Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 37 Schon damals hatten weite jüdische Kreise nur ein geringes Zutrauen zu dieser Versicherung des finnischen Politikers, der sich nicht viel spater um die Gunst der russischen Liberalen bewarb. Tauchte doch gerade in den Jahren 1905/06, den Honigmonaten der finnlämli scheu Autonomie, gleichzeitig auch die Idee der JudenausWeisung auf, die nur dank der ״Schau für Europa“ nicht realisiert werden konnte. Nun hat jetzt die rechtliche Lage der Juden in Rußland eine gewisse Neuerung erfahren. Ob nur zeitweilig oder auf immer, gleichviel, Tatsache bleibt, daß augenblicklich die Städte Rußlands -- außer den Residenzstädten und dem Don-Gebiet - für die Juden geöffnet sind und daß die Juden, die aus ihrer Heimat verjagt wurden, in großen Massen nach diesen für sie gänzlich neuen Gegenden strömen. Wie hat mm diese Neuerung in Finnland gewirkt? Hat sich Finnland wirklich bemüht, diese Zeit zu benutzen, um sich von jenem ״Schandfleck“ reinzuvvaschen und den Juden, die das Schicksal nach dem Norden verschlagen hat, das Aufenthaltsrecht in seinen Städten zu gewähren? Die Nachrichten aus Finnland behaupten das Gegenteil. Ganz wie früher erlauben die finnischen Behörden auch jetzt den Juden nicht, sich in Finnland niederznlassen. Juden, die kein ״Wohnrecht“ besitzen, werden noch wie immer festgeiionimen, unter polizeilicher Bewachung nach den Bahnhöfen geführt und in die ״Heimat“ abgeschoben. Sogar Juden, die immer in Finnland wohnten, dürfen auch innerhalb Finnlands nicht ohne besondere Erlaubnis von einer Stadt in die andere reisen. Juden, die das ״Wohnrecht" in einer der drei größten Städte Finnlands •— Wiborg, Helsingfors oder Abo ־ haben, müssen jedes halbe Jahr ihr Wohnrecht erneuern und sich eine neue Bescheinigung — Wistelsbilet - ausstellen lassen. Diese Bescheinigung kann ihnen auch jederzeit wieder entzogen werden, worauf sie sich sofort ins ״Imperia“ zurückbegeben müssen. Jeder Jude muß, sobald er ein bestimmtes Alter erreicht hat, das Land verlassen; wer eine Jüdin, die kein Wohnrecht besitzt, heiratet, wird sofort äusgewieseii. Solche und ähnliche pharaonische Gesetze sind noch heute unverändert in dem unterjochten Kulturland Finnland in Kraft, obgleich Rußland selbst seine Wohnrechtsgesetze schon am 4. August aufgehoben hatte. Fürwahr, gegen den Antisemitismus bietet auch ein selbst in Unterdrückung schmachtendes Volk keine Garantie. ,;Unrichtige Informationen In Wien erscheint seit kurzem eine von Herrn Jonas Kreppei herausgegebene ״Jüdische Korrespondenz“, die nach den uns vorliegenden Nummern im Sinne der gali/.isch-jüdischen Assiniilanten zu wirken sucht. Eine der letzten Nummern, vom 21. Oktober 1915, enthält einen Bericht über eine Unterredung, die wegen der Einrichtung des jüdischen Schulwesens in Russisch - Polen zwischen dem jüdischen Reichsratsabgeordneten 1 )r. E. Steinhaus, Mitglied des Polenklubs im österreichischen Abgeordnetenhaus, und dem Refereuten der deutschen Zivile crwaltung, Reichstagsabgeordneten I >r. Ludwig Haas in Warschau stattgefunden habe. Der ״Jüdischen Korrespondenz“ zufolge behauptet Herr I )r. Steinhaus, Herr l>r. Haas habe nach vielen Lrörterungen und Diskussioiu-11 den Standpunkt der österrcichiseh-polnischen