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Jüdische Rundschau · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seife 379 gekommen ist, folgert Cohen ernstlich, daß diese religiösen Bewegungen einen innerlichen Zusammenliang mit dem Judentum gehabt haben. Fast jede einzelne Tatsache, die Cohen anführt, steht schief in der Beweisführung. Leider fehlt es mir an Raum, auf alle ein/ugelien. Die lOOO Jahre üesehichte der Juden in!Deutschland faßt Cohen auf als die Zeit der ״langen Vorversuche“, nach welcher ״endlich die Verbindung beider Volkstypen“ (also der Deutschen und der Juden) ״im deutschen Geiste zu einer Tatsache der modernen Kultur wird.“ (Seite IQ.) Diese ״Vorversuchc“ im Mittelalter waren für die Deutschen ja weniger schmerzlieh als für die Juden; dafür gewährt Cohen den jetzigen Juden aber die Genugtuung, sich verschmolzen mit den Deutschen als Mitschöpfer des deutschen Geistes zu fühlen! Ich konnte hier nur auf die wesentlichsten Teile der Arbeit Cohens eingehen. Ich glaube aber, bestätigt zu haben, was ich in meinem ersten Aufsatz über die Schrift gesagt habe. Sie ist eine unerfreuliche Erscheinung, in ihrer l leberstiegen heit geeignet, die Beziehungen von Deutschtum zu Judentum eher zu zerstören als m fördern. Was Cohen letzten Endes beweisen will, ist nicht zu beweisen, und die wichtigsten Dinge, die in einer objektiven Verständigung zu sagen sind, bleiben bei Cohen ungesagt. Für uns bewußte Juden ist die Schrift Cohens in einem beschränkten Sinne als Symptorn wertvoll. In ihr spricht ein Mann, der sein liberales Assimilations-Judentum konsequenter als die breite Masse der liberalen Juden durchdacht hat. Die von ihm verfolgten Gedankengänge zwingen ihn nun zu Konstruktionen und Beweisführungen, die dem Durchschnittsjuden unnötig erscheinen, die aber tatsächlich durch das Wesen des Assimilations-Judentums bedingt sind. Daß dann schließlich alles auf so schwachen Füßen stehen bleibt, ist nicht Cohens Schuld, sondern liegt im Wesen des Assimilations-Judentums, das kultunnäßig in seinen Wurzeln und seinen Folgen unmöglich ist. Z w i c k a u i. S. S. Schocken j r. *) von Cohen gesperrt. Zum polnisch-jüdischen Problem (Erwiderung eines polnischen Juden). Von Leo Rosenberg. im Novemberheft der ,,Preußischen Jahrbücher“ ist ein Aufsatz unter dem obenstehenden Titel von Bernhard Lauer erschienen, in dem der Verfasser, der dun Anschein zu erwecken sucht, als ob er die aut polnisch-jüdischer Seite herrschende Auffassung des Problems und das jüdische Interesse vertrete, gegen die von der gesamten volkstreuen Judenheit für die zwei Millionen Juden Polens geforderte national-kulturelle Gleichberechtigung ins Feld zieht. Vor allem ist zu bemerken, daß Herrn ■Bernard L a u e r als Angehörigem einer dem Judentum völlig entiremdeten polonisierten dünnen Oberschicht im polnischen judentum, die keine Fühlung mit dem jüdischen Volksleben und keine innere Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft hat, nicht das Recht zusteht, den Standpunkt eines ״polnischen Juden“. schlechthin zu vertreten und sich zum Wortführer der polnischen Judenheit aufzuwerfen. Zudem aber beruhen seine Argumente auf einer vollkommenen Verdrehung des offenkundigen Sachverhalts und einer ganz unbekümmerten Entstellung der allbekanntesten Tatsachen. Es ist nicht meine Absicht, die Judenfrage in Kongreß-Polen hier einer umfassenden Erörterung zu unterziehen. Ich möchte hier nur