Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1915)
- Date
- 1915-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 354 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 welcher Verbindung Russisch-Polens mit Deutschland Einwanderungsbeschränkungen gegen die Ostjuden stattfinden müssen. Dafür aber müssen wir uns der Ostjuden nach Kräften annehmen, müssen vur allein versuchen, sie mit der polnischen Scholle in Verbindung zu bringen. Hat der Jude des Ostens im Deutschen seinen Helfer, so werden auch die Assimilationsjuden sich vom Polentuin abwenden und an das Deutschtum halten: denn es ist ganz natürlich, daß sie sich dann nicht den Schwächeren assimilieren, den Polen, sondern den Stärkeren und Herrschenden, den Deutschen.“ Gegenüber dieser bedingten Rücksichtnahme auf die Eigenentwicklung des OstjuUentunis werden wir, und hoffentlich mit wachsendem Erfolg, darauf bestellen, daß sich die deutsche Politik in rein aufbauender Arbeit, die von selbst jede negative, zur Ausnahme-Behandlung• führende Abwehr überflüssig macht, den Schutz der jiidischen Eigenart, die Stärkung־ und Organisierung der jüdischen üemeinschaft im Osten vorzunehmen hat. Wenn dies geschieht, wird das Ostjudentum für die Oesamtentwicklung des unter deutschem. Einfluß stehenden Ostens ein so wertvoller Faktor, daß es sich erübrigt, jetzt theoretische Erwägungen anzustellen, ob das Ostjudentum einen mehr oder weniger starken Stützpunkt deutschen Einflusses im Osten bilden könne. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, zu unteisuchen, wie weit das Polentum hierfür in Betracht kommt. Wir sind mit ürabovvsky durchaus einverstanden, wenn er das Ausspieleu der Völker im Osten gegeneinander auf die Dauer für wertlos hält, wenn es nach den von außen her in die Verhältnisse hineingetragenenOpportunitätsgründen geschieht. ,Wir wollen nicht den Anspruch für das Ostjudentum erheben, es sei als ״H er re 11 vo 1 k“ zu betrachten, das andere regiert. Die Ostjuden selbst werden aber auch nicht geneigt sein, ihrerseits die Handlanger einer Unterdrückungspolitik zu sein, die mißlingen muß. Es darf keine Unterdriickungspolitik getrieben, aber auch keine geduldet werden. Und Cirabowsky selbst hat ja schließlich ohne alle Einschränkung die Formulierung gefunden, die wir wünschen: ״Mit der Polenfrage zusammen muB die östliche Judenfrage gelost werden. Wollen wir, daß jedes der beiden Volker sich eines ge¬ Leutnant Sender Ob der Krieg, der soviel Unersetzbares zerstört hat, neue Werte zu schaffen vermag — wer kann es wissen? Eins aber wissen wir: er enthüllt das Verborgene — Hohes uml Niederes. Uns Juden ist das Geschehen der Zeit in diesem Betracht fast zu einer Offenbarung über unser eigenes Wesen geworden. Wir hörten so oft und glaubten’* am Ende, mit schnell gefertigter Begründung, daß wir kritisch vergrübelt und unscböpfcrisch veranlagt seien, stärker im Denken als im Tun, stärker als Kritiker und Nachempfinder denn als Künstler und Tatmenschen. Und heute hat uns der Krieg in unserer Mitte den Kunstler und den Helden gezeigt — den Künstler und den Helden g e r a u b t. Das schönste Lied in diesem Kriege, das fast zum Volksliede gewordene osterreichische Reiterlied entstammt dem Herzen des Juden Hugo Zucker in a n n; kaum einer, der in den letzten Tagen unsere Fahnen auf Belgrads Zinnen nicht mit den Worten des allzufrüh Gefallenen begrüfft hätte. Zuckermann lebt unter uns in seinem Liede; wer aber nennt die namenlosen Helden aus unserer Mitte, von denen heute nur noch die Trauer im Herzen ihrer Freunde und ein frisches Grab in Feindesland kündet? Dem Andenken eines aus dieser teuren Schar weiht sich ein kleines Buch: ״Leutnant Sender. Blätter der Erinnerung für seine Freunde, Aus seinen Feldpostbriefen zusammengcstellt von l)r. M. Spanier.