Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1915-10-15 · Heft 42 (15.10.1915) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 42 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651922-2651962--10324-2667734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 336 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42 werden, weil nur von ihnen eine größere und ״gefährlichere“ Einwanderung zu befürchten ist? Warum gefährlicher? Wieder wird der Herr Verfasser, um die Antwort befragt, bei der Auseinandersetzung über das Wesen der Rasse und der Blutniisdmiig beginnen, und wieder wird er, um die Ausschließung der Ostjuden zu begründen, zu den grundsätzlichen Förderin!- gen gelangen, deren Aufstellung und Durchsetzurig jeder Vernunft und Durchfühl ungsinöglichkeit entbehrt. Aber wir wollen die tlieoretisclie Auseinandersetzung nicht fortführen, denn das Schlagwort läßt sich ja nicht entkräften. Als die verbündeten Heere in Russisch-Polen einrückten, erließen die obersten Heeresstellen Proklamationen, die nicht nur den Polen, sondern ausdrücklich auch den Juden Schütz und Förderung ihrer nationalen Lebensinteressen zusicherten. Keinem einzigen Menschen in Europa und Amerika ist es verborgen geblieben, welches grauenvolle Elend, welches trostlose Unglück der Krieg mit seinen Wechselfällen über das jtidische Volk im Osten gebracht hat. Und selbst Herr Dr. Wolfgang Hei uze weiß zu erzählen, daß nicht zum geringen Teile die russische Rache über die Juden deshalb hereinbrach, weil man sie — ob mit Recht oder Unrecht, aus Haß und Rachsucht oder aus boshafter Berochnung, ist hierbei gleichgültig - der Deutschfreundlichkeit bezichtigte. Werden die Völker, deren Armeeführer ihr Wort verpfändet haben, ihr Versprechen einlösen, oder wird der Rat Gehör finden, dem heiligen Egoismus zu folgen und das Volk zugrunde gehen zu lassen, das das unglücklichste unter allen geworden ist? Hier soll nicht untersucht werden, ob die Wahrschcinlichkeit einer massenhaften Einwanderung überhaupt besteht und ob sie wirklich eine Oefahr darstellt. Aber es kann und muß gesagt werden, daß uns die Kraft einer reineren Auffassung der Völkerbeziehungen auch durch die Ereignisse des Krieges nicht gebrochen zu sein scheint. Deutschland wird nach dem Kriege in ganz neuen nationalen und internationalen Be- Ziehungen sich einzuleben haben; es wird des moralischen Kredits nicht entraten können, um den es am schnellsten Ausnahmegesetze gegen die Juden bringen können. Amerika hat Rußland einmal um der Juden willen einen Handelsvertrag gekündigt — und doch erhoffte man stets, daß dem absolutistisch-reaktionären Rußland ein 'freieres und gerechteres Rußland folgen werde. Und Deutschland, dessen Stabilitat Hoffnungen auf radikalen Systennvechsel von vornherein aussichtslos erscheinen läßt, sollte von einer solchen Judenpolitik Vorteil haben? Regierungsrat Fritz und Genossen raten weder Gerechtes noch Vorteilhaftes. Sie raten auch Unnötiges. Die Gefahr ist nicht so groß, wie man sie malen möchte. Sicherlieh ist eine erhöhte Einwanderung vor! Ostjuden nach dem Krieg nicht ausgeschlossen. Aber von Masseneinwanderungen muß darum noch lange nicht gesprochen werden. Wenn die deutsche Politik und Verwaltung das Wort der Heerführer einlöst und der! Juden im Osten ein vor Vergewaltigung