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Jüdische Rundschau · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 37 S JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 47 stehen ja alle Völker, mit denen Deutschland jetzt im Kriege ist, unter dem gleichen Einfluß des Christentums. Die Einfügung des (Jriechentu ms, kann also weder zur Ermittlung der Oenauigkeit und Bestimmtheit des Begriffs Deutsch tum und Judentum, noch als wertvolles Ver gleichsmoinent dienen. Cohen läßt auch das zu Beginn programmatisch eingeführte Verfahren gleich fallen. Er verzichtet aber auch in der Folge darauf, das Wesen des Deutschtums und des Judentums präzise zu bestimmen und abzu grenzen. Als die drei wesentlichen Momente einer nationalen Kultur zieht er die Religion, Knust und Philosophie heran und will an ihnen das Verhältnis, Einwirkung und Wechselwirkung zur Erkenntnis bringen. Er spricht zuerst von der Philosophie. Es ist nicht möglich, auf Cohens Ausführungen einzugehen, weil er selbst hier nur Einzelnes knapp und in sparsamen Andeutungen sagt. Es ist auch nicht nötig, weil er Wesentliches zu der Vergleichssteliung ״Deutschtum und Judentuin“ in diesem Punkte nicht behauptet. Es wird aber jedem Leser auffallen, daß Cohen es unterläßt, auf Spinoza hinzuweisen. Dieser große, jüdische Philosoph hat nirgends so groß gewirkt, als im Deutschtum, das in Herder, Goethe, Schelling, Fichte, Schleiermacher, der Romantik, Herbart usvv, wesentlich von ihm beeinflußt wurde. Der philosophische Gegensatz, in dem Cohen mit Kant in seinem System zu Spinoza steht, bietet keine Erklärung für diese Tatsache, das Verhalten Cohens stammt aus seiner Stellung innerhalb des Judentums (siehe unten). Auch die Religion, die nach Cohen ja eigentlich der einzige Inhalt seiner Schrift sein müßte, behandelt Cohen nirgends erschöpfend. Als die Religion des Deutschtums bezeichnet er den Protestantismus. Das Deutschtum der 25 Millionen deutscher Katholiken schaltet er aus. Bemerkungen •über das religiöse Judentum sind über die ganze Schrift verstreut. Sie wiederholen die bekannten Anschauungen des Überaler! Judentums vom Prophetisnnrt und Messianismus, (,'oben gehört zu den wenigen Bekennen! des liberalen Judentums, die ein klares Bewußtsein davon haben, welchen breiten Raum sie dem Wesen der protestantischen Kirche in ihrem Bekenntnis gewähren. Er hat sicli hierüber früher einmal recht deutlich ausgesprochen (״Ein Bekenntnis in der Judenfrage“): ״Die deutschen Juden haben sieh in ihren religiösen Bewegungen der protestantischen Art religiöser Kultur auf das Unverkennbarste angeschlossen.“ (Seite <).) ״Vieles von dem, was wir jetzt als moderne Menschen in unserem Judentum lebendig erkennen, ist christliches Licht, das über jenem alten, ewigen Grund aufgegaugen. Oder wäre etwa die Ansicht, die wir jetzt von der messianisehen Idee haben, denkbar ohne die religiöse Befreiung, welche der deutsche Geist durch Martin Luther gesegneten Andenkens ins Werk gesetzt hat?“ ,,Unsere israelitische Religion, wie sie uns heute lebendig erfüllt, ist tatsächlich eine kulturgeschichtliche Verbindung mit dem Protestantismus bereits emgegangen.“ ״ln allen geistigen Fragen der Religion denken und fühlen wir im protestantischen Geiste.“ (Seile 24.) (Lohen ging damals soweit, zu behaupten, daß diese religiöse Gemeinsamkeit des gegenwärtigen liberalen Judentums mit dem Protestantismus als das in Wahrheit kräftigste, das wirksamste Bindemittel fiir eine innige nationale Verschuldz.ung der Juden mit den Deutschen sei. ־ (Lohen ist bestrebt, die Beziehungen, in die das liberale Judentum im 19. Jahrhundert zn dem Protestantismus getreten ist (Beziehungen, bei denen der Protestantismus gibt, das liberale J11dentum empfängt), auch schon als früher bestehend und auch im Judentum wesentlich bedingt aufzuweisen. 111 diesem Sinne behauptet er in der vorliegenden Schrift, ,,daß das Judentum in seiner ganzen philosophischen Entwicklung vom frühen Mittelalter ab den Geist des Protestantismus in sich genährt bat.