Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1915-11-26 · Heft 48 (26.11.1915) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 48 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651922-2651968--10382-2667798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 35s JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 48 unterhielt sieh in größter Liebenswürdigkeit mit allen Anwesenden umi gab wiederholt seiner Freude darüber Ausdruck, in einem so angenehmen jüdischottomauischeii Kreis verweilen zu dürfen, und fand Worte begeisterten Lobes über das ruhige Landleben im schönen Ri s c 11 o n. Der Minister spendete 10 türkische Pfund zugunsten 11er;innen Kinder der Kolonie und bat, seine geringe Spende als Ausdruck freundlicher Li e * sinn u n g ciitgegenzuiiehiiien. Am folgenden Morgen fand sieh die gesamte Einwohnerschaft am Gemeindehaus ein, uni sieh vom General zu verabschieden. Bevor I) je mal Pascha die Kolonie verlieh, hielt Herr L 11 b 111 an 11 im Namen der Einwohnerschaft eine hebräische Ansprache, die Herr M e i r ״ \v i t z ins Französische übertrug. I) j em a 1 Pas c It a erwiderte iti einer kurzen französischen Ansprache, in der er seiner Freude über den Fortschritt der Kolonie Ausdruck gab und der Einwohnerschaft Kischens seinen wärmsten Dank für den schönen und ehrenden Empfang nussprach. Das Orchester begleitete die Gäste noch bis zur Grenze der Kolonie. Für P c t a c h - T i k w a h kam der Besuch des hohen Gastes ganz unerwartet. Die nötigen Vorbereitungen mußten daher in größter Eile zu Ende geführt werden. Auch hier waren die Häuser mit ottomanischen Fahnen geschmückt. Vor der Synagoge war eine Ehrenpforte errichtet, eine zweite an der Ortsschule. Außerhalb der Kolonie, in den Baron Rothschildsehen Pflanzungen, hatten sich außer den Kolonie- Aeltesten die Herren Antebi, Brüll und Kraus eiiigefunden. Die Herren Schapira und Di!10witz ritten dem Gaste entgegen. Um 11 Uhr vormittags erschien der General mit seiner Gefolgschaft am Eingang der Anlagen, wo er von den Kolonie- Aeltesten begrüßt wurde. Er erwiderte die Begrüßung mit ausnehmender Liebenswürdigkeit. Nachdem D j e - mal Pascha von einer Anhöhe das Gesamtbild der Kolonie hatte auf sich wirken lassen, sprach er wiederholt seine Bewunderung und Freude über die landschaftliche Schönheit des Ortes und den gewaltigen Fortschritt aus, den die jüdische Siedlung in wenigen Jahren genommen hat. Er sagte wörtlich: ״Ich freue mich sehr über die gewaltige Arbeit, die die Juden hier geleistet haben, und schätze die Bedeutung dies e r fruchtbaren Arbeit sehr hoch ei n.“ Von dort begab sich der Minister, von den Kolonie-Aeltesten geleitet, in das Haus des Herrn Chajirn Cohn, wo er das Mittagsmahl cinnahm. Es waren u. a. der gesamte W a a d und die oben erwähnten jüdischen Gäste anwesend. Um 12 Uhr stattete Djernal Pascha der Schule einen Besuch ab. Nachdem er sich im Kreise der Schüler und des Waads hatte photographieren lassen, begab er sich nach der großen Synagoge der Kolonie, wo ihm seitens eines zahlreichen Publikums ein warmer Empfang bereitet wurde. Der Cliasan verrichtete das ״Ha-noten teschna“-Gebet für S. M. den Sultan, Ghasi Mehnied Reschad und ein Gebet für Ahmed Djernal Pascha und für den Erfolg der «Romanischen Waffen. Die Anwesenden folgten stehend dem Gebet und ein tausendstimmiges ״Amen“ durchbrauste den weiten Raum, Nach dem Gebet besuchten die Gäste die T a 1 - mud-Thora ״Ne zach Israel“, die von Ihr. Auerbach geleitet wird, und besuchte auch die seit kurzem an der Schule bestehende Küche. Djemal Pascha verweilte einige Zeit in der Schule und spendete einen namhaften Betrag zugunsten der Anstalt. Darauf stattete der Minister Herrn E>r. Auerbach einen Besuch in seinem Hause ab, wo er über eine halbe Stunde weilte umi sich eingehend über verschiedene Kolonie-Angelegenheiten informieren ließ. Der General schritt hierauf durch die Hauptstraßen der Kolonie und drückte wiederum seine Freude über die Fortschritte und das W a c h s t u rn P e t a c h - T i k w a 11 s aus. Uni 3R, Uhr verließ er unter Ovationen der Bevölkerung die Kolonie. Neuerliche Unterdrückung der jidischen und hebräischen Zeitungen in Petersburg Soeben hat der