Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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( i ו 1 1 Abonnements auf die wöchentlich am Freitag־ erscheinende ״Jüdische Rundschau** kosten bei der Expedition und bet allen Postämtern vierteljährlich M. 1,75 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich• Ungarn M. 2,50, im Ausland. M. d,—. I 1 I I I I | Jüdische!Rundschau, G. m. b, H. | | BERLIN W.15, Sächsische Straße 8. | § Telephon: Amt Uhland 845, 846. | I Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. | I-1 jUcDISCHc RUNDSCHAU Anzeigen kosten für die sechsgrspaRene PeUi■ *eile oder deren Raum 40 Pf.; Steüeo- Ang-ebote und -Gesuche sowie Verein*־ Mitteilungen und ״Klei*• Anzeigen■ O O O O nur 30 Pfennig. O 0 O O Manuskripte werden, wenn Porto beiliegi, stets xurüdcgesaadt Redaktionsschtafi: Mittwoch vormittag*. Redaktion Jüdische Randsdusi BERLIN W. IS, SSchsische Straß• 8, Telephon: Amt Uhland 845, 846, Postscheckkonto: Berlic Nr, 173f2, ALLG6M6INC SUGDISCHC Z€ITUNC Nummer 42! Berlin, den 15. Oktober 1915 — 7. Cheschwan 5676 XX. Jahrgang. שווווווווווו1וווו!וווו!!ווווו1וו1ו!!ווווו!וו!ווווו!!ווווו!!!!1וווווו1וו!ווווווו1ווווווווווו!ווון | Die ,Jüdische Rundschau" J | in Russisch-Polen | 3 Die in Russisch-Polen bestehenden g j deutschen Postanstalten in Czen- lg stochau, Kalisch, Kolo, Konin, Lodz, fg 1 Pabianice, Sieradz, Sosnowice, 1 g Warschau, Wielun und Wloclawek j |§ nehmen Bestellungen auf die ״Jü- 1 3 dische Rundschau“ zum Abonnejj 3 mentspreis von 1 I M. 1,75 vierteljährlich | g entgegen. Ebenso werden Beg g Stellungen aus diesen Städten auch g 3 bei der Unterzeichneten Administrag g tion entgegengenommen. 1 ( Administration der ״Jüdischen Rundschau" ( g Berlin W. 15 Sächsische Str. 8. g Die chinesische Mauer Wir behandeln in diesem Aufsatz die von deutschen Publizisten zur Diskussion gestellte Frage der ostjüdischen Einwandc- ־ rang: in Deutschland zunächst, indem' wir auf die von diesen Autoren angeführten Gründe eingehen, welche die deutsche Politik ״aus deutschem Interesse“ für den ״Grenzschluß“ gewinnen sollen. In den letzten Wochen ist in Deutschland eine Reihe von Publikationen erschienen, die über die für die deutschen Betrachter bisher doch etwas akademische Frage des Judentums im Osten hinaus das durch die Kriegsereignisse aufgeworfene Problem der ostjüdischen Einwanderung in Deutschland behandeln und dazu vom deutschen Zweckmäßigkeitsstandpunkt Stellung nehmen. Eingeleitet wurde diese ernsthafte Erürterung durch eine Schrift ״Die Ostjudenfrage, Zionismus und Grenzschluß“ von Georg Fritz, Kaiserl. Geh. Regierungsrat. Dieser Broschüre folgte soeben ein Aufsatz im Oktoberheft der ״Preußischen Jahrbücher“ von Dr. Wolfgang Heinz e ״Ostjüdische Einwanderung“. Und gleichzeitig erschien in den ״Grenzboten“ ein Aufsatz von Paphnutius ״Die Judenfrage nachdem Kriege“, tiefgründiger, gerechter und freiblickender als die beiden anderen Publikationen. Der Aufsatz von Dr. Wolfgang Heinze unternimmt keine selbständige und prinzipielle Untersuchung des Ostjudenproblems und der ostjüdischen Einwanderung in Deutschland; er lehnt sich in der Form und dem Geiste nach an die Fritzschen Behauptungen und Begründüngen an, die ihm geradezu schon zu selbstverständlichen Axiomen geworden zu sein scheinen — so stark wirken Schlagworte, die von einer gewissen schematischen Primitivität des Urteils geprägt werden. Heinze gibt vielmehr nur eine Betrachtung