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Jüdische Rundschau · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 370 I JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46 t die zwei oben angeführten Schriften. Sie haben beide das gemeinsam, daß sie nicht besonders die Frage der polnischen Judenschaft behandeln, sondern nur überhaupt die Ostjuden iin Gegensatz zu ihren westliehen Genossen. Außerdem ist der prinzipielle Standpunkt beider Verfasser, obwohl der eine Vertreter des ״rassereinen" Deutschtums, der andere des ״nationalen“ Judentums ist, doch derselbe: Es wird nämlich von beiden die jüdische Nation anerkannt. Mit diesem höchst wichtigen Punkte gelanget! wir ins tiefere Verständnis der Ostjudenfrage. Da genügt es nicht mehr, von der bürgerlichen Gleichberechtigung einer bisher erniedrigten Gesellschaftsschichte zu sprechen: es tritt vor uns ein besonderes Volk, das durch seine Vertreter die An- Erkennung seines eigentümlichen Volkstums verlangt und fordert. Dr. Birnbaum erklärt: ״Die Ostjuden sind keine Deutschen, ebensowenig wie sie Russen oder Polen sind. Sie sind auch keine Nurglaubensgemeinschaft . . . Sie sind ein Volk, den anderen Völkern kongruent und kommensurabel“ (S. 16). Es werden zwar in der Schrift des Herrn Fritz ähnliche Stimmen aus dem Lager der Juden über die Westjudenheit angeführt, ln einer zionistischen Abhandlung aus ״Ost und West" wird dort am Beispiel des Dichters Heine veranschaulicht, wie ״es nicht genügt, die Sprache der Umgebung zu reden, wenn man nicht auch mit den Worten und Bezeichnungen die gleichen Begriffe verbindet." Die Gründe des Judenhasses liegen für den zionistischen Verfasser ״nicht in der Logik des Verstandes, sondern im tiefsten Gefühlsleben der Völker“, was ihm als Beweis für die tiefe, elementare Besonderheit der Juden von den ״Völkern ihrer Wohnländer“ gilt. Und doch ist diese Frage des jüdischen Volkstums im Westen und Osten von ganz anderem Belang. Es genügt, um den Unterschied zu begreifen, sich an die (auch von Fritz angeführten) Ziffern zu erinnern: Von den 12000000 Juden leben im Westen bloß nicht ganz vier, im Osten aber beinahe acht Millionen! Von diesen entfallen über fünf Millionen auf Rußland. In Kongreß- Polen selbst leben 14 «/o Juden. Dagegen hat das Deutsehe Reich nur 0,95 »b, Großbritannien 0,55, Frankreich 0,24 «jo usw. Da kann man die Ruhe des Herrn Geheimrats Fritz leicht begreifen, mit der er die nationalen Bestrebungen der Judenheit notiert und ״den zionistischen Rassestolz gefälliger“ findet, als die anderen, zur Assimilation auffordernden oder diese als etwas Vollbrachtes feststellenden Stimmen. Für Polen aber bekommt die jüdische Nationalströmung die Gestalt eines Volkes im Volke — einer neuen national abgesonderten Gesamtheit, die, im Anfangsmoment eines politischen Umschwungs der polnischen Nation, gleich mit ihren eigenen rechtspolitischen Forderungen auftreten. Dabei kommt auch die Frage der Sprache in Betracht. Die deutschen, französischen und dergleichen Zionisten haben, wenigstens bisher, einen Anspruch auf eine eigene besondere Sprache nicht erhoben. Die polnischen wollen das von Dr. &irnbäum als ein selbständiges, aus ähnlichen, ״wie andere Mischsprachen, zum Beispiel das Englische“ entstandenes Mitglied der Sprachenfamilie gekennzeichnete ״Jiddisch“ für ihre Umgangs- und Literatursprache gelten lassen und seine rechtliche Anerkennung im Osten gewinnen. Außerdem muß hier der ungeheuren Kluft gedacht werden, die zwischen der Ostjudenheit und der Stainmbevölkemng des Ostens besteht. Und zwar in allen Kulturäußerungen: Gebrauchen, Sitten, Religions- und Weltmoral überhaupt. Mit der Feststellung dieses Umstandes beabsichtigen wir nicht im mindesten, eine Einschätzung des jüdischen Lebens und der jüdischen Sonderbestrebangen zu geben. Es liegt uns nur daran, die Tatsache zu veranschaulichen, die übrigens von den Verfassern der beiden uns vorliegenden Schriften auch nicht zurückgedrängt wird. Dr. Birnbaum erklärt als einen Grund der unter den Deutschen herrsehenden Fehlbegriffe in der Ostjudenfrage eben ״die Anwendung von für den Westen relativ berechtigten Urteilen auf ganz unkongruente Verhältnisse irn Osten.