geschütztes bürgerliches und nationales Dasein sichert, wird sich die Masse der Juden durchaus nicht in Bewegung setzen. Politische Freiheit und Gleichberechtigung und Schutz vor der auch dem deutschen Interesse abträglichen!,(!Ionisierung bedingen Entwicklungsmöglichkeitcu für die Juden im Osten selbst, deren volle und schnelle Ausnützung sehr wahrscheinlich ist und jede als Masseneinwanderung in Deutschland in Frage kommende Bewegung hintanhalten kann. Mögen diejenigen, die die Einwanderungsgefahr mit so bedeutungsvollen Gesten beschwören, doch lieber ihre UÜberredungskunst in dieser Richtung spielen lassen! Wie immer auch sich die Entwicklung im Osten politisch gestalten könnte, das Programm der nationalen und wirtschaftlichen Stärkung der Ostjuden wird auch für die deutsehen Ziele seine volle Gültigkeit behalten. Die jüdischen Elemente aber, die Deutschlancls (irenze doch überschreiten sollten, wird man in Deutschland ganz wohl brauchen können. Es gibt Industrien, die sie schon jetzt gut verwenden können - die Zigarettenindustrie, die Lederindustrie z. B. Und sollte die Kraft deutsehen Organisationstalents versagen, wenn es die zweckmäßige Eingliederung arbeitswilliger Ein- Wanderer in das deutsche Wirtschaftsleben gilt? Wird nicht nach diesem mörderischen Kriege gerade der Staat am schnellsten wieder an die Spitze des friedlichen Wettbewerbs kommen, der die Menschen zu produktiver Leistung zu verwerten weiß? Oder soll die Furcht vor der jüdischen Konkurrenz so stark sein, daß man sich nur mit Ausnahmegesetzen gegen sie schützen will? Eine besonders hohe Meinung von der deutschen Volkskraft schließt diese Forderung nicht ein ... Noch ein Wort den kulturell-nationalen Be- Ziehungen, die zwischen Juden und Deutschen bestehen und von einer stärkeren Einwanderung berührt werden könnten. Wir Zionisten wissen uns frei von dem Vorwurf, vor bestehenden Uebeln die Augen zu verschließen. Selbst unsere antisemitischen Gegner billigen uns den Mut und den Willen zur Ehrlichkeit und die Einsicht in die tieferen Zusammenhänge des nationalen Lebens zu. Darum können wir wohl, ohne uns dem Verdacht der Verschleierung auszusetzen, die Behauptung wagen, daß die Gefahr der ״V e rj u d 1! 11 g“, vor der Fritz, und Heinze und zum Teil auch P a p 11 n u t i u s zu zittern scheineu, als politisches und dauerndes kulturelles Moment übertrieben wird. Aus unseren eigenen Reihen ist auf die verschiedenen Zersetzungserscheinungen aufmerksam gemacht worden, die einem großem Teil der führenden Deutschen bekannt sind und ihre Abwehr hervorgerufen haben. Wir aber haben, als wir den Finger in die Wunde zu legen wagten, auch auf die Heilnietliode hingevviesen. Und diese Heilmethode wird in Zukunft schon ihre vorbeugende Wirkung beweisen können: eine klare und ehrliche Auseinandersetzung, eine Erfüllung unseres Judentums mit jüdischem Selbstbewußtsein, jüdischem Idealismus und jüdischem Gemeinschaftswillen, der zu neuer schöpferischer jüdischer Entwicklung führt. Von einem so gerichteten Judenturn wird die deutsche Kultur niemals eine Gefährdung, wohl aber, wir hoffen es, manche erneuernde Anregung erfahren. Diesen Gedankengängen dürfte Paphnutius, der Verfasser des Aufsatzes in den ״G renzbote n“, wohl ein fast unvoreiiigenomnienes Verständnis entgegenbringen können. Sein