Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 44 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 355 neben Gedichte Bialiks, philosophische Studien Neuinarks, eine keusche und reizende Novelle Agnons, Schaloms Alcchcms Werke, ja eine vom ״Verlag Jephet“ in Jaffa starnnierule hebräische Goethe- und Tolstoi-Uebersetzung: eine Mannigfaltigkeit, in der Reste und Keime wetteifern. Dir■ grollten Verlagsanstaltcn sind aber in Warschau, vor allem ״Acliiassaf", dem wir die Herausgabe von Ach ad-Ha a in s Werken, ferner die wohlbekannten Jahrbücher, und eine Reihe anderer guter Ausgaben verdanken. Daneben ist ״Tuschija“ /u nennen, die zu viel Werke verlegte, um für alle ein gutes Urteil beanspruchen zu können. Neben einer Anzahl Uebersetzurigen hat dieser Verlag manchen originellen Schriftsteller, z. B. B e r d i t s c 11 e \v s k y , T s c 11 e r n i c 11 o wsky, S c 11 n e ü r, B e r - schndsky und manche anziehende Lektüre, auch populär-wissenschaftliche Bücher herausgegeben. Auller diesen und anderen hebräischen Verlagsanstalten gibt es in Warschau eine £eihc jidischer Buchhandlungen, von denen sich in letzter Zeit eine Anzahl in dem Verlag ,,Zentral“ vereinigte und neben manchen guten doch auch mittelmäßige Werke veröffentlichte, ln Warschau lebte und wirkte der grolle Perez, hier fanden sich in den Zeitschriften viele junge Begabungen unserer zweisprachigen Literatur zusammen, von denen mancher inzwischen längst die allgemeine Anerkennung erlangt hat. Die Literatur, besonders aber die unsrige, läßt sich freilich nicht schematisch-geographisch einbetten, die Saat von Wilna und Warschau geht oft in Jerusalem oder New York auf und umgekehrt. Wenn man von jüdischer zeitgenössischer Literatur spricht, ist es erforderlich, die jüdische Presse in den Vordergrund zu stellen. Die eigentümlichen Bedingungen von Ort und Zeit haben es mit sich gebracht, dali ein gut Stück unserer jungen Literatur mehr in Zeitschriften als in Buchausgaben aufgespeiehert ist, und selbst was gesondert erschien, hatte fast immer in irgendeiner Zeitschrift, oft sogar in einer Zeitung seine ,,Premiere“ erlebt. Die jüdische Presse in Warschau und Wilna, vor allem die hebräische Presse, beansprucht daher außer der Bedeutung, die ihr an und für sich zukommt, noch ein besonderes literarisches Interesse. Die älteste der jetzt erscheinenden jüdischen Zeitungen ist die Warschauer ״Ha zephira“, geleitet von N. So ko low*. Bis 1903, solange nämlich jidische Zeitungen in Rußland nicht erlaubt waren, waren dies Blatt und der Petersburger ״Hamelitz“ die einzigen täglich erscheinenden Zeitungen der Juden in Rußland. Beide spielten eine unabmeßbare Rolle für die Entwicklung der nationalen Ideologie in den Kreisen der Volksintellektuellen, der nicht assimilierten, im Volke wurzelnden Jugend. In den alten und neuen Jahrgängen dieser Zeitungen wird der Historiker das beste Material für die Erkenntnis des inneren Prozesses finden, der vorn patriarchalischen zum nationalen Judentum, vom Ghetto zum Zionismus führte. Denn fast die gesamte hebräische Presse war und ist zionistisch oder jedenfalls ausgesprochen national. Es gab täglich erscheinende Zeitungen, die literarisch besser als die ״Ha zephira“ waren, es gab jugendlichere Zeitungen, z. B. ״Hazophe“, ״Haboker“, sie konnten sich aber nicht lange halten. Erhalten blieb allein die ״Hazephira“. Nach vielfachen Unterbrechungen und nachdem sie im Jahre 1912 ihr glanzvolles 50jähriges Bestehen gefeiert hat, hat diese zionistische Zeitung par excellence nun auch im Weltkrieg