Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651922-2651966--10364-2667778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 372 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46 jüdischen Eleneitirs chu 1 e וו ersucht wird. Man darf erwarten, daß auch Warschau und andere Städte wirksame Schritte in dieser Richtung unternehmen werden, ■ r m * .v'Das in jidischer Sprache erscheinende ״Wars c h a v c r Tageblatt“ bringt in seiner Nummer •Vom 20. Oktober 1015 einen Artikel über ״l>ie Schn!frage in Lod den wir im nachfolgenden wiedergeben: ״Als der Magistrat in Lodz organisiert wurde und die Schulangelegenheiten unter die Aufsicht der deutschen Behörden kamen, haben doch unsere Assimi lauten ihre Hoffnung nicht verloren und ihre Polonisicrungsge lüste h aben von ihrer Intensität wenig eingebiilit. Im Gegenteil, sie begannen ihre Agitation für das Polnische in den jüdischen Schulen von »neuen!, und von der Theorie gingen sie bald zur Praxis über: ln der Handwerker-Talmud- Thora z. B., die ihrer Aufsicht untersteht, führten sie ohne weiteres die polnische Sprache als Unterrichtssprache ein .. . Aber ihre Polouisierungspropaganda ging noch weiter. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt. Bei den jüdischen Stadtverordneten, die meistens aus ihrer Schule gekommen sind und in anderen Kreisen, die ihren Anschauungen nahestehen, hatten sie selbstverständlich Erfolg. Inzwischen zirkulierten verschiedene Gerüchte über die Zukunft der Schulen. Manche behaupteten, daß in den jüdischen Schulen sämtliche Lehrfächer in der jidischen Sprache unterrichtet werden würden. Manche dagegen meinten, daß das Deutsche als Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen bestimmt werden wird. Die Lodzer Polen mosaischer Konfession ließen sich aber nicht abschrecken und verteidigten ihre Position ״heldenhaft“ von verschiedenen Hintertreppen aus ... Inzwischen wurde Warschau zugänglich und die Assimilanten wurden in ihren Hoffnungen bestärkt. Sic wurden auch nicht enttäuscht: die Lodzer und Warschauer Assimilanten verbündeten sich und die Kampagne wurde mit neuer Kraft weitergeführt. Dann kam ganz unerwartet der Erlaß des Generalfeldmarschalls von Hindenburg bezüglich der Schulfrage, und in diesem Erlaß stand ausdrücklich, daß die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen die deutsche sein!null. Im ersten Augenblick waren unsere Lodzer Assimiianten ganz bestürzt und glaubten tatsächlich, daß ihre ganze Mühe verloren sei und ihre Hoffnungen in Nichts zerrinnen. Aber nur int ersten Augenblick. Nach einigen Tagen erholten sie sich und begannen ihre pro-polnische Agitation von neuem. Und diesmal organisierten sie ihre Agitationstätigkeit in einem breiten Maßstab. Sie setzten all ihre Kräfte in Bewegung, ließen Petitionsformularc drucken und sandten ganze Scharen hübscher Damen und Mädchen aus, um Unterschriften zu sammeln. Uml die jungen Damen mit den vornehmen Kavalieren gjngen von Haus zu Haus und von Hot zu Hof, um Unterschriften für ein Gesuch zu erbitten, daß die Juden durchaus das Polnische wollen... Und im vielfarbigen Lodz fiel es nicht schwer, durch die Bemühungen schöner Damen derartige ״Gefälligkeiten“ zu erlangen. Das ist aber noch nicht alles. Man stürmte den Gemeindevorstand, man wirkte dahin, daß die ״Dosoren“ (Repräsentanten) eine Resolution zugrinsten des Polnischen faßten, und wieder wurde ein erbitterter Kampf entfesselt zwischen der assimilaturischen Mehrheit