Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 56 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 ״Kongreß oder Konferenz?“ Am 3. Oktober fand im ״Hotel Astor“ in N e w York eine von dem ״Independent Order Bene- Berit h" Unberufene Konferen/ zur Erörterung der Kongrcltfragc statt. An der Beratung nahmen 22 Vorsteiler mul Abgeordnete jüilischer Organisationen in Amerika teil, Es waren dies: Adolph Kraus und A. B. See len freund von der Beile Berit-Loge; l)r. Ovrus Adler von der United Synagogiic; (>r. Rosenau, Central Conference American Rabbis; Samuel Dort, Order Berit Abraham; J. W. I r i d - her״, Union American I lebrew Omgrcgations; Samild Miller, Jcwish I,ublication Society: Oskar Straus, American Jewisli I listorical Society; Prot. Salomon S e 11 e c h t e r, Jewisli Theological Seminare; Emil Taussig, Independent Order I ree Sons of Israel; A, I). Kail er, (iali/iseber Verband; Louis M a r s 11 a 1 1, American Jewisli Committee; Leon Sanders, A. O. B. A.; f)r. Louis Robinson, A. t). B. S.; 1 )r. I larrv P r i e d e 11 w a I d , American Zion Lcderation; Salomon llvinans, Rumänischer Verband; i>r. Bernhard I)r a 111 m a 1111, Union Orthodox (;©ngregations; i)r. j. A. Blues tone, Misrachi; Rabbiner M. S. Ma real ins, Agudat 11a- Rabbauim; l)r. Frank Rosenblatt, Arbeitern!!,!;; Georg Julian Mack, National Council Jom; Alans I lebrew Associations; Louis I). B r a 11 d e i s , Pravisorisclies Zionistisches Exekutiv-Komitec; Jakob H a r 1 i 11 ״ e r, Polnischer Verband. Der Einberufung; der Konferenz lat; das Bestrcher! zugrunde, /,wischen der auf dem Koiigreßstaud- punkt stehenden Majorität der amerikanisch-jüdischen Organisationen und dem ״American Jcwish Committec“, das au der Konferenzidee festhält, eine Liiiigütig h e rb e i zi 11 ii h r e 11. Gegen eine Minorität von 0 Stimmen wurde heschlossen, die Pressevertreter zu den Verhandlungen nicht zuzttlassen. Bei dieser Gelegenheit erging sieh besonders Louis Mars ha II in den schärfsten Ausfällen gegen die jüdische Presse Amerikas, ihre Stellungnahme zum Weltkrieg und zu den jüdischen Fragen überhaupt. Er drückte sein tiefstes Bedauern darüber aus, daß er jidisch lesen kann und so mannigfachem Aergernis ausgesetzt sei. ״Seien Sie glücklieh ־- so rief er Brand eis zu . daß Sie nicht Jidisch lesen!“ — Für die ()Öffentlichkeit der Verhandlungen stimmten 'Brandeis, Friedenwald, Rahb. Margolins, Dr. [)rachmann, f)r. Rosenblatt, L)r. Robinson, Mr. 'Dimant und Mr. Karlinger, sämtlich ausgesprochene Vertreter der Idee eines jüdischen Kongrosses. Die erste Sitzung wurde um 10' Uhr morgens eröffnet. Den grollten Teil der Zeit nahmen die lebhaften Debatten über die jüdische Presse in Anspruch. So wurden die eigentlichen Fragen nur von einem Redner, Mir. Samuel Dorf, Grollmeister des Ordens ״Brit-Abraham“, berührt. Der Redner sprach sieh in schärfster Weise gegen die Kongreßidee und überhaupt alle demokratischen Be- Strebungen im amerikanischen Judentum aus. Die zweite Sitzung begann um 2 Uhr nachmittags. Als Erster sprach Louis B r a 11 d e i s. Er wies in einer zweistündigen Rede auf die Wichtigkeit eines auf demokratischer Grundlage stehenden alljüdischtn «Kongresses hin und legte dar, daß die Anwendung demokratischer Prinzipien in jüdischeji Fragen keine