Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1915)
- Date
- 1915-11-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 380 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 47 scheute'. *) Man denke daran, daß diese beiden Parteien das gesamte politische Leben Polens bis zur Be- Setzung des Landes durch die Zentralmiichte beherrschten, denn die dritte Partei, die polnischen Sozialisten, war bei den obwaltenden inneren und äußeren politischen Verhältnissen zur völligen Macht- und Einflußlosigkeit verurteilt. Während nun die ,,Natio־ naldemokratie“ die Assimilation der Juden niemals auch in ihrer vorantisemitischen Epoche ausdrücklieh gefordert, geschweige denn zur Voraussetzung und Bedingung der Gleichberechtigung gemacht hat**), hielten die ״Fortschrittlichen“ ursprünglieh, als sie noch den Einflüsterungen von polonisierter jüdischer Seite zugängig waren, an der Assimilationsfordcrung fest und gaben noch unter dem Einfluß Niemojcwskis im Jahre 1910 eine Erklä־ rung ab, wonach den Juden die Gleichberechtigung nur unter dem Preis einer völligen Assimilation zu gewähren sei. Drei Jahre später aber, auf der Parteikonferenz von 1913, wurde in einer einstimmig gefaßten Resolution erklärt: .,die Assimilation sei bankerott und zur Durchführung der erstrebten Polonisierung der Städte sei es notwendig, die polnische Industrie, den polnischen Handel und die Genossenschaftsbewegung zu unterstützen und die jüdischen Waren zu boykottieren, um so den Boykott zu einer Art inneren Schutzzolls für die polnische Industrie zu gestalten,“ So wurde die ursprünglich an die Gleichberechtigung der Juden geknüpfte Assimilationsforderung auf der ganzen Linie fallen gelassen, weil man sich eben inzwischen eines besseren belehrt hatte und zu der Einsicht gelangt war, daß diese Forderung schlechthin undurchführbar, illusorisch sei. Heute glaubt kein polnischer Politiker und Intellektucller mehr an die Möglichkeit einer Assimilation der Juden mit den Polen. Und auch im österreichischen Polentum dürfte es kaum einen einsichtigen, aufrichtigen Politiker geben, der die Assimilation der jüdischen Millionenmasscn anstrebt und für möglich hält. Der hervorragende polnische Politiker und Gelehrte Starczewski vertritt in seinem wohlbekannten Budi ,,L’Europe et la Pologne“ (auch in deutscher Sprache unter dem Titel ״Die polnische Frage und Europa“ erschienen) offen die Ansicht, die Assimilationsbestrebungen seien hoffnungslos und undurchführbar, und der von ihm als Gebot der Selbsterhaltung hingestellte Vernichtungskampf gegen die^ Juden müsse auch gegen die sogenannten assimilierter#' jüdischen Kreise gerichtet sein. Eine völlige lind wirkliche Polonisierung sei nur durch den Uebertritt zum Katholizismus möglich, und nur der getaufte Jude darf als Pole gelten***). *) Herr Lauer hat den merkwürdigen Mut, die Berichte über die vom polnischen Gesindel gegen die Juden verübten Gewalt- und Greueltaten mit der ״Versicherung“ abzutun, ״es sei an ihnen kein einziges Wort wahr“. Das muß aber auch als der Gipfelpunkt der — Harmlosigkeit bezeichnet werden. Die Schandtaten der Dinowskischen und Niemojewskisehen Cliquen sind in Polen selbst jedem Kinde bekannt, wurden seinerzeit von der gesamten europäischen — namentlich deutschen — Presse berichtet und werden gerade in einer eben erschienenen, sehr