Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 JUEDISCHF. RUNDSCHAU Seite 399 teten sic uikI aßen Fleisch und lobten den Hei- 1 i 14׳en, gepriesen sei er: ״(iepriesen sei er, daß erden Rat unserer Feinde /um Unten gewandelt hat. Demi hatten wir Türen an unseren Häusern, wie konnte so viel speise zu 1111s licreinkommen?“ Da antwortete ihnen der Heilige, gepriesen sei er: ,.Ihr habt für meine Ehre Sorge getragen 111111 habt mich nicht verleugnet, darum habe auch ich euer gedacht und euch Speise bereitet." Salomon Schechter ja! ich weil), woher ich .stamme■, Ungesättigt gleich der Flamme, Glüh ich und verzehr ich mich. Kohle 1110. was ich fasse. Feuer alles, was ich lasse. Hanum bin ich sicherlich. W;iten nie Worte nicht für Nietzsche ge- I -pn>d1e11, für Salomon Schechter hätten sie gespnX'hen werden imn-wti. Wer von Denen, die diesen urgvwsiltigen Mann auch nur einmal geseinn haben, kann sein Bild je vergessen? Das war graiiitne Kraft, das war Leben des Lehens, wie ein Sturmw in 1.1 kam er daher, immer im Feuer eines bespräche■•, zerwühltes Haar, buschige Augenbrauen, flatternder Mantel; und über allem leuchteten die blauen Flammen seiner Augen - - kaum ist's 1׳; denken, daß diese Feuer heut verloscht sein sollen. Das Leben schuf in ihm ein Bild, vor, dem der Maler lernen konnte. Man hat den seltsam >dumen Kopf des Forschers und de.- Kampfers oft mit Dürers Hieronymus Hol/.'Clmhcr verglichen: und doch .dem Ri'tckschauenden erscheint der Vergleich schal; die gemessene Bedächtigkeit im Auge des deutschen Rats ׳,lern: war lodernde Leidenschaft bei dem Nehmer der rumänischen < lliassidim. Denn alles war Leidenschaft an diesem Manne. Wie konnte er lieben; wie konnte er hassen; wie konnte er arbeiten! Denn dieser Mann arbeitete, wie ande re heben oder hassen oder sich berauschen: mit ['rennender Hingabe, mit völliger Selbst- Vergessenheit, die Kraft seiner .Augen, sein Leben seihst aufs Spiel set/end. Und im Herzen der Arbeit, dir ihn durch sein Leben begleitete, stand wir Judentum. 11■ doppelter < 1 cstalt erschien ihm diese!udi.'d’v Lebensaufgabe. Jüdische Vergangenliest zu er torsdien M,.r für den Ehrendoktor der 1 äm c rsit:'iten Cambridge und Harvard Ruhm und ij'.ifck; jüdische Uegenwart zu beeinflussen, dis war seine unendliche Aufgabe. Sein Leben enjgheiut uns heute in der trauervollen Zeit, da das alte jüdische Einheitsgefühl unter Schwertstreichen und Wortstreiclien wankt und zu sinken droht, fast symbolisch für die VCe!tburgcrscl!uit des jüdischen (feistes. Er begr.ns׳. seine Laufbahn als ein Schüler des öst-!ichet: Judentums, dessen unschätzbare Kräfte für die Zukunft des Judentums er tief erkannte. Er :ernte weiter in Wien und Berlin, was ihm die in Deutschland erwachte Wissenschaft des Judenui ms nt .',!gen hatte. Er 1!ehrte in den englischen t ioch.'Chuien v on (i.anhridge und London und nildetv. jüdische Forscher, er lehrte in der jiitli- '01111־■ Hochschule von New-York und seine xiuikr .n.;ilten zu ,.Lehrern“ der Juden werden, wie vier "he Ehrenname־ unserer jüdischen Geist- :chkeit '!nutet. ,,Wahres Wissen wirkt Taten .,zeugend", dieser Wahlspruch seines Vorbildes Ziuiz konnte über seinem Leben stehen. Was er für die jüdische Altertnmswissenhafr geleistet hat, wird immer mit dern Worte ..1 sentzah‘• verbunden sein, obschon er vorher •’ große Werke geschaffen hatte* •*) *), daß die .«uufoner Universität dem Dozenten von Cam- ■ridge, ohne daß er sich darum beworben hatte, :e Professur für Hebräisch verlieh. Aber die nsek-ckung vier (ieni/a.Ii, darinnen Verdienst und c.Uvk sieh, ihm verketteten, bildete wohl die .niiiung .'einer wissenschaftlichen Laufbahn. Man muß ihn selbst erzählen hören, spannend wie z!c Sch itzgrabergeschiclrte, wie der Gedanke ihm utftauchte. daß in der Genizah L! ״Abotli dv Rabbi Nathan“ (1SS2); ״Some 'pects of Rabbinic Theologe“ (1803): ״Strudies in .