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Jüdische Rundschau · 1915-12-03 · Heft 49 (3.12.1915) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 49 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 400 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Nr. 49 PFEFFERKORN: Du bist Elijahu, der Prophet, der die Lehre sprach in den Tagen Ahabs, ries Königs von Israel und Isebels von Sidon, die Raben ernährten dich, die Ketten des irdischen Ablaufs lösten sich unter deiner minderwirkenden Hand; du sähest das Antlitz des Ewigen, und sein Wagen entrückte dich gen Himmel am Ende deiner Zeit. Ich beneide und hasse dich - und nenne dich Bruder. ELI|AHU: Bruder, wohin? PFEFFERKORN: Ich gehe, einen Knaben an mich zu reihen. Um Leibesnot gab er seinen Vater in die Hand der Feinde־, seinen Vater und viele seiner Brüder. Ich gehe, ihm aus der Tat eine Kette zu schlingen und ihn zu ziehen auf meinen Weg. Bruder, wohin? ELIJAHU: Ich gehe, die Herzen der Brüder Ai stärken. Ich gehe, mit dir um diesen Knaben zu streiten. Seine Tat kennt er nicht; er ist ein Kind gerade hinter der Grenze, von der ab ihm zugerechnet wird, was er vollbringt. Die Leiden seines Leibes fühlt er, aber er weiß nichts von der Seele und ihrem Leide. Bruder, ich entreiße dir diesen. PFEFFERKORN: Ich bin stärker als du; ich vollbringe es. Ich habe Verbündete in der Zeit, wohin ich sehe. ELIJAHU: Ich bin allein. Aber meine Augen erblicken das Wesen hinter der Zeit, und ich kenne den Maschiach. Am Ende der Tage will ich obsiegen über dich. PFEFFERKORN: Töte mich, und etwas ist in mir, das dich lobpreist. Aber bis zum Ende der Tage bin ich dein Feind, Bruder. ELIJAHU: So sei es. Wir haben einen Weg, Bruder; gehen wir ihn miteinander. PFEFFERKORN: So sei es, Bruder. (Sie vereinigen sich: die mittlere Straße geht eine Gestalt allein, von rückwärts gleich Elijahu, aber ein gelber Fleck ist auf seiner Schulter, der Geldbeutel ist in seiner Hand and er wirft zwei Schatten im Monde, einen nach rechts, einen nach links.) Vierter Akt. Z vv e i t e S z e n e. Ein großer Raum mit hochliegenden Fenstern und niederer Decke im Gefängnis. Die ANGEKLAGTEN JUDEN, in Gebetmäntel gehüllt; Lichter brennen auf einem mit weißem Tuch gedeckten Tisch unfern der Wand. Auf dem Tisch Rollen mit Mazzo, den dünnen runden Brotscheiben des Osterfestes. RABBINER: Meine Brüder, wir wollen in Tränen den Sseder abhalten auch ohne die Bräuche. Wir wollen die Hagadah beten, denn jeder von uns weiß sie zu sagen auch ohne Buch. Dieses Jahr Knechte, das nächste frei. Dieses Jahr hier, das nächste in Jeruschalajini. VORBETER: Und es wird uns gut anstehn, meine Herren, zu sagen: ,,Knechte waren wir im Land Aegypten“ und ״das ist das Brot des Grams“. DAVID KRAKAUER: Ich bin der jüngste. Ich werde fragen: ״Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten." SCHARF (der mit verhülltem Haupt auf dem Boden sitzt, stöhnt tief auf). J1ZCHOK LEIM: Tröstet euch, Rabbi Josef! Kommt, steht auf. Esset etwas Mazzo und sitzt nicht wie einer, dem der Vater gestorben ist. Wir sollen das Fest in Freude feiern... (weint). SCHARF (erhebt sein zerstörtes Gesicht): Reb Jizchok, ich sitze Schiwe lim meinen Sohn. Mir ist mein Erstgeborner gestorben, Reb Jizchok: der hat mir noch vorher ins Gesicht geschlagen. Laßt mich fasten und sitzen, meine Herren. Der Ewige wird mir’s wohl vergeben. Vielleicht hat er einen Plan mit mir. RABBINER: Wir wollen diese sieben Tage nichts zu uns nehmen als Mazzo und Wasser. So brechen wir das Gebot nur halb. Unter all unseren Sünden wird das die geringste sein. Aber da sie uns heute alle zueinander gelassen haben, damit wir