“ (Seite 21.) Daß diese Behauptung für das Judentum, soweit es in seinen Bekennern gewirkt bat, unzutreffend ist, brauche ich nicht zu beweisen. Alle tatsächlichen Dinge, die gegen Cohens Anschauungen sprechen, läßt er unbeachtet, und historisehen Erscheinungen wie den Philosophen Spinoza und Mendelsohn tut Cohen Gewalt an, indem er ihre Anschauungen mißt und beurteilt nach seinem religiösen Weltbild, das Ideen der protestantischen Bibelkritik und Religionswissenschuft auf genommen hat. Die Tatsache, daß Spinoza die Juden •selbstverständlich als Volk anspricht (sollte er sich ganz als Spanier, Portugiese oder Holländer fühlen?), daß er das Judentum als Volksreligion betrachtet und über den Prophetismus und die Offenbarung Anschauungen ausspricht, die sieh mit denen des liberalen Judentums nicht decken, rechnet Cohen Spinoza schroff an und die Behandlung, die Spinoza durch Cohen erfährt, zeigt wieder einmal, welche positiven Folgen der negative Standnunkt des Liberalismus haben kann. In einer Schrift, abgedruckt im Jahrbuch (1915) des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, das sich an das breite, bildungsbeflissene jüdische Publikum wendet, veröffentlicht Cohen eine Arbeit gegen Spinoza. Ich kann in dem beschränkten Raum hier nur einige Kraftproben wiedergeben. Cohen sagt: ״Es gehört zun! Stil solcher'Geister, die, wie Spinoza, auf eine schriftstellerische Wirkung hin, und zwar auf eine aktuelle, ihre Gedanken ausbauen, daß sie nicht nur vor keiner Konsequünz zurückschrecken, sondern daß vielmehr die Paradoxie der Konsequenz sie anreizt, weil sie ihnen die Illusion des Kämpfermutes vorspiegelt.“ (Seite 63.) Er spricht von einem menschlich unbegreiflichen Verrat, den Spinoza gegen das Judentum begeht. (Seite 124.) Er nennt Spinoza kurzerhand den Fälscher und Verleumder des Judentums. (״Die religiösen Bewegungen“, 1914, Seite 21.) Wenn Spinoza an der bekannten Stelle im theologisch-politischen Traktat von einer nationalen Zukunftsmögliehkeit der Juden spricht, so meint Cohen”, das dürfte ohne Annahme einer dämonischen Ironie schwerlich zu begreifen sein. (Seite 97.) Er nennt Spinoza den bösen Dämon, dessen Nachwirkung sich jetzt noch in den antisemitischen Tageszeitungen findet. (Seiic!27.7 ln diesem letzten Satze zeigt sich die Nervosität des liberalen Juden, die aus seiner selbstgeschaffenen Stellung als Deutscher, jüdischer Konfession, stammt. Nur aus ihr heraus ist verständlich, wenn Cohen sagt: ״Bei der Frage des Judentums und der Juden genügt schon der Mangel an Vorsicht, um den Haß zu beweisen, zumal, wenn ciieser Mangel in so erstaunlicher Weise (wie bei Spinoza) vorhanden war,“ (Seite 133.) Wir sind nicht berufen, diesen Streitfall (Lohen - Spinoza auszutragen. Als Beitrag zur Seelenkunde des liberal-jüdischen Deutsehen mußte ich ihn aber hier erwähnen. Mendelsoim wird von (Lohen besser behandelt. Daß er die religiöse Anschauung der liberalen Juden nicht hat, daß er den Prophetismus und Messianismus ״verkennt“, wird ihm von (Lohen tadelnd ungerechnet, aber (Lohen hat Anlaß, Mendelsohn wegen seiner Verdienste für die Annäherung der Juden an das Deutschtum hoch einzuschätzen und nach dieser Seite kommt er z.q charakteristischen Uebertreibungen. ln seiner Tendenz, die Verbindung Judentum und Protestantismus in die Vergangenheit zu verlegen, schreibt er von den Uebersetzungen Mendelsohns aus der Bibel: ,,So strömt aus den deutschen Worten der Schrift zugleich deutsche Religiosität' in die jüdische hinüber und beide erkennen sich in ihrer Verwandtschaft.“ (D. u. J., Seite 31.) Er sagt von Mendelsohn: ״Das D e u t s c 11111 m h a t e 1־ z u einer Lebensk r a f t d e s J u d e 11111 m s her a n g e z o g e n*). Er bleibt der Reformator des Judentums, weil er mit dem Geiste des Deutschtums das Judentum erfüllte und dessen Weltmission dadurch von neuem auf ihr prophetisches Ziel hingelenkt wurde, das bis auf jene Tage noch verdunkelt blieb.