Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1915-11-05 · Heft 45 (5.11.1915) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 45 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651922-2651965--10353-2667766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 45 Seite 362 ihnen einen allgemeinen deutschen Ruf brachten, wahrend ihnen ihre jüdische Jugenderziehung AulaB und Möglichkeit gab, ihre Verbindung mit der jüdischen (ieisteskuliur zu erhalten und aktiv zu betätigen. (Ich nenne noch Hajiin Steinthal und Moritz Lazarus.) (,'oben ist der Letzte aus der Reihe dieser Männer, weil die Verhältnisse, aus denen sie Gewachsen sind, nicht mehr bestehen. Verändert hat sich die Mehrzahl der ji'1disclien Häuser in Deutschland und verändert haben sieh die äußeren Bedingungen. In der sich unmittelbar an Colier! anschlielicmlen Generation sind die besonders Begabten unter den deutschen Juden gerade durch ihre geistige Begabung gewöhnlich früh fortgeführt worden aus dem Bereich jüdischen Lebens, so daß sie ihm lebenslang fremd blieben und bleiben. Erst in der letzten Zeit, in der Generation, die nach 187(1 geboren ist, sind jüdische Irrtelligenzen wieder gewonnen worden für die jüdische Sphäre; sie sind die Träger der werdenilen Wiedergeburt. Sie sehen die jüdischen Dinge mit neuen Augen an, sehen da Wesen und Kern, wo man vor ihnen Nichtiges, nicht der Rede Wertes, sah. Sie kommen zu einer Beurteilung aller jüdischen Dinge, die sic in einen grundlegenden Widerspruch bringt zu den Anschaumigen der jetzt noch bestehenden alten Majorität der deutschen Juden, deren geistiges Weltbild von den oben erwähnten, führenden Männern aus dem vorigen Jahrhundert stammt. Der Mutterboden dieser Männer war die, etwa von 1830 bis 186t), in Deutschland herrsehende Geistesrichtung. Damals wirkte die negative Seite def klassischen Literatur-Epoche auf die deutsche bürgerliche Mißstimmung ein. (Siehe etwa Schillers Worte: Zur Nation Euch zu bilden / Ihr hofft es, Deutsche, vergebens, / bildet, Ihr könnt es, dafür / freier zu Menschen Euch aus.) So galt das Eigne als etwas Begrenztes, zu sehr Bedingtes und Unfreies, das Fremde als das aus dieser Unfreiheit Lösende. Aus Fremdem und Allerweltmäßigem wurde die Schablone eines Ideal-Menschlichen gebildet, und diese Norm, die alles Positiven und Individuellen bar war, führte zur theoretischen Volksverhrüderuiig. Inzwischen hat sich die Stellung des Mensehen zu seinen Wurzeln von Grund auf gewandelt. Allenthalben ist die Wertung des eigeneu Ursprungs neu erwacht und wir stehen gerade jetzt inmitten von großen Ereignissen, die nur aus diesen neuen Anschauungen heraus ganz, zu verstehen sind. Das Geschlecht der Kosmopoliten aus der Schule der •10er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist ausgestorben, die Parteien, die ihre Traditionen übernommen hatten, haben sich griindlieh gewandelt. Schließlich sind selbst die laisser aller laisser faire Menschen, soziale Reformer geworden. Als Letztes aus der verflossenen Periode steht aber die bürgerlich gehobene Masse der deutschen Juden, die sonst in allem so zeitgemäß ist, rückwärts gerichtet, mit dem Blick auf die vergangene Zeit und bedenkt sich, ob sie ihr eigenes, bedingtes Wesen nun auch bejahen soll und kann, zögert, läßt es aus den Händen fahren und greift nach dem größeren, ihm wertvoller scheinenden Fremden, gleicht sieh ihm an und sagt: Ich hin nicht ich, sondern ich hin Du. Ich bin nur als Konfession Ich. II. Als ich im vorigen Jahr gelegentlich des antizionistischen Armoncenstreites an dieser Stelle unsere Auseinandersetzung mit Cohen schloß, endete ich mit Worten des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Jetzt, wo ich in der Aufgabe stehe, eindeutig zu zeigen, worauf im Grunde unsere Differenz zu Cohen und zu einer herrschenden Meinung innerhalb der deutsehen Juden beruht, will ich Fichte, der im tiefsten Sinne das Heute und die kommende Zukunft beherrscht, sprechen lassen. ,,Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit auch auf dieser Erde gründet sich auf die Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat, und der Eigentümlichkeiten desselben.