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Jüdische Rundschau · 1915-11-19 · Heft 47 (19.11.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 47 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r I I I I I I I I I I I I -1 Abonnements I aaf die wöchentlich am Freitag er- ן scheinende ״Jüdische Rundschau14 ■ kosten bei der Expedition und bei ■ allen Postämtern vierteljährlich M. 1,75! innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- 2 Ungarn M. 2,50, im Auslandl M. 3,—. * Jüdische Rundschau, G, m. b. H. | BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. | Telephon: Amt UhSand 845, 846. | Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. | 1_1 UU6DISCH6 RUNDSCHAU r I Anzeigen I I I I I 1 I kosten für die sechagespalteoe Petitteile oder deren Raum 40 PL; Stellen- Angebote und -Gesuche sowie Vereins־ Mitteilungen uud ״Kleine Anzeigen" O O O O nur 30 Pfennig. O O O O Manuskripte werden, wenn Porto beiliegt, stets zurück gesandt Red akti onaschlsfi: Mittwoch vormittags, RsdaktloQ Jüdische Ruadidia■ BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846. Postscheckkonto: Berlin Nr, 17 3W. ALL66MCIN6 3UCDISCHC ZCITUNG Nummer 47 Berlin, den 19. November 1915 — 12. Kislew 5676 XX. Jahrgang. Den Ostjuden ihr Recht! Heute gilt es eine Schrift anzuzeigen, die in sehr vielen Punkten das für uns Entscheidende sagt: die neue Schrift von Dr. Nathan Bimbäum ״Den Ostjuden ihr Recht!“*) Auf ungef ähr dreißig Seiten 1stellt hier, was wir sind, was vor allem die Ostjuden sind, was sie wollen und verlangen und 'welche Anerkennung sie hauptsächlich von Deutschland und von Oesterreich beanspruchen müssen, ln dieser Schrift ist nicht das Rohmaterial zusammengetragen, das sich andere, von der!Aktualität gestoßen, aus Büchern und Zeitschriften zusarnnienklauben, um Bescheid sagen zu können. Birnbaums Schrift ist keine Ausschnittesainmlungund kein Leitfaden für neugierige Spaziergänger, die sich auf billige und bequeme Art in den Besitz von Kenntnissen setzen möchten. In dieser neuen Schrift von Birnbaum pulst wieder!einmal die ganze elemeritare Ursprünglichkeit Nathan Birnbaums, der sich in seinem Innersten mit dem Leben und dem Schicksal unseres Ostjudentums verbunden fühlt und in dem dieses daher seinen berufenen Repräsentanten und Sprecher findet. Den Ostjuden ihr Recht! Einen mannhaften Klang׳ hat die Forderung Birnbaums. Von den verächtlichen Erzeugnissen würdelosen Winselns, das verdreht und verschweigt, um, wo es in Wahrheit uni das Schicksal des jüdischen Volkes geht, kleine Cliqueninteressen zu betreiben, mußte man sich abwenden. Wer aber nach dem mannhaften und kluger! Worte eines wirklichen Repräsentanten des Ostjudentums verlangt, soll diese Schrift Birnbaums lesen. Hier ist gesagt, — und mit dem beherrschten Feuer des ganz Mitlebenden gesagt —, daß das Ostjudentum eine Volksgemeinschaft ist, die sieh um keinen Preis auf den Weg der westlichen Assimilation drängen lassen wird. ׳ Und hier ist gezeigt, welches Interesse die Kultur und welches praktische Interesse Deutschland und Oesterreich an der Erhaltung der jüdischen Nationalgemein- Schaft haben. Mit ׳ überzeugender Deutlichkeit tritt Birnbaum den Schwätzern uud gewissenlosen Selbstsiichtlern entgegen, die in Deutschland besonders den Glauben nähren möchten, das Ostjudentum sei doch nur ein willen- und kraftloses Objekt, das kein nationales Eigenrecht besitzt und ohne Rücksicht um seine Existenzberechtigung im Dienste einer Doktrin geopfert