polen f r e u 11 d I i c 1! e n Schrift (״Nen-Polen“, von Prof. M. Kranz, j. F. Lehmann Verlag, München) vollzählig aufgeführt! **) ln dein Parteiprogramm der ״Mationaldemokraten“ vom Jahre 1S96 heißt es wörtlich: ,,Die Juden; die nicht im Besitze eines abgegrenzten Territoriuins sind und in größerer oder geringerer Zahl unter den Polen leben, werden von der nationaldemokratischen Partei als Volk im polnischen Sinne nicht anerkannt. Die Partei ist gegen jede politischorganisatorische Bestrebung der Juden, u n d i h 11 c n die freie W a 11! lassend, sich kalt u r e 1 I mit den Polen zu assimilieren oder nicht, fordert die Nationaldemokratie von den Juden die unbedingte Abhängigkeit von den polnisch-natianalen Interessen.“ ***) Diese Auffassung des polnisch-jüdischen Vorhältnisses wird neuerdings auch von einem vortreffliehen d e u t s e h e n Kenner des Polenproblems, Prof. M, Kranz, in anerkennenswerter Objektivität und Unvoreiiigcnoinmenheit geteilt. So schreibt Kranz in seiner eben erschienenen Schrift ״N c 11 - P o 1 e 11“, nachdem er auf den Wunsch der Polen, die Deutschen im Küiigreßlande ihrem Volkstum einzuver’.eiben, und die Wahrscheinlichkeit des Gelingens dieser Best rebilligen 11 in weist, wie folgt: ״Die Juden zu Polen zu machen, dürfte dagegen weder die Absicht der Polen noch nach ihrer Ansicht möglich sein. Dazu ist die Zahl der Juden zu groß und der jüdische Nationalismus, der Zionismus, schon zu weit entwickelt; auch ist der Rassengegerisatz zu stark, daß ein Ausgleich und eine Verschmelzung stattfinden könnte. Nicht daß es nicht ״Polen mosaischen Bekenntnisses“ gäbe, die polnisch gebildet, polnisch denken und fühlen und im guten Glauben sind, Polen zu sein. Nur ist diese Schicht zu dünn; sie beschränkt sich auf die jüdische Hochfinanz, die sich mit dem Adel im Ge- Schafts- und politischen Leben zusammengefuiiden hat und vollberechtigt zur polnischen Gesellschaft gehört, zum Teil auch zur katholischen Kirche übergetreten Ich vermag nicht zu glauben, daß all diese Tat- Sachen und Erfahrungen der jüngsten Geschichte Bernard Lauer unbekannt geblieben sind. Er glaubt sie aber seinen Lesern verschweigen zu dürfen. Er hat damit sich selbst geurteilt. Seine Voraussetzungen halben sich als völlig gegenstandslos, seine Schlußfolgerungen als hinfällig und illusorisch erwiesen. Mit seinen anderen Behauptungen und Angaben ist es nicht besser bestellt. So <der Versuch, die russischen und polnischen Juden gegeneinander auszuspielen. Es war immer ein beliebtes Manöver der ״Polen mosaischer Konfession“, die aus Rußland in Polen eingewanderten Juden zum Sündenbock zu stempeln. Die ״russischen“ Juden sollen an dem Miterfolg der Assimilation schuld sein — die bequemste Ausrede, uin die eigene moralische Insolvenz, den völligen Zusammenbruch des eigenen Systems zu verschleiern. Allein sie finden keinen Glauben mehr. Die Ereignisse der letzten Jahre haben den Polen die Augen geöffnet. An das Ammenmärchen von der Doppclniission der ״russischen“ Juden in Polen, nämlich zugleich russifikatorisch und national-jüdisch zu wirken, glaubt wohl kein Pole mehr. Ebenso ist es Herrn Lauer Vorbehalten geblieben, die um ihre nationale Selbsterhaltung und ihr elementares Selbstbestimni'inigsrecht kämpfenden Juden ״Germanisatoren“ zu nennen. Diese Behauptung ist besonders dazu angetan, die