Gefahr, sondern eine, ummigangliehe Voraussetzung einer günstigen Lösung und erfolgreichen Wirkens bilde. Er hob die Notwendigkeit •eines Eintretens für die Gleichberechtigung der Juden in den Ländern der Unterdrückung hervor und legte die Bedeutung einer öffentlichen Intervention gerade der amerikaiiischeti Judenlieit!11 dieser Riehttmg dar. Diese Aktion müsse aber «len Willen der gesamten amerikanischen judenlieit /um Ausdruck bringen, was nur durch einen auf demokratischer Basis stellenden Kongreß möglich sei. Er wies /um Schluß auf große jüdische Organisationen hin, die ihre Macht und Große ihren demokratischen Grundsät/cn zu verdanken haben. Brandeis’ Rede wurde vielfach \o!1 begeisterten Beifallskundgebungen unterbroeheii. Darauf ergriff l.oitis M a r s 11 a 1 I das Wort. Er führte in einer halbstündigen Rede ungefähr folgendes ans: Ein alljiidischei׳ Kongreß würde eine Gefahr bedeuten nicht allein für die Juden Europas, sondern auch für die amerikanischen Juden. ״Ein demokratischer Kongreß käme einem Selbstmord des amerikanischen Judentums gleich!“ rief er emphatisch aus. Er machte auch aus seiner Ueberzeugtnig kein Hehl, daß auch eine Konteren/, wie sie von dem American Jewisli Committee geplant wird, nur schädlich wäre und er sei deshalb auch!;egen eine solche. Der Redner sprach sich sehr scharf auch gegen die eingewanderten Juden aus mul meinte, die jüdischen Führer in Amerika hätten Großes für ihr Volk bereits zu einer Zeit gewirkt, als es noch keine russischen, österreichischen und rumänischen Juden im Lande gab. Diese jüdischen Führer werden auch in diesem Moment das Richtige finden und ihre Kraft in den Dienst der jüdischen Allgemeinheit stellen. Ls wurden verschiedene Anträge gestellt. Prof. Salomon S eh e c 111 e r vorn Rabbiner-Seminar erklärte, er sei sowohl gegen den Kongreß wie die Konferenz. Man wähle einen Ausschuß von 30 Mitgliedern, dem auch Brand eis angeboren soll, und dieser Körperscliail soll die Vertretung der jüdischen Interessen an vertraut werden. Mr. Leon Sanders schlug cor, man möge die Verhandlungen einstellen und die Erörterungen über die Kongreß- oder Konferenzfrage bis nach B e e n (I i g u 11 g des K 1־ i e g e s ,11 1׳ f seht e b e 11. Die Debatten zogen sich bis 3 Uhr hin. Alan erörterte mm die Frage, welchen Bericht man der Presse erstatten soll. Mail einigte sich schließlich dahin, Mr. Brand eis mul Mr. 51 r a 11 s mit der Redaktion eines Berichtes für die Presse zu beauftragen. Darauf unterbreitete Brandeis vier Konferenz folgenden Bericht: •v ״Die Konferenz war einer freien Diskussion über die Vorzüge und die Nachteile eines Kongresses oder einer Konferenz!und über die Tunlichkeit beider Pk'ine gewidmet. Sämtliche Redner waren darin einig, daß die Juden dieses!..;indes im richtigen Moment mit vereinigten Kräften der in Betracht kommenden Antoritat einer nationalen oder internationalen die fundamentale Forderung unterbreiten, man möge den Juden gleiche bürgerliche, politische und religiöse Rechte in denjenigen Ländern gewähren, wo sie bisher noch!nicht im Besitz dieser Rechte sind. Die Konferenz hat einen bestimmten Beschluß nicht gefaßt, mild es ist der allgemeine Wunsch der Anwesenden, daß eine zweite Beratung stattfi 1111 et. Beim Schluß der Konferenz ist durch Abstiinmutig festgestellt worden, daß die Verhandlungen bloß bis auf weiteres vertagt werden. Dem Vorsitzenden steht das Recht zu, die Konferenz /u jeder Zeit wieder einzuberufen.