B״d weis: V. U R. Fürth . . ,, 109, ,74 ״ Hoston itz: Dr. E. Sachs . 10, 7,10 ״ Prag: F. Mautner. 22,94 ״ Mähren-Schlesien I g 1 a u: E. Singer . Kr. 40, 4/ 29,60 Dr. El. Poliak. ,25 ״ 18,50 ״ Gali z i c n K r a k a u : B. N. Spira Kr. IO, .17, 7,40 U n g a r n Budapest: Dr. J. Gerber . J2 5, ■ 'S ü 11 s I;1 w i s c h e L i i n d c r Esse c k: Dr. S. Baum . . . . Kr. 50, M. 37,.- P r i j e 11 o r: (i. Seidemann . . 20,- 14,20 ״ Sarajevo: All 1. J. Alcalay .!)17,5 ״ R 11 s t s c 11 ti k: 8 B 111 g a r i e 11 iammhmg . . Frcs. 50, 47 40,. Sofia: J. Panig el. L. 50, —,1)1־ ״ A m s t c r d a ni: Holland Ortsgruppe . fl. 83,45 4 k 171,01 H a a r 1 e 111: 11,50 ״ . 23,51 ״ R 0 11 e r d a m: 144,60 ״ . 296,27 ״ T w entht: 17,35 ״ . 35,51 Z iv olle: ״ ■ ״ G,90 19-,30״ Rumänien Galatz: Sammlung . . . . . Lei 100 -//,31S, 60 Jassy: Dr. H. Bürstin. ־־%' ״ Dr. S. Saliuanowitz . . . « 10- Verschiedene Spenden Kadett Klinghofer, N. N., L. Löwy, S. Heinemann, O. Weißenbur־״, Dr. Szabo, Dr. Korber, A. Nothrnami, R. Brand, St. Drimmer, E. Saxl, S. Köret', W. Kolm, E. Furcht, J. Vogel.V. 27,93 Gesamtausweis dieser Nummer: Zentralfonds 1915 (einschl. Hebräisches Schuhverk).M 3 073,15 Bisheriger Gesamteingang für Zentralfonds 1915 (einschl. Hebräisches Schulwerk).. 684,45 80״ Zur Wiederherstellung der ״Jeschiwoth“ Die von! Krieg heimgesuchten Gouvernements von Litauen bildeten bekanntlich die Hauptzentren des Rabbinisnms und des Talmudstudiums. Wolos■ s c h i n und Mir, Kowjo und S 1 o b o d k a , Eischischek und T e 1 s s c h, L i d a und M a 11 s c h — alle diese teils sehr alten, teils neuentstandenen J-eschhvothstätten, die weiten Kreisen der nationalen Judenheit bekannt sind und von ihr geschützt werden, sie alle sind jetzt zum Kriegsschauplatz geworden und die ״Bachuriin“ und ״Peruschim“ mußten ebenso wie ihre Lehrer und Rektoren, deren Gesamtzahl sich auf mehrere Tausend beläuft, das Schicksal der Flüchtlinge teilen. Das junge nationale Judentum hat eigentlich nicht immer Grund gehabt, mit diesen ״Jeschiwoth“ ganz zufrieden zu sein: Ten Bacirurim blieben nicht nur die profanen Bildungsfächer verschlossen, sondern auch alle national-jüdisehen Materien wurdet! ihnen, sofern sie nicht engtalmudischcr und rabbinischer Natur sind, strengstens vorenthaltcn! Auch von Toleranz und Verständnis für eine abweichende Meinung wußten die ,,Jeschiwoth“ ihre Zöglinge wenig zu lehren. Für das nationale Judentum bestand schon deswegen lange die wichtige Aufgabe, ״die Fenster zu öffnen“ und den alten Heimstätten der rabbinischen Kultur, an denen zahlreiche begabte junge Leute sich mit ganzer Seele dem Studium des jüdischen Schrifttums widmen, frische Luft zuzufiihrcn. Die Leiter der ״Jeschiwoth“ schert und fühlen instinktiv im modernen Judentum einen Feind. Die ״Jeschiwoth“ selber, aus deren Schoß das moderne Judentum hervorgegangen ist, denen selbst Bialik seine Erziehung verdankt, und an denen Sokolow seine Jugend zugebracht hat, wurden die Hauptsammelpunktc des heftigsten Kampfes gegen das Hebräische, den Zionismus, das Geschichts- Studium und die moderne Literatur. Der Krieg unterbrach die weitere Entwickelung. Noch bevor der geschichtliche Prozeß der Veründentng der alten Formen der ״Jescliiwoth“ vollendet war, kam die unvorhergesehene Katastrophe. Man sollte nun meinen, daß jetzt, da hunderttausende von jüdischen Familien völlig ruiniert wurden und das Problem, wie man all den Flüchtlingen Kleider und Schuhe verschafft, als einzige Aufgabe in den Mittelpunkl jüdischer Gemeinschaftsarbeit getreten ist, daß in solcher Zeit die Frage einer W i e d e r h e rs t e 1 - Hing der , J e s c h i w o 1 11“ durchaus nicht am Platze ist:. Und weint es schon eine Gruppe geben sollte, die auch jetzt an der Lösung dieser Frage ein Interesse hat, so könnte es naturgemäß, sollte matt anne-hinen, nur die Orthodoxie sein, deren Tätigkeit in dem Wirken dieser Schulen beruht. Zu unserni Erstaunen aber stellt sich heraus, daß die Logik des Volkes eine andere ist. Schuhe und Kleider