in jenen isolierten Konventikeln der ״Polen mosaischer Konfession“ gegenwärtig herrschende Verblendung und Desorientierung zu beleuchten. Im Bewußtsein unserer völkischen Eigen- und Sonderart und im Vollbesitz unserer national-kulturellen Eigenwerte sind wir polnischen Juden fest entschlossen, uns gegen jede kulturelle und politische Vergewaltigung, gegen jede Schmälerung unseres Selbstbestimmungsrechtes mit aller Kraft zu wehren. Solche die Wahrheit entstellenden publizistischen Angriffe, wie der des Herrn Bernard Lauer, werden uns daran nicht hindern — und hoffentlich augH‘ in Deutschland ernste Politiker auf die Dauer nj&t irreführen. Eine große Hilfsaktion amerikanischer Juden für die notleidende jüdische Bevölkerung Polens. Die große Not, unter der die jüdische Bevölkerung in Polen leidet, hat zu einer großen Hilfsaktion jüdischer Organisationen der Vereinigten Staaten geführt. Wie uns aus Warsch au berichtet wird, sind soeben 500 000 M., die das jüdischamerikanische Hilfskomitee aufgebracht hat, an ein aus Vertretern der z i o n i s - tischen und der chassidischen Richtung zusammengesetztes Komitee eingetroffen. Diese Summe wird dem schlimmsten Elend wenigstens eine vorläufige Linderung schaffen können. Die IX. Jahreskonferenz der ״Poale Zion“ in Amerika (Schluß.) Besonderes Interesse widmete die IX. Jahreskonferenz der ,,Poale Zion“ in Amerika der Palästina- Arbeit. Der Führer der ״Poale Zion“ in Palästina, der sich jetzt in Amerika aufhiilt, J. B e n-Zwi, hielt ein ausführliches Referat über die Notwendigkeit der Gründung einer Pionier-Gruppe ״H e c h o 1 u z“, die sofort nach Friedensschlub sich nach Palästina begeben soll, '*um dort an die Stelle der Poale Zion zu treten, die Palästina verlassen haben. Der Vortrag von B c 11 - Z w i wurde von C 11 a s c h i 11 und Ben- Gorion ergänzt. Einstimmig wurde dieser Vorschlag von der Konferenz begrüßt und die drei geist, so die Kronenbcrg, Epstein, Natliansohu, und auf Angehörige, der freien Berufe. Die erdrückende Mehrzahl aber, die auf die kulturlosen Polen mit dem Hochmut uralter Kultur herabsieht, ist fanatisch jüdisch und talmudischen Geistes voll.“ Der Herr Verfasser sollte allerdings auch wissen, daß auch die modern gebildeten nationalen Kreise im polnischen Judentum” und vor allem die jüngere Generation, die weder ״fanatisch“, noch ״des talmudischen Geistes voll“ ist, von dem leisesten Wunsch einer Assimilation mit dem Polentum ebensoweit entfernt ist, wie die ältere, strenggläubige Generation. nannten Redner wurden mit der Ausführung des Vor- Schlags beauftragt. Ueber die Tätigkeit des ״Pa 1 ä s t i n a - A rb e i t e r - F o 11 d s“ berichtete der Sekretär dieses Fonds, D. Bentschik, daß die amerikanischen Poale Zion die ersten waren, die die Organisierung der Hilfsarbeit für Palästina unternommen haben. Durch die Sammlungen der Poale Zion wurden manche Arbeiter-Institutionen in Palästina vom Untergang gerettet. Insgesamt wurden während des verflossenen Jahres in Amerika 5600 Dollar zugunsten des Paliistina-Arbeiter-Fonds gesammelt. Nach den Referaten von K. Marmor und Sar über Organisation und Propaganda wurde beschlossen, das Parteiorgan ״Der jüdische Kämpfer“ wieder herauszugeben. Die Konferenz beschloß, die hierfür nötige Summe noch bis 1. Januar 1916 auf- Zubringern Zum Schluß fanden die Wähle