“ Ueber den Zeitpunkt, in dem die zweite Zusammenkuiift stattfinden soll, ist nichts bekannt geworden. Mr. Kraus versicherte, daß dies nicht so bald geschehen werde. Unter diesen Umständen scheint es sicher, daß die für den 24. Oktober geplante K o n f e r e!1 z des ״A in e r i c a 11 J e \v i s 11 C o m - mittee“ ganz fallen gelassen wird. Im allgemeinen hat das Ergebnis der Beratungen in den beteiligten Kreisen eine Enttäuschung hervorgerufen. Man erkennt die Schwierigkeit der lieberbrückung der tiefen Kluft, die die Stellungnahme zu den aktuellen jüdischen Gegenwartsfragen aufgedeckt hat. Dr. Jakob Möller s. A. frt der Blüte der Jahre, im Aufstieg des Lehens, ist er uns entrissen. Mit den Seinen trauern und klagen wir um den klugen, gütigen Mensclien. In unserer Bewegung, die der Zukunft, der Jugend gehört, war er an seinem ursprünglichsten Platze. Mit seiner jugendlichen Frische, seinem tatkräftigen, zielbewußten Handeln errang er in ihr die Stellung, die ihm gebührte. Sein jugendlieh es Ungestüm fand mäßigende (irenzen in klugern Urteil, in weitem Blick. Rasches und sieheres Erlassen der Aufgaben des Augenblicks wurde glücklich ergänzt durch die Gabe der Rede, durch Schlagiertigkeit und Witz. Er hatte den Mut der Ucber/cugung. Unerschrocken trat er, wo immer, für das Wahre und Rechte, wie er es erkannte, ein. Lest verankert war in seiner Seele die Liebe und Treue zum überlieferten Judentum, zur Tradition seines Hauses. Mannhaft führte er seine gute Klinge, wo es galt, für sie zu kämpfen im lauten Streite des Tages. Er war voll hohen Schwungs. Aber sein Idealismus verstieg sich nicht liiinmglan, harmonisch durchdrang ilm 1111ermiidliclie t.ust zum Schaffen und verklärte ihn durch irdische Tat. Er war Zionist mit jeder Faser seines Herzeus. Ein Widerspruch mit dem Kern seines Wcsens erschien es ihm, die Reihen zu verlassen, in die er mit freiem Willen sich gestellt, in eigenem Entschluß. Wie in dem Kampfe, in dem er gefallen, blieb er treu der Ealiiie, der er geschworen, folgte er dem Panier, das ihm hochragend voranleuchfete im Kampf unseres Volks, um I reiheit und Lieht und dauernden Frieden. Und die Quellen seiner Kraft? Sie entströmte ihm aus dem ewigen, unversiegbaren Born echten, ungelalseliten Judentums mit seiner!..ehre von der Hingabe des Einzelnen an die Gesamtheit, der Uebcrxeugungstreue und unbeugsamen Festigkeit, unerschöpflichen Liebe zur Familie, aufrichtigen Treue dem Freunden, von Wohlwollen und Hilfsbereitschaft eien Armen und Bedrückteil, von der Weihe und Lauterkeit der Gesinnun״. sittlichem Ernst lind Strenge• der Lebensauffassung, von wahrhafter, tiefster, sich selber genügender Frömmigkeit. So lebt er in unserem Gedächtnis fort, ein guter, treuer Kamerad, ein zuverlässiger Helfer. Wir erhofften von reifender Jahre Wachsen und Entfalten verheißungsvoller Kräfte, liebenswerter Gaben, vvesenhafte, dauernde Förderung unserer großen Ziele. Ihn lockte das Leben mit seinen Freuden und Aufgaben. Er bot sich ihm dar in heißem Begehren, in jugendlichem Kraftgefühl. Aber der Ring seiner J age ist geschlossen. Ein mächtiger Wille gebietet