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Jüdische Rundschau · 1915-12-03 · Heft 49 (3.12.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 49 (3.12.1915)
Date
1915-12-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 396 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 49 behüte mich vor den .Männern der Gewalt, die mich von meinem Pfade abdrängen wollen.‘־ Besonders verderblich wirkte der neu eindringende Reichtum. ,,Durch sattes Wohlleben verderbt es die meisten,“ heißt es im Buche Daniel vorn Griechentum. Die griechische Kultur stand damals in einem Stadium des Niederganges, die große klassische Zeit war längst verflossen, die Schonheit und Größe der griechischen Welt war längst zusaminengestürzt, die sittliche und religiöse Welt der Griechen war leer und hohl geworden. Wir hören aus dieser Zeit und aus der Zeit der Mischnaoft davon, daß Griechen aus ihrem Interesse für das Judentum zu Proselvten wurden. Die hohe Geistesvvelt der Bibel übte zeitweise einen magnetischen Einfluß auf die intellektuellen Griechen aus. Die Wirkung blieb freilich meistens äußerlich. Wir dürfen uns die griechischen Ueberläufer nicht als ernste Juden vorstellen, sondern der Mischmasch in kulturellen und religiösen Dingen war damals so weit gediehen, daß zwischen dem gräcisierten jüdischen Priester und dem Griechen, der unter dem Einflusse seiner Allerweltskultur stand, in religiösen und Weltanschauungsdingen kein rechter Unterschied zu finden war. Vielleicht wären in 200 oder 300 Jahren die Juden als Juden vom Erdboden verschwunden. Die Mutmaßung könnte gewagt und unsicher erscheinen, wenn die Auflösung des Judentums nicht tatsächlich nach und nach überall da eingetreten wäre, wo die Renaissance, von der ich bald zu sprechen haben werde, nicht gewirkt hat. Zum Beispiel die größte jüdische Kolonie, die über eine Million zählenden Juden Nieder- Ägyptens, die 50 Jahre vor Beginn der Makkabäerzeit sich die Thora ins Griechische übersetzen mußten, um sie zu verstehen, sind verschwunden. Die größte Judengemeinde des griechischen Kulturkreises, die Judenstadt Alexandriens, ist in ein Nichts verflogen. Wenn es auf die offiziellen Kreise des damaligen Judenvolkes angekommen wäre, so wäre der Uebergang der Juden in das griechische Lager nicht behindert worden; den offiziellen Kreisen schien eine Gegenwehr gegen das Griechentum bürgerlich unklug, unpraktisch, dem Vorteile des einzelnen zuwider, und sich politisch wehren zu wollen gegen das mächtige Griechen־ tum, das vom Norden und Süden auf das kleine Judäa einwirkte und es längst verschlungen hatte, erschien als eine unsinnige, weltfremde Schwärmerei. Selbst als die griechischen Machthaber 11ngeduldig den normal verlaufenden Auflösungsprozeß beschleunigen wollten, indem sie den Kult unmöglich machten, indem sie den Tempel und die damals wohl schon vorhandenen Gotteshäuser sperrten, hatte die Majorität des Juden- Volkes, und besonders seine offizielle Vertretung, keine Initiative oder kein rechtes Interesse, etwas für ihr Judentum zu tun. Doch was in der Weltgeschichte immer wieder passiert, die klugen Rechner und die konzilianten Politiker mußten vor der Allmacht des Weltgeschehens ihre schüttelnden Köpfe ducken. Es kam da ein obskurer Dorfpriester aus Modein — dessen politische Macht darin bestand, daß er fünf Söhne hatte -.und hob seine geballte Faust hoch auf und rief: ״Lieber will ich meine Kinder vernichten, als daß sie mit ihrem Leben unser eingeborenes Wesen vornichteten.