sind gewiß sehr nötige Dinge, insbesondere wenn der Frost kommt, und die kleinen Kinder nackt umherziehet! müssen. Ohne jüdische Kulturzentren kann aber dieses Volk noch weniger leben, wo sie fehlen, fühlt jeder Einzelne ein inneres Erkalten, vor dem auch die wärmste Kleidung nicht schützen kann. Das Charakteristische dabei ist aber, daß grade die Elemente im Judentum, die von den Kreisen der ,,jescliiwoth“ am ärgsten befehdet werden, sich für ihre Wiederherstellung einsetzen und weit davon ent- I fernt sind, sich das ungeheure Unglück irgendwie 1 zu nul/.e zu machen. j Der Kulturkampf des modernen Judentums gegen j den Geist, der in den meisten ״Jeschiwoth“ herrschte, ) hatte in Wahrheit niemals das Ziel, diese ״Jescliiwoth“ j ohne weile res aus dem Leben des jüdischen Volkes f auszustreichen, lind .dieser innere Kampf kann und \ darf auch jetzt nicht, nach kriegerischem Muster,! mit der V e r 11 i c 111 u 11 g der J e s c h i w o 111 entschieden, sondern das Alte muß zuerst sorgfältig wiederber״estellt werden. Kein wirklicher Kenner der Verhältnisse wird es daher erstaunlich finden, daß grade das moderne Judentum, das am wenigs t e 11 Veranlassung dazu hätte, sich für die Erhaltung der ,,Jescliiwoth“ einzusetzen, ihren katastrophalen Zusammenbruch aufs schmerzlichste empfunden hat. Kriegsbeitrag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Der zweite Ausweis erscheint in Nr. 51 der ״Jüdischen Rundschau“ vom 17. Dezember 1915. Wir bitten alle Gesinnungsgenossen, die diese einmalige Steuer bisher noch nicht entrichtet haben, dies unverzüglich nachzuholen. Geldsendungen sind zu richten an: Zion i s t i s c h e Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8; Post- Scheckkonto: Berlin 8091. Auf einer Sitzung der Führer des russischen Zionismus wurde unter anderem beschlossen, alle Mühe daranzusetzen, um die ״Jescliiwoth“, die trotz all ihrer Mängel von großem nationalen Wert für die Judenheit sind, wiederherzustellen und für ihre Erhaltung Sorge zu tragen. Das Komitee der ״Chow e w e S f a t h E w e r“ in Moskau gründete zu diesem Zweck ■einen Spezial-Fonds, und dasselbe hebräische Komitee hat jetzt allen Führern und Lehrern der aus Litauen und Polen evakuierten Jescliiwoth durch die noch vorhandenen russisch-jüdischen Zeituiigcn einen Fragebogen zustellen lassen, durch den es festzustellcn sucht, wohin die betreffende ״Jeschiwa“ geflüchtet ist, wieviel Schüler sie zählt, in welchem materiellen und geistigen Zustande sie sich befindet und wie man ihr Hilfe leisten kann. Es ist nicht recht, den leidenden Gegner, wenn man ihm Hilfe leistet, an die ehemalige oder auch gegenwärtige Feindschaft zu erinnern, und die russisehen Zionisten und Hebraisten haben sich nichts dergleichen zu Schulden kommen lassen. Uns aber, die wir aus der Feme urteilen, wird es gestattet sein, in Erinnerung zu bringen, daß dieselben ,,Jeschiwoth“, denen die Moskauer ״Freunde der neuhebräischen Literatur“ jetzt Hilfe zu leisten suchen, einst diese Literatur mit dem ״Chereni“ belegt haben, und daß die meisten von ihnen noch bis zum heutigen Tage das strenge Verbot aufrecht halten, in eine hebräische Tageszeitung hineinzuschauen. Ja, die ״Jeschiwa“ zu Kowno, deren Wiederherstellung sich die Zionisten jetzt zur Aufgabe gemacht haben, hat sogar den 20. Tamms, an dem Herzl dahingeschieden ist, für einen Festtag erklärt! In ihrem Haß gegen die Zionisten gingen die führenden Kreise der ״Jeschiwoth“ manchmal so weit, daß sie Freundschaff mit den Assimilanten schlossen, um vereinigt den gemeinsamen Feind — das moderne nationale Judentum — zu bekämpfen. Vielleicht wird diese echt ״jüdische Rache“ der nationalen Juden, die sich hoch über die kleinlichen Machenschaften so mancher ״Jesd1iwoth“politiker zu stellen verstehen, wo es die Existenz der ״Jescliiwoth“ gilt, mit! die ihre subjektiven Sympathien und Antipathien /tuücksiellen können, wenn cs sich nicht mehr um eine Erneueriiug, sondern eine Vernichtung der Jeschiwoth handelt — vielleicht wird diese Rache