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Jüdische Rundschau · 1915-09-23 · Heft 39-40 (23.9.1915) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 39-40 (23.9.1915)
Date
1915-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 322 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 39/40 Das jüdische Schulwesen in Lodz Irn Verordnungsblatt der Kaiserliehen Zivilvcrwaltung für Polen, Nr. 20 \ otn 10, August, ist die V e r o r d 11 1111 ״ h e f r e i f c 11 d R e g e I 11 11 g d e s S c 11 111 w e s e 11 s in Polen links der Weichst» veröffentlich( worden. Die durch diese Verordnung geschaffenen Verhältnisse werden noch einer eingellenden Betrachtung zu unterwerfen sein. Wir veröffentlichen heute einige in der Deutsehen I. (ulz.rr Zeitung enthaltene Meldungen, die sieh auf das j ü d i s c!1 e Schulwesen beziehen. Die Deutsche I.odzer Zeitung berichtet am 5. Septeruher: Z u r S e 11 u 1 f r u g e. in einer Beratung der hiesigen Schuldirektoren konnte man zu keinem Ergebnis wegen Einführung der russischen S.eluilspräche kommen; es wurde daher beschlossen, Fragebogen an die Eltern lieraus/ugeheri. Je nach den einiatifeiiden Antworten soll in einer Sitzung ein endgültiger Beschluß gefallt werden. Die j 11 - disc h e I. r h r e r s e 11 a i t trat ebenfalls erneut 111 eine Beratung der Scluilfrngc ein. Es sollen zunächst zwei Hauptfragen geklart werden; I. welcher Art soll der־ Charakter der gewünschten jüdischen Volksschulen sein; '2. welche besonderen Bedurinisse ergehen sieh mit der Einführung des allgcmeinen Schulzwanges speziell für die jüdischen Schulen. In einem von W jüdischen Lehrern und Lehrerinnen unterschriebenen offenen Brief au das Z. B. K. wird erneut die I rage nach der Stellung und Einrichtung der /u schaffenden jüdischen Schulen gestellt. Am S. September berichtet die I)culsclie I.oilzer Zeitung über die Bildung eines jüdischen S c I! 11 I v r re ins: In Verbindung mit der neuen Lage der Dinge in Polen ist 11. a. auch die f rage der Schäftung einer j ü disc 11 c 1t V o I k s s c h u I e entstanden. Diese Aufgabe bei uns auszuführen, hat eine (kuppe in der Oeffentlichkeit stehender Juden übernommen. Sie beriefen zu diesem Zweck mit Erlaubnis der Behörden am Sonntag eine Versammlung ein, zu der die Vorsteher sämtlicher jüdischer Berufs- und Kuiturvereinc, sowie auch viele Privatpersonen eingeladen waren. Den Vorsitz führte Herr Poz- 11 a n s k i. Der Schriftführer, Herr Rau in, erläuterte die׳ Absichten der Veranstalter der Ver- Sammlung und erteilte Bericht über deren bisherige Arbeiten, wie die Ausarbeitung von Satziingen für einen Verein jüdischer Schul- und Volks- Bildung iisw. Herr l.i c 11 t e 11 s t c i 11 stellte in seiner Ansprache das Programm des Vereins auf und wies darauf hin, daß in der neuen jüdischen Schule die jüdische Unterrichtssprache bindend sein müsse. Darauf schritt man zur Durchsicht der einzelnen Absätze der Satzungen. Die einzelnen Artikel derselben wurden eingehendst hesprachen. Infolge der vorgerückten Zeit konnten nicht alle Artikel besprochen werden, weshalb am kommenden Sonnabend die Versammlung fortgesetzt wird. Ueber die folgende Versammlung enthält die Deutsche Lod/er Zeitung vom Pf. September nachfolgenden Bericht; Welches soll die U 11 t e r r i c