Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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jr׳ 1 1 I I I I I Abonnements auf die wöchentlich am Freitag־ erscheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten bei der Expedition und hei allen Postämtern vierteljährlich M. 1,75 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- Ungarn M. 2,50, im ^Ausland M. 0,—. | Jüdische Rundschau, G. m. b. H. 1 I BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. 1 | Telephon: Amt Uhlanel S15, 816. | | Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. | I-1 3U6DISCHC RUNDSCHAU I Anzeigen kosten für die seehsg-eapaUene PeÜ$- seile oder deren Raum 40 Pf.; StaHeo» Angebote und -Gesuche sowie Vere»■*•!Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen* O O O O nur 30 Pfennig. O O O O!Manuskripte werden, wenn Porto betliegi, stets *urückgeaandt. Redaktionsacblafls Mittwoch vormittags, Redaktion Jüdische Rands ihm BERLIN W. 15, Sächsische Straße ft. j *Telephon: Amt Uhland 845, $46, | Postschsckkont•: Berlin Nr.l7 3W. Ww —— — — m — —1—mmwm ALLGGM6INC 3UCDISCHC Z€ITUNC Nummer 49 Berlin, den 3. Dezember 1915 — 26. Kislew 5676 j xx. Jahrgang Zu Chanukah 5676 Zum Ghanukahl'estc dieses Jalires widmen wir unseren Lesern und Freunden eine besondere Festnuininer. Sie ist im wesentlichen die Neuatisgabe der Chaiiukah-Soudeniuminer, die wir unseren Freunden im Felde als eine Kundgebung zionistischen und freundschaftlichen Zusammenhangs gewidmet haben. Da diese Sondernummer nur unseren Freunden im Felde als Liebesgabe zugedacht war, haben sie unsere übrigen Leser nicht erhalten. Sie werden es aber verstellen und billigen, daß unsere Freunde im Felde einer Bevorzugung teilhaftig wurden. Die Aufsätze der Chanukah-Sondcmimimcr, die in de!־ heutigen Nummer nicht enthalten sind, werden wir nach Möglichkeit in die folgenden Nummern auf nehmen. Möge die Sondcrbehandlung eines groben Teils unserer Freunde bald, möglichst bald überflüssig sein! Die R e d a k t i o n d e r ,, J ü d i s c h e 11 R 11 n d s c 11 a 11“. Aus einer Makkabäerrede (0 e 11 a 11 e 11 zu Chanukah 1913) Von S. Schocken jr. Es ist kein Zufall, daß wir Zionisten uns aus allen Tagen des Jalires die Tage des Makkabäergedenkens für unsere Jahresfeier gewählt haben. Man kann mit Hegel der Ansicht sein, daß Völker niemals etwas aus der Geschichte gelernt haben und niemals nach Leinen, die aus der Geschichte zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben. Fs ist sicher richtig, wenn Hegel weiter sagt: ״Jede Zeit hat so eigentümliche Umstände, ist ein so individueller Zustand, daß in ihm und aus ihm selbst entschieden werden muß und allein entschieden werden kann.“ Wir wissen aber trotzdem, daß in der Geschichte vieler Vöiker die Erinnerung an eine reiche Vergangenheit, das Denken a!1 eine große Vorzeit, Ansporn und erster Anlaß für eine Renaissance, für eine Wiedergeburt geworden ist. Den zweiten Satz Hegels habe icii als sicher richtig hingestellt. Jede Zeit hat ihr allein eigentimiliclie Umstände, ist ein einzigartiger, nie dagewesener Zustand. Die Basis für die Entwichlung eines Volkes kann nur sein gegenwärtiger Zustand sein. Das Erlebnis jedes Tages, die Erfahrungen jedes Jahres andern den Zustand und damit im kleinen den Charakter eines Volkes, und so wird es unmöglich, daß längst Vorgängenes, längst Zerfallenes jemals wieder genau so wird und wieder entstellen kann, wie vordem. Das wissen wir Zionisten, das wissen wir besser, als unsere Gegner es wahr haben wollen. Wir erheben uns nicht in das Reich der Träumerei, wenn wir an die zukünftigen Mögliclikeiten unseres Volkes denken. Wir!)leihen fest auf dem Boden der Gegenwart und sammeln Baustein auf Baustein zu einer gesicherten Heimstatte für unser Volle. Wir unterscheiden uns aber bewußt von den Menschen, die nur mit dem ״Der Zionismus erstrebt Air das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh •rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. kleinen Einmaleins der alltäglichen Möglichkeiten rechnen. Wir ziehen in unsere Rechnung, in unsere Pläne hinein die drei auszeichnenden Tu- ״enden unseres Volkes, die unser Volk an allen Höliepunkten seiner Existenz in ganz eigenem Maße besessen hat: Die religiöse Größe, die heiße Inbrunst und das Wollen des Unmöglichen. Und wir glauben gerade aus den Umständen der Gegenwart heraus einen Weg zu wissen, den unser Volk wird gehen müssen, wenn es für jetzt lind alle Zukunft nicht den Zusammenhang mit seiner Vergangenheit und die Quellen seiner Größeverlieren will. Es liegt nahe, daß wir gern die vergangenen großen Zeiten unseres Volkes betrachten, von denen wir wissen, daß das Gedenken an sie, die großen inneren Eigenschäften, die unser Volk auszeichnen, aufweckt, die Eigenschaften, die heute verstaubt und vorschüttet vom Kehricht des Alltags, vom Rechenergebnis der kurzen Klugheit in der Brust eines jeden ruhen. So möchte ich heute versuchen, die längstvergangene Zeit neben unsere Gegenwart zu stellen und an der