manche Kreise tles Judentums erkennen lehren, wo der wahre Rückhalt für ihr Volkstum zu finden ist. S. Professor Salotnon Schechter ,,Draußen frißt das Schwert, drinnen ist's wie der Tod“ auch fern von den Schlachtfeldern lichtet der Todesengel in erschreckender Weise die Reihe unserer Besten. Der endlosen Reihe tler Hiobsposten schließt sich eine neue an: Salomon Schechter ist dahingegangen, zu früh für die jüdische Wissenschaft, deren besten Pfleger einer er war, und zu früh für das Judentum in Amerika, dessen geistiger Aufbau ihm in den letzten anderthalb Jahrzehnten so am Herzen lag, - denn der Verewigte war ein Mann, von dem man noch Vieles erwarten durfte. Salotnon (hehr.: Sehnenr-Salnian) Schechter gehörte zu den jüdischen Gelehrten aus der alten Schule, die mit allgemeiner Gelehrsamkeit umfassendes originelles Wissen der jüdischen Quellen verband. 1847 zu Focsani in der Moldau (Rumänien) geboren, wo sein Vater ״Schochct“ gewesen war (daher der Name Schechter), erhielt er eine traditionelle Erziehung und studierte eifrig die rabbinische Literatur. Mit gediegenen Kenntnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet, ging er — bereits im vorgeschrittenen Alter — nach Wien, um dort im Rabbitierseminar (Bcth-Hamidrasch) unter J. H. Weiß und M. Friedmann seine Studien auf wissenschaftlicher Grundlage fortzusetzen. Von dort kam er nach Berlin, wo er Israel Lews Schüler war und zugleich die Universität besuchte. Hier machte er 18S2 die Bekanntschaft des jetzigen Führers des englischen Judentums, Claude Montefiore, und dieser bewog ihn, nach London zu gehen und ihm Unterricht in der rabbinischen Literatur zu erteilen. Fortan gehört die engere Tätigkeit Schechters dem englisch-sprechenden Judentum. In England begann für Schechter die eigentliche wissenschaftliche Laufbahn. Die ersten Veröffentlichungen waren Textausgaben des ״Vermächtnisses des R. Juda aus Toledo“ (1885) lind des ״Aboth d’Rabbi Nathan“ (1887). Die Einleitungen waren hebräisch geschrieben. Es folgte eine ganze Reihe Abhandlungen in englischer Sprache — in der von Montefiore Und Abrahams gegründeten Vierteljahrsschrift ״Jcwish Quarterly Review“ — religionsge- Schichthöhen Inhalts. Sie erschienen auch später im Separatdruck (Studies of Judaism, I., London 1896. II., London 1908, Sotne aspects'of Rabbinical Theology, New York 1904). Sie zeichnen sich ebenso durch ihren gediegenen Inhalt, wie durch die klare Sprache und Gemeinverständlichkeit aus. Zu diesen gehört noch eine Reihe von Vorträgen, die wiederholt nachher im Druck erschienen (über den Chassidismus, über den Gaon aus Wilna) und zum Teil in die deutsche Sprache übersetzt sind. Außerdem beschädigte sieh Schechter eingehend mit der Midrasch- Literatur (Textausgaben: Agadöh-Schir-ha Schirim, Cambridge 1896, und Midrasch ha-Godol Bereschit, Berlin 1900), zu der er schätzbare Beiträge lieferte. Damit schließt die erste Periode der wissenschaftlichen Tätigkeit Schechters (bis etwa 1896). Inzwischen erhielt er den Posten eines Bibliothekars an der Universitätsbibliothek zu Cambridge und auch (1892) den Auftrag, dort Vorträge über die rabbinische Literatur abzuhalten. Im Jahre 1896 kam ihm gelegentlich einer wissenschädlichen Reise nach Italien ein Blatt aus dem ,,hebräischen Ben Sira“ zur Hand, in dem er ein Blatt aus der ״Geniza“ (d. h. den vorschriftsgemäß in einer Gruft untergebrachten defekten und unbrauch.- bar gewordenen heiligen Schriften, Handschriften, Fragmenten, losen Blättern usw.) in Cairo vermutete. Es gelang ihm — zusammen mit Taylor — die Genizaschätze nach Cambridge zu bekommen. Der Erschließung der Genizafragmente ist fortan die ganze wissenschaftliche Tätigkeit Schechters gewidmet. Die Genizapublikationen sind auch das größte wissenschädliche Verdienst Schechters vor der Nachwelt. Es ist hier nicht der Platz, auf diese Veröffentlichungen näher einzugehen. Es sei bloß erwähnt, daß Schechter aus dem reichen Inhalt der Geniza die wertvollsten

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