htss p r a c 11 e in d e 11 j ii 11 i s c h e n Volksschulen sein? Mit dieser Frage beschäftigte sich gestern eine Versammlung von etwa 300 Per״ sonen, die im Lokale des Arbeiterheinis, Olginska- Straße U, stattfaud. Ein Teil der Anwesenden war für den Jargon, ein anderer für die hebräische Sprache. ER wurde folgende Entschließung gefaßt: In Anerkennung dessen, daß die Frage der jüdischen Volksschule die Lebensinteressen der breitesten jüdischen Volksmassen berührt, stellt die Versammlung fest, daß die bisherigen verschiedenartigen -Schulen den Anforderungen der jüdischen Massen keineswegs entsprechen und niehtjüdische Volksschulen im vollen Sinne des Wortes sind. Keine der bisherigen Organisationen ist berechtigt, die jüdischen Volksschulen zu leiten. Die Versammhing findet, daß lediglich ein jüdischer Schulrat, der von der gesamten jüdischen Bevölkerung gewählt ist, diese Frage entscheiden darf. Die Volksschule muß obligatorisch und unentgeltlich sein. Sie muß von denselben Mitteln unterhalten werden, wie die übrigen Schulen auch. Der Unterricht soll nur in 4er jüdischen Sprache stattfinden. Ein neues Wolffsohnbild*) Der Jüdische Verlag hat ein neues Wolffsolui-Bikl herausgegeben. Eine Arbeit, der man sofort ansieht, daß sie nach einem gutgeniaifen Porträt sorgfältig graviert wurde. Lsaac Israels, der Sohn des großen holländischen Meisters, ist der Maler David Wolffsohns. Man kann das Bild nur nach dieser neuen Gravüre beurteilen, und so weiß man natürlich gar nichts von der Farbenwirkung, nichts von der malerischen Gesanitharmonie, die ein Porträt erst charakteristisch und lebendig macht. Was 1111s die ungemein sympathische Gravüre sofort verrät, ist die geistige Auffassung des Bildes. Die Klugheit der Augen, die Energie der Stirne beherrschen das Ganze. *) D a v i d W o I f f s o h 11 von lsaac 1 s r a e 1 s. Uravüre. Format 23,5 < 30 cm. Preis gerahmt 1׳ M. Schmaler als man Wolffsolm in Erinnerung hat, schmaler und ovaler erscheint die Oesiehtsfonn. Der fest geschlossene, bartüberschattete Mund bestärkt den Eindruck gesammelter ruhiger Kraft. Trotz der klaren, scharfblickenden Augen, trotz der willensstarken Stirne, glaubt man doch nicht das Bild eines Volksredners mul Volksfiihrcrs, was David Wölflsohn wahrlich war, an/.uscliaueii. Ein anderes Antlitz, das zw eite (iesicht, das geistige, spricht zu uns. Seltsam, wie das Persönliche, Individuelle Wolffsohns in diesem sprechend ähnlichen Bilde fast verw ischt scheint. Das, was bleibt, ist das Typische: der kluge, denkende, kämpfende, ideale Jude, jener Jude, dem Llerzl brüderlich die Hand reichte, und dem er tatsächlich immer ähnlicher wurde; an Geduld, Hoffnung, Arbeitskraft und - Leiden! So wird in dieser Gravüre das Typische mit Recht bedeutsamer als das Individuelle. Die ihn kannten, ergänzen sielt das Persönliche, sie hören noch die breite, glänzende, oft humorvolle, oft derbe Art des geborenen Volksredners, sehen noch die wuchtigen, eindringlichen Bewegungen. Für die Kinder und Enkel unserer Bewegung aber ist dies Bild charakteristisch für Wolffsolm, denn es spricht das Tiefste seiner Seele aus und stimmt harmonisch zu seiner treuen Lebensarbeit. J o h a 1111 a S i m o 1! -1 r i e d b e r g. Palästina-Nachrichten J e r ti s a 1 e m , 20. Juli. Die Leit 1mg