Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Seite 371 י JUEDISCHE RUNDSCHAU Forderung eines Grenzschlusses gegen auswandernde Ostjuden würde die erwünschte Aufnahme des Ueber- Schusses aus dem Osten unmöglich machen. Es bliche dann nur eine Lösung im Sinuc des strengen Zionismus, das heißt, eine Ansiedlung in Palästina. Doch scheint diese als das Ideal in eine sehr weite Ferne sogar für die jüdischen Nationalisten selbst (im weiteren Sinne) gerückt zu sein. Sind doch in Rußland die jüdischen Massen gegen die künstlich geförderte Auswanderung nach Palästina, weil sie darin einen menschlichen Eingriff in die rnessianische Vorbestimmung sehen. Bis zum Moment einer «rrisfcn Bestrebung nach diesem zionistischen Endziel ,wird gewiß der Westen Europas und die Neue Welt die nationalistischen Juden aus dem überlasteten Osten herüberziehen, und zwar desto stärker, je deutlicher sie ihr Smidervolkstum empfinden und zum Ausdruck bringen werden. In welchem Grade diese neue Nationalbewegung der Juden sich dauerhaft erweisen wird, ist eine Sorge, die wir ihnen selbst schon überlassen müssen. Ob im Nachlassen des russischen Druckes (als Aktion aufgefaßt) die zionistische Reaktion nicht abschwächen werde, bleibe unerörtert. Aus allen oben dargelegten Gründen erscheint uns aber diese Strömung in der Ostjudenhcit erwünscht. Denn nun wird es klar: der Kampf zwischen der Assimilation und dem Nationalismus muß auch in erster Reihe von den am unmittelbarsten Interessierten ausgefochten werden. Dann werden sich in der ganzen Frage nur Polen und Juden gegenüiberstehen, alle Zwischenstufen werden zum großen beiderseitigen Vorteil verschwinden. Aus dem österreichischen Okkupationsgebiete in Polen Ein Vcrwaltungsmitglied der Gesellschaft zur Unterstützung kriegsnotleidender Juden bereiste in letzter Zeit mehrere Städte im österreichischen Okkupationsgebiet in Polen. Dem von ihm der Evakuierungskommission der jüdischen Gcmeindeverwaltung in Warschau erstatteten ausführlichen Berieht entnehmen wir folgende Schilderungen: Der erste Besuch des Berichterstatters galt der Stadt Sosn o w i cc. Vor dem Kriege lebten in dieser Stadt ca. 17 000 Juden, gegenwärtig zählt diese Stadt 13 000 jüdische Einwohner, die sich zum größten Teil mit Handel befassen. Ungeachtet der Tatsache, daß die Bevölkerung von Sosnowice infolge des Krieges eine starke Abnahme erfahren hat — mehr als die Hälfte der christlichen Bevölkerung bestand aus Arbeitern, die nach der bei Kriegsausbruch erfolgten Schließung der Kohlengruben und Fabriken die Stadt verlassen haben, um nach Deutschland auszuvvandem oder in ihre Heimatsdörfer zurückzukehren — nimmt noch gegenwärtig diese Stadt eine wichtige Stellung im Wirtschaftsleben ein. Sie ist der Stapelplatz für die aus neutralen Ländern und vielfach auch aus Deutschland eingeführten Waren. Allein ungea'chtet des großen Anteils der Juden an dem Handel ist die Armut unter der Sosnowicer jüdischen Bevölkerung sehr groß. Das geht aus der großen Zahl der Notleidenden hervor, die den dartigen Wohltätigkeitsverein in Anspruch nehmen. So gibt die städtische jüdische Notstandsküche bis 2000 Mittagsinahlzciten täglich aus. Dieser Verein liefert auch an Bedürftige unentgeltlich oder zu billigen Preisen verschiedene Produkte, erhält ein Krankenhaus usw. und verzeichnet eine wöchentliche Ausgabe von 1800 Rubel. Dieser verdienstvolle Verein hat die Herren Bernhard Oppenheim, den bekannten Industriellen Ignatz: Landau und den Direktor des genossenschaftlichen Kreditinstituts, S. M eimun, zu Leitern. Die Arbeit in den Sosnowicer Kohlengruben hat nun wieder begonnen. Auch ein Teil der Fabriken arbeitet wieder. Die zweite Stadt, die der Berichterstatter besuchte, war B e n d i 11, Die Einwohnerzahl dieser Stadt betrug vor dem Kriege 55 000, darunter 30 000 Juden. Gegenwärtig sind nicht mehr als 18 000 Juden in der Stadt zurückgeblieben. Die Hauptbeschäftigung der Bendincr Juden war vor dem Kriege der Handel: die Versorgung der zahlreichen Arbeiterbevölkerung mit den verschiedenen Produkten. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung war in der metallurgischen Kleinindiistrie und im Handwerk beschäftigt. Die Zahl der in diesen zwei Berufszweigen beschäftigten jüdischen Familien beträgt etwa 700. Die meisten jüdischen Handwerker sind Schneider. Der Krieg hat besonders in der Lage der jüdischen Handwerker eine Verschlechterung herbeigeführt. Die Wohltiitigkeitsgc- Seilschaft unterstützt etwa 850 Familien, von denen die "Mehrheit dem Handwerkerstand angehört. Der sanitäre Zustand der Stadt ist kein guter. Die Wohnungsverhältnisse sind jämmerlich. Infolgedessen herrschen verschiedene Krankheiten, besonders Tuberkulose und die ,,englische Krankheit“ unter den Kindern. In Bendin gibt es ein besonderes jüdisches ״Speisungs-Komitee“ (das allgemeine Komitee gewährt keine Unterstützung an Juden). Die gesamte Hilfsaktion wird von der Wohltätigkeitsgesellschaft geleitet, deren Vorsitzender und rühriger Leiter der bekannte Politiker und ausgezeichnete Organisator Dr. W e i n z i e h e r ist. Gleich nach Kriegsausbruch wurde die Stadt in dreißig Reviere eingeteilt. Jedes Revier untersteht einem besonderen Vertrauensmann, der sich um die Bedürftigen seines Reviers zu kümmern hat. Liebesgabensendung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ' zum Chanukahfest Wie im Vorjahre wollen wir auch diesmal; unseren Freunden, die an allen Fronten kätnpfen,! allen, die iii Lazaretten liegen, und allen, die noch j ausgebildet werden, eine! Chanukahfreude bereiten. Die Zahl der Freunde, die wir zu bedenken haben, ist seit dem vorigen Jahre wesentlich gestiegen, und auch das uns zur Verfügung stehende Adressen material bedürftiger jüdischerSoldaten hat sich ständig vermehrt. Trotzdem hoffen wir durch die eifrige Werbearbeit unserer Gesinnungsgenossen, alle zu bedenken. Unsere Pakete sollen Genußmittel aller Art enthalten. Auf Wollsachen und Gebrauchsgegenstände wird dieses Jahr weniger Wert gelegt. Da unsere Freunde in allen Briefen den Wunsch danach aussprechen, werden wir ihnen auch diesmal eine Chanukah-Festnummer der ״Jüdischen Rundschau“ zuschicken, für die uns namhafte jüdische Schriftsteller Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Das Chanukahfest beginnt bereits am 2. Dezember, daher ist große Eile geboten, um die Sendungen rechtzeitig verschicken zu können. Wir bitten daher alle unsere Freunde, uns Barmittel, Genußmittel aller Art und postfertige Pakete einzuschicken. Jedem Paket soll auch in diesem Jahre eine Karte des Spenders beigefügt werden. Zuschriften und Geldsendungen sind an die Adresse unseres Herrn Max Wolisteiner, Charlottenburg, Roscherstr. 5, Postscheckkonto Berlin 3847, zu richten. Pakete ausschließlich an die Adresse unseres Bureaus, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Die Gesellschaft erhält eine billige Notstandskiiclie, die 2000 Portionen täglich austeilt, ferner auch ein Kinderheim für 200 Kinder und eine Schule, die von 900 Kindern besucht wird. Daneben gibt es nogh 700 Kinder im Schulalter, die infolge der Armut der Eltern gar keinen Schulunterricht erhalten. Die Wohltätigkeitsgesellschaft erhält keinerlei Subvention von außen, sie ist ausschließlich auf ihre eigene Kraft angewiesen — und ihre Kräfte sind bald erschöpft... Der Abgesandte stattete: auch P e t r i k a u einen Besuch ab. Die Zahl der Juden vor dem Kriege betrug in dieser Stadt 15 000, ein Drittel der auf etwa 15 000 Seelen sich beziffernden städtischen Gesatntbevölkerung.!Diese Zahl hat durch den Krieg keine Verringerung erfahren. Die Hauptbeschäftigung der Petrikauer Juden bildet der K 1 c i 11 h a n d e 1. Ungefähr 1500 Familien leben vom Handwerk. Es bestehen nur 10 Schulen, so daß etwa 500 Kinder itn Schulalter ohne Schulunterricht bleiben. Den Bedürftigen, an denen in P e t r i k a u kein Mangel ist, gewährt die städtische jüdische Wohltätigkeitsgesellschaft Unterstützungen. Etwa 800 Familien sind auf diese Unterstützungen angewiesen. Die schlechten Verbindungen mit Lodz und der Umstand, dal) Petrikau seine Bedeutung als Verwaltimgszentrum des