“ Und es geschah wieder einmal das Wunderbare, die göttliche Größe im Menschenherzen offenbarte sich wieder einmal, und wo die hoch zum Himmel gehobene Hand des Dorfpriesters aus Modein sich zeigte, schuf sie aus gleichgültigen, auf ihr eigenes Ich beschränkten Gemütern opferfreudige Menschen, die ihr Gut, ihre Persönlichkeit, ihr Blut einsetzten für ein neu geborenes Gemeinsamkeitsgefühl. Und es geschah, daß die zusarnrnengerottete kleine Menge Begeisterter, ohne Schwert und Panzer, kämpfen konnte gegen eine überlegene, modern, d. h. zeitgemäß ausgerüstete Macht, kämpfen konnte und •siegen. Den Verlauf der Makkabäerkämnfe, das Hin und Her von Erfolg und Mißerfolg kann ich hier nicht schildern. Nicht immer saß der ge- Jährlichste Gegner bei den Feinden draußen; kleinliches Eigeninteresse und kurzsichtige Zweckberechmmg nörgelte und schmähte an der Größe der neuen Bewegung und wie heute gingen von Mund zu Mund verklausulierte Wenn- und׳ Aberbotschaften im Lande herum, die der neuen Bewegung Schwung- und Stoßkraft nehmen sollten. Die Makkabäerbewegung aber war eine Wiedergeburt jüdischer Größe, und sie hat den Juden einen neuen Lebensinhalt gegeben auf Jahrhunderte hinaus. Daß die Nachkommen der makkabäischcn Helden die durch die politischen Erfolge ihrer Vorfahren auf eine königliehe Stufe gestellt worden waren - selbst dem Hellenismus zum Opfer fielen, konnte dem neu gekräftigten Judenvolke nichts mehr anhaben. Die direkte Folge der Makkabäerbewegung war eine, mehr oder weniger große, politische Selbständigkeit, zweihundert Jahre lang. Die Entwicklung dieser zweihundert Jahre aus der jüdischen Geschichte streichen, hieße vielleicht die jüdische Geschichte streichen. In diesen zweihundert Jahren hat der jüdische Volksgeist eine riesenhafte Arbeit geleistet, deren Inhalt wir leider wenig kennen. Aber die Folgen kennen wir, die sich aus dieser Arbeit entwickelt haben. Diese zweihundert Jahre sind der Mutterboden geworden für den Ausbau des Judentums und für die ethische Entwicklung unserer ganzen Kulturwelt. Aus den geistigen Strömungen dieser zweihundert Jahre entwickelte ssich auf der einen Seite das rabbinisehe Judentum, dem die geistige Kraft eignete, zweitausend Jahre lang das Judentum ziisammcnzuhalten, und auf der anderen Seite das Urchristentum, das aus jüdischem Geiste geboren, von jüdischen Füßen in die weite Welt hinausgetragen und von jüdischen Händen den Völkern gereicht wurde, als eine Botschaft hohen Menschenideals und tiefer Sittlichkeit. Ich würde von diesen letzten Dingen nicht sprechen, wenn ich nicht einen besonderen Anlaß dazu hätte. Ich meine, daß man die religiösethische Fruchtbarkeit der zweihundert Jahre vom Beginn der Makkabäerzeit bis zu! Zer- Störung des Juderlreiches hur erklären kann aus den Wirkungen der Kampfe dieser Zeit auf das Seelenleben des einzelnen Menschen. Am besten werde ich mich wohl verständlich machen, wenn ich sage :,Ohne die Mnkkabäerrenaissance, ohne die Wiedergeburt des jüdischen Gemeinsumkeitsgeistes, wäre der jüdische Mensch-, bürgerlich gesättigt durch die Gaben des neuen griechischen Wirtschaftslebens, nach und nach als gleichgültige Masse übergegangen in das allgemeine Völkergemisch Vorderasiens. Durch die Makkabäerrenaissance, durch die Wiedergeburt des jüdischen üemeiiisamkeitsgeistes wurden die Juden hineingestellt in einen Kampf gegen eine gewaltige Uebermacht. Dieser Kampf stellte an den einzelnen Juden große Forderungen. Es galt, gering zu schätzen die Güter des täglichen Lebens, aufzugeben die Möglichkeilen eines satten Daseins, Opfer zu bringen zugunsten einer Volksgemeinschaft und eng persönliche Interessen schwinden zu lassen zugunsten eines hohen Ideals. Aus der Seele dieser Kämpfer stammen wahrscheinlich die spätesten Psalmen, die unserer Bibel eingereiht wurden, gewaltige Dichtungen, die aus der Tiefe des Mens<;hcnherzens heraus zum Himmel schreien; Dichtungen, denen die Völker der letzten zweitausend Jahre nichts an die Seite stellen können. Aus der Seele dieser Kämpfer stammen wahrscheinlich die ältesten erhabenen Gebete, die unser Volk aufgeriehtet und gehalten haben bis auf den heutigen Tag. Aus dem Kampfe war geistige Größe und echtes sittliches Leben erwachsen. Die Welt der tief aufgewühlten Gemiiter war der Boden für ein neu werdendes Religionsleben. Wenn ich nun die Vergangenheit verlasse, auf unser gegenwärtiges Leben übergehe, sprechen will von den Zuständen der Juden von heute, im engeren Kreise von den Juden Deutschlands, und sprechen will von unserer Bewegung und von unseren Kämpfen, so ergeben sich von selbst die