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Jüdische Rundschau · 1915-10-08 · Heft 41 (8.10.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 41 (8.10.1915)
Date
1915-10-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 328 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 41 Treppen, schmierige Wände, deren wenige abgegriffene Bücher eine erschütternde Sprache reden, drängte sich eine graue hungernde Jugend von bleichen Knäbcheii mit runden glänzenden Augen. Man hält diese Kinder den ganzen Tag in der Schule, um sie dem Elend ihrer Wohnungen mul den (iefahren des (iasscnlebens fernzuhalten. Man gibt ihnen ihre Mittagssuppe in der Schule. Sie darf für tlas einzelne nicht mehr kosten als zwei Kopeken. Was soll denn einst aus diesen Kindern werden? Sie brauchen eines zuerst: ein grünes Banner. In dem von Menschen erfüllten Europa werden sie das Wichtigste für ihre Zukunft, den Boden, nie erhalten, eher werden sie die Träger irgendeines unbestimmten Unheils sein. In allen Erdteilen, anher Vorderasien, fehlen dir‘ Möglichkeifen einer Ansiedelung, die den Juden erlaubt, nach ihrer höchst eigentümlichen Art zu leben und von dem geistigen (iut, nach dem sie langen, satt zu werden. Aber in dem einen kleinen Lande, das schon begonnen hat, zu einem neuen Dasein zu erwachen, ist Raum und Tragkraft genug, sie aufzunehmeii. Josuatind Kaleb sind von ihrer Kundsehaftcrreise zurückgekehrt mit schvveren Trauben. Es kommt jetzt darauf an, die Fähigkeiten des Volkes, die bisher auf die Wüstenreiso verwendet waren, zu wecken und neu zu gebrauchen. Schulen, nach dem Vorbild der deutscheu* Volksschulen, vielleicht mit einer Hochschule an'der Spitze, werden dazu helfen können. Einst werden dann diese Knaben die Mannschaft eines neuen morgenlandischen Wesens bilden, gleichviel, ob sie Ingenieure oder Kaufleute, Handwerker, Ackerbauer oder Gelehrte werden. Sic sollen in einer neuen Heimat ein neues V.ylk sein, — nicht im Sinne jenes Nationalismus, der in Europa die Völker zerreißt und schlägt, sondern in dem innerlich freien, nach außen duldsamen Sinne der morgenländischen Weisen. ״Der türkische Baum muß mehr grün werden und gar auswachsen.“ Wer in seinem Schatten wohnen will, muß aber zuvor sein Gärtner sein. Die Petersburger Konferenz . der Jüdischen Hilfskomitees Vom 20 —23. August (3.- 6. September) fand in Petersburg eine Konferenz der Jüdischen K r i e g s - H i 1 f s k o in 11 e e s statt. Gegen 1 50 1 )eiegierte waren anwesend, darunter solche aus Nord- und Zcntral-Rußland, aus Sibirien und dem Kaukasus, auch Delegierte der aus Polen und Litauen ״evakuierten“ Massen. Auch die bekanntesten Persönlichkeiten aus dem öffentlich-jüdischen Leber! in Petersburg und Moskau waren erschienen. Ins Präsidium wurden der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Petersburg M. A. Warst hawsky, Baron A. G i!1 s b u r g“, ״ln Kriegszeiten״ Von Dr. Schmarjah Levin Unter dein Sammeltitel ״In Kriegszeiten“ ist von der Zionistischen Föderation Amerikas eine Anzahl von jiddischen Aufsätzen aus der Feder Dr. Schmarjah Levins herausgegeben worden. Wir glauben unsern Lesern Verständnis für das Buch am besten vermittein zu können, indem wir die beiden Vorworte wiedergeben, die Herausgeber und Verfasser dem Buche vorausgeschickt haben. Wir haben das Buch als einen schönen Beweis des unermüdlichen Wirkens Dr. Schmarjah Levins empfangen und empfunden. Von den Herausgebern. Schmarjah Levins Artikel, die wir liier in Buchform herausgeben, werden aus den Spalten der heute gelesenen und morgen vergessenen Tageszeitungen gerettet, weil sie gerettet werden mußten — soviel Belehrendes, Schönes und Hinreißendes ist in