Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 329 Nur nicht so selbstverständlich tun! •|)r. Nathan Birnbaum. I a \v o r s k i hat vielt Von” Herr Ritter v. Ja worski hat vielt in einer in Petrikau erscheinenden Zeitung mul in den soeben in Berlin erschienenen ״Polnischen Blattern‘• über die polnisch-jüdischen Beziehungen vernehmen lassen, Herr v. Jaworski will an die alten polnischen Traditionen in der Jiideiifrage anknüpfeii. Pr will, dall die Juden (ileiehbcrechtigung erkalten und (lall ihnen die Möglichkeit geboten werde, aus ihrer jetzigen verzweifelten wirtschaftlichen Lage herauszukoiiniieii. Hie antisemitische i övtntg, 111 welcher Form i.inner, soll ausgeschlossen sein. Nur durch eine deutlic'ae entschiedene Zusicherung. dall sich ein wicdugcbmcties Polen von allen Schikanen und Yerfolgtmgei! lerne halten wird, könne, meint er, die Grundlage zur Assimilier mg der jüdischen Massen geschallen werden. Um diese Assimilicnmg zeigt er sich besonders besonnt. ,,Von den Juden so scbliellt er seine Ausführungen müssen wir gleich/: itig und mit vollem Nachdruck verlangen, dall sie treue Bürger des Landes 'werden, dall sie in seinem Interesse handeln mul da•' sie sich tim seine Entwicklung kümmern. Ibis wird aber nur dann ״e• schelten können, wenn Polen den Juden den Zugang zu den •'Quellen des Prwnbes und der Kultur eröifnet. So wie die Juden im Westen gute I raii/osen, Fing- , latidcr, Italiener und!deutsche geworden sind, haben wir das Recht von unseren Juden zu fordern, da 11 sie gute Polen mul gewissenhafte Bürger Polens seien.“ Zunächst möchten wir Herrn Ritter v. Jaworski bitten, darauf zu achten, dall er selbst von der Assiinilierung der jüdischen Massen spricht. Ist es ihm nun gar nicht aufgefallen, dall in den Fallen, die er als Assiniilieriuigsnnister aiifiihrt, das Problein nicht nuf Massen gestellt ist? Sollte er wirklich nicht den Verdacht hegen, dall es tim die Assimilieriing jüdischer Städte, — in denen es Stralien/uge gibt, die mehr jüdische Einwohner haben, als das ganze Königreich Italien /.usanimeiigeiiotumen, - doch ganz, andcis stellen müsse als um die Assitiiilieriijtg sporndisclter Klein- und Zw erggemeimleii? Und wie ist es denn mit dem wirtschaftlichen Beigeschmack, der dem Wort Masse anhaftet und der gerade in diesem Falle offenbar von ihm selber auch empfunden wird? Kami es ihm wirklich entgehen, dall die klein- und kleiiistbürgerlichen sowie proletarischen Ostjuden der Assiinilatiofisversuciuing ganz, anders widerstehen müssen als seinerzeit die gutbürgerlichen deutschen Juden, für die die Assimilation auch eine Wirtschaftliehe Lockung bedeutete? .Schließlich lind gar nicht so nebenbei( Wie ist es nur möglich, dall ihn keine Gänsehaut bei dem Gedanken an die funktionelle Unruhe überiäuft, die seinem Volke droht, wenn in dessen geistige Blutbahn das (ieistesblu! einer ganzen!Masse mit bislang fremder, durch viele vorausgegatigeiie Jahrtausende anders entwickelter Psyche eingefiihrt wird? Oder soll man amiehmeii, dal» ihm die Sache vielleicht selbst gar nicht so geheuer vorkomrnt und er sich mir in sie hineinrecäet, weil er keinen anderen Ausweg hat? Denn das verrät ja jedes seiner Worte, dall er den neuen und zukunftsreichen Orientierungen in den Fragen des Verhältnisses von Nation und Staat, sowie der Beziehungen zweier Nationen auf demselben Boden jungfräulich hilflos gegenühersteht. Er kann sich’s aiigensdieiiäicli gar nicht vorstellen, wie zwei Völker als solclfe Zusammenleben sollen, ohne dall das eine das andere national atifirillt, und dall Verschiedenheiten besser durch nationale Autononiie als durch die Autokratie eines Volkes zur nützlichen Staatsgemeiuschaft vereinigt werden. Was