Aufsatz dringt tatsächlich in eine größere Tiefe des Problems. Darum wirkt seineAuffassung des Zionismus richtiger und sympathischer als die der Fritzschen Broschüre und darum kann er als die eine Wirkung zionistischer Arbeit - über die Ansiedlungsfrage hinaus - auch folgendes hinstellen: ״Eine größere Ehrlichkeit im Verhältnis des jüdischen und des niditjüdischen Bevölkerungsteiles, Verständnis an Stelle von Gehässigkeit, wird vielleicht die Frucht sein; und wenn sich einmal irgendwelche Gegensätze nicht ausgleiclien lassen, so wird wenigstens ein ehrlicher Kampf an die Stelle des jetzigen Versteckspieles treten.“ Dieses von uns selbst so 11erbeiges־ehnte Verhältnis aber kann und wird eintreten, ohne daß man drakonische Gesetze oder kniffige Verwaltungsmaßnahmen zur Ausnahmebehandlung ostjüdischer Einwanderer konstruiert. Nicht eine chinesische Maxier tut dem deutschen Volke not, wohl aber kann ihm eine grundsätzlich wohlwollende, ehrliche und großzügige Judenpolitik steigenden Vorteil bringen. Extra nuiros et intra. י׳ Leo Horrma 11!1. Ausweis Schekel: Berlin (K. J. V.) 1,—, Di.-Eviau 1,—, aus dem Felde 1,—, Lodz 44,—. Landesbeiträge: Karlsruhe i. B. 27, , Dt-Evüu ' 3, -.. Propagandafonds: Allenstein: Jakob Silberstein 5,—, Wistinctzki sen. 5,- , H. Ascher 5,-.,;Martin Barczinski 5,--; Berlin: Sicgm. Samuel 5,--, f)r. Alfred Wöllstein sei. And. 30,—; Erfurt: Dipl.-Ing. 1M. Ladyjenskv (-1. Rate) 6,—; aus den! Felde: Stabsarzt 1)1־. Albert Goldberg, Berlin-Neuenahr (3. und 4. Rate) 20, -, Ludwig Pimier, Berlin, 5,—. Diverse Spenden: Rybnik 10,—. Eingang vom 7. bis 12. Oktober 1415: Sehek e 1: 47,— M.; L a n d e s b e i t r ä g e: 30, - M.; P r 0 p a g a n d a i o n d s: Oft,— M. Gesamteingang: Schekel: 2655,— M.; Laud e s b e i t r ä g e : 2804, - M.; P r opag a n d a - fonds: 0058, - .M. Rumänien Ein zusammenfassender Ueberbllck Von Leo Rosenberg * (Schluß) ד Eine ununterbrochene Kette von Verfolgungen, Unterdrückungen und Dualen kennzeichnet die 50jäl1rige Periode der jutlcngesetzgebimg in Rumänien. Der Artikel würde zu einem Buche anwaehsen, wollte ich auf die Judenpolitik der rumänischen Regierung in der folgenden Periode bis zum Jahre 1878 und weiter bis auf die Gegenwart näher eimgehen. *) **) Die von diesem Zeitpunkt ah mit geradezu peinlieber Regelmäßigkeit aufeinander folgenden Gesetze und Verordnungen gegen die Juden belaufen sich bis zum Jahre 1002 auf die stattliche Anzahl von fünfu n d f ii 11 f z i g , eine Rekordziffer, die selbst die russische Judengesetzgebung in den Schalte» stellt. Auf Intervention und nachträgliches Drängen der führenden Mächte des Berliner Kongress e s, hauptsächlich Frankreichs, Englands und Deutschlands, entschlossen sich die rumänischen Machthaber zu einer A b ä 11 d c r u 11 g d es Artikels VII der Verfassung. Nach endlosen Debatten in den Kammern und zahlreichen gescheiterten rhotesten, von denen uns König Karl in seinen ״Memoiren“ ein ebenso getreues wie lehrreiches Bild überliefert hat, kam eine Einigung zwischen Regierung und Parlament endlich zustande. Nachdem man auf Antrag der Opposition bestimmt hafte, daß die Naturalisation nur individ u e 11 und nur mit Majorität gewährt werden kann, entstand der neue Artikel VII, der folgenden Wortlaut hat: ״Verfassung promulgiert 13. Oktober 1879. Artikel VH. Der