“*) Für die Freunde des Toten geschrieben; für uns alle ein kostbares Geschenk. Wer das Glück hatte, Gottfried Sender in längst vergangenen friedlichen Tagen ins offene Auge zu blicken, der erkannte in dem stillen Manne einen Arbeiter von gesammelter Treue, einen schlichten Menschen in des Wortes schönster Bedeutung. Schlicht und edel, wie es zu diesem Helden paßt, zeigen uns die feinsinnigen Worte der Einleitung, die Brücken, die von dem schlichten Heldentum im friedlichen Wirken des Lehrers Sender zu dem stolzen Heldentum seines letzten Lebens¬ *) Hamburg 1915, Verlag von M. Glogau jr. (1 M.) — Der Reinertrag des Buches wird einer wohltätigen Kriegsstiftung zugeführt. sicherten Daseins erfreut, so müssen wir die Juden vor den Polen sichern. Die Absicht, ein Volk auf das andere loszulassen, damit ein Volk das andere auffresse, liegt uns fern. Diese Sicherung der Juden wird freies Selbstverwaltungsrecht in national-jüdischen Angelegenheiten umfassen müssen. Die gleiche Sicherung wird immer den Ruthenen, den Litauern und anderen in Betracht kommenden Stämmen gebühren. Was die Polen für sich verlangen, müssen sie auch den anderen gewähren.“ Wenn die deutsche Politik dies anstreben und durchsetzen wird, wird sie aufbauen und nicht zerstören, — den anderen Völkern zum Heile und sich selbst zum dauernden Nutzen. L e o H e 1־ r m a n 11. Jüdische Literatur-Residenzen Warschau und Wilna Von den vier Hauptzentren der jüdischen Literatur im Osten, von denen jedes mit dem gesamten jüdischen Lesepuhliktiin in geistigen Beziehungen stellt, sind Wilna und Warsclia u die älteren, P e t e r s b u 1־ g und O dessa die jüngeren. Petersburg ist natürlich der Hauptsitz, der russischjüdischen Literatur und Presse, hier keimt eine jüdische Wissenschaft in russischer Sprache, und nebenbei wird hier auch hebräische und jidische Literatur verlegt. In Odessa wohnen die bedeutendsten Dichter der hebräischen und jidischen Literatur: Abramosvitsch und Bialik; hier schuf Achad-Haam, hier befindet sieh der vornehmste liebräisyhe Bücherverlag ״M o r i j a h“, der seit einigen Jahren mit den Warschauer Verlagsbuchhandlungen erfolgreich wetteifert und sich durch Gediegenheit der äußeren Ausstattung lind durch den Geschmack in der Auswahl der Werke rühmlich auszeichnet. Die in Rußland verbleibende jüdische Bevölkerung braucht also nicht neue literarische Zentren zu schaffen, wie sich das manche Westjuden vorstellen. Wohl aber ist diese Bevölkerung vorderhand von den zwei größten und ältesten jüdischen Literatur- Zentren abgeschnitten. jahres hitiüberführen; und zeigen uns weiterblickciul den Pfad, der von dem jüdischen Kämpfer unserer Tage zu den jüdischen Kämpfern der Vergangenheit führt. Die nimmer rastende Hilfsbereitschaft, die vor Jahren schon mit eigener Lebensgefahr ein Kind aus den Fluten des Rheins rettete; das heilig glühende Gerechtigkeitsgefühl dieses Sanften und Zuriickhaltenden, der, wo er Unrecht sah, zu stählerner Härte sich umschmieden konnte: das waren die Quellen seiner Kampfbegeisterung. Niemals ist er ein Lobredner des ״frischen, fröhlichen Kriegs" gewesen, der ganz auf friedliche Arbeit gestellte Mann, der nimmermüde Erforscher der Natur; aber, so schreibt er selbst, ״so sehr ich Gegner des Kriegs bin und durch den Krieg noch mehr geworden bin, so sehr bin ich tief überzeugt, daß unsere gerechten Forderungen den Neidern abgerungen werden müssen“. Das beleidigte Recht ruft auf zum Kampfe: immer kehrt dieser Gedanke in seinen Briefen wieder. Und in diesem tiefsten Grunde seiner Hingabe reiht er sich, wie der tief verstehende Freund des Toten in seiner Einleitung schreibt, unmittelbar an das Geschlecht altisraelitischer Helden an: nicht nur die Makkabäer — nein, jene unübersehbar unendlichen Scharen, Propheten wie Märtyrer; jene namenlosen Heere, d^ren das Sabbatgebet gedenkt: ״die ihre Seele hingaben für die Heiligung des Rechts ...“ Als ein E'nkel dieser Ahnen steht Gottfried Sender vor uns. Und er beginnt nun, uns diesen Krieg, den wir alle miterleben, zu schildern: atemlos, abgerissen, in Gefechtspausen, im Schützengraben, im Zelt. Nicht verschweigt er die körperlichen Hindernisse, die sein eiserner Wille überwand; bald ist der Gefreite Sender, der ״tolle Draufgänger“, dem keine Patrouille zu gewagt ist, der Liebling seines Majors und der Liebling seiner Kameraden, die von ihm munkeln, er sei mit dem Teufel im Bunde, weil er durch den Kugelregen geht wie andere zum Tanze. Rührend zeugt von dieser Bewunderung der Brief eines Schlossers an seinen ״tapferen Kameraden, der niemals an sich denkt“; von erschütternder Gewalt ist die Schilderung einer Schreckensnacht am Bahndämm von Dixmuidcn, als Sender seinem verwundeten .Major das Leben rettete; in ihrer dramatischen Knappheit vielleicht das packendste Schlachtbild aus Schon als Zentren der