n in die Exekutivorgane der Partei statt. Ins Zentralkomitee wurden gewählt: Dr. Sirkin, Zuckermann, Kretschmar-Israeli, David Pinski, Sar, Entin, Appelbaum, Braun, Bentschek, Ehrenreich, Schwarz. Ins Trade-unionistische Komitee: Borochow, Sar, Sirkin und Kendschersky. Ein großartiges Volksmeeting schloß die Konferenz. Mit Begeisterung begrüßte das Meeting einen neuen Gesinnungsgenossen in dem ehemaligen Führer der russischen revolutionären Bewegung, Ingenieur P. Rutenberg, der sich jetzt völlig dem Palästina-Oedanken gewidmet und sich der demokratischen Kongreßbewegung angeschlossen hat. Außer diesem und anderen Wortführern der Partei hielten Reden über die Ideale der Organisation der bekannte jüdische Dramaturg David P i n s k i, der junge Kritiker und Journalist J. Entin u. a. Das Provisorische Zionistische Exekutivkomitee war auf der Konferenz durch Herrn Jacob de Haas vertreten. Ein Zionisten-Prozeß ln Smolensk Die jüdische Tageszeitung ״Welt“ in London berichtet vom 11. November: Am 12. Oktober gelangte vor dem Kreisge - rieht in Smolensk die Anklage gegen den jüdischen Rechtsanwalt J. Israeli tan zur Verhandlung, der der Angehörigkeit zur Zionistischen Organisation beschuldigt wurde. Der Angeklagte verteidigte sich persönlich. Er gab zum Schluß der Verhandlung die Erklärung ab, er sei und bleibe der zionistischen Idee ergeben, und gestand, Zuwendungen zugunsten kultureller Institutionen der Zionistischen Organisation und für das Hebräische Gymnasium in Jaffa, wo seine Kinder erzogen werden, gemacht zu haben. Er betonte, daß seine Beziehungen zur Zionistischen Organisation auch in Zukunft die gleichen bleiben würden. Nach einer einstündigen Beratung wurde der Angeklagte zu einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten verurteilt. ■■| י ״Wozentnorm“ an den neue^ / polnischen Hochschulen ' in Warschau Die polnische Universität in Warschau ist kaum eröffnet, und schon bereitet die ״Frage“ der jüdischen Studierenden gewissen polnischen Kreisen Kopfzerbrechen. Die ״bekannte“ Warschauer polnische Tageszeitung ״Gazetta Poranne“ (״Dwa Grosze“), ursprünglich bekanntlich ein allpolnisches Boykottorgan, veröffentlicht am 10. November einen Artikel, in dein u. a. folgendes ausgeführt wird: 1111״ Lokal der Universität und des Polytechnikums finden sich alltäglich zahlreiche Juden ein, hiesige und aus Lodz zugereiste. Sie erkundigen sich in russisch er Sprache nach den Aufnahmebedingungen an den polnischen Hochschulen, Man denke daran, dab dieses jüdische Element sich im vollen Einvernehmen mit weiten jüdischen Kreisen befindet, die das Polnische nicht übel beherrschen. An der Universität und am Polytechnikum werden die Juden eine eigene, abgeschlossene Korporation bilden. 111 jedem Falle ist es eine Aufgabe von ungelieurer Wichtigkeit, nicht bloß die Universität vor einein derartigen Ferment zu bewahren, sondern auch darauf zu achten, daß die Rechte der Christen an diesen Hochschulen nicht geschmälert werden. Mit anderen Worten: daß sie dort in einer Anzahl vertreten seien, die ihnen von Rechts wegen und entsprechend den Bevölkerungsverhältnissen zukommt. Es zirkuliert bereits ein Gerücht, dab Einschreibungen von Juden in gleicher Anzahl wie von Christen stattgefunden haben, trotzdem die letzteren 85 °/0 der Bevölkerung ausmachen. Von Frauen wurden 8 Auf-