Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 308 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 49 cs so an־ Aufnahme des modernen Kapitalisnms reif machen und inzwischen, vielleicht ohne Absicht, neue jüdische Zentren schaffen. Die alte abgeschlossene Judenheit wird ihren Sitz an die Ufer des Baikal verlegen. Wieder wird dort vielleicht ein moderner Maimonides der jüdischen (ieistesgesehiclite ein neues ruhmvolles Blatt hinzufügen, ein neuer Bialik wird das jüdi sehe Herz befruchten, und ein jüdisches Milieu mit allen ihm eigentümlichen Sonnen- und Schattenseiten wird wieder nach den alten Mustern entstehen; Synagogen und Jeschivvoth, Sprache und Schule, Presse, Literatur und Politik •und eine zionistische sibirische Landsmannschaft Alles, was die Juden überall im Galutli für ihre nationale Existenz brauchen. Vielleicht werden auch demgegenüber die obersten Schichten der jüdischen Bevölkerung Sibiriens, die auf wirtschädlichem und geistigem Gebiete dem sibirisehen Volke besonders nützlich zu sein verstauden, Liebe und Treue predigen. Die Wiegenlieder, mit denen sie ihre Kinder einlullen, werden die Geheimnisse der Tajga verherrlichen und Liebe und Bewunderung für Ob und lrtisch atmen. Und ein neues Geschlecht wird erwachsen, das für Sibirien schwärmen wird. Historiker werden in Archiven Anhaltspunkte dafür suchen, daß die Juden schon seit unabsehbaren Zeiten in Sibirien gewohnt haben, philosophische Denker werden pathetisch feststellen, daß Judentum und Sibiriertum identische Geistesphänomene sind, und ״Sibirier mosaischen Glaubens“ werden jeden Verkehr mit einem nicht sibirischen Juden für unpatriotisch und unzulässigerklären, — alles wie es im Galuth jetzt üblich ist. Bis an einem trüben Morgen dem sibirischen Volke einleuchten wird, daß es schon selbst reif genug geworden sei, um mit eigenem Menschenmaterial überall wirtschaftliche Tätigkeit zu entfalten. Von jenem ״Mangel an Intelligenz, Initiative usw,“, der jetzt die Börscn-Koniitees dazu zwingt, die Juden einzuladen, wird einst nichts als eine Erinnerung übrig bleiben. Dann wird den Juden plötzlich der Boden wieder unter den Füßen brennen, dann sind sie wieder die alten Kreuziger Christi und die Verüber von Ritualimorden, vielleicht auch Japanisatoren oder Russifikatoren, — kurz, wir werden wieder wandern müssen, ob arm oder reich, ob national oder assimiliert. Wird auch dieser Abschnitt wie sein Vor ganger Jahrhunderte zu seiner Vollendung fordern, oder wird aucli dieser Prozeß im Zeitalter der Technik wie alles übrige vielfach beschleunigt werden? Wohin aber dann? Wird dann ein neuer, unermüdlicher Manasse ben Israel einen neuen Fleck auf Erden finden, wo wir wieder für einige Generationen nützlich sein können, wo es noch ״an Intelligenz, Initiative usw.