beten können: so erheben wir unsere Stirnen zu Gott, schlagen unsere Brust und schreien zu ihm mit unserer ganzen Seele: wir haben gesündigt, um unserer Sünde willen kommt uns der Fluch des Verdachts, um unserer großen, dauernden, blutroten Sünde willen. ALLE (schlagen sich an die Brust): Wir haben gesündigt. RABBINER: Um unsere Lauheit im Dienst, um die Hast unsres Lebens, um die Gier nach Geld, tim die Schmach des Verleugnens, um die Härte zu Armen, tun das Ausnützen der Waisen, tun das Leiben auf Zins, das Langen nach Frontden —- um unser Vergessen an Dich Tag und Nacht, Sommer und Winter, weil wir umherzogen und nicht Deiner dachten, handelten und nicht beteten, beteten mit schneller Zunge und allem Wort, ohne das Herz; um unser ganzes ungöttisches Leben, alle unsere Jahre und Wochen, um unserer elenden Schwäche willen geschieht uns das. ALLE (weinend): Wir haben sehr gesündigt, oh gerechter Richter. JIZCHOK LEIM: Ich habe gesündigt. Ich härtete meine Ohren gegen den Schrei eines Menschen in der größten Not. DAVID KRAKAUER: Ich habe gesündigt. Ich folgte nicht dem Trieb meines Herzens, zu helfen. JAKOB SCHENKWIRT: Ich habe Zins geiiommen und war ein harter Eintreiber, Ich habe das Pfand der Witwe über Nacht bei mir behalten. ZWEI ANDERE: Ich auch, ich auch. JOSEF SCHARF: Ich bin gestraft mit dem, was ich verschuldet habe. Du, oh Gerechter! Ich habe meinen toten Sohn nicht angehalten zu lernen. Ich habe ihn von den heiligen Büchern fortgenommen zu Handreichungen. Ich habe gewollt, er sollte in große Städte ohne Jüdischkeit gehen, ein Verdiener, ein Lauer, ein Fremder sollte er werden. Du hast es gesehn, o Herr. Du hast mich zerbrochen dafür. RABBI: Siehe, wir liegen hier vor dir wie Säcke ausgeleert, und breiten unser Elend vor dir aus. Nimm es zu dir, sieh es gnädig an. Vergib uns, Herr. Sieh unsere große Reue, sieh diie Bitternis und den Gram, sieh unsere Buße. Wir tauchen unsere Seele in bittre Wasser und brennen sie mit Flammen der Läuterung. ALLE: Vergib uns, Herr, in deinem großen Erbarmen. RABBI: Laß nicht die Feinde deines Volkes triumphieren, und erhebe die Lüge nicht über unsere Häupter. Wasche die Lehre rein von der Schändung, mit der die Verleumdung sie bespeit. Halte, oh Herr, dein Antlitz über Israel! Erhöre uns, oh Herr, erhöre uns und hilf uns doch. ALLE: Oh Ewiger, hilf uns doch! RABBI: Nicht um unseretwillen zeige deine starke Hand, nicht um unseretwillen! Wenn wir gewürdigt sein sollen zu sterben für die Herrlichkeit deines Namens: nimm uns hin! Nimm uns alle, nimm einige, nimm mich. Gib uns Kraft, daß wir den Tod leiden, und die Größe deines Namens offenbar werde. ALLE: Gib uns Kraft und nimm uns. RABBI (ekstatisch): Und noch sage ich, daß wir gewürdigt sein mögen, den Meschiaeh zu sehn, bald, in unseren Tagen. Höre Israel, der Ewige dein Gott, der Ewige ist einzig. Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches von Ewigkeit zu Ewigkeit. ALLE: Höre Israel ... Urgleichnisse (Aus einem Zyklus). Von Jakob Cahan. Aus dem Hebräischen übersetzt von N Moses Smoira. I. Als Gottes Stimme ertönte. ״Du das Leben?“ lachte die Ewigkeit über alle Himmel hinweg, ״du Unbestand, du kennst kein Bleiben, faßt keinen Gedanken bis an sein Ende! Nein, ich bin das Leben!“ . Der Augenblick drehte sieh im Kreise, streckte der Ewigkeit die Zunge aus und spottete: ״Du Alte, starrst da auf deiner Stelle, man weiß nicht einmal, ob ein Herz in dir schlägt, du willst das Leben sein?“ So stritten die beiden gar heftig und ־beganneu einander zu schmähen lind zu lästern. ״Eitler Narr, Truggebilde und Betrüger!“ schalt die Ewigkeit. ״Neidische, rachsüchtige Alte, du ohnmächtiger Griesgram!