“ Regierungsrat Fritz will sogar, um den deutschen Juden den Gedanken ari eine Solidarität auszutreiben, ihnen nahebringen, daß die Ostjuden eine gar verschiedene Rasse bilden, ein Volk ,,verjudetcr Mongolen.“ Das hängt übrigens mit seiner Theorie der ״Rassenreinheit“ zusammen und soll dabei als Mittel dienen, die Juden Deutschlands für die Forderung eines ״Grenzenschlusses“ zu gewinnen. Ein Beweis mehr, wie sehr die Ostjudenfrage allgemein europäisch ist. Aber jedenfalls steht die Sache fest, daß eben diese, nirgends im Westen vorhandenen Eigentümlichkeiten hier, im Osten, in Polen dieser Frage einen ganz besonderen Charakter, voll von Verwicklungen, verleihen. Nur als Beispiel: eine volle Erfüllung des jüdischen Nationalistenprogramms müßte in Polen eine ganz vereinsamt dastehende Erscheinung hervorrufen, die in der öffentlich-rechtlichen Anerkennung des ״jiddischen“ beruhen würde .... II. Doch sollen alle diese, in praktischer Verwirklichung hervortretenden Bedenklichkeiten und Schrierigkeiten nicht gegen eine prinzipielle Anerkennung der jüdischen Nation entscheiden. Die Ostjudenfrage, vor allem die polnische Judenfrage, müßte dann in zwei klar geschiedene, entgegengesetzte Strömungen zerfallen. Einerseits würden wir es mit der Assimilation zu tun haben, die, als teilweise vollbrachte Tatsache und zum Teil als fortdauernde Bestrebung eines Teiles der Juden selbst von den jüdischen Nationalisten nicht weggeleugnet werden darf; demgegenüber würde ein, aus dem anderen Teile der Judenheit gebildetes fremdes Volk stehen, zu dem das Verhältnis der Polen sich also ganz anders gestalten müßte. In geänderten politischen Bedingungen des polnisCben Daseins würde die Assiniilationsströmung zweifellos noch eine Verstärkung erfahren. Wir wollen nicht damit sagen, daß die sich assimilierenden Juden gleich, in den Anfangsphasen ihrer diesbezüglichen Entschließung, wirklich ״verpolnischt“ werden können. Es ist gewiß ein viel zu ernster Umwandlungsprozeß, er erfordert viel zu tiefgehende, jeden Kompromisses entbehrende Aenderung der ganzen Psychik, als daß er bald nach der Umkehr zu erreichen wäre. Aber die freie polnische Nation wird noch mehr Zeit und Geduld haben, abzuwarten, als sie in ihrer Abhängigkeit immer bewiesen hatte. Geschlechter werden das ihrige tun. Ich kann nicht umhin, eint׳ persönliche Erinnerung hier anzuführen, die mir für den Assimilationsprozeß als vorbildlich erscheint: ein Gespräch mit einem jungen Doktor der Philosophie, der über die nationale Bedeutung Wyspianskis in reinem wohlklingendem Polnisch sprach, während hinter der Tür, im anderen Zimmer, der Vater des Doktors sich auf Jiddisch unterhielt. Die Kraft der polnischen Kultur hat auf diesem Gebiet Wunder gewirkt und wird in Zukunft ihrer desto mehr wirken, je freier sie sich, ungefessclt, wird entfalten können. Eine Z wa ngsassimilation wird sie nie brauchen und würde sie nie an wenden. Im Gegenteil, die Anerkennung einer besonderen jüdischen Nation, für den Teil der Juden, die sich selbst als solche fühlen und erklären, könnte für die Assimilation eine mächtige Förderung ergeben. Die Assimilierten werden darin nur desto, größeren Antrieb finden, immer näher, immer inniger in das Polentum hineinzugehen, bis sie Juden bloß der Abstammung nach bleiben, bis