ihnen enthalten. Sie behandeln Ereignisse vom Tage, sie sind entstanden unter dem Eindruck des Momentes Und doch haben die Aufsätze viel Bleibendes, das man!noch lange unseren Golusjuden wird wiederholen müssen. Im Kriege geschrieben, Kinder einer für das Leben der zivilisierten Menschheit schweren, traurigen Zeit, werden sie ihre Bedeutung und ihren Wert auch dann noch lange nicht verloren haben, wenn das Donnern der Geschütze ganz verhallt, der Dunst des vergossenen Blutes ganz verschwunden ist, wenn die Menschheit wieder auf dem Wege friedlicher, rolliger Entwickelung fortschreiten wird. H. $ 1 i o s b e rg , O. Grus e 11 b e r g , W. T i o in - k in, M. Krein in, L. Bisk, Abgeordneter der Reichsduma F 1׳ i e d in a 11 11 , David F e i n!. e r g und E. Bärbel gewählt. Den ersten Bericht erstattete M. K re in in über d i e T ii t i g k c i t d e s Z e igt r a 1 h i I f s k o 111 i t e e s in Petersburg. Er stellte fest, daß das Komitee bis jetzt 2'.■ Millionen Rubel erhalten hat, darunter 1 s Million von der russischen Regierung. Um aber die Not der jüdischen Flüchtlinge zu lu־- seitigeii, wären viele Millionen Rubel nötig, die die jüdische Bevölkerung Rußlands absolut nicht aufbringen kann. Der Referent schlug ein austiilirliches Organisationsprojekt für alle Hilfskomitees vor und forderte zur regelmäßigen Fortsetzung der allgemeinen Selbstbesteiierung der Juden auf, verlangte die Gründling neuer Ravoukomitees in der Wolga- Gegend, in Sibirien und im Kaukasus und die Heran- Ziehung der Regieningsorgaiie, wie auch des Ver- Bandes der Städte und des Verbandes der Semsiuos zu dieser Hüfstütigkcit. Im Anschlüsse an die Debatten, die dieser Vortrag hervorrief, wurde \o!1 der Konferenz folgende Resolution gefaßt: ״Die jüdischen Woliltätigkeifs- und Gesellschaftliehen Einrichtungen sind nicht imstaiulv, den jiidiseben Flüchtlingen und Ausgewieseiien ausreichende Hilfe zu leisten. Dies mul) die Aufgabe der Regierung sein. Die Gelder, die ton den jüdischen Hilfskomitees gesammelt werden, sollen dazu verwendet werden, die nationalen und kulturellen Bedürfnisse der Flüchtlinge zu befriedigen.“ Die Konferenz forderte auch, daß die Vorsteher der jüdischen Komitees von den Behörden tlas Recht erhaben, in den zentralen und lokalen Institutionen, die mit der Evakuierung der Juden mul ihrer lieber- Siedlung beschäftigt sind, zu arbeiten. Erregte Auseinandersetzungen rief der zweite Vortrag von H. S 1 i o s b e 1׳ g hervor, der der Bes p r c e 111! ח g des Erlasses v o m 1 3. A 11 g 11 s t ii h c r d i e Er w eite r u 11 g d es Ansi e 11111!1 g s - R a v o 11 s gewidmet war. Der Referent, der selbst an den jüdischen Deputationen bei den Ministern teilgetionimeii hatte, schilderte ausführlich die politische Situation, in der dieser für die jüdischen Politiker wie auch für die Regierung unerwartete Beschluß zustande kam. Zur Zeit der 1 )uina-Einberufung weigerten sich sogar die Vorsteher der Opposition, die Judeiifrage zur [)chatte zu stellen. Fs war die Zeit, in der die Spionage-Beschuldigung gegen die Juden vorherrschte und eine besonders weite Ausdehnung in der Armee gefunden hatte. Auch die Kadetten fanden es damals unmöglich, die Judeiifrage zu behandeln. Der jüdische Abgeordnete Friedmann riet dann eine Beratung der Vertreter aller unterdrückten Nationalitäten Rußlands zusammen, der nur die Polen ihre Teilnahme verweigerten. Diese Konferenz verfaßte dann die Formel, die später von der Duma abgelehnt worden ist. Die Juden, die in Verzweiflung 'gerieten, mußten passiv _ bleiben. Da kam plötzlich der Beschluß de:; Ministcrrats vom 4. August. Diese unerwartete Initiative der Regierung sei mehr auf äußere und