werden dürfte. Birnbaum macht es, worauf ich besonders hinweise, klar, wie gänzlich unfruchtbar und wie gefährlich es wäre, wenn Deutschland den Versuch machen wollte, das polnische Ostjudentum zu germanisieren. Wohl stellt der!Monier des jüdischen Nationalismus, an den sich keine Mißdeutung heranwagen kann, fest, wo und wie weit Wahl- Verwandtschaft und Interessen Verbundenheit zvvisehen dem Ostjudentum und dem deutschen Volk besteht, aber in eindringlichen Worten spricht er aus, wieviel für die Deutschen davon abhängt, daß sie sicli von allerlei Suggerierungen seitens nicht Informierter und allzu Interessierter freimachen und in ihrer Politik gegen die Ostjuden nicht einfach die Politik kopieren, die sie seit den Tagen der Emanzipation gegenüber der heimischen Judenschaft befolgen. Wertvoll und notwendig ist es, daß der Mann, der am feurigsten von allen für das Jiddische *) R. Locwit Verlag, Wien, Preis M. —,60. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffenflieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.״ Baseler Programm. kämpft, dort, wo es sich um die Feststellung der Beziehungen der jiddischen Sprache zur deutscheu handelt, darauf verzichtet, daß das Jiddisehe ״als Beweis der Treue gegenüber dem Deutschtum, als eine Art Offenbarung deutscher Kultur, als deutsch ,glorifiziert‘ oder als nützlieh für die deutsche Wirtschaft sozusagen entschuldigt werde. Die seltsame Anziehungskraft, die das deutsche Volk und das deutsche Wesen auf die Juden auch dort ausüben, wo diese ein ganz selbständiges Kulturleben führen, bat es ..!nicht nötig, mit unwahrem und sentimentalem Geschwätz erklärt und dadurch entwertet zu werden. Und der wirtschaftliche Nutzen, den das Jiddische tatsächlich den Deutschen bringt, setzt nicht voraus, daß es auch geistig deutsch sei!“ Nicht für uns, sondern für die Außenwelt brauchen und wiederholen wir die Selbstverständlichkeit: ״Die Ostjuden sind keine Deutsehen, ebensowenig wie sie Russen oder Polen!Am!. Sie sind auch!.'h e Nu!g׳!,nbensgemeinschaft. Sie sind nichts von dem, als was sie eine dreifach gefälschte Information der Oeffentlichkeit einredet. Sie sind ein Volk, den anderen Völkern kongruent und kommensurabel.“ Nathan Birnbaum behandelt bloß die nationalen Entwicklungsansprüche des Ostjudentums, hauptsächlich soweit Deutschland und Oesterreich eine Einflußnahme auf die Gestaltung zusteht oder zustehen könnte. Er spricht auch zu den Polen und ,macht ihnen klar, worauf die Ostjuden nicht verzichten können. Ein Pole selbst hat jüngst in der Zeitschrift ״Polen“ ausgesprochen, daß sich mit diesen Forderungen rechnen lassen müsse. Wichtige Feststellungen, die sich auf Oesterrciclis Beruf als Nationalitätenstaat beziehen, enthält die Schrift Birnbaums. Ihr Wert aber liegt in der allgemeinen ■Formulierung dessen, was die Ostjuden als ihr nationales Recht fordern müssen. Birnbaums Schrift wird ihre Wirkung uehmen. Wir alle sollten sie zu gebrauchen wissen. Leo Herrraann. |IIIII!llllllllllllllllllllllllllillllllllllllll!lllllll!lll!lll!!l!illllllllll!lll!llllllllll!m | Die ״Jüdische Rundschau" J | in Russisch-Polen J H Die in Russisch-Polen bestehenden § f§ deutschen Postanstalten in Bendzin, g g Czenstochau, Kalisch, Kolo, Konin, 1 ן Lodz,Pabianice,Sieradz, Sosnowice, g j§ Warschau, Wielun und Wloclawek j | nehmen Bestellungen auf die ״Jü- B Ü dische Rundschau“ zum Abonne- 1 H mentspreis voll §j 1 M. 1,75 vierteljährlich J §j entgegen. Ebenso werden Be- §§ 1 Stellungen aus