Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1915)
- Date
- 1915-09-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39/40 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 323 AUS ALLER WELT Aus Oesterreich. Der jüdische Reichstagsabgeordnete Heinrich Reizes hatte dieser Tage eine längere Unterredung mit dem österreichischen Minister des Innern Baron Heinold über die innerpolitischen Verhältnisse in O a 1 i z i e n. Der Minister versprach eine gewissenhafte Prüfung der über die Maßnahmen galizischer Behörden erhobenen Beschwerden und versicherte, daß die Zentralregierung die Unterdrückung dieser oder jener Volksgruppe durch eine andere nicht dulden werde. Aus Amerika. In New York begann vor kurzem eine neue hebräische W o c h e n s c h r i f t, ״i t a - u m .1“, zu erscheinen. Seit einiger Zeit erscheint dort auch ein. vom hebräischen Lclirerverbancl hcraiisgegcbcnes pädagogisches Organ unter dem Namen ״Hed- Ilaniore“. In einer Beratung der hebräischen Vereine New Yorks, an der 11.;1. auch die Herren l)r. Schmarja L e v■j 11 und Dr. Al. Al e 1 a m e d teilnahmen, wurde beschlossen, die seit Jahren in N e w York erscheinende hebräische Monatsschrift ״Ha- 1 o re n“ in eine W o c h e 11 s c 11 r i f t zu verwandeln. Aus Rumänien. Wir erfahren, dali die seit vielen Jahren angcfaiigcne, Arbeit über die ״ü es chi eilte der r u - m;in i s c 11 e 11 Juden“ von den! kürzlich verstorbenen Doktor Elias Schwärzte Id, dem Sekretär 11er 1. C. A. in Paris, in seinem Nachlaß als vollendetes Manuskript gefunden worden ist. Die Arbeit ist das Resultat einer langjährigen mühevollen Arbeit eines der wenigen Kenner der Geschichte der rumänischen Juden. Rumänische Zeitungen berichten über eine aufsehenerregende Broschüre des Leutnants der k. u. k. österreichisch-ungarische Armee O. T ä z. 1 ä n a n u ״Drei Monate im Krieg“, in der eine rohe antisemitische Agitation versucht wird. Der Verfasser dieser Hctzbroschüre ist, wie die ruinätiischeu Zeitungen berichten, Rumäne und aus der ungarischen Armee desertiert. Im Zusammenhang mit den Ausweisungen der Juden aus allen rumänischen Gebieten, die an Oesterreich- Ungarn grenzen, die kürzlich von der Bukarester Regierung angeordnet wurden, bemerkt das offizielle Organ der Liberalen Partei, die jetzt die führende Macht hat, folgendes . Einige Zeitungen behaupten, daß der Minister des Innern Befehl gegeben hat, daß die eingeborenen Juden, welche in den aer nördlichen Grenze der Moldau benachbarten Städten wohnen, ins Innere des Landes verschickt werden sollen. Diese Nachrichten sind ungenau. Der Minister des Innern beabsichtigte nicht, die Juden auszuweisen, die in denblädten nahederGrenzeoderirgendwo anders wohnen, als er den Ausweisungsbefehl erließ. Dieser Befehl des Ministers des Innern betrifft nur die fein dlichenA 11 Ständer, welche Untertanen fremd erLän der sind, und die e i n g e b o r e n e n Juden, die, obwohl sie nicht in den Grenzstädten leben, dorthin als Getreidemakler reisen. Der Zweck des Befehls ist, solche Leute zu verhindern, Dinge zu tun, die den Interessen der Bevölkerung oder des Staates gefährlich werden könnten. Die friedliche jüdische Bevölkerung, welche naiie der Grenze lebt, ist keineswegs solchen Hetzereien ausgesetzt, wie die unverantwortlichen Zeitungen dies haben möchten. Hierauf erwidert der ״Adeverttl״. ein unabfuingiges Organ und eines der beiden Blätter, die mit den Juden sympathisieren, wie folgt: in Beantwortung der Angriffe des Regierungsorgans auf die ,,unverantwortlichen'‘ Zeitungen sind wir in der l äge, eine Liste der ״friedlichen jüdischen Bevölkerung“ zu veröffentlichen, welche Gegenstand der schreckliebsten Vertolgungen seitens der Behörden gewesen ist. j Wir können die Namen der Res ervisten nennen,!welche im