und der baIhabatischen Minderheit in der Gemeindeverwaltung. Dieser Kampf hat jetzt seinen Höhepunkt erreicht und mit ihm auch die Agitation für das Polnische. Selbstverständlich haben unsere Assimilanten große Erfolge vorläufig noch nicht zu verzeichnen. Und es ist obendrein sehr wahrschein lieh, daß ihre ganze Tätigkeit ergebni-los bleiben wird. Unterdessen aber arbeiten sieg Und tu 111 muß es ihnen zugi'steluai: Mit größter Energie und Hartnäckigkeit! Wie verhalten sich die nat חסו!!jüdisch gesinnte Gesellschaft und die jiulisclun Massen zu der Schulfrage im allgemeinen und zu dieser Agitn.i'.m im besonderen? Darüber :11 einem folgenden Artikel.׳‘ Ausweis der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Schekel: Berlin 1,— , Hohensalza IS, , Frankfurt a. M. 101,--, Ostrowo 8, . Sierck 1, , aus dem Felde I, . Landesbeiträge: Berliner Zionistische Vcreinigung (f. toll) 2(>2, , Dresden 50, , Frankfurt a. M. 30b, , Hohensal/a 10,50. Propagandafonds: Leipzig: S. Prec/ep 3,; Nürnberg: K. R. (2. Rate) 7,30; Straßburg i. E.: Prof. Drcyfuß (L Rate) BL; aus dem Felde: Dr. M. Friedländcr-Berlin 5, , Unteroffizier Mamlok 10, . Verschiedene Spenden: Aus dein Felde 3, . Eingang vom 28. Oktober bis 10. November 1915: Schekel: 132, M.; La n d e s beit r ä g e : 375,50 M.; P r o p a g a ״ d a f o 11 d s: 40,50 M. Gesamteingang:' Schekel: 2830, M.; Laud c s b e i t r ä g e: 3282,50 M.; Pro p• 1: ״ n d a - Fonds: 0200, M. Kriegsbeitrag Bisher haben 261 Gesinnungsgenossen der Aufforderung des geschäftsführenden Ausschus ses auf Zahlung eines Sonderbeitrages entsprochen. Die meisten von ihnen haben sich nicht damit begnügt, den Mindestbeitrag von 6 M. einzusenden, sondern haben Beträge von 10 M. bis zu 100 M. gegeben. Der erste Ausweis wird in Nummer 48 der ״Jüdischen Rundschau“ vom 26. November 1015 veröffentlicht werden. Fs können nur Beträge berücksichtigt werden, die bis zürn 22. November bei uns eingegangen sind. Wir bitten alle Gesinnungsgenossen um baldige Abführung der Kriegsbeiträge. Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlin W 15, Sächsische Straße 8 Postscheckkonto Berlin 80dl Die IX. Jahreskonferenz der ״Poale Zion“ in Amerika Vorn 25. September bis 1. Oktober tagte in C i e v e I a 11 d die Jahreskoitferenz der P «alt Z i o n in den Vereinigten Staaten. 80 Delegierte waren anwesend, eine bisher auf keiner Konferenz der Poale Zion erreichte Beteiligung. Während des letzten Jahres haben sich 7Ü0 neue Mitglieder der Partei angeschlossen. Die neuen intellektuellen Kräfte, die die Partei gewonnen hat, haben viel dazu heigetragen, ihre Ideen populär zu machen und ihnen weit über den Rahmen der Organisation hinaus Sympathien zu erwerben. Der Beschluß der achten Rochester-Konferenz, einen Kongreß zur Behandlung der neuen durch den Weltkrieg aufgerollten und spruchreif gewordenen jüdischen Fragen einzuberufeii, dieser Bp- Schluß, der erst vor einem Jahre auf der Poale Zion- Konferenz gefaßt worden lind von manchen Seiten als radikale Phantasie bezeichnet worden war, scheint jetzt seiner Verwirklichung nahe gerückt zu sein. Wer die Entwicklung dieser Kongreß-Idee und mit ihr das Wachstum des nationalen Gedankens unter der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas in der letzten Zeit verfolgt hat, der weiß, welche bedeutende Rolle die Poale Zion dabei gespielt haben. Wie weit der Einfluß dieser sozialistisch-zionistischen Führer in Amerika reicht, das zeigte mit