Assiniilanteii (״unseren Standpunkt") akzeptiert, ״dai! es den jüdischen Eltern überlassen werden soll, ihre Kinder in einer polnischen oder jüdischen Schule einzusehreiben. In den jüdischen Schulen soll der Jargon die Unterrichtssprache sein, das Polnische als das Obligate eingeführt werden. Der Jargon als Unterrichtssprache soll jedoch nur während eines Uebergaugsstadiums Geltung haben, d. h. bis die Schulkinder sieh die polnische Sprache derart angeeignet haben, um den ganzen Unterricht im Polnischen genießen zu können.“ Herr Reichsratsabgcordneten' Pr. Steinhaus äußert sieh der ״Jüdischen Korrespondenz" zufolge über diesen Punkt zum Schluß folgendermaßen: ״Die Entscheidung in dieser Angelegenheit unterliegt wohl der deutschen Reichsregierung resp. dem Oberkommando. Herr I>r. H a a s versprach jedoch, diesen Standpunkt bei der Regierutig auf das wärmste zu befürworten.“ Jedem Kenner der Verhältnisse müssen diese Ausführungen des Herrn l>r, Steinhaus von vornherein ganz unwahrscheinlich klingen. Wir können unsererseits mitteilen, daß Herr Dr. Haas die Er-!nächtigung erleilt hat, darauf hinzmveisen, daß die in der ״Jüdischen Korrespondenz." veröffentlichten Aeußerungen von Herrn Dr. Steinhaus, soweit sie sich auf Dr. Haas beziehen, unrichtig sind. Die Differenzen in der A. I. U. Von der ״Freien Organisation der Alliance Israelite Universelle“ erhalten wir mit der Bitte um Veröffentlichung die folgende Resolution, die in der Tagung am 7. November 1915 einstimmig gefaßt wurde: ״Die heute versammelten Mitglieder des Zentral- Komitees und der Freien Organisation der A. I. U. haben mit Entrüstung festgestellt, daß der Sekretär der A. I. U. unter Mißbrauch ihres Namens den Aufruf verbreitet hat, den das Zentralkonsistorium der Israeliten Frankreichs an die Juden der neutralen Länder versandt hat und der von den schwersten Angriffen gegen unser Vaterland erfüllt ist. Wir erheben den schärfsten Widerspruch dagegen, daß der Sekretär der A. I. U. ־ - entgegen ihrer Satzung und unter völliger Verkennung ihrer Aufgäbe als reine Wohltätigkeitsorganisation - die ihr als solcher obliegende Neutralität verletzt hat. Wir werden die maßgebende Stelle zur Rechenschaft ziehen und erwarten, daß das Zentralkomitee das Verfahren seines Sekretärs mißbilligen und uns volle Genugtuang gewähren wird. Solange das nicht geschehen, sind unsere Beziehungen zur A. I. U. gelöst.“ Aufruf Zu der immer drückender werdenden Teue rung kommt jetzt der Eintritt der kalten Jal1res: zeit, der das Elend der Darbenden und Notleidenden noch verschärft. Flüchtlinge, Hei m - lose vermochten es wohl, durch Uebernahnie oft ungewohnter, daher schlecht bezahlter Arbeit sich das allerbescheidenste Durclikommen zu erwerben, Kriegerfrauen mit Hilfe aller Sparsamkeit sieh und ihre Kinder durchzubringen. Aber zur Anschaffung warmer Klei du ngs stücke reichen die aufs äußerste heschränkten Mittel nicht aus. Um ihre frierenden Kleinen zu schützen, um ihre eigene Blöße zu decken, müssen sie sich an die Mildtätigkeit wenden. Auch aus den Konzentrationslagern der Zivilgefangenen ertönt dringlich der Ruf nach warmen Kleidern und Schuhen. Um allen diesen an uns herantretenden For derungen gerecht werden zu können, bitten wir d r i n g e n d : S e n d e n S 1 e uns en t be h r 11 c he , möglichst g u t e r h a 11 e ne Klei d u!1 g sstücke, S t i e f e 1, W ä s c 11 e für Kinder, Männer un d Fra a e n! Lassen Sie sich die Mühe nicht verdrießen, die Gegenstände zusarnmenzupacken. Sie wird reich belohnt, wenn auch nur ein frier e n d es K i n d dadurch vor Winterfrost geschützt wird. Verpackung ist in Postkartons an die Adresse der Unterzeichneten erbeten, Kisten sind wegen des beschränkten Raumes nicht untcr/.ubringen. Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland I. A.: Hulda Z I o c i s t i Weißenburger Straße 6 II. Besuch des Oberbefehlshabers in Syrien, General Djemal Pascha, im ״Bezalel“ I >ie jüdische K 11 11 s t s e h n I e ״li <׳ z a I c I“ in Jerusalem empfing, wie die hebräische Tageszeitung ״tlacliernth“ in Jerusalem meldet, am 17. Septemher den Besuch des Marincministers nml Oberbefehlshabers der IV. Armee, General Djemal Pascha. In seiner Gefolgschaft befanden sich die Herren Midhat Bei, Pascha von Jerusalem, Sekki Bei und Antebi. Die Herren wurden vom Leiter der Anstalt, Prof. S c h atz, und dem versammelten Lehrerkollegium empfangen. Die Gäste wurden zuerst durch Prof. Schatz in das Museum des ״Bezalel“ geführt. General Djemal Pascha drückte seine Bewunderung darüber aus, daß in der kurzen Zeit von 10 Jahren eine derartig reiche Sammlung geschaffen werden konnte, und erklärte dem Pascha von Jerusalem, daß ein Jerusalemer S t ad t in u's eu 111 nach dem Muster des Bezalel-Museums geschaffen werden müsse. Der Pascha ersuchte Pro', Schatz um seine Mitwirkung bei der gep,nuten Gründung eines städtischen Museums in Jerusalem. Einen besonders starken Eindruck machte auf.de■ Minister und die anderen Herren das große Bild des verstorbenen II i rs z e 11 h e r g , ״Der ewige Jude“, ״wegen seines tiefen symbolischen Gedankens und seiner großen Kunst“, Vom Museum begaben sich die Herren in die Schule und besuchten zuerst die Kinistabtcilutig, wo eine improvisierte Ausstellung von Schülern ausgeführter Zeichen-, Mal-, Zier-, Treib-, Elfenbeinarbeiten, von Arbeiten in der Steinhauerei, Emaille- und Porzellanmalerei mul Lithographie ihr lebhaftes Interesse in Anspruch nahm. Djemal Pascha verweilte lange in dieser Abteilung und widmete jeder Einzelheit eine eingehende Betraühtung und äußerte seine Freude und Befriedigung über das Gesehene. Djemal Pascha erkundigte sich bei Prot. Schatz eingehend über die Art und Zeit der Gründung der Anstalt, gestattete dem Photographen des Bezalel, Herrn Ben-Dow, ihn und die Herren seiner Gefolgschaft inmitten der Aus- Stellung zu photographieren. Djemal Pascha ersuchte Prof. Schatz um die Herstellung seines Bildes in Elfenbein. Prof. Schatz, zeichnete zunächst das Bild nach der Natur, in mehreren Sitzungen in der Wohnung des Generals. Außerdem bestellte Seine Exzellen/, ein Schmuckkästchen und wünschte ausdrücklieh, daß sie von den Künstlern des Bezalel angefertigt werde, denn so meinte er - er möchte aas Jerusalem als Andenken einen jüdischen Gegenstand mitnehmen, der die Kunst und den Fortschritt der Juden zum Ausdruck bringe.