gleichen Moment mobilisiert wurden, als man ihre Kinder aus der Heimat vertrieb. Es ist möglich, daß der Minister des Innern nicht, wie das ן offizielle Organ meint, auf die Juden ״abzielte“. Wenn der Minister daran unschuldig ist, so möchten wir wissen, welche Bestrafung er den Beamten auferlegte, welche absichtlich seine Befehle mißverstanden. Aber wir sind nicht verantwortlich. Es ist die Regierung, welche versucht, in ihren Angaben zweideutig zu sein. Sie sagt, daß der Befehl nur die Makler be- •rilit, welche gefährliche Handlungen begehen könnten. Wir wissen, daß das Gesetz Verbrechen und Vergehen ן bestraft, welche begangen worden sind, aber nicht | solchen Verbrechen vorbeugt, welche begangen werden I konnten. Dann wieder sieht das Gesetz gewisse Be- I sirafungen für jedes Vergehen vor, und nicht eine all- I ßi meine und vorbeugenae Strafe wie die Ausweisung. [ Warum werden nicht diejenigen bestraft, die den Treu- I brueh begangen haben, anstatt daß das ,,friedliche“ I Volk bestraft wird? I Selbst die Regierung erkennt an, daß diese vor- 1 beugende Strafe sich auf die Ausländer und solche Juden 1 bezieht, welche dort Geschäfte treiben, trotzdem sie Inicht dort wohnen. Sie meint, daß das Mißtrauen I gleichmäßig auf den Ausländer und den rumänischen [Juden fällt, und der rumänische Jude, obgleich er keip I Ausländer ist, ist anderen Glaubens. Daher fällt der! Argwohn auf alle eingeborenen Juden. So sehen wir, I da l!, selbst wenn die öffentliche Auslegung des Gesetzes I seitens des offiziellen Organs korrekt ist, so sind es Poch die Juden, welche leiden werden. Aber wir können die ,,Makler“-Geschichte nicht akzeptieren; sie ist falsch. Es ist eine feststehende Tatsache, daß Leute, die unschuldig und keine ,,Makler“ sind, ausgewüsen wurden. Diese Antwort der rumänischen Zeitung spricht deutlich genug, als daß man sich über den wahren Sachverhalt noch nicht klar wäre, den das Sprachrohr der rumänischen Regierung wieder einmal verdunkeln wollte. Aus Rußland. Flüchtlingselend. Die geradezu entsetzliche Not der sogenannten Flüchtlinge, d. h. der ungeheuren Menge von Verbannten, Entführten und heimatlos gemachten Menschen, beherrscht gegenwärtig die öffentliche Diskussion in Rußland. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß die Juden relativ den größten Teil dieser Unglücklichen bilden. In einer Eingabe des Kiewer Hilfskomitees an den allrussischen Städteverband wird in ergreifender Weise das Flüchtlingselend geschildert. Das Komitee unterscheidet drei Kategorien von Kriegsopfern: 1. Flüchtlinge, 2. Vertriebene und 3. Geiseln. Die Flüchtlinge, die sich namentlich in Kiew, als dem größten siidWestlichenZentrumangesammelt haben, leben unter den entsetzlichsten hygienischen Bedingungen. Sie schlafen auf den nakten Dielen, ihre Nahrung ist ekelerregend, die allerprimitivste ärztliche Hilfe fehlt, trotzdem Epidemien, wie Diplitheritis, Scharlach und Dysenterie unter den Flüchtlingen wüten. Die Art, in der man Flüchtlinge zu Arbeiten verwendet, etinnert ganz an einen Sklavenmarkt. Die Arbeitgeber suchen sich die kräftigsten aus und schleppen sie mit, ohne den Angehörigen auch nur die Adresse mitzuteilen. Die Folge der unsäglichen Verzweiflung der Zuriickgebliebenen ist die starke Verbreitung der Prostitution unter den Frauen, ja selbst unter den Kindern von 7—8 Jahren! Noch schlimmer ergeht es der 2. Kategorie, den auf administrativem Weg aus Galizien und der Bukowina Vertriebenen. Sie rekrutieren sich aus Angehörigen der gebildeten Stände, wie aus Arbeitern und Bauern. Sie werden in Polizeigefangenenhäusern oft 2—3 Monate bis zu ihrem endgültigen Abscliub in die inneren Gouvernements von Sibirien gehalten. Besondere Räume sind ihnen nicht angewiesen, sondern sie befinden sich zusammen mit