ausgehalten. Sie erscheint auch jetzt und verdient als die einzige hebräische Tageszeitung in Europa auch jetzt unsere besondere Unterstützung. Die Wilna er hebräische große Tageszeitung ״H asm an“ konnte sich leider im Kriege nicht behaupten. Wer keine hebräische Zeitung gelesen hat, wird sie sich kaum richtig vorstellen. Zum Unterschied von allen anderen, auch den jidischcn Zeitungen, ist in jeder hebräischen Zeitung ein Ernst und ein Idealismus bemerkbar, der das Gegenteil von alledem darstellt, was Straßenlärm und Tages- Wahrheit mit sich bringen; eine hebräische Tageszcitimg enthält viele Seiten, die der Güte einer Zeitschrift entsprechen, sic ist nie sensationslustig, spekuliert nie auf Massenpsychose. Es mag sein, dali diese lugenden ihre Ursachen darin haben, dali die hebräische Presse kein Massenpublikmn besitzt. Ihren Lesern ist dieser Pressetyp lieb und• teuer. Die Massen, die hebräische Zeitungen nicht lesen, hatten bis 1903 keine Presse, wenn man einzelne Versuche abrechnet, die nicht lange dauerten (״Kol niewasser“ in Petersburg u. a.) Die erste großangelegt c jidische Woch e n s c h ri f t ״Der Jud“, die eigentlich Liebesgabensendung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zum Chanukahfest Wie iin Vorjahre wollen wir auch diesmal unseren Freunden, die an allen Fronten kämpfen, allen, die in Lazaretten liegen, und allen, die noch ausgebildet werden, eine G hanukahfreude bereiten. Die Zahl der Freunde, die wir zu bedenken haben, ist seit dem vorigen Jahre wesentlich gestiegen, und auch das uns »zur Verfügung stehende Adressenmaterial bedürftiger jüdischerSoldaten hat sich ständig vermehrt. Trotzdem hoffen wir durch die eifrige Werbearbeit unserer Gesinnungsgenossen, a 11 e zu bedenken. Unsere Pakete sollen Genuß mittel aller Art enthalten. Auf Wollsachen und Gebrauchsgegenstände wird dieses Jalir weniger Wert gelegt. Da unsere Freunde in allen Briefen den Wunsch danach aussprechen, werden wir ihnen auch diesmal eine Chanukah-Festnummer der ״Jüdischen Rundschau“ zuschicken, für die uns namhafte jüdische Schriftsteiler Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Das Chanukahfest beginnt bereits am 2. Dezeniber, daher ist grolle Eile geboten, um die Sendungen rechtzeitig verschicken zu können. Wir bitten daher alle unsere Freunde, uns Barmittel, Genußmittel aller Art und postfertige Pakete einzuschicken. Jedem Paket soll auch in diesem Jahre eine Karte des Spenders beigefügt werden. Zuschriften und Geldsendungen sind an die Adresse unseres •Herrn Max Wollsteiner, Charlottenburg, Roscherstr. 5, Postscheckkonto Berlin 3847, zu richten. Pakete ausschließlich an die Adresse unseres Bureaus, Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. Zionistische Vereinigung für Deutschland. in Warschau redigiert wurde, mußte in Kr a - kau gedruckt und verlegt werden, weil man in Rußland keine Erlaubnis bekommen konnte. Diese Wochenschrift, zionistischer Richtung und von literarischer Vollkommenheit, erfreute sich allgemeiner Beliebtheit und stellte ihr Erscheinen erst ein, als sie überflüssig wurde, als nämlich der Presse in Rußland Konzessionen gemacht wurden, ln dieser Zeitschrift sind 11, a. die besten Werke Sc 11 a 1 o 111 Al eiche in s erschienen. Die Jahrgänge dieser nominell Krakauer, in Wirklichkeit Warschauer Zeitung bilden noch heute für die breiten Schichten des Leserpublikums eine schöne und lehrreiche Lektüre. 