Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651969--10392-2667809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I Nr. 49 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 397 1 r d 11 1e 1t, ־1 e er,!1 is ti- 11־1 nen idßt. en ules eit ch .11׳ re len ies ie-;en tar. me ck־ Ile- Art teil ktbei leiün- Aus diesem Tiefstände der Gegenwart herausgewachsen ist die Bewegung, die uns eint. Aus der Mitte der Verlorenen heraus sind die Rufer nach dem neuen Ideal entstanden. Die wirtschaftliche Not, mehr aber noch die seelische Not seiner Volksgenossen, die seelische Not seiner eigenen Brust hat unseren grollen Führer Theodor Herzl, aus einem mit allen unfruchtbaren Künsten der Gegenwartswclt vertrauten Menschen, zu dem grollen Rufer in den Streit um die Zukunft gemacht. Unverständig und unsinnig mußte sein Tun und Vorhaben den meisten Gegen wartsjuden, den ״verstellten“ Juden, erscheinen, schädlich, sehr schädlich für ihr eigenes Wohlbehagen. Wo , aber wieder die Größe der göttlichen Seele im Menschen erwacht ist, ist sie durch das Wehegezeter Aengstlicher nicht zum Verstummen zu bringen. Und so ist unsere Bewegung angcwachsen und sie wird weiterschreiten, ihrem Ziele entgegen. Wie sie ihr Ziel erreichen wird, ob sie ihr Ziel erreichen wird, ist nicht zu sagen, aber eines weiß ich: überall dort, wo ganze Zionisten an ihrem Ideale arbeiten, arbeiten und Opfer bringen für die Zukunft ihres Volkes, wächst in ihnen ein neues jüdisches großes Innenleben. Die Menschen unserer Bewegung, die sich die Zukunftsaufgaben unseres Volkes zur Not der Seele werden lassen, die Menschen, die wissen, daß kein rechtes Sein ohne Mühen, kein rechtes Werden ohne Werdenot möglich ist, wachsen mit der Hingabe an das große Werk. Aus kluglächelnden Menschen der Operetten- und Varietegenüsse, aus müdelächelnden Mensehen, die vom Unheil der äußeren Welt zerschlagen worden sind, kann unsere Bewegung nicht begeisterte Menschen machen, aber sie macht aus den Menschen, die in ihrem Dienst Opfer bringen, Opfer bringen nicht als Hingabe des IJebertlüssigen, sondern ernste Opfer an Gut und Leben, Menschen von der neuen jivdischen Art, mit freiem Blick und geradem Nacken, die ohne gekünstelte Freiheits- und Gleichheitsrechnung überall frei hintreten können und wirken können als ganze Menschen. Als ganze Menschen, die ihrem Inneren wieder das eigene Gesicht geben, und ein eigenes Maß für alle Dinge in sich tragen, das die Dinge mißt und einstellt nach großen Zielen und Aufgaben. Als ganze Menschen, weil sie nicht mehr Splitter einer zertrümmerten Gemeinschaft sind, sondern Bausteine einer werdenden. Das nenne ich die innere Wiedergeburt des jüdischen Menschen. Nur aus dieser Wiedergebürt wird die Zukunft Israels werden können. Denn nicht nach Geld und schönem Gemach und Haus Und vollen Tafeln fraget der Dämon dich, Der richten kommt: er fordert Söhne, j Schwer von Gedanken und schwer von Fäusten. (R. A. Schröder.) Sibirien fid ich werde versammeln die zerstreuten LsqPie Israels aus allen vier Enden der Erde und!werde sie nach ihrer Heimat verpflanzen” — so verkündeten die Propheten im Namen Gottes. Man asse ben Israel, der zugleich!Mystiker und Realpolitiker war, fand in dieser itrostvollen Verheißung nur einen Grund pnn Pessimismus. Er wollte sie wörtlich deuten tnd sah zu seinem Schrecken, daß die Zeit ides Messias noch weit entfernt sei, da die Juden!seinerzeit noch nicht an allen vier Enden ■dir damals bekannten Erde zerstreut waren: אן ach England nämlich durften sie noch nicht ziehen. Zuerst mußte also dieses Hindernis .