־etaism‘■■ 5 (18*X)> 11.;1 auf dem Friedhöfe der Bücher, wo die hebräischen Lettern ruhten, denen das Feuer sich nicht nahen durfte, noch mancher Schatz zu heben sei. Hier ein Blatt, dort ein Blatt, bald bei Händlern auftaudiend, einmal von zwei gclehrten Damen nach Cambridge mitgebracht, stärkte die Hoffnung; wie er sich dann aufmachte, mitten im Sommer, unter unendlichen Schwierigkeiten, und schließlich im alten Kairo bei der Synagoge des Schriftgelehrten Esra den finsteren, tür- und fensterlosen Raum gelangte, wo unter dem Staub von Jahrhunderten die Hand- Schriften lagen und warteten, Hier ein Fetzen, da ein Bruchstück, manchmal ein Palimpsest, das; unter einer wertlosen Oberschicht eine kostbare ältere Handschrift barg. Man denkt an die Vision des Propheten vor dem Gräberfeld. ,,Werden diese verstreuten Gebeine noch einmal leben?“ Unter den magischen Blicken des Forschers belebten sich die Fragmente und ordneten sich. Da erstand das langgesuclite hebräische Original der Weisheit des Jesus Sirach; dort tauchte eine verschollene jüdische Sekte auf; da grüßte die Handschrift ries großen Maimonides selbst; und das verlorene jüdische Königreich der Chazaren stieg auf einem anderen Blatte herauf. Kaum ein (Jebiet jüdischer Literatur, das die Genizah-Entdeckungen nicht berührten. — ,,Der Tag war kurz, und die Arbeit war groß“ -- die Aufgabe, diesen unerschöpflichen Fund auszuheuten, mag noch ein Geschlecht von Schülern beschäftigen *). Weniger bekannt und doch kaum weniger dankenswert ist ein anderes Verdienst des großen Forschers. Schechter ist unter den Ersten, die in der Zeit des aufgeklärten rational erniiehteilen Judentums wieder hingewiesen haben auf die Urkräfte religiöser Begeisterung־ im jüdischen Mystizismus; in jener Welt der Chassidirn, in welche uns jetzt Bubers schönste Bücher hineinführen. Noch enger, noch blutnäher stand Schechter dem Chassidismus gegenüber, den er selbst noch als Macht in seinem Leben gespürt hatte, den er ,,zu Zeiten geliebt und zu Zeiten gehaßt batte“, wie er einmal sagt. Er hat ihn in seinem Leben überwunden, vergessen konnte er ihn nicht; immer wieder kehrt er betrachtend, schauend, bewundernd zu ihm zurück. Eine seiner ersten Arbeiten auf englischem Boden galt den Chassidirn; eine spätere Studie zeichnete den Typus des jüdischen ״Heiligen“; und noch j in den letzten Jahren führten ihn neue Hand- | schriftliche Quellen zu Joseph Caro und Isaac I Luna”). Aus diesem Wissen bestimmt sieh sein Leben und seine Stellung zu den jüdischen Fragen der Gegenwart; so sehr aus einem Gusse ist diese Gestalt. ,,Ich gehöre zu keiner Partei" sagte er einmal von sich, und er hat Recht: in eine der religiösen Parteien, die unser jüdisches (Jemeinschaftsieben so tief durchfurchen, ist er schwer einzureihen. Von den Orthodoxen trennt ihn seine Anerkennung der Bibelwissenschaft. wenn er auch ihre Auswüchse aufs schärfste verdämmte; von den Reformern scheidet ihn aufs Entschiedenste die Verehrung der jüdischen Tradition, deren tiefem Wert für das jüdische Leben sein historisch geschultes Auge sich nicht verschließen konnte. Wissenschaft und Lehen aber führten ihn zum jüdischen Nationalisnius, denn er war Jude in jeder Fiber seines Wesens, und ,,die Angelsachsen jüdischer Konfession“ haben mehr als einmal seinen schärfsten Spott herausgefordert. Hatten ihn doch seine historischen Forschungen gelehrt, wie wenig die weit verbreiteten Ansichten von der ״Umwandlung der Nation in eine Kirche“ nach der Zerstörung des jüdischen Reiches den w irkliehen Tatsachen entsprachen. ״Die Synagoge ward ein Teil der Nation und die Nation ein Teil der Synagoge.