internationale Gründe z u r ü e k / u f ii h r e n. Eine gewisse Rolle spielten dabei auch finanzielle .Motive, wie ■auch die Enthüllungen in der Duma, Der Minister, der bald darauf eine' jüdische Deputation empfing, erklärte die Gründe, die diesen außerordentlichen Beschluß veranlaßt haben: die tatsächliche Ueberschreitung der Grenzen des Ansiedlungsrayons durch die Ueberschwemmung der Flüchtlinge und andererseits die Unmöglichkeit, diese Maßnahme auf den! Denn die Gedanken, die Schmarjah Levin in diesen Artikeln ausspricht, sind eigentlich die Gedanken für die Zeit nach dem Kriege. Was können wir tri diesem Augenblick tun? Wir haben keine Macht über den Krieg und bevor wir überhaupt daran denken können, irgendwie zu handeln, wird er schon Vergangenheit sein. Doch Schmarjah Levin will, daß man von heute für morgen lerne. Wenn einer vergessen hat, sein Haus zu versichern, so wird er, wenn das Haus abbrennt, daran erinnert, wie nachlässig er gewesen ist. Und wir, die wir so ungeheuer viel im Leben unseres Volkes vernachlässigt haben, sollten es wenigstens jetzt einsehen und vor Augen halten. Schmarjah Levin vergießt keine Tränen über geschehene Fehler, er predigt nicht: er baut auf, er zeigt uns, wie wir uns für die Zukunft sichern können. Er kennt den Weg, den wir gehen müssen. Fast in jedem Artikel weist er auf ihn hin — es ist der Weg des konsequenten Nationalismus. Und wie zeigt er ihn ,uns an! Kurz, scharf, geistreich mit viel treffendem Witz, mit kunstvoll eingeflochtenen Anekdoten und Fabeln, mit Herz und Wärme und feurigem Temperament. Hier ist nicht der Platz für eine ausführliche Besprechung des vorliegenden Werkes. Doch wir hätten unserer Pflicht gegenüber dem Leser nicht Genüge getan, wenn wir ihn nicht noch besonders auf die Artikelserie ״Unser eigener Krieg“ aufmerksam machten, die ein Meisterwerk für sich ist. Der Verfasser, einer der Hauptbeteiligten an dem berühmt gewordenen Sprachenkampf in Palästina, beleuchtet in dieser Artikelreihe die innere Bedeutung des großen Kampfes. Das Buch muß daher zum eisernen Bestand der Bibliothek jedes Zionisten, jedes national gesinnten Juden werden — als Belehrung und geistiger Genuß, Wege der Gesetzgebung durcli/tuet/ei!. Der Minister unterstrich ausdrücklich, daß dieses neue Wohnrecht nicht mir den Flüchtlingen, sondern allen Juden gewährt worden ist. Er sei noch bereit, falls die jüdische öffentliche Meinung dies durchaus fordern werde, ein entsprechendes Gesetzesprojekt in der Duma einzubringen. Am!3. August wurde dieser Erlaß an alle Gouverneure verschickt und jetzt auch vom Senat bestätigt und veröffentlicht. Damit .aber dieser Erlaß seine gesetzliche Macht bekäme, müsse ihn die Regierung binnen 6 Monaten den gesetzgebenden 111־ stifutioneii überreichen. Die Konferenz müsse daher die Regierung auffordern, das Gesetz sofort den g e s e t /. g e b e n d e n F a k t o r e n / u ü b e r - r e i e h e 11; es müsse eine v ö 1 I i ״ e A b s e h a i - f 11 11 g lies Ansiedlungsrayons enthalten. Gleichzeitig sei aber auch eine Initiative seitens der Duma möglieh. Die Konferenz habe also /u beschließen, ob es zweckmäßig sei, allein den Vertretern der Opposition die Einreichung des Gesetzesprojekt es zu überlassen, oder ob es nötig wäre, neue .Maßnahmen von der Regierung ohne die 1 lilfe der gesetzgebenden Faktoten zu erwirken. An den Debatten beteiligten sieh die Abgeordneten der ersten 1 )11111:1, 15 r a!11 s o n und S c 11 e fiel, Rechtsanwalt G r u s t• n b c r g . Deputierter Fried- 111 a 11 n , Rabbiner V. T i o m k i!1 und eine große Anzahl I )elegierter aus der Provinz. Die Taktik der Petersburger Politiker wurde vielfach und allseitig