der verwaltungstechnischen Ausführungsmöglichkeiten jener von Fritz aufgestellten Forderung nach ״Grenzschluß“ gegenüber den Juden Rußlands und Galiziens, ja gegenüber allen nichtdeutschen Einwanderern. Georg Fritz selbst aber hat, wie gesagt, den Versuch gemacht, eine prinzipielle Forderung zu begründen. Die ersten Kapitel seiner Schrift, die von der ״Rasse“, der ״gelben Gefahr“, der ״deutschen Kolonisation des Ostens“ ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffent• lieh - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. und dem Rassencharakter des deutschen Volkes handeln, haben uns nicht besonders zu bekümmern, sie werden nicht einmal dem Durchschnittsleser etwas sagen, was er nicht schon oft genug in den seit C hamberlain immer wieder neu- und umgeformten ,,Wissenschaftliehen“ Broschüren gefunden hätte. Auf unser größeres Interesse machen aber die Kapitel An- Spruch, die sich dann mit den Juden beschäftigen. Leider wird die ganze Beurteilung der wichtigen jüdischen Bewegungen von! Zufall des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats bestimmt, einem Zufall, den seinerseits allerdings doch wieder die Tendenz kontrolliert hat. Gleichviel, diese Tendenz der Forderung ist mit der schärfsten Eindeutigkeit formuliert: die Ostjuden dürfen in größerer Zahl nicht nach Deutschland hereingelassen werden, ein dichter Grenzschluß muß sie von der Einwanderung ausschließen. Das Beweismaterial entnimmt Georg Fritz hauptsächlich einigen Zitaten deutschjüdischer Schriftsteller, Dr. Julius G o 1 d s t e i n , Max Marcuse u. a. Diese Zitate sprechen ihn so an und scheinen ihm für das Wünschen und Wollen der deutschen Juden so repräsentativ zu sein, daß er seine Grenzschluß-Forderung geradezu als ein^ebensinteresse der deutschen Juden hinstellt, die sich in ihrem Gleichberechtigungsstreben durch eine größere ostjüdische Einwanderung behindert und bedroht fühlen dürften. So appelliert er, der von unverkennbar rassenmäßigantisemitischen Voraussetzungen ausgeht, an die Unterstützung und Mitarbeit der deutschjüdischen Assimilanten, die sich in ihrem eigenen Interesse für die Verwirklichung des Zionismus einsetzen sollen. Den Zionismus faßt er als eine Kolonisationsbewegung auf, die die Gefahr einer wachsenden jüdischen Einwanderung dem deutschen Judentum fernhalten soll: eine Zweckbestimmung, der wir Zionisten nicht erst energisch zu widersprechen brauchen. Man weiß, was wir wollen. Wir wollen die Erneuerung unseres bedrohten Volkstums durch die Schaffung einer starken jüdischen Siedlung in Palästina. Die systematische Arbeit für dieses Ziel ist mit ihren Triebkräften so fest verwurzelt, daß nicht einmal der extremste Assimilant den Wunsch wagen wird, wir sollten unsere Arbeit abmessen und einrichten nach der nicht auf die Erhaltung und Erneuerung jüdischen Lebens, sondern auf seine Zersplitterung und Zerstörung drängenden Sehnsucht von Kreisen, die das Recht nicht haben, im Namen der jüdischen Gemeinschaft zu sprechen. Aber Herr Regierungsrat Fritz dürfte ohnedies schon gemerkt haben, daß sein Lockruf an die deutschjüdischen Assimilanten kein Entgegenkommen gefunden hat. Wir Zionisten aber können ganz unzweideutig betonen, daß gerade wir aufs schärfste einer die Juden unter Ausnahmegesetze stellenden Politik und Praxis entgegentreten müßten. Niemals können wir einem System zustimmen, das dem unverjährbaren Anspruch der jüdischen Gemeinschaft auf nicht unterschiedliche