diesen Städten auch 1 g bei der Unterzeichneten Administrajg §§ tion entgegengenommen. §j | Administration der ,Jüdischen Rundschau‘* | Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. f§ il!llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll|lll||l|||||ll||llll||illlllillillllllllllllllllllll]|||IH^ Hermann Cohens Deutschtum und Judentum In meinem ersten Aufsatz habe ich auf Cohens Stellung innerhalb der großen Gruppe liberaler Juden hingewiesen. Er sagt mit ihnen: ״Nur in der üotteslehrc sind wir Juden und wollen wir Juden bleiben.“ Es ist nun eigentlieh unverständlich, weshalb Juden mit dieser Grundanschauung das Thema ״Deutschtum und Judentum“ debattieren. Nach ihrer Ansicht ist ja die Debatte bis auf die konfessionelle Differenz gegenstandslos, und man könnte in Gegen- Überstellung nur vom Christentum und Judentum sprechen. In Wirklichkeit ist es auch kein freiwilliger Akt dieser Deutschen, jüdischer Konfession, wenn sie über ihr Judenscin sprechen. Sie empfinden die Tatsache, daß sie dazu gezwungen sind, als eine Rückständigkeit — der Anderen, als eine Belästigung — durch die Anderen. Von diesem Gesichtspunkte aus nannte Cohen einmal das Judentum innerhalb Deutschlarids eine von einer weitgreifer^den Verschwörung angegriffene Sache. (״Religion und Sittlichkeit“ 1907, Seite 3.) E^ ist eine ganz besondere Verteidigungs* Stellung, in die sich diese Nur-Konfessions-juden hineingestellt sehen. Aufgegebenes muß immer noch verteidigt werden. Angenommenes muß als Eigenes oder Langbesessenes auf gezeigt wer־־ den. Daraus erklärt sich, daß ihnen in einer ganz beispiellosen Weise alles zur Apologie wird; alles, was sie über Judendinge Vorbringen, ist aus dein Gesichtspunkt der Verteidigung gesagt. Daraus erklärt es sich auch, daß selbst Männer, die ihr langes Leben hindurch objektiv wissenschaftlichc Arbeit geleistet haben, zu einer ge־ radezu nervösen Parteilichkeit kommen, wenn sie über ihr Judentum zu sprechen haben. Nur von dieser Seite aus wird der Aufbau und die Durchführung der Cohensclten Arbeit verständ» lieh. Cohen stellt sich zu Begann die Aufgabe, eine Vergleichung des deutschen und des jiidisehen Volksgeistes durelizuführeii, in der das Eigentümliche eines jeden Volkes (so muß es doch auch Cohen hier nennen) ״in voller Genauigkeit und Bestimmtheit zur Ermittlung kommen“ soll. Die Aufgabe zu erfüllen, wäre wertvoll und verdienstlich. Die erste Seite seiner Schrift zeigt aber schon, daß Cohen nicht an der Lösung dieser Aufgabe arbeitet. Um sicherer das Eigentümliche des Deutschtums und des Judentums festzuhalten, schlägt er vor, als Mittelglied das Griechentum einzustellen, mit dem das Judentum und auch das Deutschtum innerliche Verbindungen eingegangen wären. Er weist auf die jüdisch-hellenistische Epoche hin. Was hierbei das Judentum betrifft, so ist zu sagen, daß ihm keine wesentlichen Werte aus dieser Epoche entstanden sind. Jedenfalls hat die jüdisch-hellenistische Zeit auf das Judentum nicht schöpferisch einwirken können; nicht einmal die Namen der bedeutendsten jüdischen Hellenisten waren in der jüdischer! Tradition bekannt. Für das Deutschtum hat die jüdisch-lieb lenistische Epoche mittelbare Bedeutung, weil in ihr sich der wesentliche Aufbau des Christentums zur Kirche vollzog. Die Einwirkung des Chri־ stentums auf das Deutschtum kann aber, wenn man sicli die oben bezeichncte Aufgabe gestellt hat, garnicht herangezogen werden. Schließlich

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