ganz kurz die in dem völlig isolierten Kreise der polnisch-jüdischen Assimilation herrschende Auffassung des Problems an der Hand der Ausführungen ihres neuesten Wort- Führers ins richtige Licht rücken. Es ist zunächst ein wunderlicher Grundirrtum Lauers hervorzuheben und zu beleuchten, der die Quelle aller dieser anderen Irrtümer, Verständnislosigkeiten, Fehl- und Trugschlüsse bildet. Der Verfasser stellt das Problem so, als wären die zwei Millionen polnischer Juden seit jeher polonisiert oder zum mindesten auf dem besten Wege zur Polonisierung. Er stellt die Assimilation der Juden mit den Polen als eine natürliche, gegebene Tatsache und Notwendigkeit hin, wobei ihm wohl die Verhältnisse im Westen als Analogie vorschweben. Ausschließlich die Nationaljuden.für den Verfasser identisch mit russischen Juden, deren Nationalismus ihrer besonders schlechten rechtlichen l äge unter russischer Herrschaft entsprungen, in Polen selbst aber gcratle/u auf einen, von Seiten der r;.N,i-eI1en Regierung auf die Juden;uisgeiibten ״Zwang der Bekemumg zur jüdischen Nationalität“ zurück/.iiführcn sei, hätten die polnisch-jüdische Einheit und Eintracht getrübt, die Assimilation gehindert, be/.w. rückgängig gemacht, die polnischen Juden ״jargonisiert" und den schlimmen ״llaus/wist" /wischen Polen und Juden ange/ettelt. Für das Aufkommen einer nationalen Bewegung in der Jtidcnhoit tuulet der Autor keine andere Erklärung als ihre bürgerliche Rechtlosigkeit. Der höchste Schluß dieser politischen Weisheit ist die Feststellung, ״der Zarismus sei der eigentliche Schöpfer des NationaljudeuUims und dieses ist somit ein russisches Kunstprodukt.“ Wie ist eine derartige Verdrehung der elementaren Wahrheit möglich geworden? Ungefähr mit dem selben Recht und derselben Logik könnte man bthaupteil, daß Komiparte der eigentliche Schöpfer der nationalen Einheit Deutschlands lind der deutsche Nationalismus ein ,,französisches Kunstprodukt“ ist! Dieses Argument bedarf wob! keiner weitläufigeren Behänd hing. Was Lauer aber über das Verhältnis der ין o I n i s c 11 e!1 J u d e n zum Pol e 11 t :1 m zu sagen weiß, bedeutet nichts anderes als eine völlige I g n o - r i e r 11 n g d er \v i r k 1 i e 11 e n Verhältnisse Liebesgabensendung der Zionistischen Vereinigung t&r Deutschland zum Chanukahfest Der größte Teil unserer (ähamikahpaketc ist bereits abgegangen, so daß unsere Freunde unsere Sendungen hoffentlich tun ersten Abend des Chanukah-Festes, Mittwoch, den 1. De/ember, erhalten werden. Inzwischen ist aber noch eine große Anzahl von Feldadressen unserer Freunde wie bedürftiger jüdischer Soldaten eingetroffen, die wir alle nach Möglichkeit noch bedenken möchten. Wir bitten daher alle unsere Freunde, die Sammlung fortzusetzen und uns Barmittel, Genußmittel aller Art und postfertige Pakete einzuschicken. Jedem Paket soll eine Karte des Spenders beigefügt werden. Zuschriften und Geldsendungen sind an die Adresse unseres Herrn Max W o 11 s t e i n e r, Charlottenburg, Roscherstr. 