־seitigt werden, und so faßte er denn seinen!,roßen Plan. Er ging im Jahre 1655 nach Ton- '011, setzte sich mit der englischen Regierung 's Verbindung und veröffentlichte eine ausführliehe ,,Deklaration“, in der er auf Grund liistorischer und wirtschaftlicher Erwägungen zu zeigen versuchte, daß die Juden ein nützliches und notwendiges Element für England darstellten und daß es im Interesse des Staates erforderlich sei, ihnen die Tore Englands zu öffnen. Da aber diese ganze Beweisführung ihm doch nicht überzeugend genug zu sein schien, erklärte er der englischen Regierung, ihr Verbot verhindere das endliche Erscheinen des Messias. Wie Zeitgenossen erzählen, soll gerade dieses letzte Motiv für manches puritanisch gesonnene Mitglied der Regierung ausschlaggebend gewesen sein. Mag der Historiker die Naivität dieses jüdi sehen Potitikcrs auch noch so lächerlich finden, die mystische Exegese M a 11 a s s e ben 1 s r :1 e 1 s scheint in ihrem Kern eine treffende, intuitiv erfaßte historische Wahrheit zu enthalten. Es scheint wirklich, als ob der ״Galuth-Prozcß“ zuerst völlig vollendet werden muß, bevor er reif ist zur Ueberwindung. Solange es noch irgendwo in der Welt ein Land gibt, das den Juden die Möglichkeit einer Gaiuth-Existenz bie tet, hat des Galutl» Kraft sich noch nicht erschöpft, und der Messias kann die Ketten nicht abschütteln, in die er bis zur Auferstehungsstunde geschmiedet ist ... . sül »)HW | Makkabäerfeier | | Berliner Zionistische Vereinigung | 1 Meistersaal, Cöthener Str. 38 1 § Montag, 6. Dezember, 8 Uhr 1 I Festrede: Dr. Alfred Klee | 1 Violine: Elisabeth besser jj §e am Klavier: Paul Frenkel H I Rezitationen: Ethel Scharon | j§j (vom Theaier in der Könlggrötter Strafte) §| 1 Gesang: Leo Gollanin 1 ff Karten zu 2 und 1 Mk. bei Tietz, Bote 82 Bock g H und im Bureau der Zionistischen Vereinigung || H für Deutschland. .'. ^Illlililllllllllllll!llllllllli!lllllllllllillll!l!l!!lll!lllllll!ll!l!lllllillll!llllilllll!l!l1y Vor einem halben Jahrtausend war die Geschichte der Juden in Deutschland beinahe bis zu einem gewissen Abschluß gelangt. Ein Streben, ״judenrein“ zu bleiben, ergriff damals ״an Haupt und Gliedern“ die deutsche Welt. Eine Ausweisung folgte der anderen und große alte jüdische Gemeinden, deren Friedhöfe die Geschlechter von Jahrhunderten bargen, wurden zu einer bloßen historischen Erinnerung. Mas״ senvveise mußten die Juden Deutschlands in der Auswanderung ihre Rettung suchen. Damals, als niemand wußte, wo er eine neue Heimat suchen solle, erscholl mit einem Male der Ruf: ,,nach Polen!“ Wer der erste war, der diese glückliche Idee fand, wissen wir nicht. Den Namen dieses Mannasse ben Israel hat das Volk nicht im Gedächtnis bewahrt. Aber dieser Ruf war von ungeheurer Wirkung. In Polen standen die Städte noch im Werden, dort mangelte es damals an Stadtbevölkerung und Kaufleuten, an Arbeit und Kapital, das feudale Polen konnte sich nicht aus eigener Kraft zu einer höheren Stufe Wirtschaftlieber Entwicklung emporarbeiten. Diese Lücke im wirtschaftlichen Organismus Polens ansztifüllen, das wurde die historische Aufgabe der eingewanderten Juden, eine Aufgabe, die sie mit Freude und Erfolg geleistet haben. Aus diesem Grande ging es ihnen in Polen verhältnismäßig sehr gut, aus diesem Grunde war auch den Polen sogar eine neue jüdische Einwanderung• erwünscht. Dieselben Juden, die in Deutschland als Brunnenvergifter, Gotteslästerer und Wuclie־ rer verleumdet und mit Haß verfolgt wurden, wurden in Polen als segenspendende und nützliehe Bürger