außerordentlicher Klarheit die nationale Arbeiter-Konferenz in New York, die, wie wir neulich׳ berichten konnten, die lange geplante Idee der Vereinigung aller jüdischen nationalsozialistischen Parteien auf gemeinsamer Grundlage verwirklichte. Begreiflich ist datier das Interesse, das die jüdische Presse und Oeffentliclikeit dieser Jahreskonferenz entgegenbrachte. Außer den eigentlichen Poale Zion Amerikas waren auf der jetzigen Konferenz auch die Theoretiker des europäischen Poale-Zionismus, die augenblicklich in Amerika weilen (Burscliow, Sur, Alexaiidr Ch a schin), sowie die Gründer und Führer eler Poale Zion-Partei in Palästina, die aus der Türkei ausgewiesen worden sind (Ben Zewi, lk11׳ Gor jo 11) anwesend. Die Landeskonferenz beschränkte sich inj fotgedessen nicht bloß auf lokale!Tagen, sondern I es wurden auch alle jene Fragen behandelt, die j sonst gewöhnlich mir die Welt-Konferenzen des gej samten Poale-Zion-Verhaiulcs zu beschäftigen pflegen, j Fine der ״ewigen“ Fragen, die zu vielfachen י Kcibiingcn innerhalb der Partei geführt hat, bildet i der Gegensatz zwischen dem extrem-linken, orthodox-niarxistjsch gerichteten und 111:11 rechen, deimi- 1 kratisch-gewerkschaftlichen Flügel, Die Vertreter des i ersten sind die russischen, des zweiten die amenj kanisclien Poale Zion. Zwischen diesen beiden Exj trenn 11 stehen die Palästinenser 1111:1 1 )esterreieher, die der Partei das Gleichgewicht geben, jene mehr j russisch, diese mehr amerikanisch gefärbt. Schon! auf der ersten Sitzung der Jahreskaniereiiz trat der tiegciisatz zwischen den beiden Richtungen zutage! mid blieb während der ersten drei Lage, die die! Kritik über die Tätigkeit des Zentral-Komitees in! Anspruch nahm, der Gegenstand der! 'chatte. Die 1 ITauptvorwiirfe der sozialdemokratischen Opposition gegen das Zentral-Koniitee waren nach den Zeitungsj berichten folgende: Das Zentral-Koniitee habe keine 1 allgemein-sozialistische Arbeit geleistet, habe sich ver-! hliltiiistnäßig wenig mit trade-tmionistischer Arbeit beschäftigt, und habe endlich kein Recht gehabt, einen sozialdemokratischen Poale Zlonisten-Verein in j New׳ York aus der Partei nur deswegen aiiszuschlie- Ben, weil der Verein die öffentliche Teilnahme an Sammlungen zugunsten des Nationalfmids abgelelmt habe. Die Mitglieder des Zentral-Komitees, Dr. N. Sirkin, B. Zucker mann und Ehrenreich, schilderten in ihrer Erwiderung ausführlich, unter wie schwierigen Bedingungen die Parteiarbeit geleistet wurde, die Herrschaft der assimilatorischem Sozialisten über die Fachvereine und den Widerstand, den diese Kreise jedem Versuch in nationaler Richtung entgegenstellten. Trotz alledem habe doch die Opposition die Tätigkeit der Partei auch auf diesen Gebieten unterschätzt, denn tatsächlich sei gerade das letzte Jahr in dieser Hinsicht besonders erfolgreich gewesen. Die Ausschließung des New Yorker Vereins sei aber im Interesse der Einheitlichkeit der Partei und vom Standpunkte der Disziplin durchaus notwendig gewesen. Die Politik des Zentral- Komitees wurde dann von einer Reihe von Rednern verteidigt. Besonders erwähnenswert ist es, daß auch die palästinensischen Poale Zion, die als orthodoxe Marxisten bekannt sind, die Vorw'ürfe der' Opposition für wenig begründet hielten und grundsätzlich der Meinung waren, die Unterstützung des Nationalfonds müsse ebenso wie die Teilnahme an dem geplanten jüdischen Kongreß für jeden Poale Zionisten-Verein obligatorisch sein. Nachdem man beschlossen