rabbinischen Literatur sind Warschau und Wilna altbekannt, besonders Wilna mit der berühmten Rom in- Druckerei, in der die besten und schönsten Talmud-Ausgaben gedruckt werden, die überall, in der Betstube des entlegensten Ghettos von Mittelasien, wie in der (ielehrtenstube des Fachmarines in Westeuropa anzutreffen sind. Immer noch bildet die religiöse Literatur, Synagogales, Biblisches, Talinudisches, Rabbinisches den Hauptbestandteil auf dem Büchermärkte des jiidisclien Ostens. Alle diese Schriften werden hauptsächlich in Wilna und Warschau hergestellt, in Wilna eleganter und gediegener, in Warschau einfacher, billiger, mehr als Massenartikel, lri Warschau kommen noch die chassidische Literatur und eine Menge von Folklor, Volksdichtung und Volksweislieit in beiden Sprachen hinzu, ein Literaturschatz, der trotz des erbärmlichen Aeußcreu und trotz hartnäckiger Weltfremdheit Perlen in sich birgt, die Perez im Osten, Buber im Westen bisher nur zu einem Teil wieder lebendig gemacht haben. Was die neue Literatur betrifft, so war Wilna während des ganzen HJ. Jahrhunderts ulcr Hauptsitz der ostjüdischeu Aufklärungsliteraten, die bei all ihrer Einseitigkeit doch die Bahn für unsere neuste National- und Renaissance- Iiteratur ebneten, weiche mit dem Aufstieg des Zionismus zeitlich und in gegenseitiger Wirkung verknüpft ist. Die Namen M. A. Giinzbürg, Leben so hn (Vater und Sohn), K. S c 11 u 1111 a 1111, J e h o s c 1111 a S t e i 11 b e r g , F'ü n n, Brodes, Dick 11. a. 111. sind mit Wilna unlöslich verbunden. Und in derselben Haskalastadt erscheinen beim ״Wilnaer Verlag“ in den letzten Jahren die Werke von Meistern der modernen Belletristik, wie Asch und Bergelsohn, die man als Antipoden der Haskaia betrachten muß. Wie im Leben, so lagern auch in der Geisteskultur dieser eigenartig reichhaltigen Welt ganz Neues, ganz Altes und Ueberreste verschiedener Zwischenstufen beieinander. Das Schaufenster einer größeren jüdischen Buchhandlung bietet bunt durcheinander einen Talimidfolianteri, ein Frauengebetbuch in altfränkiscliern Jidisch, ein neuhebräisches Lehrbuch, eine populäre hebräische Weltgeschichte der Huskalaepoche, einen Boulevardroman in Jidisch, dadiesem Kriege, das wir bis jetzt besitze^. Nach den Kämpfen im Westen, die ihm beide eisfreie Kreuze und die Ernennung zum Offizier brachten, erlebt er den langen, mühseligen Winterkampf im Osten, wo das Wasser in der Flasche friert und die knochenharte Erde das Eingraben unmöglich macht. Dazwischen aber liegt der härteste Kampf daheim, der menschlichste Schmerz. Er verliert seine Mutter. Keine Totenklage kann ergreifender sein als die verhaltene Trauer dieses Starken; Worte, die man zu entheiligen scheut durch ihre abgerissene Wiedergabe. Nach einer leichten Verwundung (unerträglich erscheint dem Stürmer die Wartezeit im Lazarett) kehrt er eilig zu seinen! Regiment zurück, ״um ini Felde wieder Ruhe zu finden“. Wissend wird die Seele, hat der Flügel des Todes sie gestreift. ״Es war die letzte Patrouille“, so schließt er die frohe Erzählung eines seiner Wagestücke. Und dann steigen — friedlich senkt sich dieses stürmende Leben zum Tode hinab — im letzten Briefe an die Geschwister Bilder des Jugendfriedens vor seinem Auge herauf: der Freitagabend zu Hause, das Lerchenlied am Friedhof der Heimat. ״Der Kanonendonner läßt unser Lied verstummen, die Vögel singen weiter". Eine Blutvergiftung am Finger beurlaubt ihn sehr gegen seinen Willen zur Verbandstelle; halb geheilt eilt er zurück zum Regiment, gegen den Einspruch seiner Kameraden; fHirt seine Kompagnie zum Sturm und fällt, durch den Kopf geschossen, am 13. Juni 1015. Das Gedächtnisbuch wird eingeleitet durch wann• empfundene Verse von Jakob Löwenberg; es schließ! mit den Erinnerungsworten seines Direktors Dr. Gutmann, die das friedliche Wirken des Lehrers Gott- Fried Sender ergreifend schildern. Vor allem ab« entwirft die Einleitung des Herausgebers das leben׳ digstc Bild des Menschen und des Kämpfers. Schmuck loser als die Freunde hat er selbst sich die Grab׳ rede gesprochen; ״Sollte ich fallen, so weiß ich Sie halten mich in treuem Gedenken als einen Men sehen, de! ernst im Leben seine Pflicht erfüllte .. •' Uns aber verfolgt mit traurigem Klang die ur alte Totenklage unseres Königs: ״Wie sind die Hel den gefallen .. Dr. Bertha Badt.