Parallelen. Ich brauche nicht zu sprechen von dem Prozeß der Assimilation, des Verschwindens jüdischen Lebens aus unserer jüdischen Welt, ich brauche nicht zu sprechen von der bestehenden breiten Majorität völkisch gleichgültiger Juden, die gern durch schwierige Jongleurkunststückcheii und verzwickte Rechenexcmpel finden möchten, daß Sein gleich Japhet, Jelmdi gleich Jawan, Jude gleich Deutscher sei, und daß sie nach dieser Berechnung gar nicht mehr nötig hätten, sieh Sem, Jelmdi, Juden zu nennen, sondern daß sie eigentlich Japhet, jawan, n u r Deutsche sind. Denn wozu sieh mit einem Namen belegen, der jahrhundertelang zum Schimpfnamen geworden war, wozu die Last der Abstammung, die Last der Gemeinschaft mit großen, von schwerer Not zerdrückten Menschcmnassen auf sich nehinen, wenn man mit ein paar geschickten Mißdentungeii des französischen Gleichheitsideals sich zu AUerweltsmensehen machen kann. Wozu auf die innere Heldenhaftigkeit der Vorväter, die schlimmen Jahrhunderte hindurch, hiiischaucn, wenn zuni gegenwärtigen biirgerliehen Erfolge nur Betriebsamkeit und emsige Verfolgung des Vorteiles im kleinen gehört. Wozu der Art seiner Großväter nachsinnen, wenn man die Mittel dazu.hat, jeden neu auftaucheriden Genuß genießen zu können. Man tut den Gegenwartsjuden aber unrecht, wenn man ihnen die ganze Verantwortung für die Hohlheit ihrer inneren Welt zuschiebt. Sie sind mir eine ins Extreme geführte Ausgabe der Gegenwartsmenschen im allgemeinen, ein Produkt der Außenwelt. Der innere Mensch steht heute einer verzehnfachen Beeinflussung von außen her gegenüber, mit verzehnfachter Gewalt ergießt sieh die Außenwelt auf die menschliche Seele und zerzerrt das Eigenleben. Bei dem Juden der Gegenwart kommt noch manches Ungünstige hinzu. Durch Umstände, die ich hier nicht schildern kann, ist ihm der lebendige Zusammenhang mit der geistigen Kulturwelt, aus der er stammt, meistens verloren gegangen. Ja es besteht bewußt oder unbewußt eine innere Absicht, so schnell wie möglich loszukommen von der, den anderen minderwertig scheinenden Vergangenheit und Abstammung. Wurzellos oder wurzellocker steht der jüdische Mensch im Winde der äußeren Einflüsse. Geschäftige Berufsarbeit und äußerlicher Genuß sind die zwei Welten seines Daseins. Eine aus den Zeiten der mittelalterlichen Not stammende Geschäftigkeit gibt ihm die gewisse jüdische Tüchtigkeit, die ihn dazu treibt, möglichst an der Spitze der modernen Berufshetzjagd zu sein. Eine große geistige Fähigkeit, geschult und geschärft durch die jahrhundertlange ständige Beschäftigung mit den jüdischen Religionsgesetzen und der hebräischen Literatur, benutzt der Jude der Gegenwart in den günstigen Fällen für das Studium in Wissenschaften, das in ein Spezialistentum ausläuft; eine Besclüiftigung, die im Gegensatz zu der früheren jüdischen geistigen Arbeit keine harmonische tiefe Menschenweisheit schafft; ein Beruf, der den Juden in vielen Fällen durch äußere Ursachen zur endgültigen Aufgabe seines Judentums veranlaßt. Ueberall da aber, wo der von seiner eigenen Kultur abgeschiiittene Jude der Gegenwart Kulturarbeit leisten will, zu der die Hingabe des ganzen Menschen gehört, schaffende Kulturarbeit leisten will, die nur geleistet werden kann durch das Herausheben des Eigensten aus dem Inneren, rächt sich das stete Hinschauen auf die andere Art, das gewollte oder ungewollte Nachahmen der anderen Art, und große Begabung und großes Streben zerknicken in einer schillernden Zwiefältigkeit. Formvollendete, tüchtige Leistungen bleiben innerlich zerrissen und unfruchtbar. Alexandrinisch nennt man die Kulturarbeit ohne eignes Innenwesen und ohne eigne Entwicklungskraft, nach dem Zeitalter, in dem hellenistische und assimilatorische Arbeit aller Art zusammenfloß zu einer unfruchtbar angehäuften Arbeitsleistung. Der geistig zerfaserte', instinktlose, innerlich haltlose Gegenwartsjude ist bei ernsten Volkserziehern zum abschreckenden Beispiel geworden, wie es unsere Bibel verkündet hat.

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