“ tfor einem Menschenalter hat Moritz. Lazarus in bezug auf die Juden-Volks-Fragc gesagt (Rede ״was heißt national“. Berlin 1879): ,,Ich meinerseits erkläre feierlich: Das Blut bedeutet mir blutwenig.“ Cohen hat damals diese Wendung als unpassenden Wortwitz und als bedauerliche Uebertreibung abgelehnt, schließlieh war aber auch sein Standpunkt wohl durch diese Formel gut ausgedrückt. Cohen sagte 1880 (Ein Bekenntnis in der Judenfrage): ״Ich behaupte getrost, wir wünschen alle, wir hätten schlechtweg das deutsche, das gern!;mische Aussehen, von dem wir jetzt nur die klimatischen Nebenwirkungen an uns tragen.“ Er wendet sieh dann an die Deutschen und sagt: ״In dieser Frage haben wir also einfach zu sagen: Habet Geduld, und ich kann und brauche es nicht zu wissen, in wievielen Jahren oder Jahrhunderten kein weiserer Mann zu kommen braucht, um diesen Prozeß zu entscheiden.“ Wenn ich den Sinn dieser Worte richtig deute - so wies Cohen hin auf die ihm damals selbstverständlich erscheinende Endtatsache - - vollständige Auflösung der Juden als Stamm und Volk, (,'oben fährt dann fort: ״Es muß also grundsätzliche Ueberiegung, und mehr als dies, es muß heiligstes Verlangen werden, dem Naturton*) des Volkes, zu dem wir verschmelzen wollen, in allen seinen Weisen uns einzustimmen. Absonderlichkeiten dürfen uns eben nur einstweilen zugute gehalten werden; aber wir. müssen fortfalircn, das Bestreben zu zeigen, daß wir sie loswerden wollen.“ Ich führe diese Dinge hier an, weil sie das Ganze hell beleuchten und weil sie später wohl nicht mehr so deutlich zum Ausdruck gekommen sind. Die Situation ist klar: Der erste ernstliche Ansturm, den die Juden als Vollstaatsbürger in Deutschland zu bestehen hatten (Antisemiten- Zeit um 1880) fand sie innerlich hilflos, weil sie stehen geblieben waren in den Anschauungen der Hier und 5()er Jahre (aus Ursachen, die darzustellen hier zu weit führen würde). Es fehlte ihnen das Verständnis, für die um sie herum neu wirkenden Kräfte; sie sahen nichts Positives, das sie ihnen «ntgcgenstellen konnten, sie blieben sieh seihst gegenüber ganz in der Verneinung. Man entschloß sich leicht, Wesen und Eigentümliches abzusehieben, aufzugeben, abzu lehnen. Damals sagte Cohen auch: ״Physiognomische Probleme, als Fragen unter Bürgern desselben Staates erhoben, sind Ehrenfragen.“ Cohen proklamiert das Prinzip des ,,Rühr mich nicht an“. Damit trat er ein in die Schicht des gehobenen jüdischen Bürgertums, der es an Entschließungskraft gefehlt hat und noch fehlt, ihr eigenes Wesen, wie es leibt und lebt, in Debatte gestellt zu sehen. Wir wissen die Schwierigkeit einzuschätzen, die einer Minderheit erwächst im Leber! innerhalb eines großen Volkes. Galuth ist ja ein Grundbegriff unsererLebens-undWeltanschauung, Das negative Verhalten der Juden aber, wie wir es eben aufgewiesen haben, hat weder Sinn noch Zweck. Niemandem ist damit wahrhaft gedient. Was damit geschaffen ist, kann man leicht sehen: Bei den Juden die Beschleunigung eines auch sonst schon durch die allgemeinen Verhältnisse drohenden Niederganges (die Juden treiben da ein Selbstenteignungsverfahren); bei den fremden Beurteiicrti der Eindruck: Die Juden wollen die Probleme nicht sehen, in denen sie stehen; und aus diesem Eindruck heraus erwächst eine Beurteilung des jüdischen Wesens und der jüdisclien Dinge, die ungünstiger ist, als sie je bei einer vollen Bejahung des Judemvesens durch die Juden sein könnte. Neben die Verneinung des Juden als Menschentvpus tritt bei Cohen, als positive Ergänzimg, die Umgestaltung des religiösen Judentums zu einer Religion, die den Weg zum messianisehen Univcrsalismus zeigt. Cohen schreibt dem Judentum die religiöse Weltmission zu. Hier ist mein der Platz, auf die religiösen Probleme, die Cohen in einer Reihe von Schriften beschäftigen, einzugehen. Wir