Religionsmul Konfcssionsimterschied bildet in Rumänien kein Hindernis zur Erlaugung und Ausübung bürgerlicher und politischer Rechte. § 1. Jeder Fremde ohne Religionsunterschied, ob einer fremden Macht untertan oder nicht, kann die Naturalisation unter folgenden Bedingungen erlangen: a) Durch ein an die Regierung gerichtetes Naüiralisationsgesuch, enthaltend die Angaben über Kapitalbesitz, Beruf oder Gewerbe, das er ausübt, und die Kundgebung des Willens, seinen Wohnsitz in Rumänien zu begründen, b) Er soll von dieser Zeit angefangen 10 Jahre im Lande wohnen (Stage) und durch seine Taten beweisen, daß er ihm nützlich ist. — — §3. Die Naturalisation kann nur indiv i d u e 11 und durch ein besonderes Gesetz für jeden gewährt werden. §4. Ein besonderes Gesetz wird die Modalitäten, unter welchen Fremde ihren Wohnsitz in Rumänien begründen können, bestimmen. § 5. Nur Rumänen oder naturalisierte Rumänen können Ruralguter in Rumänien erwerben.“ I )as war die ,, G 1 c i c h b e recht( g 11 n g “ , die den luden »gewährt wurde! Diese Bestimmungen, welche am 6. Oktober mit 133 gegen 9 Stimmen beschlossen und am 13. Oktober 1879 publiziert wurden, sollen den Anforderungen des Artikels 44 des Berliner Vertrages entsprechen. Europa verhielt sich allerdings noch ablehnend und alles schaute auf Deutschland, das — aus ganz anderen Gründen allerdings — die führende Rolle übernommen hat. Der Brief des damaligen Fürsten Karl an seinen Vater und der Bericht des damaligen rumäiiisehen Gesandien in Berlin, L i ta a 11 u , über seine t äiterredungen mit Bismarck geben darüber bezeiehnende Aufschlüsse. Am 21. November desselben Jahres berichtete der Minister Bratianu an den Fürsten, daß 1 )eutschland u 111 e r g e v iss e n B e d i 11 g 11 11 - gen bereit sei, die J 11 d e 11 f r a g e als 1111 g e - löst zu erklären. Es gelingt darauf Rumänien, die Anerkennung Italiens, Rußlands und der Türkei zu erlangen. L)ie Anerkennungsschreiben Frankreichs, Englands und Deutschlands ließen denn nicht mehr lange auf sich warten. Die Botschafter dieser Mächte erklärten in einer am 8. Februar in Bukarest überreichten identischen Note, daß ihre Regierungen nunmehr die Unabhängigkeit Rumäniens anerkennen, mit der Bemerkung zwar, daß ihre Regierungen die ihnen bekanntgegebenen neuen Verfassungs-Verfügimgen, besonders diejenige, aus welcher hervorgeht, daß die in Rumänien wohnhaften Nichtchristen, welche keiner fremden Nation angehören, sich einer individuclleu Naturalisation unterziehen müßten, nicht a 1 s den Absichten der U 111 e r /. e i c h 11 e r des B e r 1 i n e r Vertr a g e s e n t s p r e ch e 11 d a n s e 11 e 11. Jedoch im Vertrauen auf den Willen der fürstlichen Regierung, sich in der An wend u n g dies e r V e r f ü g u 11 g e 11 den übe- *) Vgl. ״Jüdische Rundschau“ Nr. 39/40 von! 23. September. **) Interessierte Leser möchte ich in dieser Hinsicht auf die grundlegenden Werke von C i n cerus, Los juifs eil Roumanie depuis le traite de Berlin 1878 jusqu’a ce jour. London 1901, und: Loeb, La Situation des Israelites en Turquie, en Serbie et en Rouinanie, Paris 1877, hiinveiscn. Diese Werke bieten ^eine lückenlose Zusammenstellung aller in diese! Periode gegen die Juden erlassenen Gesetze und Ver Ordnungen in Rumänien.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.