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Jüdische Rundschau · 1915-11-12 · Heft 46 (12.11.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 46 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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# Abonnements auf die wöchentlich am Freitag erscheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten bei der Expedition und bei. allen Postämtern vierteljährlich M. 1,75 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- Unfarn M, 2,50, im Ausland M. 3,—, Jüdische Rundschau, G. nt• b• HL BERLIN W.15, Sächsische Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846, Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392. 3U6DISCH6 RUNDSCHAU Anzeigen kosten für die sechs gespaltene Patteteile oder deren Raum 40 Pf.; Stellen- Angebote und -Gesuche sowie Ver pinn■ Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen* O 0 O O nur 30 Pfennig. O O O O Manuskripte werden, wenn Porto beilief*, stets xurückgessndt. RedaktionssdhlaA; Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundsdhaa BERLIN W. 15, Sächsische Straße«. Telephon: Amt Uhland 845, 846, PostscheckkoDto : Berlin Nr• 17 393. ALLC6M6INC 9UCDISCHC ZCITUNC Nummer 46 Berlin, den 12. November 1915 5. Kislew 5676 XX. Jahrgang. Gespenster Unergründliches Unglück hat dieser Krieg über unser Volk gebracht, das in bitteren Schmer zen wie nur jemals die Last der Auserwähltheit zu besonderem Schicksal und besonderem Leiden zu tragen hat. Auf allen Schlachtfeldern fließt jüdisches Blut, unter allen Trümmern liegt jüdisches Schaffen — und wie fern gerückt ist selbst dem leichtbeschwingten Glauben die Zn versieht auf eine schnelle, wunderbare Erlösung aus Verzweiflung zur Sicherheit, aus Zerstreuung zur Einheit, aus stummem Dulden zu schöpfenschein Tun? Aber wir — Juden, die sich selbst behaupten inmitten allen Umsturzes, — wir richten selbst in solchepi Wirbel der Ereignisse unseren Blick auf das bleibende Ganze. Wir ordnen, was uns der Tag auch an furchtbarstem Geschehen bringt, ein in den großen Ring der nationalen Qeschichte, der unzerbrechbar ist, weil ihn unser Blut und unsere Art, unser Fühlen und unser Wollen zusammenhält. Darum ist uns auch im Chaos der Gegenwart, die alle Erinnerung an alte Wunden fast auslöschen könnte, alles Leid und alle Erfahrung unserer Volksgeschichte lebendig. Und wie ein Schatten von Gespenstern erfaßt in diesen Tagen eine durchschüttemde Erinnerung unser Herz. Vor zehn Jahren, am 17. Oktober (russischen Datums), also am 30. Oktober neuen Stils, erpreßte der Druck der Revolution das Versprceben einer Konstitution im großen Reich des Zaren, die Ketten der Gewaltherrschaft fielen und ein Rausch, eine Extase ergriff ,alle, die von dieser freiheitlichen Aera einen wunderwirkenden und glückbringenden Aufschwung des ganzen Lebens erwarteten. Die Unterdrückten und Geknechteten glaubten, jetzt endlich zur Freiheit, Menschenwürde und ungebrochenen Leistung zugelassen zu sein. Können wir im Westen uns überhaupt in das Glück jenes 17. Oktober ganz hineindenken? Einen Tag glühten alle jüdischen Herzen im russischen Reich. Einen Tag lang schlug die Flamme des schrankenlosesten Optimismus über den Millionen der Ostjuden zusammen, die sich aus der Knechtschaft befreit wähnten. Wie in einem einzigen Bruderkusse schloß sich das ganze erlöste jüdische Volk im Osten zusnmmen, um nun durch das geöffnete Tor in eine neue Welt hineinzuschreiten. Und viele vergaßen in diesen Stunden die heiligen Aufgaben des nationalen Seins und waren bereit, das Band mit dem eigenen