1903 wurde in Petersburg der täglich erscheinende ״Fraind“ gegründet, und drei Jahre später begann die Epoche der Wars c h a u e r j i d i s c 11 e n Massenpresse. Es entstanden ״H a i n t“, ״Moment“, mit Hunderttausenden von Abnehmern in allen Winkeln Rußlands und Galiziens. Das ist ein ganz anders gearteter Typ, als die ״Hazephira“ und die hebräischen Zeitungen überhaupt. Die Warschauer jidische Zeitung ist in der Regel nicht parteiisch, nicht von einer bestimmten Idee getragen, sondern hat überwiegend informatorisehen Charakter. Sie nähert sich dem Typus der unter dem großen Publikum verbreiteten Zeitungen in den Großstädten Europas und Amerikas. Um so charakteristischer ist es, daß während der Waiden in die Reichsduina im Jahre 1911 die gesamte Warschauer jidische Presse für den nationalen Block Stimmung machte und siegte, daß sie die zionistischen Kongresse am ausführlichsten behandelt und mit zahlreichen Korrespondenten beschickt. Diese Presse ist eine Kraft, die vom Volke beeinflußt wird lind auf das Volk wirkt. Sie konnte nur in einer Viertel' millionengerneinde entstehen und hat nur noch in New York ihresgleichen. Sie hat gewiß viele Fehler, das ändert aber nichts an der Tatsache, daß sie mit dem Volke organisch verwachsen ist. Daneben erscheinen von Zeit zu Zeit auch Parteiblätter, so der später nachWarschäu verlegte radikale ״F r a i n d“, die sozialistische ״Volks- # ze itung“ in Wilna; typische Volksblätter aber sind bis heute ״H a i n t“ und ״M omen t“ geblieben. Mit anderen jidisclien Zeitschriften, nicht Tageszeitungen, hat Warschau kein Glück. Diese blühen und welken meistens in Wilna. Zahlreiche Wochenschriften, Halbmonatsschriften und Monatsschriften sind in Wilna während der letzten zehn Jahre erschienen, jede von einer extremen Idee geleitet und mit einem anderen Parteiprogramm. Die Geschichte der jidischen ״J o u r n a 1 e“, in Wilna ist gleichbedeutend mit der Geschichte des jüdischen Parteiwesens in Rußland in der revolutionären Sturm- und Drangperiode. Im letzten Jahre gab es von alledem nur noch eine Monatsschrift: ״Die jüdische W e 11“, mit radikal-nationaler Richtung. Der zionistische ״Haolam“, wöchentlich erscheinend, ist vor zwei Jahren nach Odessa übergesiedelt. Dagegen gab es in Warschau hebräischeZeitschriften ersten Ranges, die nominell in Krakau, tatsächlich aber in Warschau verlegt wurden. Ich meine die Wochenschrift ״H a d o r“ unter der Redaktion Frischmanns (1902—1904) Find die Monatsschrift ״Hase hi- 1 o a c h“ unter der Leitung von Klausner und B i a 1 i k (1903—1905). Vom ״H a s c h i 1 o a c h“, ursprünglich von Achad Ha am in Odessa und jetzt von Klausner ebendort redigiert, zählen gerade die Warschauer Bände (XI—KV) zu den besten, soweit die Belletristik in Frage kommt. Bialik, Brener, Sc hofmann, Berkowitz, Jakob Kahan u. a. m. haben hier ihre hervorragendsten Werke veröffentlicht. Was Frischmanns schöngeistigen ״H a d 0 r“ betrifft, so gehört er füglich mehr zur Literatur, als zur Presse. Wir haben es zweifellos nach diesen Schildeningen in den beiden Städten Warschau und Wilna mit K u 11 u r - Zentren zu tun, die in sich die Anlagen zu weiterer Entwicklung enthalten. Nur muß diese Entwicklung in ihrer Eigenart gewürdigt werden. Es muß auf dem tragfähigen Grund des Geschaffenen mit Hilfe der bisher zutage getretenen inneren Kräfte vveitergebaut werden. Der Umkreis ihrer Wirkung kann nun größer oder kleiner werden, sich mehr nach Osten oder nach Westen geographisch ausdehnen. Im großen und ganzen werdet! Warschau und Wilna unter allen Umständen große Zentren der ostjüdischen Literatur und folglieh der jüdischen Literatur schlechthin bleiben. B. Krupniek. Zionisten! Zahlt den Kriegsbeitrag!