hatte, die Resolution über die Tätigkeit des Zentral-Komitees im rergangenen Jahre von der über die Ausschließung des New Yorker Vereins zu trennen, wurde die erste Resolution, die ein uneingeschränktes Vertrauensvotum für die Leitung enthielt, einstimmig angenommen. Die Protestresolution gegen die Aus- Schließung des New Yorker Vereins durch das Z. K. erhielt nur 13 Stimmen, die zweite Gegenresolution, die sieh gegen die später erfolgte Wiede raufnähme des genannten Vereins wandte, konnte es auch nur auf 19 Stimmen bringen. Später lebte dieser Kampf noch einmal auf bei der Behandlung der Frage, ob die ״Sozialdemokrat!־ sehen und Poale-Zionistischen“ Vereine auch weiter ihren besonderen Namen beibehalten dürften. Die Mitglieder des Z. K. waren der Meinung, daß diese Trennung der, Einheitlichkeit der Organisation schade und absolut unzulässig sei. Dr. S i r k i 11, Benzwi, C h a s c 11 i n , S a r und andere versuchten durch eine Analyse der allgemeinen theoretischen Grundprinzipien der Partei darzulegcn, daß hier kein Grund für eine Absonderung vorliege. Als Verteidiger der marxistischen Vereine traten Borochow und Kendzschersky auf. Mit 40 gegen 10 Stirnmen wurde aber endlich beschlossen, daß nur die bereits existierenden sozialdcmolaStischen Vereine auch weiter die Bezeichnung ״sozialdemokratisch“ behalten dürfen. Nachdem noch Dr. Sirkin einen ausführliches Bericht über den Jüdischen Kongreß, B. Zuckermann über die Agitation für die jüdisch-nationalen Rechte und B. Braun über die Hilfsaktion für die jüdischen Kriegsopfer gegeben hatten, wurde beschlossen, weiter die Agitation für die Realisierung des Kongreßplanes im Geiste der Beschlüsse der nationaler! Arbeiter-Konferenz fortzusetzen, den allgemeinen eintägigen Streik während der Eröffnung der Friedenskonferenz durchzuführen und energisch gegen jede Beschränkung der neuen jüdischen Einwanderung zu kämpfen. (Fortsetzung folgt.) Die Judengesetzgebung in Finnland Man hält es im allgemeinen für selbstverstiindlieh, daß ein Volk, das selbst von einer Herrennation unterdrückt wird und für seine Freiheit kämpft, ein tieferes Verständnis für das Schicksal anderer unterdrückter Nationen besitzt und nicht leicht selbst ein amkrvs Volk unterjocht. Sobald es sieh aber hierbei um die Juden handelt, schein! auch diese Selbstverständlichkeit keine Geltung mehr zu besitzen. Polen liefert das beste Beispiel dafür, nicht weniger deutlich belegen dies aber auch die Verhältnisse in Li 1111 I a n d. In uns allen ist noch die Erinnerung an die würdige Auseinandersetzung lebendig, die vor c'nigen jahrcii in .Moskau zwischen dem Führer der finnischen liberalen, dem kürzlich!erstorbenen Senator M e c 11 e I i n , und Dr. J. T s c h 1 e 11 o w hei einem zu Ehren des ersteren gegebenen Bankett statt fand. Auf die schwer belastenden Vorwürfe, die Dr.!'schien,nv gegen uie finnischen Behörden und die timiisclH■ Oeffeiitlichkeit erhob, weil sie!;egenüber dm neu eiiigcwan »leiten Juden eine schändliche UnterdrückuJigspolilik betrieben, erwiderte damals der filmische Senator, die Schuld dafür trägt einzig und allein die russische Regierung und die nach russiscliem Vorbild arbeitende Polizei, die die russischen jmlengesetze auf fimiisciien Boden zu verpflanzen suche. Das freie finnische Volk, versicherte der Senator, werde freudig jede sich bietende Gelegenheit ergreifen, um sich von diesem Schandfleck reinzuwaschen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.