Volk zu zerschneiden, da sie sich in eine höhere Gemeinschaft für immer und mit vollwertiger Geltung aufgenommen hofften. Am nächsten Morgen aber, jenem furchtbaren 19. Oktober des Jahres 1905, brachen im ganzen russischen Reich die Pogrome los. Odessa Kiew, Njeschin, Schitomir, Orscha, Mohilew, Hornel, Sinferopol . . . Unzählige Namen kennzeichnen den blutigen Weg. Auf den Straßen lagen die jüdischen Leichen, Entsetzen lähmte die Zungen, der von den Schergen aufgemunterte Mob stürmte die Häuser — und die große Begeisterung des 17. und 18. Oktober war teuer bezahlt. Seit jenen Tagen hat in Wahrheit eine neue Epoche des russischen Judentums begonnen. Aus dem einmaligen Pogrom wurde eine dauernde, aber immer wachsende Unterdrückung, die unzählige Kräfte vernichtete und zermürbte. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh ־rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Es kam die würgende Schmach der Ritualmord- Prozesse, die haßerfüllte Boykotthetze in Polen und zuletzt das Grauen dieses Krieges mit seinem Massenelend, seinen Austreibungen und Verdächtigungen, seinem Meer von Blut und Tränen. Wie ein gespenstischer Schatten lagert gerade in diesen Tagen die Erinnerung auf dem russisehen Judentum und mit ihm auf der Seele des ganzen jüdischen Volkes.' Wir haben aufgehört, an Wunder zu glauben. Wir wissen, daß uns das Geschenk der Freiheit und Menschenwürde nicht aus fremder Hand kommen wird. Aus keiner. Nur wenn wir selbst, uns aufrichten zu voller Leistung, werden wir der Knechtschaft und der Verachtung ledig sein. Aber wir haben den eisernen Mut zu unserer eigenen Kraft. An ihre Wunder glauben wir. Darum wollen auch wir im Westen mit unseren jüdischen Brüdern im russischen Reich des 19. Oktober 1905 gedenken. Wie sie — mehr als sie — müssen wir 11ns an unsere eigene Leistung halten und müssen zu eigener Tat * ent» schlossen sein. Leo Herrmann. Die Ostj'udenfrage*) Von Andrzej Boieski Der nachfolgende Aufsatz ist in der Wiener Zeitschrift Polen vom 15. Oktober 1915 veröffentlicht. Wir bringen ihn durch eine vollständige Wiedergabe zur Kenntnis unseres Leserkreises, als ein interessantes Dokument zur Stellungder Polen in der Judenfrage. Der Aufsatz enthält in mehreren Punkten eine Darstellung der Zusammenhänge, gegen die wir uns schon des öfteren verwahrt haben. Und die ganze Behändlung des Themas verhüllt kaum die Tendenz, den Juden nur ein Minimum n a t i o - naler Freiheit zu lassen. Trotz alledem halten wir seine Wiedergabe für angezeigt, weil er beweist, daß sich selbst die Polen nicht mehr ganz der Ueberzeugung verschließen können, daß das jüdische Volk nicht um seine nationale Freiheit gebracht werden könne. Auf die in dem Aufsatz erwähnte Broschüre von Dr. Nathan Birnbäum werden wir selbst noch zurückkommen, Redaktion der Jüdischen Rundschau. I. Die Erörterung der jüdischen Frage in Polen ist bereits weit über die Grenzen der einer inneren polnischen Angelegenheit zustehenden hinausgegangen. Und zwar nicht nur dank den Bemühungen der Juden und ihrer europäischen Vertreter, die eine *) Zionismus und Grenzschutz von Georg Fritz, kaiserl. Geh, Regierungsrat (J. T. Le'nmans Verlag, München, 1915). — Den Ost- Juden ihr Recht! von Doktor Birnbaum (Wien, 1915. R. Lövvits Verlag). — Den obenstehenden Aufsatz veröffentlichen wir als einen interessanten Beitrag zur jetzigen Erörterung der Judenfrage in Polen. Eine grundsätzliche Lösung, durch eine offene und eingehende Erörterung vorbereitet und angebahnt, kann selbstverständlich nur bei den hierzu berufenen Faktoren stehen. Anm. der