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Jüdische Rundschau · 1915-10-22 · Heft 43 (22.10.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 43 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 144 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 43 w Zur ostjüdischen Schulfrage Von Leo Rosenberg * Für die rein doktrinäre Art und Weise, wie die ostjüdisehe Schulfrage bisher in nichtjiidiselier und auch in jüdischer ()Öffentlichkeit erörtert wird, ist es bezeichnend, daß von gegebenen Verhältnissen einfach abgesehen wird. Das Problem wird so gestellt, als gelle es, ein jüdisches Schulwesen erst n e 1t i n s L e b e n z u r 11 f e n. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall. Ein solches Schulwesen besteht in der Ostjudcnlieit bereits. Ob es in allen Beziehungen gut oder schlecht ist: es hat seine vielhundertjährigc Geschichte und wurzelt tief im jüdischen Volksleben. Dieses ostjüdische Schulwesen hat seinen eigenen Charakter und seine eigenen, seinem innersten Wesen entspringenden Entwicklungstendenzen. Aus der Luft gegriffene Reformpläne und selbstherrliche Machtspriiche sind daher von vornherein zu lInwirksamkeit verurteilt. Die traditionelle ״C hcder-Schul c“ repräsentiert die jüdische Volksschule par excellencc. Wer das ostjüdische Leben selbst mitgelebt hat, kennt die Bedeutung dieser jüdischen Volksschule in Vergangenheit und Gegenwart, und hat Grund zu glauben, daß sie auch in absehbarer Zukunft den verbreitetsten Typus einer ostjüdischen Elementarschule darstellen wird. Der ״Glieder“ ist nun trotz seiner jidisehen Unterrichtssprache — richtiger: Uebersetzungs- Sprache, denn das Jidische bildet da nur ein Unterrichts m i 11 e 1, ohne selber Gegenstand eines Unterrichts zu sein — eine durch ti 11 d d u r e h h c - bräische Schule: in dieser Schule werden ausschließlich hebräisch-religiöse Lehrfächer unterrichtet. Weder das Unterrichtsprogramm noch die Lehrer (die ״Melatndim“) bieten die Möglichkeit einer anderen Unterrichtssprache. Allein für die Nationaljudenheit ist dieser Punkt, so schwer er ins Gewicht fallen mag, nicht der ausschlaggebende. Das entscheidende Moment liegt für uns in der hervorgehobenen immanenten Entwicklungstendenz der traditionell-nationalen Volksschule, der es eine ungehemmte Entfaltungsmöglichkeit zu sichern gilt. Von der C h e d e r schule gilt das Wort, daß ihr Charakter, von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, in Geschichte und Gegenwart schwankt. Während sie von den Nichts-als-Romantikern in den Himmel gehoben wird, erblicken die Fortschrittsfanatiker in ihr aller Uebel Quelle. Beides trifft natürlich nicht zu. Die Cheder-Anstalt stellt eine historisch gewordene Kategorie dar, und als solche muß sie gewürdigt werden. Das alte Judentum schuf sich seine Organe und Institutionen in seinem Ebenbilde. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts und vielfach bis um die Mitte desselben bildete der Cheder ein entsprechendes Korrelat der herrschenden sozialkulturellen Zustände im Ostjudentuin, vielfach auch in der Westjudenhcit. Vorn Leben und Treiben eines .״Cheilers“ in einem anhaitischen Städtchen um die Mitte des 19. Jahrhunderts gibt Professor Haim Steinthal aus persönlichen Erinnerungen eine anziehende Schilderung*). In der Entwicklung dieser Schule ist dann eine Stagnation eingetreten. Im Westen vermochte sie dem überstürzten Tempo der Ereignisse nicht zu folgen; sie verfiel der Auflösung. Aber auch in der Ostjudenheit hielt sie nicht mit der allgemeinen Kulturentwicklung Schritt. Das Organ erwies sich konstanter als die Funktion. Die Haskala hat /.war hier und da Ansätze zu einem weltlichen