“ mangelt? Und was dann, wenn auch dort dieses Schauspiel sein verhängnisvolles Ende erreicht? Muß denn wirklich kein einziger Winkel übrig bleiben, in dem wir keine Friedhöfe zurückgelassen haben? Oder wird, noch bevor dies geschehen ist, ein neues Geschlecht heran wachsen, das ein besseres Gedächtnis, mehr Entschlossenheit lind einen stärkeren Willen besitzt, um aus eigener Kraft mit dieser Tradition ein Ende zu machen? Früher oder später einmal wird es gewiß geschehen. Nicht dahin werden dann die Juden ihre sehnsuchtsvollen Blicke richten, wo man sie höflich einlädt, sondern wohin eine innere Stimme sie zieht, nicht um eine Lücke im fremden wirtschädlichen Organismus auszufüllen, sondern um einen eigenen vollständigen Organismus zu bilden, nicht anderen, sondern sich selbst zum Nutzen. Darin wird der Manasse ben Israel jener Zeit mit Freude gestehen: die Verwirklichung der Verheißung ist nahe... S. Rubaschov v Wiedererscheinen der ״Hazefira“ 1 Nach einer Pause von 5 Wochen begann am 1:0. November die Warsdiuuer hebräische Tagesieitimg ״Hazefira“ in ihrem gewöhnlichen Format wieder zu erscheinen. ERINNERUNG AN DAS ERSTE EXIL Von (TI a x B r 0 d *) Da wir an Babels Wassern unsganz glücklos meinten, Wie nah war unser Land und unsere hellste Zeit! Wir dachten Zions und wir weinten. Doch jeder (Duskel dieses Volkes war bereit, Zu einem Hammer niederfallend zu erstarren. Die jungen fDänner gingen aufrecht, unverdorrt, Ihr Sklavenmund sprach Rönigswort, Und unsrer Frauen Rlagen und trauerschwarzes Haar, Das eine Wolke vor dem klarsten Himmel war, Es machte uns vor Ungeduld zu Harren. 0 eine Ungeduld riß uns, wie Jäterinnen Unkraut reißen. Durch unsrer Seele Rom anschritt ein Zittern, streng und jung. Und da ward nichts ״schön’ Blume“ oder ״bunter Schmuck“ geheißen. Das Böse fiel. Sott selbst hielt CTJusterung. Sott war uns nah und kam in unsre Höhlen, Da schliefen wir auf hartem Fels und Gott trat ein. . Auf unsre Wangen, blaß und kalt und rein, Herniedertroff sein Wort gleich siedeheißen Oelen Und macht' unslautaufheulen durch dieHacht. 0 dieser Schmerz war groß, von allen Seiten Liefen ßequälte her wie nach der Schlacht. Einander küßte man, man mußte eng beisammen stehn, Denn jedem war dies Oräßliche geschehn: ״Da unser Sott des Haehts nicht ruht, wie konnten wir zur Ruhe uns bereiten.“ Hein damals waren wir nicht elend, nein, damals noch nicht! Wir hatten ja noch Lieder zu verstecken Und Harfen, alle Weidenbäume längs des Stromes zu bedecken, Und unsrer Seelen ungestüme Pflicht! Friedloses Volk, doch damals noch nicht ganz verbannt, Du rastest und der zweite Tempel stand. Und was dann folgte, daß man sich nach deiner Bürde, lJach deinem Uachtgespenst, das doch noch Sott war, sehnen würde, Deine gottlose Zukunft war dir heiter unbekannt. *) Bus (Hax Brods Sedichtbuch .,Das gelobte Cand. Ein Buch der Hoffnungen“, dos demnächst bei kurt Wolff in Ceipzig erscheinen wird. ״Gehe hin, mein Volk, in deine Kammer!“ Aus ״Midrasch lechanukah“*) Ans dem Hebräischen übersetzt von H11 g o H e r r 111 a n 11 Hugo Herr m a n!1 und J. S. A g rio n , die Herausgeber von ״Chad gadja. Das Peßachbuch“, bereiteten vor dein Kriege die * Veröffentlichung eines C h a ת u k a 11 b u ch e s im Jüdischen Verlag vor. Unsere vorjährige Cliamikahnuinnier gab schon eine Probe aus diesem infolge des Krieges nicht erschienenen Buche. Die unseren Freunden im Felde gewidmete diesjährige Clianukalniumnier brachte drei von Hugo H c r r m a n 11 aus dem Hebräischen übersetzte Stücke des bisher noch immer nicht lieratisgegebenen Ciiamikahbuehes, als Gruß unseres im Felde stehenden Redakteurs Hugo Herr m a n n. Eines dieser Stücke deren Nachdruck nicht gestattet ist bringen wir auch an dieser Stelle. Es steht bei Jereniiah (50, 33): ״Also spricht der Flerr Zebaoth: Siehe, die Kinder Israel samt den Kindern Jeliudah müssen Gewalt und Unrecht leiden; die sie gefangen weggeführt haben, halten sie und wollen sie nicht loslassen.