seinem Streben Halt. Wir beugen uns in Demut. Dr. F r a n e k. Botschafter Freiherr von Wangenheim Der plötzliche Tod des Kaiserlichen Botseliafters in Konstantinopel, Freiherrn von Wang e n 11 e i m , ist ein schmerzlicher Verlust für die zionistische Arbeit in der Türkei. Der verstorbene Botschafter hatte ein warmes Verständnis für die Ziele, die die zionistische Tätigkeit in Palästina verfolgt, und wußte ihren Wert für die Türkei sehr wohl zu schätzen. Seine großzügige Auffassung des Orient- Problems und seine eindringende Kenntnis türkischer Verhältnisse und Notwendigkeiten führte ihn der jüdischen Kolonisationsarbeit gegenüber zu einer Stellungnahme, deren wohltätigen Einflull das jüdische Siedlungswerk in Palästina am meisten gerade in der letzten Zeit erfahren hat. Nicht nur in zionistischen Kreisen ist bekannt, daß Freiherr von W a n g e n 11 e i m in gleicher Richtung wie der Botschafter der Vereinigten Staaten, Mr. Henry Morgen thau, ständig für eine wohlwollende Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der jüdischen Palästina-Siedlung eingetreten ist. Sein Hinsclieiden wird auch von uns tief!nitempfunden. Die jüdische Arbeiter-Konvention in Amerika (Die Forderung international garant i e r t e r nationaler Rechte ־ Generalstreik a 111 T a g e d e r E r ö f f 11 11 n g d e s F r i e - (I e 11 s k o 11 g r e s s e s.) I >ie K o 11 f e r e 11 z ei c r j Li d i s c 11 e 11 Arb c i t e r - O r g a n i s a t i o neu der Vereinigteil Staaten gestaltete sich zu einer außerordentlieh wirkungsvollen und bedeutsame» Kundgebung der jüdischen Arbeiterschaft dieses Landes, ihre Be- Schlüsse werden von der gesamten Presse als ein neuer Abschnitt in der Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung Amerikas gewürdigt. Die Tragweite: des Ereignisses ist daraus zu ersehen, daß der Kongreß gegen 400 000 o r g a!1 i s i e r t e j 11 d i s c h e Arbeiter vertrat, mit anderen Worten, etwa die Hälfte d e r j ü d i s c 11 e n B e vü 1 k e 1־ u n g Amerikas, die auf 3 Millionen geschätzt wird. Die gefußte Resolution lautet wörtlifli: ״Die entsetzliche Lage der Juden in den kriegführenden!.,ändern, die furchtbare Rechtlosigkeit, die schamlosen Verdächtigungen, die grausamen Vertreibilligen aus ganzen Provinzen, die großen und kleinen Pogrome gegen jüdische Familien, während Hunderttausende jüdischer Soldaten ihr Blut in den Armee״ aller kämpfenden Länder mutig vergießen, die Not, die Qualen und das Elend von Millionen unserer Brüder überall, wo der Krieg tobt, verlangen von uns, Juden Amerikas, eine rasche lind energische Aktion zugunsten der jüdischen Gleichberechtigung in allen Ländern, wo die Juden in ihren Rechten bc-duäiikt sind. Line derartige Aktion 11111B einen zweifachen Zweck verfolgen. Sie soll, erstens, die öffentliche Meinung Amerikas und der europäischen Länder für die jüdische Frage interessieren, eine Stimmung der’ Entrüstung tmd lies Protestes gegen die jüdische Rechtlosigkeit bei allen fortschrittlichen [,arteten, Gruppen mul Schichten der amerikanischen und europäischen Welt erzeugen, die Presse Amerikas und der anderen Länder über die jüdische Lage imlernehteii und damit die Mauer des Schweigens durchbrechen, mit der die furchtbaren jüdischen Leiden umgeben werden. Zweitens, soll sie dieanieri-