Schulwesen gezeitigt, allein die volle Entfaltungsmöglichkeit war noch nicht gegeben. So blieb der Cheder am Ausgang des 19. Jahrhunderts im großen und ganzen auf der Stufe der westeuropäischen Volksschule zu Beginn des 19. Jahrhunderts stehen. Ein deutsch-jüdischer Memoirenschreiber meint gelegentiieh einer Schilderung seines um diese Zeit erfolgten Ueberganges von dem aufgelösten Cheder zur öffentlichen Stadtschule seines Heimatortes (Straußberg bei Berlin), er vermochte nicht mit Bestimmtheit zu sagen, welche von diesen beiden Schulen die schlechtere war. ln dieser Verfassung blieb die Chederschule bis zum Beginn unseres Jahrhunderts. Die um die Jahrhundertwende einsetzende große national-kulturelle Bewegung im Ostjudentum ist natürlich auch auf dem Gebiete des Schulwesens nicht ohne Folgen geblieben. Ja, diese Bewegung fand in den neuen pädagogischen Reformbestreblingen geradezu ihren elementarsten Ausdruck. Es war gerade das Erfreulichste und Verheißungsvolle, daß dieser allgemeine kulturelle Fortschritt mit dem nationalen Hand in Hand ging. Es entstand überall das Bestreben, die potentiellen nationalen Energien zu aktualisieren, sie aus dem vielhundertjährigen Latenzzustand in den der schöpferischen Bewußtheit *) 111 einem Aufsatz über ״Die jüdische Volksschule in Anhalt um 1830—1840“ in der Sammlung über ״Juden und Judentum“ (Berlin 1906). hinüberzuleiten. Auch der a 1tjüdischen Volksschule, die ihrer l hiterrichtsverfassung und ihrem ganzen (ieist nach eine durch und durch hebräische Anstalt war, wollte man nunmehr einen ausgeprägt modernhebräischen Charakter verleihen. Das allgemeine pädagogische Moment trat in dem spezifischen sprachmethodischen Problem in die Erscheinung. Der Cheder war eine ״U ebersetz 11 n g s s e 11 u 1 e“; es galt nun, unter Berücksichtigung neuer, natürlicher Methoden die Uebersctzungsniethode auszuschalten und sie durch die gerade um diese Epoche in der Sprachpädagogik zum Durchbruch gelangten neuen Grundsätze zu ersetzen. So entstand die natürliche Tendenz, in der Chederschule die jidische Hebersetz u n g s spräche durch die hebräische U n t e r - richtssprache zu ersetzen. Der Erfolg war ein großer und überraschender. Zwei palästinensische Pioniere des Geistes waren es, die das erlösende Wort zur richtigen Stunde aussprachen: David J e 11 i 11 und Isaak E p s t e i 11. Beide sind die Väter der neuen hebräischen Pädagogik, deren höchste Errungenschaft die ״natürliche Methode“ (״ha-schitä ha-tivit“) im hebräischen Sprachunterricht oder nach dem üblichen Stichwort bezeichnet: ״Ivrit be-ivrit“ war. Epsteins revolutionierende Veröffentlichungen im ״Haschiloach“ und jellins Lehrbücher haben den neuen Be- Strebungen im Ostjudentum die Richtung und das Ziel gewiesen. Es wurden in jeder besseren Stadt des Airsiedlungsrayons, in Litauen und Westrußlaml zuerst, dann auch in Polen modern-hebräische Schulen begründet, die unter dem Namen ״Reform-Chadarim“ (״Cheder metükan“) bekannt geworden sind. Diese Reform-Chadarim haben das Hebräische zur alleinigen Unterrichtssprache. Das Unterrichtsprogramin hat insofern eine Erweiterung und Ausgestaltung erfahren, als der bestehende biblische Unterricht nach riehtigeren pädagogischen Grundsätzen erfolgte, ein systernatischer hebräischer Sprach- und Litcraturunterridit erteilt wurde und auch die nachbiblische nationale Geschichte bis auf die Gegenwart .eine weitgehende Berücksichtigung erfuhr. Von dem Realieminterricht mußte aus verschiedenen Gründen — nicht zuletzt infolge einer diesbezüglichen Verordnung der russischen Regierung — vorderhand abgesehen werden. Es hat sich auch bald das Bedürfnis herausgestellt, diesen hebräischen Schulen