des I> a s t e 1! r i 11 s t i t u t e s in J e - r 11 s a I e in erstattet folgenden Bericht über die Tatigkeit dieses Instituts vom 15. März bis zum 15. Juni. An die W u t s c h 111 / a b t e i 1 u n g wandten sich in dieser Zeit ISO Personen, die von tollwütigen Hunden und anderen Tieren gebissen wurden; davon 72 Private und bl Soldaten. Von den Patienten kamen 50 aus Jerusalem, 22 aus Jaffa, 15 aus Sichern (Nablus), 12 aus Djenin, 7 aus Al-Arisch, -I aus Gaza, 4 aus Safert, 3 aus Aphule, 3 aus Hebron, 2 aus Hamaskus. Der Rest kam aus verschiedenen kleinen Orten. Die 7 Fälle von (ichirnunteisudumgeii an den Tieren, die angostellt wurden, ergaben in I Fällen positive Ergebnisse. Vor die s e r o I n g i s c 11 e A b ( e j 111 n g gelangteil 05 verdächtige Fälle von Darnitvp 11 us, 32 Fälle von M a 11 a f i e b e r , 141 S y p h i 1 1 s e r k r a n - klungen (letztere hauptsächlich bei Militärpersonell). 1 n de r V a c c i ח o t h e r a p e u t i s c h e 11 A b - t e i I u n g wurden geimpft öS Personen gegen P o c k e n , A k z e ß und F u r 11 u k 11 I o s e. Im Hause des Jerusalemer Chacliain-Baschi fand dieser Tage eine Beratung bezüglich die O r g a 111 - sie!׳ u 11 g d e r J e r 11 s a 1 e 111 e r j ü disc h e!1 Gein e i 11 d e statt. Die Versammlung wurde von Dr. l/chak Levy mit einer Ansprache eröffnet, in der er die traurige Lage der Gemeinde infolge der Spaltun׳״ und Zersplitterung schilderte und auf die Notweudigkeit hinwies, eine G e s a m f o r g a u i s a t i o n d e r J e r 11 s a I e in er J 11 d e n ins Leben zu rufen, die von einem sämtliche Gemeinden und Grtippeu vertretenden K o I I e k t i v a u s s c 11 u ß geleitet werden soll, welches dann die legitime Repräsentanz der Judenheit Jerusalems in inneren und äußeren Angelegenheiten bilden werde. Darauf sprach Herr David J e 11 e ״ , der die bisherigen mißlungenen Versuche in dieser Richtung’ schilderte. Es folgte eine Ansprache, nach der der Beschluß gefaßt wurde, ein p r 0 v i s o risches K o m i t e e zu wählen, das sich mit der Frage der Organisierung der Jerusalemer Gemeinde befassen und sie in den Kreisen der jüdischen Bevölkerung propagieren werde, ln das provisorische Komitee traten drei Ascltkenasim und zwei Scptnrdin ein. Vertauschte Rollen In Paris ist soeben in französischer Sprache eine Broschüre über ״Die Judenfrage in Polen“ (״La question juive en Palogne“) erschienen, die die polnische Pressagentur in Paris herausgegeben hat ln der Einleitung versichern die Herausgeber, sie seien keine Antisemiten. Darauf folgt eine ״Erörterung“ der jüdisch - polnischen Frage in einer Weise, die die ,,nicht - antisemitische1' Gesinnung der Herausgeber in einem merkwürdigen Lichte erscheinen läßt. Zunächst erfährt das französische Publikum, daß die Juden von fast ganz Polen Besitz genommen haben. Zahlenmäßige Belege: zwei Millionen Juden auf 14 Millionen Einwohner im Königreich, was besagen will, daß die Juden 14% der Gesamtbevölkerung ausmachen. In Warschau sind von 800000 Einwohnern 300000 Juden 37.5% ־=■־. ln anderen Städten erreicht das Prozentverhältnis 40% bis 08%. Nun kommt die ״wichtigste“ Feststellung: Unter diesen Juden sind eine Unmasse zugewandertcr russischer Juden, die in Polen die russische und deutsche Kultur verbreiten . . . Diese