“ Darauf wurde er in das Büro der Werkstätten geführt, wo ebenfalls eine Ausstellung der Arbeiten veranstaltet wurde. Seine Exzellenz besichtigte samtliehe Arbeiten und drückte seine Bewunderung aus. Prof. Schatz stellte die Künstler vor und Djemal Pascha zeigte ein besonderes Interesse für die Silberarbeiten der J e m c 11 i 11 11 und erwarb einen Teppich und eine silberne Zuckerdose, die jemenitische Arbeiten sind. Vor seiner Verabschiedung sprach Djemal Pascha Prof. Schatz seinen Da n k für das Gesehene aus, und als letzterer meinte, daß er für die große Ehre des Besuches danken müsse, erwiderte der General: ״Ich d a 11 k e I 11 n e 11 11 i c h t d a für, w a s Sie mir gezeigt h a b e n , s o n d e rn viel m e h r h a u p t- -s ä c 111 i c h f ü r das, vv a s S i e g e schaffen haben, d a ß S i e ü b e r h a 11 p t et w a s derartig Gr o ß es z. u s t a n d e gebracht haben!“ Der Besuch Djemal Paschas dauerte fast zwei Stunden. Er verabschiedete sich darauf von allen Anwesenden mit größter Liebenswürdigkeit und Verbindlichkeil. .: \ Resolution der jüdischen Arbeitervereine in Warschau bezüglich der jidischen Schulsprache Auf einer Versammlung der Vorstände sämtlicher jüdischer A r heit e rverci 11 e in W a r s e h a U wurde tolgvnde Resolution bezüglich der Unterrichtsspräche in der jüdischen Volksschule gefaßt und dem Warschauer Bürgerkomitee unterbreitet: ״Vom Standpunkt ausgehend, daß die jüdische Volksschule national sein müsse, d. 11. daß die S1huls|,rache nur die Muttersprache der Schüler sein diirle; daß ferner das Seliulprogranini und die Unterrichtsmethoden der Eigenart ‘der Verhältnisse des volkstümlichen Milieus angepaßt sein müssen, daß die Schule dem Volke allein gehören müsse, und in Anerkcniuiiig der Tatsache, daß die IDO OIKI Juden Warschaueine besondere, Vollberechtigte n itionale Gruppe darsSellen erklär! die Versammlung, daß die kulturellen Interessen der Mehrheit der jüdischen Bcvölke:mig mir durch die jidisehc Schule befriedigt werden können. Die l '!lteiricmsspnielH■ müsse jirliseh sein, mul der polnischen Sprachemüsse als L indesspräche ein gebührender Matz als Unlernehtsgegeiistand^ in der jidisehen Schuh■ cingrrüuint werden. Die Schule muß einen weltlichen Charakter ünben, obligatorisch und unentgeltlich sein. In Anbetracht der Tatsache, daß die bestehenden jidischen Ciiadariin nach ihrem Inhalt und (feist in einem -churfrn, unauthehbaren Widerspruch mit den Bedii :iuisseu des modernen gesellschaftlichen Lebens und der elementaren Forderungen einer nationalen Pädagogik sich befinden, daß sie, zur Eni'iLiing rein religiöser Aufgaben bestimmt, den Interessen der Volksbildung 111 e ii t dienen, - erklärt die Vcr-amnihing, daß ein neuejüdisches Schulwesen geschaffen werden müsse. Die Forderung der Versammlung geht dahin, daß das Biirgerkomitee einen jüdischen Schulrat ins Leben rufe, dessen Mitglieder durch die Vertreter der jü- (lischeil Bevölkerung gewühlt werden. Diese Schulbchörde soll mit der Schaffung und der Verwaltung der neuen jüdischen Volksschulen beauftragt werden. 15er W a r s e h a u e r j ü d i s c h e!1 G e in e i n d c- Verwaltung als antidemokratischer, unvolkstüinlieber Institution, elie den wahren kulturellen Interessen der jüdischen Massen fremd gegenübersteht und keineswegs die legitime Volksvertretung repräsentiert, kann diese Arbeit nicht anvertrau‘, werden. Dem jüdischen Schulrat muß ein entsprechender Teil