sie von dieser nur das bewahren, was psychoanthropologisch nicht vertilgt werden kann. Als Beispiel und Muster kann hier das Geschick der sogenannten ״F r a n k i s t e n“ dienen. Eine ähnliche, den modernen Erfordernissen angepaßte Strömung unter den assimilationssüchtigen Juden würde als mittelbare Folge der jüdischen Sonderbestrebungen hervortreten. Selbstverständlich ist eine solche verstärkte Assimilation in Massen nicht zu denken. Aber auch1!nicht m wünschen, ln größerem Umfange wird die Annäherung an das Polentum, besonders bei ersten Geschlechtern, nur äußerlich bestehen. Aber auch diese Assimilationsform wird gewiß, als Reaktion gegen die Nationalisten, sich stärker fühlen lassen, insbesondere, als eine neugew׳onnene politische- Kraft zweifellos anziehend wirken wird. Was im Anfang des wohlervvägten Interesses wegen geschehen mag, kann doch in der Nachkommenschaft bereits auch mehr ideelle Gestalt annehmen. Aber auch unmittelbar könnte die Anerkennung des jüdischen Nationalismus gute Früchte tragen. Dr. Birnbaum ist gewiß im Rechte, wenn er bemerkt, daß in allen sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen ein bewußtes, seiner Würde gedenkendes Volk ״eine bessere Garantie für gesunde Neuerungen und gute Ergebnisse“ bietet, als eine jeder Ideale entbehrende Menschenmasse. Die Veredlung dieser Masse — das ist, was wir von der jüdischen Nationalistenbevvegung zu fordern das Recht haben. Eine Aufgabe, die nirgends dringender, aber gewiß auch nirgends schwieriger ist. Daß sie, anstatt in politische Wühlereien auszuarten, den Weg wirklicher Kulturförderung gehen wird, dafür soll uns das kulturelle Niveau der Führer bürgen. Nichtsdestoweniger ist eine staatliche Kontrolle und Anteilnahme unentbehrlich, aber auch — für die jüdischen Nationalistenführer gewiß auch — selbstverständlich. Auf Einzelheiten können wir hier nicht eingehen. Es sei hier aber hervorgelioben, was Dr. Bi rnbaum über die besondere Anhänglichkeit und Liebe der Juden, auch der nationalistisch gesinnten, für den Nationalitätenstaat Oesterreich sagt. In der Idee dieser Monarchie sieht er auch die Bürgschaft für die Erfüllung seiner Postulate. Diese Liebe und Anhänglichkeit wollen wir als ein Vorzeichen für die Beziehungen der jüdischen Nationalistenbewegung zu jedem, auf Völkerfreiheit gebauten politischen Gemeinwesen ansehen. Dr. Birnbaum versichert außerdem, ״daß dem ostjüdischen Volke von der Geschichte gewisse Schranken gezogen sind, vermöge deren es wohl niemals seinen Willen auf mehr als auf die Behauptung der national-kulturellen Existenz wird einstellcn können“ und daß es ״nie in der Lage sein wird, einen eigenen S t a a t s nationalismus zu pflegen oder einen fremden über sich und seine Landesgenossen herbeizuwünschen.“ III. ln diesen Aeußerungen des jüdischen Führers liegt, glauben wir, eine deutliche Verurteilung enthalten alles jenen Auftretens vieler seiner polnischen Genossen, die zu einer Verschärfung der Judenfrage in Polen im schlimmsten Grade beigetragen haben. Dies wird von den jüdischen Nationalisten zu oft vergessen, und zwar gerade in dem Moment, da sie mit Entrüstungshieben gegen hie und da auch polnischerseits auf tretende Demagogie losschlagen. Nicht- Polen zu sein — dieses Recht kann ihnen »in jedem Augenblick eingeräumt werden, aber feindlich, mit Ansprüchen an ein Vorrecht im polnisch-nationalen Leben oder Eigentum aufzutreten, wie es oft der Fall war, — das muß selbstverständlich eine starke Gegenwirkung, für die Juden selbst am meisten unerwünscht, hervorrufen. Denn es ist nicht zu denken, daß sich irgendwo ein Volk bereit fände, einem andcren, sein Gastrecht genießenden Volke das Recht des Wirtes zuzuerkennen. Das offene Hinstellen der Tatsache, daß wir