Militärgouverneur Russki in Petersburg für das Gouvernement alle jldisehen und hebräischen Zeiungen verboten. Von diesem Verbot ist in erster Reihe das vor kurzem neugegründete jidische ,,Petersburger Tagblatt“ betroffen. Die Resolutionen der amerikanischen ״Poale Zion“־Konferenz Nachdem wir in früheren Nummern der ״jiidischeu Rundschau“ einen allgemeinen Bericht über die Juhrcskonfcrenz der ״Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei Poalc Zion‘׳ in Amerika gebracht haben, sind wir jetzt in der Lage, den Wortlaut der dort angenommenen Resolutionen zu veröffentlichen. Die Resolutionen lauten: I. P a 1 ä s t i 11 a. a) Wir bleiben treu unserem Prinzip, d(Ü:lMie Lösung des jüdischen Problems in der vollen Gleichberechtignng der Juden in den Ländern der Diaspora und in der öffentlich-rechtlich gcsicl1er.cn Heimstätte in Palästina bestellt. b) Im jetzigen Moment findet die Partei für besonders notwendig zu erwähnen, daß die Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk in erster Linie einen historischen Prozeß darstellt, der sich in uirtschai'tiichen und kulturellen Eroberungen im Lande Aufruf Zu der immer drückender werdenden Teue rung kommt jetzt der Eintritt der kalten Jahreszeit, der das Eiend der Darbenden und Notleidenden noch verschärft. Flüchtlinge, Hei 111 - lose vermochten es wohl, durch Uebernahme oft ungewohnter, daher schlecht bezahlter Arbeit sich das allerbescheidenste Durchkornmen zu er* werben, Kriegerfrauen mit Hilfe aller Sparsamkeit sich und ihre Kinder durchzubringen. Aber zur Anschaffung warmer Klei d u ngs stücke reichen die aufs äußerste beschränkten Mittel nicht aus. Um ihre frierenden Kleinen zu schützen, uni ihre eigene Blöße zu decken, müssen sie sich an die Mildtätigkeit wenden. Auch aus den Konzentrationslagern der Z i v i 1 g e f a n g e n e n ertönt dringlich der Ruf nach warmen Kleidern und Schuhen. Um allen diesen an uns herantretenden For deru ngen gerecht werden zu können, bitten wir dringend: Senden Sie uns entbehrliche, möglichst gut erhaltene K 1 e i d 11 n g sstücke, Stiefel, Wäsche für Kinder, Männer und Frauen! Lassen Sie sich die Mühe nicht verdrießen, die Gegenstände zusanimenzupacken. Sie wird reich belohnt, wenn auch nur ein frierendes Kind dadurch vor Winterfrost geschützt wird. ן Verpackung ist in Postkartons an die | Adresse der Unterzeichneten erbeten, Kisten sind wegen des beschränkten Raumes nicht uulerzubringen. Hilfskomitee der Z:onistischen Vereinigung für Deutschland f. A.: Hulda Z 1 o c i s t i Weißenburger Straße 6 II. ausdrückt, dessen Anfang bereits gemacht ist und der vom jüdischen Volk -- gleichgültig wie sich die Lage nach Schluß des Krieges gestalten wird fortgesetzt werden muß und wird. c) Die Notwendigkeit, Palästina für die Aufnahme einer großen Einwanderung der zugrunde gerichteten jüdischen Volksmassen aus den Kriegsländern vorzubereiten, fordert die baldige Schaffung von breiten KolonisJtionsmöglichkeiten und Bedingungen im Lande. d) Es ist deswegen die nationale Pflicht aller Schichten des jüdischen Volkes, sich zu einer gemeinsamen Aktion für die Realisierung der erwähnten Aufgaben zusninmenzuschließen. II. Jüdischer Kongreß in Amerika. a) Die Konferenz drückt ihre Zufriedenheit mit der Arbeit der jüdischen K 0 ח g r e ß p a r t e i aus, die im Einklänge mit den Beschlüssen der Rochester- Konferenz geführt worden ist. b) Die Konferenz begrüßt die Stellung, die die jüdischen Arbeiterorganisationen des Landes zur Kongreßfrage eingenommen haben. c) Die weitere Arbeit der Partei in bezug auf die Kongreßfrage muß irn Rahmen der Resolutionen der Konferenz, geführt werden. d) Der Kongreß soll Institutionen und Anstalten zur Ausführung seiner Aufgaben und Beschlüsse schaffen. e) Da der Kongreß unter anderem 'die Aufgabe hat, die nötige Aktion für eine erfolgreiche Ein- Wirkung auf die internationale öffentliche Meinung überhaupt mul auf ilie künftige Friedenskonferenz insbesondere vorzubereiten, beschließt die Konferenz, daß der Kongreß so schnell als möglich stattfinden muß, und beauftragt das Zentralkomitee, dafür zu sorgen, dali die Vorkonferenz der zentralen Körperschatten, die die Orgaiiisa'ionsi'ragen des Kongresses zu lösen hat, sofort