hebräische Kindergärten und Fröbelanstalten anzugliedern. Solche mustergültige Anstalten bestehen bis jetzt an den Reform-Chadarim in Warschau und in Lodz. Die in Warschau sind zum Teil Musteranstalten, deren Grundsätze und Resultate auch in fachmännisehen Kreisen in Palästina Beachtung finden, ln der neuesten Entwicklungsphase dieser Schulen trat immer deutlicher die Tendenz einer weiteren Ausgestaltung zu vollwertigen Elementarschulen nach besten westeuropäischen Mustern hervor. Das wird auch bei einer ungehemmten Entwicklung in naher Zukunft sicherlich der Fall sein. Hier liegt für u n s der eigentliche Schwerpunkt der ostjüdischen Schulfrage. Die Frage ist, ob diese ganze Entwicklung rückgängig gemacht werden kann. Die Frage ist für uns, ob die jidische Schulsprache in absehbarer Zukunft von unserer nationalen Sprache oder von einer fremden abgelöst werden wird. Dem russifikatorischen Ansturm haben unsere Schulen widerstanden, sie werden sich auch jedem anderen ähnlichen Versuch gegenüber behaupten. Ihre künftige Entwicklung wird sich in den von ihrer innersten Natur ihnen ™gewiesenen Bahnen bewegen. Das große historische Kontinuitätsgesetz ist jedem papierenen Gesetz überlegen. Es wird vollends zu einer unüberwindlichen Macht, wenn sich der höhere Selbsterhaltungstrieb zu ihm gesellt. Auf diese Macht bauend, blicken wir getrost in die Zukunft. Die Petersburger Konferenz der Jüdischen Kriegshilfskomitees (Fortsetzung und Schluß.)*) Die dritte und letzte Tagung der Konferenz war der Frage der Regulierung der jüdischen Einwanderung innerhalb Rußlands gewidmet. B. D. Bruzkus hielt hierüber einen Vortrag, dessen Inhalt in aller Kürze folgender ist: Die Erfahrung, die wir bisher in bezug auf die Einwanderung nach Amerika gemacht haben, kann uns jetzt bei dieser neu geschaffenen Lage kaum nützen. Der Emigrant, der den Entschluß faßt, auszuwandern, hat immer Zeit, sich ruhig zu überlegen, wohin er eigentlich fahren soll, und es genügt, wenn das Informationsbüro der I. C. A. ihm ausreichende Auskunft über die Arbeitsbedingungen in jedem der in Betracht kommenden Länder erteilt. Den endgültigen Beschluß faßt dann der Emigrant nach eigenem Er¬ *) Vgl. Jüdische Rundschau Nr. 41, vorn 8. Oktober 1915. messen. Anders ahn־ ist die Lage jetzt. Die Hunderttausende, die jetzt den Wanderstah ergreifen müssen, müssen sofort ein Land haben, in das sie einwatidern können. Die Zeit und der Seelenzustaiul dieser Massen gestatten ihnen nicht, selbst mich einem solchen Land zu suchen und initiative zu zeigen. Wir müssen für sie handeln. Die Hilfskomitees sind berufen, die Wanderung nach einem!Man zu regeln, der mit den wirtschaftlichen und nationalen Interessen der Juden im Einklänge steht. Die wichtigste in Betracht kommende Gegend, die für die jüdische Einwanderung besonders wertvoll ist, bildet der zentrale industrielle Rayon, wo eben jetzt, während des Krieges, die wirtschaftliche Lage eine besonders hohe Stufe erreicht hat. Diese Gegend hat auch den Vorzug, daß sie in der Nähe des bisherigen Ansiedlungsravons liegt, daß also diejenigen, die nach Beendigung des Krieges die Möglichkeit und den Willen haben werden, nach ihren früheren Wohnsitzen zurückzukehren, — was in jedem Falle erwünscht sein wird —, diese Uebersiedhuig leicht vollziehen können. Bedauerlich ist es wohl, daß gerade Moskau, das das Zentrum dieses Gebietes bildet, den Juden bekanntlich auch jetzt verschlossen bleibt. Aber auch außer Moskau bleiben hier noch eine Anzahl großer Städte übrig, wie Tula, Nischnj-No w g o r o d , I w a n 0 w o - Wosnesjensk, Kostroma, und daneben mehrere nicht ganz so bedeutende, wo die jüdischen Kaufleute und