5, Postscheckkonto Berlin 3847, zu richten. Pakete ausschließlich an die Adresse unseres Bureaus, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. Zionistische Vereinigung für Deutschland. und Tatsachen. In Wahrheit haben zumindest 80 “/ס der polnischen Juden noch heute gar kein Verhältnis zürn polnischen Volkstum, zur polnischen Sprache und Kultur. Abgesehen von dem kleinen Kreis 11er Assimilationsjiulen, der einen winzigen Bruchteil der polnischen Gesaintjudenheit ausmacht, leben das polnische und jüdische Element in williger Trennung und Abgeschlossenheit voneinander. Die erdrückende Mehrheit der Handel und Gewerbe treibenden jüdischen Bevölkerung in Polen versteht überhaupt kein Polnisch oder doch nur ganz wenig. Das Jidische ist die alleinige Umgangs- und neben der hebräischen auch die Schriftsprache der jüdisehen Massen. Wer auf zahlenmäßige Belege Wert legt, mag auf die Tatsache hingewiesen werden, daß in der russischen Volkszählung von 1807 von den 5 215 805 Juden des russsischen Reiches 5 054 301) --- 96,90 0 ״ das Jidische als ihre Umgangssprache angegeben haben. Auf kulturellem Gebiete herrschte und herrscht noch heute zwischen dem Polcntum und dem Judentum eine völlige Fremdheit, Verhältnislosigkeit. Für die weiten Volksschichten ist diese völlige Absonderung schon religiös motiviert. Das modern gesinnte Element und die gebildete jüdische Jugend aber ist in den national-traditionellen Schulen aufgewachsen, in denen ausschließlich hebräische Lehrfächer unterrichtet werden, und ist von urjüdL sehen Gefühls- und Gedankenwerten erfüllt, so daß ihre Beziehungen zur polnischen Geisteskultur — wo solche überhaupt bestehen nur äußerlicher Art sind. Diese überwiegende Mehrheit der polnischen Juden hat ihre national-jüdische Gesinnung wahrlich nicht erst von außen her empfangen müssen. Die große Aufklärungsbewegung, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Ost-Judenheit einsetzte lind eine elementare nationale Bewegung in- Leben lief, hat /war erst im letzten jahr/elmt im überaus konscrvativen polnischen Judentum VC' 11 izeT zu fassen vernioeiit. Dann aber gingen von :11!' die tiefsten Wirklingen aus. Die ganz neuere l iesehiehte des (Dt- Judentums steht itu /.eichen dtniiisirehcndcn fielen Nationalbewußtsems. Unter dein Einfluß dieser national-kulturelle!! Wiedergebiirtsbeweg 1mg entstand eine moderne Literatur in hebräischer mul jüdischer Sprache, die namentlich;111! Belletristischem Gebiete die höchsten Leistlingen autwrist. Daß;!her tlic-c national-kulturelle Renai--ance auch 1m p o 1 11 1 s c 11 e 11 Judentum bodenständig, naturwüchsig war, beweist wohl nichts besser als der I instand, daß es urpolnische Juden sind, die zu den hervorragendsten Führern der nationalen Bewegung und des geistigkulturellen Lebens wurden. Ich nenne mir die Namen N a It u in S u k o I c> w und J. L, P e r e /. Die polnische Judeiilieit hat die bedeutendsten jüdischen Dichter in der Gegenwart henorgebraclu. Warschau ist der erklärte Mittelpunkt des geistigen Schaffens im gesamten Ostjudentiun geworden. Die Metro'pole Polens beherbergt!11 ihren Mauern die bedeutendsten hebräisch-jüdischen Verlag sanstalteig Tageszeitungen, Theater und namentlich die mustergültigen hebräi-chen Volksschulen, Kindergärten und sonstigen Interriclitsinstitute. Die national-kulturelle Bewegung erreichte ihren Höhepunkt im Beginn des zweiten Dezenniums dieses Jahrhunderts. Die von der russischen Revolution v an 1905 06 ausgegangeiK'ti gewaltigen Bewegungen Und Impulse haben auch im Leben der ostjiklisehen Millionetmiassen die tiefgehendsten Wirkungen ausgelöst. Die. Auswirkungen der Revolution hatten überall das Erwachen des politischen Geistes und des Sinnes für Organisation und Zusammenwirken zur Folge. Es entstand überall das Bestreben, passive Energien zu aktivieren, geistige Kräfte in reale nmzuset/en, sich auf allen