“ erwiderte stichelnd der Augenblick. ״Spiel des Chaos!“ ״Maske des Nichts und der Leere, Du!“ Und die Ewigkeit streckte ihre kalte Hand gegen den Augenblick aus, um ihn zu zermalmen. Doch er entschlüpfte ihr, sprang ihr auf die Hand, auf Schulter und Arm, bald hier, bald da, sodaß die Ewigkeit ihn nicht greifen konnte. Plötzlich ertönte die Stimme Gottes, der im Garten wandelte. Da erschraken sie beide, die Ewigkeit und der Augenblick, und erstarrten zusamnien aneinander hangend in ehrfürchtiger Scheu und einiger Liebe. Und der Augenblick ward immer größer und strahlender unter dem Glanze der erhabenen Augen der Ewigkeit. Und das Antlitz der Ewigkeit sog Jugend und frischer Farben Pracht von dem Augenblick ein, der auf ihren Knieen blühte. II. Evas Leid. Und der Mensch und sein Weib verbargen sich vor Gott mitten unter den Bäumen des Gartens und saßen schweigend und bebend da, und die Lust vom Genüsse der verbotenen Frucht durchströmte noch all ihre Glieder. Und das Weib blickte voll Wohlgefallen auf den Menschen und dachte bei sich: ״Jetzt wird mein Mann mich doppelt lieben, denn ich tat seine Augen auf, daß er schaue wie Gott.“ Und im Geiste sah sie noch ihren Mann, wie er in ihren Armen lag und von der süßen Frucht aß, die sie ihm bot, und wie er blühte und leuchtete vor Verlangen nach ihr und vor Dankbarkeit. Plötzlich donnerte die Stimme Gottes: ״Wo bist Du?“ — Da antwortete der Mensch. ־— Und Gott fragte Weiter: ״Hast du von dem Baume, von dem zu essen ich Dir verboten habe, doch gegessen?“ Siehe, da erhob sich der Mensch, sprang zurück und sprach: ״Das Weib, das Du mir beigesellt hast, die gab mir von dem Baume, und ich aß.“ Da ward es dem Weibe dunkel vor den Augen, und ihr Herz sank, als sie 'die Worte hörte. Und als Gott sie fragte: ״Was hast Du getan?“, da konnte sie sich kaum fassen und stieß hervor: ״Die Schlange verführte mich, daß ich aß.“ Und Gott fluchte der Schlange und dem Weibe und dem Menschen und auch der Erde fluchte er um des Menschen Willen. Und das Weib hörte auf die Worte der Verwünschung, und es war ihr, als wenn große, schwere Steine ihr aufs Haupt fielen. Und wie sie sich wand, fast entseelt, unter der Wucht der Steine, so schmerzte doch ihr ganzer Leib nicht so wie ihr Herz ihr weh tat, dachte sie des schweren Schimpfs, den ihr der Mensch angetan hatte. Und das Weib weinte und konnte sich gar nicht trösten. Und cs geschah, als der Mensch vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, da wurden seine Augen aufgetan beim Anblick eines Zickzackblitzes, der das Weltall durchschnitt. Zugleich erhoben auch die Ewigkeit und der Augenblick ihr Antlitz und sahen einander zum ersten Mal. Erstaunt betrachteten sie sich und bald begannen sie zu streiten. ״Wer bist du, Zwerg, du Kind der Unruhe?“ brummte die Ewigkeit, ״und was schwirrst du da hin und her mir zu Füßen?“ ״Ich bin das Leben“, zwitscherte der Augenblick, tanzte und spielte mit seinen bunten Flügeh! und sprang plötzlich der Ewigkeit so grad vors Gesicht. III. Eva sucht Abel. Und Eva konnte den Tod ihres Sohnes Abel nicht fassen und verstand ihn nicht. Und sie tröstete sich: ״Er schläft ja nur und wird gewiß erwachen.■“ Und sie nahm von den Früchten des Baumes und legte sie neben den Erdhügel, unter dem Abel ruhte, damit er nicht hungere, wenn er aufstünde. Und am nächsten Morgen kehrte sie zu der Stelle zurück, und siehe, die Früchte lagen noch ganz da, nichts fehlte. Da ward ihr Herz sehr traurig, und sie kniete vor dein Hügel nieder und rief: ״Abel, Abel, meir! 1 Sohn, steh doch auf!“ Doch als keine Ant-

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