bleibt ihm denn also anders übrig, als die Wand nicht sehen zu wollen, gegen die er mit dem Kopfe ■an re 11 nt? Und wenn es auch wahr ist, dall bei den Juden des Westens eine Lockerung ihres jüdischen Gefüges eingetreten ist, von wirklicher, gründlicher Assimilation ist ja auch noch lange keine Rede, - was beweist dies für die Assiriiilatioiisneiguiig und die Assimilatioiispflieht der Ostjuden? ist die nationale Selbstbesinnung deshalb eine allgemein anerkannte Menschciipflicht geworden, damit sich die grollen Massen des jüdischen Volkes, die sich den Vollbesitz, ihrer nationalen Eigenart bewahrt haben, ohne alle Nötigungen nur deshalb aut Selbstschvvächungsmethoden einlassen, weil einige Gruppen des Volkes in verflossenen Tagen, unter anderen Konstellationen schwach geworden sind? Das wird nie und nimmer geschehen! Und möge sicli’s Herr von jaworski gesagt sein lassen: Wenn ihm die Assimilation Selbstverständlichkeit und die Gleichberechtigung mit einem deutlichen ״Wenn“ versehen ist, — uns ist die Gleichberechtigung Selbstverständlichkeit mul der jüdische Lebenswille alles. Wir werden dem allfälligen polnischen Vaterlande geben, was des Vaterlaiuies ist, niemals aber einem andern Volke unsere Seele, und mag es auch wieder zum Staatsvolk vorrücken. Wir sind des alten Gaukelspieles, das mit uns getrieben wird, indem man hexenmeisterlich die Begriffe Staat und Volk durcheinanderwirbelte, herzlieh müde. Wir sehen durchaus nicht ein, warum gerade wir zur höheren Ehre verschiedener Nationen verschwinden sollen? Nein! Da sind wir und da bleiben wir! Und wer sielt einbildet, dal! es wirklich gelingen kann, uns zu Tode zu foppen, der wird sich seine spätere Enttäuschung selber zuzuschreiben haben. Sitzung des Landeskomitees des Schweizerischen Zionisten- Verbandes Das ״Israelitische• Wochenblatt für die Schweiz‘• in Zürich berichte! irr seiner Nummer vom 1. Oktober: Das Landeskoiuitee des Schweizerischen Z.-V. hielt am Sonntag den 2f). September in Olfen eine Sitzung ah, an der die Mitglieder Rechtsanwalt Dr Arnstein-Hasel, Präsident, sowie die ,Herren Dr. Banibcrger, Hack, Grollrat 1)1. Wormser und Zivi aus Basel, I )r. Familie Lew aus Biel, S. Lewin aus St. Gallen, Teleplionclief Moritz Lew aus Liestal, Dr. Pinkus und Weiiibaiun aus Zürich und Hr. W. Simon-Zürich als N at ionalit >n< ts- K.!mm issii r teilnahmen. Die ferneren Mitglieder des l.aiideskoimtees: Henri Boniicfl-Bcrn, Dr. Bitinschwig-Basel, Abersolm- Genf um! Sadinsky-Xürich fehlten durch wichtige Gründe entschuldigf. Die Verhandlungen drehten sich tun überaus wichtige, die Lebensfrage des Zionismus geradezu bi treffende Punkte. 1. Um die gegenwärtige Weltlage des Zionismus, 2, um seine Zukunft, 1. weldie Schritte zu unternehmen seien, damit der Ziouismus und das Judentum bei den zukünftigen Friedens- Verhandlungen Berücksichtigung linden, und endlich I. um die Reorganisation der zionistischen Bewegung und das Wiederatifhliihen der zionistischen Tätigkeit in der Schwei/. Der Präsident gab einen Fingeren Bericht über die Unterhandlungen, die er mit den! L. A. C, in Berlin teils schriftlich, teils mündlich mit einem hier anwesend gewesenen Alitgliede des L. A. C. geführt. Seine Ausführungen wurden von Herrn Dr. Pinkus ergänzt, in dessen Händen ein Teil der Enden der Veiha'ndlungcn sowohl mit dem E. A. G. als auch mit der Organisation in den neutralen Ländern und teilweise auch in den kriegführenden Ländern zitsammetigelaufen waren. Ls wurde sowohl von diesen beiden Herren, als auch von den die Diskussion beniit/c'!ulen Mitgliedern wiederholt betont, dafi bei einer interstaatliehen, nationalen Bewegung, wie es der Zionismus ist, die Leitung während des Krieges in einem