Redaktion der Zeitschrift ״Polen“, fehlgezielte Anklage vor das Tribunal Europas gebracht hatten. Auch iin Interesse der Polen selbst liegt es nicht, die Judenfrage bei sich ai Hause, hinter dem Rücken anderer Kulturvölker, zu entscheiden. Der beste Beweis dafür liegt i11׳ den zahlreichen Stimmen und Publikationen, die eben von polnischer Seite stammen und in der deutschen Weltspräche sich an alle vorurteilslos Denkenden der Welt wenden. Wenn also in einer Besprechung der Schrift Leon Wasilewskis über ״Die Judenfrage in Kongreß-Polen“ (in einer der letzten Nummern der ״R e i c h s p o s t“) diese Tatsache festgestellt wird, so ist es eben ganz im Einklang mit polnischen Absichten. Nur ist dem Verfasser dieser Besprechung ein Mißverständnis widerfahren, wenn er sich dabei veranlaßt fühlt, gegen eine Beliauptung des Warschauer ״K u ry e r“ aufzutreten, worin scheinbar im Gegensätze mit dieser unserer Feststellung eine fremde Einmischung in die jüdisch-polnischen Beziehtmgen abgewehrt wird. Dort handelte es sich nämlich darum, den russischen Verteidigern der polnischen Juden ein Wort der Wahrheit ־zu sagen, jenen Heuchlern, die gegen die Pogrompolitik ihrer Regierung aufzutreten picht wagen, dagegen aber die Gelegenheit ausnützen wollen, Polen und. Juden gegeneinander zu hetzen. Mit solchen usurpatorischen Schulmeistern ist es selbstverständlich nicht möglich, gemeinsam eine so heikle Frage, wie es die jüdische ist, zu verhandeln. Aber alle wirklichen Kulturvölker und Kulturmenschen sind als M i t b e r a t e r erwünscht, da es sich zweifellos um eine für das kultureile Europa hochwichtige Angelegenheit handelt, Besonders ־ in ■einem Momente, als auch iu dieser Frage die erhoffte künftige Stellung des polnischen Volkes seine selbständigen Beschlüsse erwarten läßt. Eines ist doch auf diesem Gebiete schon jetzt ganz klar und außer jedem Zweifel: die soziale Gleichberechtigung der Juden, ohne die jetzt die immer steigende Kultur des europäischen Abendlandes nicht zu denken ist. Daß kein Bürger, seiner Abstammung oder seines Glaubens wegen, eine sozialrechtliche Beeinträchtigung zu erleiden habe, ist so selbstverständlich, daß es keiner Versicherung oder Bürgschaft bedarf, sobald das barbarische Rußland nicht mehr im Spiele ist. Das hat die Judenfrage in Polen mit Westeuropa gemeinsam. Aber viel mehr verwickelt erscheint sie, wenn wir an ihre nationale Seite herantreten. Hier gibt es gewiß vieles, was den Vertretern der abendländischen Kultur schwer verständlich oder auch ganz unverständlich bleiben muß. Um aber doch die Sache begreiflich zu machen, ist es sehr angezeigt, sie in weiteren Grenzen aufzufassen und anfangs von einer Ost judenfrage im allgemeinen zu spreeben. Eine gute Gelegenheit dafür geben «ns eben!1llllllllllll!(lililli!llll!!li!ll!ll!llllll!!lllllllllllH | Die ״Jüdische Rundschau" | | in Russisch-Polen | jj Die ih Russisch-Polen bestehenden jj j deutschen Postanstalten in Bendzin, jj Ü Czenstochau, Kalisch, Kolo, Konin, § M Lodz,Pabianice, Sieradz, Sosnowice, j§ j Warschau, Wielun und Wloclawek ff H nehmen Bestellungen auf die ״Jüj§ j§ dische Rundschau“ zum Abonne- 1 j mentspreis von jg 1 ML 1,75 vierteljährlich j j entgegen. Ebenso werden Be- §j j§ Stellungen aus diesen Städten auch ( Ü bei der Unterzeichneten Administra- Sj jj tion entgegengenommen. §j | Administration der Jüdischen Rundschau“ | H Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. s illllllllilllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllfl^

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