Behändlung rücksichtslos ins Gesicht schlägt. Alle Juden ־— und geschlossen vor allem jene, die ihrer Gemeinschaft Wert und Würde, Gegenwart und Zukunft sichern wollen , miiliten sich jeder Aiisnahmebehundlung mit allen Mitteln entgegenstemmen und würden in diesem Kampfe sicherlieh die sonst so starken inneren Differenzen heiseite setzen. Dieser Standpunkt versteht sich von selbst. Wir Zionisten können uns aber auch in einheutiger Bestimmtheit zu den Vorschlägen äußern, die die Förderung des Zionismus als zweckmäßige deutsche Judenpolitik fordern. Wir sind überzeugt, daß die Förderung zionistischer Arbeit und die Unterstützung unserer Kolonisationstätigkeit auch vom Standpunkt deutscher Interessen als zweckmäßig und notwendig einleuchten: aber diese Würdigung unserer Ziele und unseres Wirkens kann und muß aus reineren und — richtigeren Beweggründen fließen, als sie die Grenzschluß-Theoretiker uns, den Assimilanten und den Deutschen mundgerecht machen wollen. Diesen Grenzschluß fordert Fritz rassenfremden Einwanderern gegenüber und, da die Rassenfremdheit in vielen Fällen unsicher, streitig und schwer festzustellen sein wird, soll außer ihr die Angehörigkeit zu einem asiatischen oder slawischen Staate, einschließlich Galiziens und der Balkanstaaten, an sich Ausschließungsgrund sein. Es wäre sogar zu erwägen, ob diese allgemeine Ausschließung nicht auf die Angehörigen romanischer und amerikanischer Staaten auszudehnen sei. Ausnahmen wären bei deutschen Rückwanderern und Abkömmlingen von Deutsehen zu machen und in besonderen der Entschffidüng des Bundesrats vorzubehaltenden Fällen. Man sieht, daß dem Herrn •Regierungsrat Georg Fritz gewissermaßen die Errichtung einer chinesischen Mauer vorschwebt, die um Alt- Deutschlands Grenzen zu ziehen wäre. Es ist nicht zu leugnen, daß solche Bollwerke, zum Beispiel eben in China, schon dagewesen sind. Die Entwicklung solcher eingefriedeter Länder hatte dann auch zumeist ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Der Reinheit der Rasse diente die absolute Isolierung sicherlich am besten. Aber sollte es wirklich möglich sein, solche Absperrungsmethoden im Ernst vorzuschlagen, nach einem Kriege, dessen eine Wurzel doch sicherlich der Kampf um die bedrohte Entwicklungs- und Ausdehnungsmöglichkeit eines aus sich herausstrebenden zukunftskräftigen Volkes ist? Wir zweifeln nicht daran, daß der Vorschlag ernstgemeint ist; aber wir zweifeln auch nicht daran, daß sich das deutsche Volk nach einem Kriege, der das große Ziel seiner dauernden Einkreisung sicherlich nicht erreicht, freiwillig nicht in den Zauberring hineinstellt, aus dem auf die Dauer kein Weg herausführen kann, wenn keiner in ihn hineinführen darf. Das deutsche Volk kann und wird nicht so verblendet sein, nach einem unerhört blutigen Krieg, den es Schulter an Schulter mit einem zum ausschlaggebenden Teil nichtdeutschen Oesterreich-Ungarn, mit einer asiatischen Türkei und bald vielleicht auch mit einem slawischen Bulgarien durchkämpft, sich selbst das Tor wieder zu verrammeln, das in die unabsperrbare Freiheit des Weltverkehrs und der -- wenn auch zum Teil wieder neu national{- sierten — Weltwirtschaft geöffnet ist oder geöffnet werden sollte. Die richtige chinesische Mauer wehrt auch dem Eingeborenen den Austritt in die Welt. Das Prinzip der Abschließung ist unmöglich und sinnlos. Soll diese Ausschließung aber im Grunde doch nur gegen die O s t j u d e n angewendet