müssen uns beschränken, danach zu fragen, welche Wirkung die Lehren Cohens ausüben. Sie setzen ein religiöses Ideal, dem sich die Bekenner nähern *) von Cohen gesperrt. sollen. Auf die Wirkungen, die seine Lehre auf den gegenwärtigen Bestand des jüdischen Religioiiskultiis haben muß, ist (.'oben selten eingegangen (siehe dagegen die Arbeiten seines Schülers Keücrniann: Der wissenschaftliche Idealismus und die Religion 1908, Liberales Judentum 1907). ln seinen Schriften stattet Cohen aber überall das Judentum aus mit den idealen Eigenschaften, die im Judentum nach Cohen als Programm und Forderung liegen. Diese Idealisierung ist wertvoll. Es liegt aber in ihr die Gefahr, daß die heutigen Juden sich als die Träger einer idealen, religiösen Mission sehen, ohne daß sie die ernsten Forderungen erfüllen, die an sic gestellt werden müßten: Tiefes Erarbeiten ethischer und religiöser Werte. Inwieweit sich die religiöse Lehre Cohens dazu eignet, die Juden als Bekenner an ihre angestammte Religion, die der charakteristischen Formen, die sie im Laufe der Jahrtausende geschaffen hat, entblößt wird, zu fesseln, bleibt fraglich. Cohen selbst konujjt auf diesen ITmkt oft zu sprechen. Die Tugend der Treue als Pietät für die angestammte Religion spielt bei ihm eine große Rolle. Im Hinblick auf sie zitiert1 er (Religion und Sittlichkeit, Seite 73, Berlin 1907J die Goethesehcn Worte: Frage nicht, durch welche Pforte Du in Gottes Stadt gekommen, Sondern bleib am stillen Orte, Wo Du einmal Platz genommen. Es schien mir wertvoll, dieses Zitat hier anzuführen, weil es zeigt, wie Cohen im ganzen die Stellung des Juden zu seinem Judentum ansieht. 111. Auf die Cohensche Schrift ,,Deutschtum und Judentum“ einzugehen, wird vielleicht Gegenstand eines zweiten Aufsatzes sein. Heute will ich nur kurz einiges sagen: Das gelbe Heftchen liegt allenthalben in Deutschland aus. Führende Institutionen der deutschen Judenheit versenden es wohl auch als programmatische Schrift. Schon der Name des Verfassers wird in der Regel die deutschen Leser veranlassen, die Arbeit als die Programm- Schrift der deutschen Juden anzusehen. Dagegen müssen wir uns wenden. Aus der Grundanschauung Cohens stammt der Hauptmangel der Schrift, die im Titel eine Nebeneinanderstellung von Deutschtum und Judentum verspricht, sie aber nicht geben kann, weil Cohen prinzipiell das Judentum auf die religiösen Dinge beschränkt. (In Wirklichkeit durchbricht er dieses Prinzip oft in der Schrift.) Vieles trägt Cohen zusammen, was man verteidigend vom Judentum sagen kann; seine apologetische Darstellung setzt aber alle 11thalben einen Leser voraus, der gutwillig bereit ist, eine Idealisierung des Judentums, wie Cohen es sieht, hinzunehmen. Damit kann man aber nicht allgemein rechnen. Die Schritt Cohens wird nicht gelesen von wohlmeinenden Lesern, die sich kontemplativ! informieren wollen, in ruhigen Friedenszciten, sondern sie liegt auf dem Arbeitstisch des um die Zukunft ringenden Deutschen (trägt sie doch den Obertitel ״von deutscher Zukunft“). Da liegt sie neben wichtigen Programmschriften, mul es scheint uns,!laß sie da den deutschen Juden einen .schlechten Dienst erweist. Sie stellt die Sache der deutschen Juden liinl als eine Sache, die man mit weithergehoiteu,I dünnen Beweisen stützen muß, um sie zu halT 1!| (siehe zum Beispiel: ,,Deutschtum und Juden־| tum“ Seite 1-1: lieber den Ursprung der Wahr! haftigk'eit, der deutschen Liebe aus den Psalmen)! Wie sollte man aber Wesensdinge vortrageJ und ins rechte Licht setzen können, wenn in na das Wesen vorab verneint hat. I Es fehlt dem Ganzen der Unterbau ml Gruudbekenntnis, injd so flattert alles in schwaiil kendem Lichte hin und her, erleuchtet für de!■ Gesichtspunkt eines Dritten, der schließlich Dnl Gesamtbild bekommt, weil ihm Menschen mul Menschenvvesen vorgefiihrt werden, ohne lk-1 riicksichtigung des gegenwärtigen Bestände« Zwickau-Sachsen. I S. Schocken jr. I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.