Vergangenheit die Gegenwart und an der Gegenwart die Vergangenheit zu zeigen. Ich will es versuchen, die inneren Quellen aufzuweisen, aus denen beide Bewegungen herausgewaehsen sind, und an den Ergebnissen, an den Früchten, die die Bewegung der Vergangenheit gebracht hat, hoffe ich, zeigen zu können, welche Ergebnisse und Früchte die große Bewegung, in der wir steilen unbeschadet ihres äußeren Verlaufs unserem Volke bringt, icii meine jetzt schon bringt und in Zukunft in weitaus größerem Maße bringen wird. Will jemand das Wesen des Zionismus erkennen, so mul! er die wirtschaftlichen und kultureileii Verhältnisse des jüdischen Volkes der letzten hundert Jahre und der Gegenwart betrachten. Wollen wir den Urgrund und das Wesen des Makkabäertuins erkennen, so müssen wir die politischen und kulturellen Verhältnisse der zweihundert Jahre vor und während der Makkabäerkümpfe kennen zu lernen suchen. Das wird uns Juden freilich schwer. Keine Zeit in der Vergangenheit unseres Volkes ist für uns so ins Dunkel gehüllt, wie die ganze Zeit von der Wiederkehr aus der babylonischen Gefangenschaff bis zu der Zeit, von der uns Mischna und Talmud aus eigener Kenntnis erzählen. Das durch die Wiederkehr aus der babylonischen Gefangenschaft nach und nach neu entstandene Juda war ein sehr geringes Provinz.leiu im großen persischen Weltreiche. Als etwa 150 Jahre später das persische Reich von Alexander dem Grollen zerstört wurde, war die Zahl der Juden im Lande schon stark aiigewachsen und zur Makkabäerzeit war Judäa, das Juderiland, ein Teil der damaligen Kuiturweit, um das Krieg zu führen den Machthabern der griechischen Welt, den syrischen Kernigen von Norden her und den ägyptischen Königen von Sjjde11 her sich lohnte. Wer von den inneren Verhältnissen ries jiidisenen Volkes aus dieser Zeit sprechen will, kann nur Mutmaßungen aussprechen. Fr kann seine Schlüsse nur bauen auf gelegentliche Andeutungeii, die sich hie und da linden; denn die spärlichen historischen Berichte, die über diese Zeit zu uns gekommen sind, sind zum größten Teil mehrere hundert Jahre später niedergcschriebei 1 und stellen im Bannkreise der Zeit, in der sie!־erfaßt worden sind. Manches erfahren wir aus Geschichtsquellen anderer Völker, die mittelbar und zufällig von dem Leben unseres Volkes aus dieser Zeit erzählen. Genau kennen wir aber die kulturellen Verhältnisse, die in den hellenistischen Ländern bestanden, und damit kennen wir alle äußeren Einflüsse, die auf den jüdischen Kulturkreis cinwirkten. Wenn das Bild, das uns die heute bekannten Quellen über diese Zeit geben, richtig ist, so war Juda damals nicht mehr ein Fels irn Meere der Völker, sondern die griechisch-syrische Provinz Judäa lag wie ein Schwamm im Meere des hellenistischen Kulturkreises, du rehsogen von den äußeren Einflüssen der übermächtigen Außenwelt. Das innere geistige Leben der Juden war ins Stocken gekommen. Die große religiös schöpferische Zeit der Bibel war beendet; der Ausbau des Judentums als Volksreligion war kaum begonnen. Die spätgriechische Kultur, die damalige geistige Weltmacht, drang lockend von allen Seiten ein. Sie brachte besonders die Wertsgbätzitrjg de*: äußeren Lebens, den Sinn für die Außenkultur, für Wohlleben und Reichtum, sie brachte auch die Möglichkeiten des Reichtu 111s. In der griechischen Provinz Judäa entwickelte sich unter den Juden ein Wettlauf nach der möglichst schnellen Assimilation zum Griechentuni. Viele wohlhabende Familien, besonders die Familien aus edler Herkunft, aus jüdiscliem Adel, gaben freiwillig ihren Zusammenliang mit der jüdischen Tradition und Kultur auf, uni in einem hohlen Scheingriechentuni zu leben, das ihnen als echtes, inhaltsvolles Griechentuni erschien. Die besitzenden und herrschenden Klassen in Juda waren stolz, sich gebildete Griechen zu nennen und blickten mit dem Hochmnte der Sopliisten auf die angestammte Religion und auf die Treuen im Lande herab, die, gering an Zahl und gering an Macht, eine demntvoiie, bescheidene Rolle im Volke spielten. Man kann als wahrscheinlich aniiehmen, daß viele Psalmen, iri denen die Demütigen und Gläubigen, arm und elend, sich klagend beschwerer! wegen der Ueberinaelii der Hochniiitigeri und Gottlosen, aus der Zeit stammen, in der die maßgebenden Kreise sich dem Hellenentum zu gewandt hatten, und ihre־ eigene Religion, ihr eigenes Volk mißachteten und doch den Zulauf der Massen hatten. ,,(legen den Himmel erhellt sich ihr Mund lind ihr Wort hat Geltung auf Erden, das Volk strömt ihnen in }־laufen zu, wie Wasser.“ Die logischen Beweiskünste der Sophisten dienten den Neuerern als Kampfesmittel gegen die angestammte Religion und Weltanschauung. Immer wieder begegnen wir in den Psalmen dem Bilde, daß der 'Treue sich fürchtet, in diese Netze und Schlingen der Verderbten zu fallen. ,,Die Hoff artigen legen mir versteckte Fallen, sie breiten Stricke aus ah־ Netze auf meinem Wege.“ ,,Sie schärfen ihre Zunge, wie eine Schlange, Otlerngift ist unter ihren Lippen; bewall re mich, ilcrr, vor der Hand der Bösen,