“ Hier nun ergibt sich unmittelbar seine Stellung zum jüdischen Nationalismus der Gegenwart, zum Zionismus. Was ihn zuerst dazu trieb, das war die Einsicht, wie sie sich in seinen Briefen aus jener Zeit kundgibt, ״daß diese Be- *) Schechter selbst veröffentlichte ״The wisdom of Ben Sira“ (1899), ״Rocumcnts of Jevvish Sectaries“ (1910) 11. a. •*) ״The Chassidirn“ (auch in deutscher Ueber- Setzung 1903) ״Saints » Saintliness“ (Studie? in Judaism, 1 IS) ״Safed“ (ib. 202). vvegung die Jugend dem Judeiitiune /unukge Wonnen hätte, zu ruck zu den Idealen der Vergangenheit und den Hoffnungen für die ZukHilft; während die Rel'omipartei ihr Bestes getan habe, jedes jüdische Bewußtsein zu ertöten.“ Er ist dann in Amerika zuerst öffentlich Uu den Zionismus eingetrcteii; bekannt ist sein Briefwechsel mit dem Pliilaiitropeu Jakob Schiff, dessen Vorwürfe gegen den Patriotismus der amerikanischen Zionisten er widerlegte; selten fehlte in den /ionistKolicn Versammlungen in Taiinersville und Cleveland seine markige (iestalt. Sein Haus in New-York wurde zu einer Lloehburg des Zionismus. Aus derselben historischen Erkenntnis und Treue zur Wahrheit aber, die ihn hierher geführt hatte, erklärt sieh in den letzten Jahren eine merkliche Wandlung in seiner Stellung innerhalb der Bewegung; die hier nicht verschwiegen werden darf, ohne das große Biltl eines weseritlieben Zuges zu berauben. Der .Mann, der die Einheit der Nation und der Svnagoge als innersten Kern des jüdischen Wesens erkannt hatte, der sein Leben der Geschichte des G 1 a 11 be ns- Volkes geweiht barte, konnte nicht ruhig zusehen, wie bei der Mehr/ahl der Zionisten die Schätzung der Rasse, des nationalen Zusammen« Ilängs, die alte Hingebung an die jüdische Gedaiikenwelt nicht nur iiherwog, sondern fast ersetzen sollte. Wenn Hermann Struck in Wien einmal sagte: ,, Hebraisiert eure Herzen, nicht nur eure Lippen“, so war dieser Malmruf wohl Schechter aus dein Herzen gesprochen. ״Erobert Palästina nicht nur den Juden, erobert es dem Judentum!", schrieb er zu dieser Zeit. Das ist das Testament Salomon Scheehters an die Zionisten. Bertha Badt. ״Ritualmord in Ungarn“ J ü d i s c 11 e Tr;1 g ö die in fünf A u f z ii g e n. Von Arnold Zweig*) Das Stück behandelt den bekannten Ritualmordprozcß von Tisza-Eszlar, bei dem der Sohn des Synagogendieners, der vierzehnjährige Moritz Scharf, durch Millhandlungeii gezwungen, als Hauptzeuge gegen seinen Vater und eine Reihe anderer Juden auftrat, bis sich bei einen! Lokaltermin die Unwahrheit seiner Angaben heraussteilte. Dritter Akt. Fünfte S z c 11 e. Ein Dreiweg in ebenem Laude, Nacht, heller Mondschein. Von rechts und links streben zwei Wege aufeinander zu, die sich zai einem dritten, breiteren vereinigen. An der Ecke des Treffens ein hohes leeres Kruzifix, ganz schwarz. Von rechts kommt der Prophet ELI JA 11TJ; ein großer Mann, angetan, wie man sich die Patriarchen verstellt, in langes und weites Faltengewand, mit langem Haar und weißem Bart; von links JACOB PFEFFERKORN, der Renegat, klein, mit dem Gesicht des niedrigsten Judentyps, mittelalterlich gekleidet, auf der Schulter den großen gelben Judentleck, auf dem Kopfe den spitzen Judenhut, in der Hand einen Geldbeutel, Elijahu trägt in der Hand den langen Stab des Wanderers und Hirten, mul einen üebetmantcl über dem Gewand. ELIJAHU {berührt den anderen mit seinem Stab): Steh, Bruder; wohin? PFEFFERKORN (bedächtig, heiser ratend): Bist du Elijalui, der Prophet, und nennst mich Bruder? ELIJAHU: Du bist der Jude Jacob, genannt Pfefferkorn. Du hast deine Brüder verraten, bespien deinen Stamm; deine Seele hast dt! zertreten um Geld und aber Geld. (PFEFFER- KORN klingelt mit seinem Beutel.) Dein Blut hast du besudelt, die Mutter hast du geschändet, die dich gebar. Dein Name macht die Luft uurein, in der er tönt; du hast dem Ewigen abgesagt, dem Herrn der Scharen, und lügnerisch dich diesem Zeichen gebeugt (auf das Kreuz deutend) weitab von dem Geiste, den dieses Zeieben meint. Du bist das Verächtlichste; ich verachte und hasse dich und nenne dich Bruder. *) Wir bringen liier dank der Freundlichkeit Arnold Zweigs zwei Szenen aus seiner noch nicht veröffentlichen Tragödie, für die ihm der Preis der 1 Kleiststiftung verliehen worden ist.