“ Und ebendaselbst steht geschrieben (34): ״Aber ihr Erlöser ist stark, der Herr Zebaoth ist sein Name. Er wird ihren Streit streiten, daß er das Land zittern und die Bewohner zu Babel beben mache.“ Dies bestätigte sich und traf ein zu den Zeiten der Griechen, die über Israel zu Gericht saßen. ״Wohlan,“ sprachen sie, ״laßt uns Verhängnis uni Verhängnis über sie bringen, auf daß sie ihren Gott mit Füßen treten und unseren Götzen dienen.“ Alsbald verhängten sie, daß ein jeglicher von den Kindern Israel, der Schloß oder Riegel an Tür und Tor mache, mit dem Schwerte erstochen werde. Und warum all dies? Damit es für Israel nicht Ehre noch Heini gebe. Demi wer keine Tür hat, der hat nicht Ehre noch Heim; wer will, kann hineingehen bei Tage oder bei Nacht. Die Kinder Israel standen auf und rissen alle Türen von ihren Häusern ab; sie konnten nicht essen noch trinken noch schlafen, um der Diebe und Räuber und der Ausgelassenen von den Griechen willen, und kein Schlaf kam in ihre Augen, weder bei Tage noch bei Nacht. So bewährte sich das Wort (V. Buch Mosis, 28, 66): ״Nacht und Tag wirst du dich fürchten und deines Lebens nicht sicher sein.“ Und sie riefen zu dem Heiligen, gepriesen sei er, und fragten: ״Herr der Welt, wofür leiden wir solches?“ Und er sprach: ״Wegen der Sünde, daß ihr keine Mesusah habet. Allein ich will euer Verhängnis lindern.“ Also saß Israel ohne Tür und Tor, das Böse abziihalten. Denn es heißt bei Jesaja (26, 20): ״Gehe bin, mein Volk, in deine Kammer und schleuß die Tür nach dir zu.“ Lind das Verhängnis währte drei Jahre. Als aber die Griechen sahen, daß Israel standhaft blieb und nicht einer von ihnen strauchelte und in Sünde fiel, brachten sie ein neues Verhängnis über sie und verkündeten: Jeglicher von Israel, der einen Ochsen oder ein Läinmlein habe, solle in dessen Horn einritzen, er habe keinen Teil an dem Gotte Israels. Und warum all dies? Damit Israel weder Fleisch noch Milch noch Käse essen und auch nicht pflügen könne. ״Wir wissen,“ sprachen sie, ״daß sie in diesem Verhängnis nicht standhaft bleiben werden.“ Als Israel solches hörte, kam Kummer über sie und sie sprachen: ״Davor hüte uns Gott, daß wir unsern Gott verleugnen sollten!“ Und sie gingen hin und verkauften ihre Tiere, reine wie unreine, und gingen zu Fuße. Darum steht geschrieben bei dem Prediger (10, 7): ״Ich sah Knechte auf Rossen und Fürsten zu Fuß gehen wie Knechte.“ Und der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu ihnen: ״Weil ihr euch geweigert habt, ihr Sünder, dreimal des Jahrs nach Jerusalem, der heiligen Stadt, zu wallen und Opfer darzubringen, darum erfüllt sich an euch das Wort (V. Buch Mosis, 28, 31): ,Dein Ochse wird vor deinen Augen geschlachtet werden, aber du wirst nicht davon essen.‘ Allein ich will euer Verhängnis lindern.“ Alsbald kam der Hirsch und der Widder und allerlei Art von reinem Geflügel, trat in Israels Häuser - denn Israel war ohne Tür —; und sie griffen und schlach *) Herausgegeben von J e 11 i n e k , Beth hatm drasch. %