neutralen Staatswesen ihren Sitz haben müsse, da beim besten Willen die Leitung sonst Gefahr laufe, einer einseitigen Auffassung Ausdruck geben zu müssen. Da dies aber nicht geschehen sei und jetzt der An״( nblick verpallt zu sein scheine, müsse es den einzelnen Landesorgaiiisationen überlasseit bleiben, bei aller Loyalität gegenüber der Leitung, die zwar aus der Wahl des Kongresses hcrvorgegatigeit ist, bei deren Wahl aber die durch den Krieg eingetreteilen Konstellationen nicht in Betracht gezogen werden konnten, ihre abweichende Meinung aus zusprechen. Vornehmlich handelt es sielt 11111 die Annahme oder Ablehnung des auch in dieser Zeitung erschienenen Antiages Dr. Max Nvrdaus, des greisen zionistischen Führers, Mitbegründers der Bewegung und Freunds Theodor Her/ls, in seinem Artikel, (,vergleiche• Nr. 35 des Isr. WoeheitbF! Mau war ein- ,stimmig der Ansicht, tlali der Vorschlag Nonlaus, eine jüdische Vertretung bei den künftigen Friedensverhamlhiiigeii herbci/iiführet(, \״rz.ubeieiten und zu unterstiit/en, den Interessen des Zionismus dient: und auch von uns zu fördern sei. In welcher Weise das geschehen müsse, kam in den angenommenen Resolutioiten /.lim Ausdruck, die hier bekannt gemacht werden sollen. Was mm die Klcintätigkcit betrifft, müsse das zionistische Leben in den einzelnen Vereinen nach fast einjähriger Ruhe wieder beginnen. Durch Vorträge und Agitationsreisen müsse der zionistische Gedanke aufrecht erhalten und neue Anhänger dafür geworben werden, (icrade der Krieg und seine schlimmen Folgen für die Mehrzahl unserer Volksgenossen hat die Notwendigkeit des Zionismus ergehen, so dal! diese Organisation jetzt hätte geschaffen werden müssen, wenn sic noch nicht existiert hätte. Das L. C. ward den einzelnen Vereinen mit Richtlinien zum Wiederauf hau und Wicderaiifblühen ihrer Tätigkeit an die Hand gelten. Die Resolutionen sind folgende: Beschlüsse d e r 1. a n d e s k o in i t e e - S i t z 1! n g in Olten a nt 26, S e p t e m h e r. I, Das Lamleskoniifee des Schweizerischen Zionistenverb;indes beauftragt den Vorort, von sämtlichen Vereinen die Ermächtigung einzuziehen, bis auftveitcres weiter zu amten und die Einberufung eines!)•eiegierteiitages erst nach Eingang der Landesbeiträge und Schekolim vorzunelttnen. II. Das Landeskomitee des Schweizerischen Zionistenverbatides beauftragt den Vorort, die praktische Orgaiiisa'iionsarbeit in der Schweiz, unverzüglich. wieder aufziitieliuieii. Hl. Zu den Vorortsitz.imgen sind vorläufig die Gesinnungsgenossen Weinbaum und Sadinsky zugezogen worden, damit aus den Gesinnungsgenossen Pinkus, Weinbaum mul Sadinsky eine Arbeitskonimission in Zürich gebildet werden kann. IV׳. Das Landeskomitee des Schweizerischen Zionisteiiverbamles erklärt den Vorschlag Max Nordaus, eine Vertretung der Juden bei den i'riedensverliandhingen zu erreichen, sowie die von Nonlau hierzu hefürworteten Mittel, niedergelegt in seinem Artikel ,,Der FriedenskottgreB und die Jiideiifrage‘־ (Israel. Wochenblatt für die Schwei/ Nr. 35) für höchst heachtenswert. Fs beauftragte den Vorort: 1. Sich mit den zionistischen Föderationen der neutralen (.ander ihcserltalb in Verbindung zu setzen. 2. Mit den in der Schwei/, vorhandenen Best rehtntgen, die jiideiifrage zur öffentlichen Diskussion zu bringen, Fühlung zu nehmen. 3. In allen Städten der Schweiz indische Versäumthingen euiz.iiberitfcn, um den Vorschlag Nordaus zu besprechen. Diesem Belicht zufolge hat sich das Landeskomm•!.