ganzen Gouvernements fingebüßt hat, — haben au׳f die wirtschaftliche Lage der Stadt, besonders auf die der jüdischen Bevölkerung, sehr ungünstig gewirkt. Denn Hunderte von Familien leben ausschließlich von der Ausführung Lodzer Geschäftsaufträge. In Petrikau wurde eine spezielle ״Steuer für Huugcrleidende“ eingeftihrt, die bis 5000 Kronen monatlich einbringt. Davon erhalten die Juden nur ein Zehntel, d. h. 500 Kronen pro Monat. Die Petrikauer Wohltätigkeitsgesellschaft verteilt verschiedene Produkte unter die arme Bevölkerung. Es werden etwa 500 Portionen Tee täglich ausgeteilt. Eine Notstandsküchc besteht nicht, weil die nötigen Mittel fehlen. Die Gesellschaft ist auch nicht in der Lage, das bestehende Kinderheim entsprechend dem vorhandenen Bedürfnis zu erweitern, und es ist schmerzlich, daß die geräumigen, schönen Säle des Gesellschaftshauscs, die sich vorzüglich für Schulen und Kinderheime eignen, leer stehen ... Der Berichterstatter hat noch mehrere andere Städte im österreichischen Okkupationsgebiet bereist und sich von der schlimmen wirtschaftlichen Situation auch jener Orte überzeugt, die nicht unmittelbar durch die Kriegsereignisse gelitten haben. Es herrscht überall Stagnation und Ruin. Die Gemeinden und öffentlichen Anstalten sind außerstande, sich aus eigener Kraft zu erhalten. Tatkräftige Hilfe von außen tut dringend not. Auch aus dem Gouvernement Radom weiß der Berichterstatter nichts Erfreuliches zu berichten. Etwa 20 Städte haben überhaupt zu existieren aufgehört. Die Lage der jüdischen Bevölkerung in den anderen Orten des Railomer Gebietes ist eine sehr schlimme. I Das Elend ist furchtbar und es herrscht überall eine erschreckende Kindersterblichkeit. Polnisch-assimilatorische Propaganda in Lodz Das jidische ״Warschauer Tageblatt“ vom 19. Oktober 1915 veröffentlicht unter dem Titel: ״Polnisch oder J i d i s c h“ folgende Ausführungen: ״Die jüdischen Polen arbeiten mit dem größten Kräfteaufwand, um die Juden mit dem Polnischen zu beglücken; wo sie es vermögen, verwenden sie sich dafür, daß das Polnische in den jüdischen Schulen als Unterrichtssprache eingeführt werde. Eine besonders energische Tätigkeit entfalten die Lodzer Assimiianten in dieser Richtung. Sie wirkten auf die jüdischen assimilierten Stadtabgeordneten ein, der Behörde eine Denkschrift über das Polnische in den jüdischen Schulen zu überreichen, sie sammelten mehrere tausend Unterschriften für eine Petition zugunsten des Polnischen und versuchten sogar, die jüdische Gemeindeverwaltung zu einer Intervention zugunsten der polnischen Unterrichtssprache zu veranlassen. Das Letzte gelang ihnen nicht und sic mußten sich deshalb mit ihrer eigenen Petition begnügen. Wird sie Erfolg haben? Die gut informierte Lodzer ״Deutsche Post“ schreibt darüber folgendes: ״Wir glauben, man kann das Resultat dieser Bemühungen mit der größten Ruhe abwarten. Angesichts der beutschfreutidlichkeit des größten Teils der jüdischen Bevölkerung und in Anbetracht der Verwandtschaft der jidisclien Sprache mit der deutschen, ist es unmöglich, daß es einem kleinen Häuflein polnisch gesinnter Juden gelingen solle, einen Zustand herheizuführen, der der jüdisehen Schuljugend keinen Vorteil bringen wird.“ So denkt die ״Deutsche Post“ von der Aktion unserer Assimiianten. Auch wir unsererseits erfahren aus kompetenten Quellen, dal! das Polnische in keinem Falle als Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen eingeführt wird. Alle Bemühungen von assimilatorischer Seite sind deshalb zweck- und bedeutungslos. Dagegen herrscht gegenwärtig in den maßgebenden Sphären eine günstige Stimmung zugunsten des Jidisclien, und es ist sehr möglich, daß es einer euergischen Aktion gelingen wird, etwas in dieser Riehtung zu erwirken. In Lodz ist schon manches geschehen. Es wurde der deutschen Macht eine Petition mit mehr a I s 30 000 Hut e r s c h r i f t e 11 ü b e r r e i c h t. in d e r 11 tu d j e Ein l ü 11 r!111 g der jidische 11 S p r a e 11 e als U n f e r r i c h t s s p r a c!1 e in d c 11 Zionisten! Zahlt den Kriegsbeitrag!