kritisiert. Die meisten Redner betonten, daß der Beschluß des Ministcrrats wohl ton praktischem Wert sei, daß er aber absolut nicht atisicichcnd ist und die Art seiner Veröffentlichung eine Beleidigung für die jüdische Bevölkerung enthalte, (i r useii!11׳ rg nannteden Erlaß: ״Zins, den die russische Regierung für ihre Anleihe zahlte." Ii r;1 111 s o 11 erklärte, es drohe die Gefahr, daß unsere Brüder jenseits lies Ozeans wie auch die progressiven Kreise in Rußland im Ernst meinten, es sei etwas Großes geschehen. Die Konferenz sei berufen, diese Gefahr zu verhindern. Dtmiaabgcordnefer F r i e d m a 1! n betonte die Notwendigkeit, festznstellen, daß der Akt vom •I. August ein staatsgesetzlich unsicherer, moralischbeleidigender ist; daß er aber praktisch einen Fortschritt bedeutet, den rückgängig zu machen, unmöglieh sein werde. Die von der Redaktionskommission vorgeschlageiie und von der Konferenz angenommene Resolution lautet : ״Die Konferenz, die die Fragen der Hilfsaktion in bezug auf die nciigeschaffene Lage und auf den Erlaß vom 13. August über die Erweiterung des Ansieillungsrayoiis behandelt hat, konstatiert, daß das Aufemhnltsrecht in den Städten außerhalb des Ansiedlimgsrayons, welches den Juden gewählt worden ist, nicht imstande sei, die akuten und nicht auf zuschiebenden Forderungen des Tages zu befriedigen, und die Grundsäulen der jüdischen Rechtlosigkeit unberührt lälit. Die Konferenz drückt ihre tiefe Entrüstung über die Verfolgungen und Verleumdungen der jüdischen Bevölkerung während des Krieges aus und erklärt, daß nur dtuch die gesetzliche Abschaffung aller in bezug auf die Juden herrschenden Beschränkungen, der Staat seine Pflicht dem jüdischen Volke gegenüber erfüllen und die Wiederholung solcher Verfolgungcn unmöglich machen wird.“ Auf Vorschlag von L. Jaffe wurde von der Konferenz eine Protestresolution gegen die Einstellung der jüdischen Presse einstimmig angenommen. Vom Verfasser. Dies sind einzelne Blätter eines Tagebuches. Weit entfernt von meinem Wirkungskreis, in einer ungewohnten Umgebung, fast in Gefangenschaft habe ich sie geschrieben. Ein stilles Sehnen beherrschte mein ganzes Denken. Ich suchte den nahen Orient im fernen Westen. Durch Reden und Aufsätze wollte ich das Heimweh betäuben. Der Krieg loht über ganz Europa, er hat auch den Teil des nahen Orients ergriffen, der in den letzten Jahrzehnten uns noch näher gekommen ist. Die jüdische Welt ist ins Wanken gebracht, wie ein Sturmwind sind die Kämpferscharen über das jüdisehe Ghetto hingegangen und haben Zerstörung und Verwüstung zurückgelassen. Eine furchtbare Vernichtung in der Gegenwart und in der Zukunft — ein Gemisch von Schreck und Hoffnung, von Zweifel und Glauben, Verzweiflung und Vertrauen. Die jüdi־ sehe Seele ist erschüttert, eine schmerzliche Frage begann sie zu beschäftigen: groß ist die Zahl unserer Opfer; werden sie in der Geschichte nichts als leidende Heilige sein, oder werden sie als handelnde Helden gelten, die mit ihrem Blute eine bessere Zukunft für die kommenden Geschlechter erkämpfen? Das war die Flauptstimmung, die die jüdische W?lt hier in Amerika beherrscht hat. Es gab ein zwiefaches Echo; das des großen Weltkrieges und das des parallel laufenden inneren jüdischen Kampfes um unsere nationale Existenz. Aus solcher Stimmung heraus habe ich einzelne Artikel geschrieben. Stärker, heißer, leidenschaftlicher erwachte in mir das Be gehren nach der Verwirklichung unseres Orientideals, das mir in der Kriegszeit noch klarer geworden ist, und ich habe ihm viele meiner Artikel gewidmd und auch einen besonderen Teil des Buches —■ ״Unse! eigener Krieg“.

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