Juden verbreiten nun, heißt es in der Schrift, in letzter Zeit in. ganz Europa falsche Gerüchte über die Polen, mit der ausgesprochenen Absicht, die Polen zu kompromittieren. Das sind nämlich die polenfeindlieh gesinnten ״russischen“ Juden. Dann erfährt die Welt, daß die Juden in Polen einen furchtbaren Boykott gegen d i e C h r i s t e n betreiben. Die Juden schädigen den polnischen Handel, indem sie den Polen keine Geschäftsräume vermieten, ihnen die Kunden abtreiben , dies sogar durch brutale Gewglttätigkeiten . . . Man sieht, die Angaben sind wahr, nur daß die Rollen vertauscht sind. Das alles haben nämlich, wie hinlänglich bekannt, die Polen gegen die Juden getan. Dann kommt das garstige, politische Lied: Die Juden haben — im Verein mit den Deutschen, natürlich — einen eigenen Vertreter in die Duma geschickt, aber das genügte ihnen nicht. Sie mußten noch Warschau in ihre Hände bekommen. Auf keinen Fall wollten sie für den vom ״polnischen Volke aufgestellten“ Kandidaten stimmen. Daß dieser Kandidat ein Judenfeind strengster Observanz war, wird natürlich verschwiegen. Weiter wird geleugnet, daß die Polen die Juden bei den Russen denunziert haben ... es sei dies die Erfindung eines berühmten Schriftstellers — dessen Name nicht genannt wird — den die ״russischen“ Juden hinters Licht geführt haben usw. usw. Auf eine kurze Formel gebracht: Die Juden sind es, die die Polen verfolgen, mit Boykott bedrohen, politisch vergewaltigen und knechten wollen. Man kann nicht leugnen, daß in den polnischen Darstellungen Methode liegt. Es wird weiter gehetzt Mehr als uns liebsani ist, haben wir Gelegenheit, 1ms mit der Person des Herrn Nitmojcwski zu befassen. Man sollte meinen, Verleumder lind Hetzapostel vom Schlage dieses Mannes und seiner Anhiingerschaft würden jetzt, da die russischen Göu- »er aus Polen vertrieben sind, ihre Rolle endgültig ausgespielt haben. Daß dieses aber ganz und gar nicht der Fall ist, beweisen folgende Auslassungen Niemojevvskis in einem ״Makler und Spion“ überschricbeneii Artikel in einer Nummer seines Blattes, dem in Warschau erscheinenden ״MysI Niepodlegla“. Der Verfasser gibt sich die größte Mühe, den Beweis zu erbringen, daß die Juden in Polen unter der Maske von Maklern immer — Spionage getrieben hätten. ״Der Makler — heißt es in diesen! Artikel ist im wirtschaftlichen Leben der Spion des Judentums. Er lernt das Spionage-Handwerk von Kindesbeinen an und betreibt es sein ganzes Leben lang.“ Und nachdem dieser ״Judenkenner“ (wie er sieh selber bezeichnet) auf die außerordentliche Solidantat der Juden hingewiesen hat, die es ihnen ermögliehe, ihr Ausspürungsnetz nach allen Richtungen hm zu spannen, kommt er zu dem Punkt, auf den es ihm anscheinend vor allem ankommt: ״D erseibejude, d er als Letzt e r in den K r i e g zieht, u m;t 1 s Erster zu fliehen, ist in puncto Spien a ״ e u n v e r g I e i c h I i c h w a g 11 a I s i g. Sei 1! W a It 11 I ä ß t ihn all e G efah re n v e r g e s s e n, d e 11 e n er s i c h;1 11 s s e t z. t.“ Der Artikel schließt mit der Wendung: '״Hat das Volk, das so viele Pugrame in Europa auszustehen hatte, nicht den Bew. für die Richtigkeit dieser Worte erbracht?“ Es ist also vorläufig alles beiin alten gebliebe״!

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