einhemien werden so!!. III. 11 i I f s a r b e i t für die K r i e ״ s n o t - leid e 11 d e n. a) Die Konferenz fordert alle Vereine und Geuosseii auf, sich an der aktiven Hilfsaktion für die Kriegsiiotlcidenden zu beteiligen, Sammeigruppen zu organisieren und andere Mittel zur Linderung der Not in Anwendung zu bringen. b) Jeder Genosse muß mindestens 1 Cent taglieh für den Hilfsfonds spenden. Dieser Gedanke der S e 11) s t b e s t e u e r 1111 g muß vgii 1ms in der Oeffcntliclikeit propagiert werden. c) Die Konferenz erklärt es für wichtig, ein vereinigtes Komitee aller Hiit'skörpersehaften zu gründen, um gemeinsam für einen vereinigten Hilfsfonds zu agitieren, eine bessere Kontrolle zu schaffen und für die richtige Verteilung des Geldes in den kriegführenden Ländern Sorge zu tragen. IV. I m m 1 g r a t i o 11. 111 Bezugnahme darauf, dah sich am Ende des Krieges die jüdische Einwanderung höchstwahrscheinlieh vergrößern wird, a) fordert die Konferenz vom Arbeiterverband, wie auch von allen Vereinen und Mitgliedern, alle Kräfte auch in der Zukunft aufzubieten, um libeialere Einwandeningsgesetze durch/iisetzen; b) drückt: die Konferenz, ihre Genugtuung über den Beschluß der nationalen Arbeiterkonferenz in bezug auf die Regulierung der jüdischen Eiitwanderimg aus und fordert von den poale-zionistischen Mitgliedern der Administration der nationalen Arbeiterkonferenz die schnellste Durchführung des erwähnten Beschlusses. V. Nationale A r b e i t e r k o 11 f e r c n /. Die Partei begrüßt das erste vereinigte Auftreten der jüdischen Arbeiterschaft auf der nationalen Arbeiterkonferenz, die sich unserem nationalen Prograntln in bezug auf die Länder der Diaspora angeschlossen und sich unsere konkreten politischen Forderungen i!1 bezug auf Palästina im.gegenwärtigen Moment zu eigen gemacht hat. VI. Die r e v o I u t i o 11 ä r e B e w e g u 11 g in R u ß 1 a 11 d. Die Konferenz der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei ״Poale Zion“ in Cleveland drückt ihre Sympathiegenihle den Freiheitskämpfern in Rußland aus, die sogar die schwierigste Atmosphäre der Konter-Revolution und des Krieges nicht abschrecken konnte, ihre heldischen Anstrengungen gegen die finsteren Kräfte des Landes fortzusetzen. Die Konferenz sendet ihren brüderlichen Gruß dem Proletariat Rußlands und drückt ihre feste Hoffnung aus, daß keine Verfolgungen den endgültigen Sieg über die wilde Reaktion zu verhindern imstande seien. Die Konferenz begrüßt die fortschrittlichen Abgeordneten der Duma, die gegen die Verfolgungen und die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland aufgetreten sind. Die Konferenz drückt ihre tiefste Trauer wegen des Todes des Führers der englischem Sozialisten, Keir llardie, aus, und beschließt, der Arbeiterpartei Englands ihr Mitgefühl telegraphisch zu übermittein. Die amerikanisch-jüdische Hilfsaktion für Polen Aus Warschau wird vom 18. November berichtet: Wie wir schon mitgeteiit haben, hat das amerik a 11 i s c 11 - j ü d i s c h e H i 1 f s k o tri i t e e «tnc h a i b e M i 1 1 i o 11 M a r k zugunsten der notleidenden jüdischen Bevölkerung Polens nach Warschau zu Händen bekannter Rabbiner und Führer des Zionismus überwiesen. Die Tatsache, daß in dieser so wichtigen Angclegeiihcit die jüdische öffentliche Meinung Amerikas die jüdische Gemeindeverwaltung, die offizielle Vertretung der jüdischen Gemeinde, vorig ignoriert und den Führern des nationalen Judentums ein größeres Vertrauen beweist, wurde von der ganzen jüdischen Presse Warschaus auf das herzlichste begrüßt und als ein öffentliches Mißtrauensvotum für die jüdisch-pol-, nischen Assimilnnlen, die die Machthaber der Gemeindcverwaltung sind, aufgefaßt. Am 17. November fand in Warschau eine Sitzung der sechs Persönlichkeiten statt, zu deren Verfügung die amerikanischen Hilfsgelder eingegangen sind. Da einer dieser Herren, der bekannte Zionist Podlischewsky, zurzeit nicht in Warschau ist, wurde an seiner Stelle Herr M. R u n d s t e i n in das Komitee ernannt. Zum Vorsitzenden dieses Komitees wurde Rabbiner Dr. Posnansky, zum Vizevorsitzenden und Sekretär Herr Färb stein und zum Kassierer Herr Rundstein gewählt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.