geschätzt. Zu gleicher Zeit mit den Ausweisungserlassen in Deutschland erhielten die Juden in Polen Privilegien. Die wirtschaftliche Rückständigkeit eines Volkes ist aber nur eine vorübergehende Erscheinun״. Die neuen wirtschaftlichen Formen, die die Juden selbst nach Polen verpflanzt und dort weiter entwickelt hatten, haben allmählich hewirkt, daß auch in der Staminbcvölkcrung sich eine Schicht von wirtschaftlich befähigten und geschulten Individuen herangebildet hat, die nunmehr die Leistung der Juden schlechthin ersetzen will und kann, oder wenigstens zu können glaubt. Die ״Mission“ der Juden ist geglückt, das Ziel ist erreicht und der Jude kann gehen. Und eben dort, wo man vor einigen Jahrhunderten die Juden zur Niederlassung eingeladen und ihnen Rechte und Freiheiten versprochen hat, wird plötzlich die Entdeckung gemacht, daß sie Cliristus kreuzigen und Kinder schlachten, und wenn diese Behauptungen nicht mehr überzeugend genug wirken, kommen neuere modernere Motive hinzu: Die Juden sind bekanntlich Exploiteure, Verräter, Russifikatoren, Germanisatoren, kurz sie müssen unter allen Umständen verdrängt werden. der jüdischen Gevor seinem Abschluß Ein großer Abschnitt schichte scheint wiederum zu stehen. Wohin aber jetzt? Wo fängt der neue Abschnitt an? Einige, die vieles voraussehen zu können glaubten, behaupteten, der neue Abschnitt werde seinen Vorgängern garnicht ähnlich sein. Länder, in denen man sich nach neuen Händlern und Kaufleuten sehne, gäbe es in der gesamten Kulturwelt nicht mehr: überall haben wir diese Tätigkeit schon ausgedehnt und vollendet. Jetzt werden wir gezwungen sein, neue Bahnen einzuschlagen, die Zeit der Verheißung muß verwirklicht werden. Manasse ben Israel ist aber pedantisch, und wenn er fleißig sucht, dann findet er. In Petersbürg ist neulich auf einer Beratung jüdischer Körperschaften von einen! eifrigen und treuen Juden die neue Entdeckung gemacht worden: Sibirien. Dort, im weiten asiatischen Rußland waren wir noch nie im ganzen Verlauf unse־־ rer langen, tausendjährigen Geschichte. Hoch* stcus mußten einzelne von uns, die ihren stolzen Nacken nicht beugen wollten, hier ihre Wiederspenstigkeit büßen. Sie sind für die Erfüllung dieser neuen ״Mission*־' aber gar nicht geeignet. Nun ist Sibirien bis jetzt wirtschaftlich unentwickelt geblieben. ״Wir besitzen hier unschätzbare Reichtümer, die ungenutzt bleiben“ -- so berichtet ein Beratung -- Initiative leuten“ - sind wieder denn es hat mus gefunden, der selben Zeit, wo in Reiches die Juden gestempelt und aus den, richten sen-Komitce ibirisclier Delegierter auf dieser -- ״aus Mangel an Intelligenz und an Bürgertum und großzügigen Kaufhier also braucht man uns noch. Wir ein nützliches Element geworden, sich wieder irgendwo ein Organislückenhaft ist. Und zur einem Teil des russischen zu gefährlichen Elementen ihren Städten verjagt werim fernen asiatischen Rußland Bor- . Petitionen an die russische Regie־ rung mit der dringenden Bitte, den Juden dort das Wohnrecht zu gewähren, und die Städteverwaltungen im Dongebiet protestieren dagegen, daß ihre Städte noch immer für die Juden gesperrt sind. Hier nähert sich der Prozeß seinem Ende, dort fängt er an, die unzählige Male wiederholte Geschichte wiederholt sich von neuem. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß wir uns einst anstatt eines ״Jerusalems in Litauen“ eines ,,Jerusalems in Amur* erfreuen werden. Massenweise werden sich Juden in das neue Land begeben, Sibirien die nötige Intelligenz, Initiative und kaufmännische Ausbildung liefern,