in unserer Mitte ein seine nationale Sonderheit klar und offen aussprechendes Volk haben, ist, eben dieser Offenheit wegen, eines der besten Erleichterungsmittel in der schweren Frage. Es ist gewiß viel vorteilhafter, sich beiderseits aufzuklären, daß es sich hier um Fremde handelt, als es mit einem zweideutigen Halbpolentum zu tun haben. Als Fremder kann der Ostjude von der Stammbevölkerung in anständiger Entfernung behandelt werden. Er hat seine Stimme in den Interessen seiner Volksgenossen abzugeben, in die der einheimischen Nation wird er sich nicht mischen wollen. So müßte ihm gewiß vieles, was bisher ihm als schreiendes Unrecht erschienen war, ganz von selbst verständlich werden. Was war nämlich der eigentliche Untergrund all jener Erscheinungen, die von Unberufenen als das schreckliche Gespenst des ״polnischen“ Antisemitismus vor Europa verschrieen wurde? Eine in ihrem wesentlichen Gehalt natürlichste Entwicklungsbewegung, die den Handel und die Industrie in Polen in einem größeren Umfange als bisher in polnische Hände überführt. Ich muß hier einen Umstand hervorheben, der in der europäischen Erörterung über diesen Gegenstand nicht berücksichtigt wurde, der aber ein gutes Licht auf die ganze Angelegenheit wirft. In der Zeit, als alle ״jiddischen“ Schriften und Blätter voll Aufregung und Verdammen gegen jene Bewegung waren, ließ sich ein russisch - jüdischer Nationalist (Z a b o t y n s k i j oder ein anderer, ich erinnere mich nicht mehr)*) hören, und zwar ganz vernünftig: Die Bestrebung der Polen sei ihm ganz natürlich, sie hätte schon längst vorausgesehen werden sollen; ihre scharfen Ausbrüche seien vorübergehend; aber der Grundsatz selbst müsse (?) bleiben und Früchte treiben, denn erliege tief begründet im Entwicklungswesen eines jeden Volkes. Die Juden müßten sich darin fügen und ihre Erwerbstätigkeit entweder einschränken oder für sie ein anderes Gebiet aufsuchen. (?) So verstand die Sache ein Jude, der sich ganz klar als Fremder fühlte. Die anderen, die sich darin nicht finden konnten, waren eben diejenigen, die, mit sich selbst nicht in Eintracht, sich in allen zufälligen Vorrechten aus einer früheren Entwicklungsphase unantastbar hielten. Waren doch einmal — Schotten Hausierer in Polen, und wo sind sie jetzt? Ich könnte noch andere Beispiele anführen, die die Schädlichkeit einer mangelhaften Erkenntnis der Judenheit in Polen beweisen und Ursachen von vielen heiklen Mißverständnissen sind. Diesem Umstand verdankt ja zum Beispiel Swietochows׳ki, daß er als ״gefährlicher Antisemit“ verrufen wurde, obwohl er ganz deutlich von ״Polen ohne Unterschied der Konfession“ spradi. Aber gegen maßlose Au- Sprüche der Fremden, die sich als Wirte gebärdeten (zum Beispiel den ״Polnischen Kulturverein“ für ihre Zwecke beanspruchten), zog er rücksichtslos ins Feld und verwahrte sich mit Grund gegen ein ״Judaeo- Pole n“. Wir glauben, eine ehrlich offene Stellung, wie sie Dr. Birnbaum einnimmt, müßte dieser Sachläge ein erwünschtes Ende bringen, ln ihr ist übrigens noch manches enthalten, was die Ostjudenfrage mildem könnte. So würde mit ihrer Annahme w-ohl der Drang nach Auswanderung sich stärker fühlbar machen. Das wird auch besonders in der Schrift des Regierungsrates Fritz berücksichtigt. Seine Schlüsse fallen aber für die mit einer Judenfrage belasteten Ostvölker nicht gerade vorteilhaft ails. Denn seine *) Es dürften damit wohl, wie aus dem Angeführten hervorgeht, die seinerzeit in der ״Jüdischen Rundschau“ erschienenen und zum Teil auch in der Wochenschrift ״Pole n“ wiedergegebenen Artikel ״Die Judenfrage Polens“ von Leo Rosenberg gemeint sein. (Die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau“.)

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