Gebieten des Lebens zur vollen Geltung zu bringen. Audi die ostjüdischeil Massen treten um diese Epoche ins volle Licht der politisch-kulturel len Oeffentlichkeit und schicken siel! an, ihre Kraft und ihr Recht geltend zu machen. Dieser fortschreitende Politisieruiigsprozeß der polnisch - jüdischen Massen konnte den Polen, denen das iniierjüdische Leben bis dahin ei 1i Buch mit sieben Siegeln blieb, nicht verborgen bleiben, und erschien ihnen als eine Bedrohung, ja als Gefährdung ihrer nationalen Zukunft. Denn die polnische Gesellschaft war immer durch die polonisierten jüdischen Politiker in den Wahn gewiegt worden, das polnische Judentum sei im Begriffe, im Polcntum auf zugehen. Nun aber begaim überall in den polnischen Kreisen die Erkenntnis zu tagen, daß eine Assimilation der jüdischen Millionenmasseii, die in Sprache tmu Kultur, in Religion und in Lebensart mit den Polen nichts gemein haben, eine Unmöglichkeit sei. So entstand jener elementare Umschwung der Geister, jene iiaturgewaltige Reaktion, wie sie in der unt diese Zeit entfesselten judenfeindlichen Bewegung in Polen, die ihresgleichen in der ganzen neuzeitlichen Geschichte nicht hat, in die Erscheinung trat. *) Au der Spitze dieser Bewegung stand die russophile unpolitische Partei der Nationaldentokratie (״Narocknva Democraeya“), die in Kongreß-Polen wie in Oesterreich bis zur letzten Zeit die stärkste polnische Partei bildete. Die Führer dieser Partei haben es vor allem auf eine gewaltsame Erschütterung der jüdischen Wirtschaftsstellung abgesehen; ihr Judenhaß ist vor allem Wirtschaftlieh motiviert. In diesen ihren gegen die Juden gerichteten Bestrebungen fanden sie auch in den Kreisen der anderen im politischen Leben Polens maßgebenden Partei, des ״E o r t s c 11 r i 11 s“ (״Postcp“) tatkräftige Unterstützung. Roman 1) m o w s k i und Andrzei N i e in o j e w s k i, die Führer der beiden Parteien, waren zugleich die Wortfiihrer jenes polnischen Antisemitismus, der in seinem Vemichtungskampf gegen die Juden schlechthin, auch gegen die polonisierten, vor keinem Mittel mehr zurück- *) Ich spreche hier natürlich von den unmittelbaren Anlässen und Triebkräften des zeitgenössischen polnischen Antisemitismus. Der polnisch-jüdische Antagonismus ist viel älter und hat seine tiefsten Wurzeln in einem elementaren wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß. Die Juden, die im polnischen Wirtschaftskreis den seit jeher fehlenden städtischen Mittelstand ersetzten, waren mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Fortschritt und der fortschreitenden Industrialisierung des Landes einem Deposedieningsprozeß anheimgefallen. Der moderne polnische Antisemitismus trägt auch seit seinem ersten Hervortreten in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in denen J e 1 c n s k i einen Vemichtungskampf gegen Juden und Deutsche m predigen begann (so in seiner berüchtigten Schrift ״Juden, Deutsche und wir Polen“), einen ausgeprägt wirtschaftlich-sozialen Charakter. Einen eigentlich' religiös und kulturell motivierten Antisemitismus gab es in der polnischen Gesellschaft nie, hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil auf kulturellem Gebiete immer eine reinliche Scheidung der heterogenen Elemente bestand. Es gab aui kulturellem Gebiete keinen Berührungspunkt zwischen Judentum und Polcntum, daher auch keine eigentliche Reibungsfläche. I

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