׳ des Schw eizerischen Zioinstcm crbmules einerseits mit I־'ragen befallt, die die zionistische Arbeit in der Schwei/ hetreffen, amlcrer-eitdie Steilung der /i<)!ns;Kellen < icsnmtorganisat ion zu den durch den Krieg aufgeworfenen Piohieitten behandelt. Dali sich die Sit/mig des Schweizerischen ZionistDchcn I.aiiiles-Koinitees mit der gegenwärtigen Weltlage des Zionismus und den Fragen, die die Zukunft des Zionisimis angelten, beschäftigt hat, ist natürlich. Ls war und ויו selbstverständlich nicht au/imeftiueu, dall alle Mitglieder und Feile der X-ionisii-chei! Organisation 1111! allen Beschlüssen und Maihialuneu der /ionistUcheii Leitung restlos einverstanden sein werden. Abel das besondere Verantwonmigsgeitihl, das jede zionistische Organisation gerade in dieser Zeit erfüllen midi, auch das Schweizerische Landeskomitee erwähnt seine Loyalitat gegenüber der /ionistischeii Leitung , sollte es allen an verantwortlicher Stelle stellenden Zionisten klarmachen, daß die Rücksicht auf die Zukund der Bewegung und die Einheit der Organisation bei der Natur der wesentlichen Fragen unserer Politik es verbiete, die Erledigung aller möglichen Koittroverseil in öffentlichen Diskussionen zu suchen, wenn diese 1 lieht zur Gefährdung der ganzen zionistischen Arbeit führen sollen. Das Schweizerische Landeskomitee hat speziell in einem Punkte eitle andere Meinung als die Leitung der Zionistischen Organisation: in der Auffassung über die Notwendigkeit und Möglichkeit, die Frage der jüdischen Vertretung bei den künftigen Friedens- Verhandlungen zurzeit einer öffentlichen Diskussion zu unterwerfen. Das Fingere Actions-Comite ist nicht der Ansicht, dall über diese Fragen eine öffentliche Diskussion durch die Zionistische Organisation jetzt angebracht ist, Sie hat dementsprechend auch zur Veröffentlichung eines Aufsatzes von Max Nordau, der der Erörterung dieser Frage gewidmet war, ableimend Stellung genommen. Sie hat bei ihrem Beschlull die Gründe sehr wohl erwogen, welche zu einer anderen Auffassung führen könnten und welche anscheinend auch in der Sitzung des Schweizerischen Landeskomitees zur Sprache gekommen sind. Die Stellungnahme der Zionistischen Leitung i!1 dieser Frage beruht auf Gründen, welche in der dem Engeren Actious-Gomite zur Verfügung stehenden Kenntnis der Gcsamtlagc wurzeln und die auch gegenwärtig ihre Gültigkeit nicht verloren haben. In der Diskussion wurde dem Bericht des Israelitisehen Wochenblattes zufolge bemängelt, dall die Zionistische Leitung nicht ihren Sitz in einen neutralen Ort verlegt habe. Selbstverständlich hat das Engere Aetions-Goiiiitc diese (Tage seinerzeit eingeltend erörtert, es hat aber mit Rücksicht auf die Gesanifinteressen der Zionistischen Organisation den Beschluß gefallt, von einer Verlegung seines Sitzes abzitselieti und mit Rücksicht auf die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse in Kopenhagen ein Büro der Zionistischen Organisation zu errichten. Diese Beschlüsse wurden auch vom.■Grollen Ac;!״ns-Comite gutgeliei Ben. Es ist sehr zu begrüben, dall sich die Sitzung des Landeskomitees der Schweizer Zionisten init der Reorganisation und dem Wiedcratifbliihen der zionistisehen Tätigkeit in der Schweiz, befallt hat. Der Beschluß, die praktische Organisatioiisaibeit in der Schweiz ■ unverzüglich wieder auf/iinehmeii, ist sehr erfreulich und wird hoffentlich rasche und energische Durchführung finden. Geldsendungen aus Oesterreich-Ungarn Unsere Gesinnungsgenossen in Oesterreich- Ungarn machen wir darauf aufmerksam, dass sie Geldbeträge für die Zwecke des Zionistischen Aktions-Komitees, wie auch für die Jüdische Rundschau sowie das Hilfswerk in Palästina am einfachsten und unter Vermeidung aller Kosten auf folgenden Postscheck-Konten einzahlen können: Postsparkassenkonto Professor Warburg fflr Zionistisches Zentral-Büro Nr. 145.340 Wien Postsparkassenkonto der ״Welt“ Nr. 39913 Wien Postsparkassenkonto der ״Welt“ Nr. 61555 Budapest