Handwerker in großen Massen eine neue Heimat finden können. Platz für eine große Anzahl von Einwanderern bieten auch die Gouvernements C hark o w und J e k a t e r i n o s 1 a w , wo eine Reihe von Flüchtlingen schon jetzt verhältnismäßig gut untergebracht werden. Es gibt aber auch viele, die von ihren Heimat- Städten auf immer losgelöst sind. Für diese müssen wir jetzt die Aufmerksamkeit auf eine Uebersicd- 1 u n g nach Sibirien lenken. Sibirien ist reich an Rohmaterialien, besitzt aber keine Industrie. Seine Rohstoffe wurden bisher nach dem inneren Rußland oder nach dem Auslände zur Bearbeitung überführt. Die Städte Sibiriens befinden sich in immer fortschreitendcin Wachstum. Auch der Staat hat ein Interesse daran, die wirtschaftliche Lage Sibiriens zu heben und es an das eigentliche Rußland enger anzuschließen, damit es vor China und Japan geschützt wird. Sibirien besitzt auch keine ßourgeoisie, der die jüdischen Einwanderer eventuell Konkurrenz machen könnten, was immer zu feindseligen Strömungen führt und wie es in den Städten des europäischen Rußlands immerhin der Fall sein kann. Im Anschluß an diese Ausführungen erhielten die Delegierten aus Sibirien das Wort, die als Sachverständige die vom Referenten aufgerollte Sibirienfrage erörtern sollten. Im Grunde waren sie mit den Gedanken des Referenten einverstanden. Sibirien besitzt nicht abzuschätzende Reiclitümer an Natur- und Rolistoffen, die aus Mangel an Initiative und einen! kulturell hochstehenden Bürgertum nicht ausgenutzt werden. Das wissen auch die russischen Kaufleute sehr gut, und eine Reihe von Börsen- Komitees haben auch vorher schon vielfach die Forderung aufgestellt, inan solle den Juden die Ueber- Siedlung nach Sibirien gestatten. Diese Einwanderung müsse aber rationell geregelt und könne nur allmählich durciigeführt werden. Die großen Aufgaben, auf die der Referent hinwies, wären aber nur dann zu erfüllen, wenn den Juden das Wohnrecht nicht bloß für die Städte, sondern auch für die großen Dörfer Sibiriens gewährt werde. Was die Flüchtlinge selbst anbetrifft, so äußerten die Delegierten Sibiriens das wärmste Mitleid und zeigten große Opfcrwilligkeit. ״Wir möchten eine Anzahl Flüchtlinge zu uns nehmen und sind bereit, falls es nötig sein sollte, ihnen unsere Wohnungen zu räumen,“ erklärte ein Delegierter aus Irkutsk, ״sogar wenn dadurch die guten Beziehungen der Nichtjuden zu uns gefährdet werden sollten. Wir müssen unsere Pflicht unseren!eidenden Brüdern gegenüber erfüllen.“ ״Wir sind selbst vorn Kriegsschauplatz entfernt,“ sagte ein zweiter sibirischer Delegierter, ״wir möchten aber wenigstens einen Teil der Leiden eines Juden aus dem Ansiedlungsrayon persönlich durchleben.“ Dr. N. Katznclson (Libau) meinte, daß die Wahl des Emigrationslandes den Flüchtlingen selbst überlassen werden müßte. Er stützte seine Ausfüll■ rung auf eine Reihe von Tatsachen aus der Geschichte der jüdischen Emigration nach Palästina, Argentinien! und Galvcston. Das Komitee müsse den Flüchtlingen! nur genaue und ausreichende Auskunft erteilen und: dann, je nachdem der betreffende seinen Entschluß ge j faßt habe, die Bedingungen schaffen, die ihm die Au--j führung seines Beschlusses ermöglichten. Die Arbeit! des Hilfskomitees müsse darin bestehen, den Hundert'! tausenden von Flüchtlingen erstens, bevor sie sich ein Einwanderungsland gewählt hätten, zweitens auij der Reise und drittens in den neuen Niederlassungs•: statten die nötige Hiife zu leisten.! In den folgenden Debatten, die mehr als zwei] Sitzungen dauerten, handelte es sich hauptsächlich 1!raj die Frage, ob die Organisation ein bestimmtes An•!

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