“ (Seite 25.) ״Jetzt erst erstand ihnen“ (den Juden) ״der Messias im deutsc h e n Geist e w i e d e r“*). (Seite 30.) (Lohen behauptet ernstlich, daß dem Juden aller Länder wegen des Einflusses, den das Deutschtum auf seine Religion ausgeübt hat, ״Pflichten der Pietät gegen Deutschland obliegen; denn es ist das Mutterland seiner Seel e*), wenn anders seine Religion seine Seele ist.“ (Seite 35.) Das dritte Moment der nationalen Kultur, die Kunst, behandelt Cohen nur soweit, als es ihm möglich erscheint, verwandtschaftliche Be- Ziehungen zwischen Deutschtum und Judentum aufzuweisen. Er beschränkt sich auf die Lyrik und auf die Musik. Seine Ausführungen in bezug auf die Psalmen, Lyrik und deutsche Liebe, auf die ich schon im ersten Aufsatz hingewiesen habe, sind ein Beispiel dafür, wie leicht Cohen sich seine Aufgabe macht. Er beginnt: ״Ich wage die Vermutung, daß Luthers Begeistcrung für die Psalmen... die Quelle geworden sei, aus der das deutsche Gemüt die Reinheit seiner Liederkraft geschöpft, gestählt und von allen Zweideutigkeiten der Erotik befreit hat“ und was Cohen selbst eben als eine m wagende Vermutung ausgesprochen hat, wird ihm einige Zeilen weiter zur Gewißheit, indem er sagt: ״Die Psalmen sind demnach der Born dieser Wahrhaftigkeit der deutschen Liebe.“ (Seite 14.) Wenn inan so logische Brücken baut und sie für wertvoll und haltbar hält, kann man freilieh alles heranziehen und alles beweisen, was wünschenswert erscheint. Es ergibt sich daraus eine Wissenschaft, bei der der Wunsch der Vater des Ergebnisses ist. Bei der Behandlung der Musik behauptet Cohen, daß eine Verwandtschaft zwischen der deutschen Musik und der alten jüdischen Musik des Gottesdienstes bestünde. Wie Cohen Historie treibt, zeigt sich besonders deutlicli auf etwa zwei Buchseiten (Seite 19 21), wo er einen Zeitabschnitt von 1000 Jahren jüdischer Geschichte (von Karl dein Großen bis Mendelsohn) überfliegt. Auf diesen zwei Seiten sind etwa 20 verschiedene Tatsachen aufgeführt, nicht die wesentlich Wichtigen, sondern es werden da Dinge herangezogen oder auch postuliert, aus denen man mit oder •ohne Zwang Verwandt- Schaftsbeziehungen vom Deutschtum und Judentum konstruieren kann. Ich gebe einige Beispiele: ״Unter Karl dem Großen verbreiteten die Juden als Reisende überallhin die deutsche Sprache.“ Es wird Cohen schwer werden, die Behauptung in dieser Allgemeinheit mit Daten zu belegen. Nach (Lohen haben im Mittelalter die jtidischen Gelehrtenschulen am Rhein, im Kontakt mit ihrer deutschen Umgebung stehend, sich einer innerlichen Beeinflussung ihrer Umwelt hingegeben. Aus dieser postulierten Tatsache folgert er auch wieder die Urwüchsigkeit des Verhältnisses der Juden zu den Deutschen. (An einer anderen Stelle nennt (Lohen die hebräische Zeitschrift ״Ha-Meassef“ eine deutsche Zeitschrift ״der Sammler“.) (Lohen führt als Zeichen der engen Be- Ziehungen zwischen Deutschen und Juden an, daß die Juden während des Mittelalters niemals vollständig aus Deutschland ausgetrieben worden sind, wie in Frankreich und in England. Wenn man ein Buch schreibt, das die guten Be- Ziehungen zwischen Deutschtum und Judentum darstellen soll, so muß es schwer werden, auf die Geschichte der Austreibung der Juden in Deutschland hirizuweisen. Daß man aber schließlieh auch hierbei noch ein Moment heraus- ׳ konstruieren kann, das zugunsten eines engen Verhältnisses zwischen Deutschtum lind Judentum spricht, zeigt, was man alles scheinbar beweisen kann. (Die Erklärung für die von (Lohen verwendete Tatsache ergibt sich aus der Verfassung des Deutschen Reiches im Mittelalter.') (Lohen sagt: ,,Auch später zeigt sich in einer Einwirkung des Judentums auf christlich( Sekten dieser innerliche Zusammenhang. Di( Albingcnser, wie die Hussiten werden; der Sympathie mit dem Judentum bezichtigt.' (Seite 20.) Also aus dem Tatbestand, daß ge wohnheitsmäßig von der Kirche und vom Volk; Ketzer der Beziehungen zu den Juden und di; Juden der Beziehungen zu den Ketzern verdäch tigt worden sind, und daß diese Vcrdäclitigun! auch bei den Albingensern und Hussiten vor ‘) von Cohen gesperrt. *) von Colien gesperrt.

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