den gewöhnlichen Verbrechern. Auch hier fehlt jede medizinische Hilfe. Aus einem an das Hauptkomitee des russischen Semstwo-Verbandes gerichteten Telegramm geht hervor, daß an der südwestlichen Front viele Eisenbahnzüge mit Vertriebenen stehen, deren Empfang von den Eisenbahndirektionen der benachbarten Linien verweigert wird, ln Kiew stehen die Züge oft mehrere Tage, Schwerkranke und Tote werden nicht einmal hinausgeschafft. Die 3. Kategorie, die Geiseln, besteht aus angesehenen Bürgern, auch österr. Parlamentsmitgliedern usw. Ein Teil ist in Arresthäusern unlergebracht. Der Rest ist über einzelne Bezirke verteilt. Sie werden auf Kosten eines jüdischen und eines polnischen Komitees erhalten. Von ihren Leiden hat in der Duma der Arbeitsparteiler Dsiunkowsky bei der zweiten Judendebatte ein erschütterndes Bild entworfen. (Ein V c r b a 11 d v o 11 r 11 s s i s c 11 1■ 11 P o 1 i t i k e 11! ׳ u 11 d Intellektuell e 11 z 11 g 11!1 s t v 11 d e r russischen J u d e 11.) 111 Petersburg haben sich bekannte christliche Politiker und Intellektuelle zu einer großen Gesellschalt /usamrnciigeschlosscn, um den russischen Juden in ihrem schweren Kampf um rechtliche Gleichstellung zur Seite /u stehen, diesen Kampf zu einer allgemeinen Angelegenheit des fortschrittlichen Rußlands /u machen und die Regierung zur Aufhebung der s c 11 i 111 p f I i c!1 e 11 mittel a 11 e r I i c h e ״ B e s e 11 r ä 11 k 1111 g e n zu veranlassen. Als l lilfsgcsellsehaft organisiert, hat der Verband in seinem ersten Appell an die Gesellschaft, der in der Presse veröffentlicht winde, diese Tetideii/eti, wenn auch in bescheidener Form, an/iideuten versucht. Dev Appell lautet folgendermaßen: ״Eine unendlich traurige Zeit erlebt jetzt unser Vaterland. Schwere Katastrophen haben alle Völkerschalten, welche unser Vaterland bewohnen, betroffen. Neben den anderen Nationen erlebt dieses Elend auch das j ii d i s e h e V o 1 k , aber seine p!1 v s i - scheu Leiden werden durch noch 1! 11 e r t r ä g - liehe re moralische Qualen beschwert. Das Ziel der Gründung einer russischen Hilfsgesellschaft liir die Juden ist eben nicht nur die materielle Hilfe für die notleidende jüdische Bevölkerung, sondern auch die moralische Unterstützung unserer jüdischem Mitbürger, das Bestreben, ihnen zu zeigen, daß die russische Gesellschaft ihrem Schicksal gegenüber nicht teilnahmslos ist. Aus diesem Grunde ist es besonders erwünscht, daß eine möglichst große Anzahl von Persönlichkeiten, welche im russischen öffentlichen Leben stehen, dieser Gesellschaft sieh ansehließt." Als Vorsitzender unterzeichnet den Appell der Oberbürgermeister von Petersburg, Graf I. I. Toistoj, ehemals Minister für Volksaufklänmg, der im gesellschaftlichen Lehen Petersburgs eine außerordentliche Rolle spielt. Außer ihm stehen unter dem Aufruf noch zahlreiche andere Namen hervorragender Politiker und Intellektueller; der in der letzten Zeit sehr einflußreiche Dutnaabgeordnete Selling a re w (Vorsitzender des Duma-Rüstungs-Ausschusses für Armee und Flotte), der bekannte Dichter Maxim Gorki, der Schriftsteller F i I o s o f o w , der ehemalige Dutnaabgeordnete Kedrin und mehrere andere Männer und Frauen von Rui. Die Stadt Witebsk isl von zehntausenden iüdisehen Flüchtlingen aus Wilna, Dvvinsk, Riga, Jakobstadt und anderen evakuierten Orten im Kriegsgebiet tiberfüllt. Bis zutri 1. August waren über 400■ ü Fluchtlinge in diese Stadt gekommen, * Die russische Zeitung ״Russkojc Slowo“ herichtet über die schreckliche Lage der aus den kriegsbedrohten Gebieten Vertriebenen und melde( u. a., daß sämtliche Juden von B j e I 0 .י t o k nach dem Gouvernement Irkutsk ahgeselioben worden seien. 111 Smolensk befinden sieh 1200(1 Heimatlose. Auch die Städte (> r i ״ I , U 11 ׳1 1׳ k o w I w e r, Kost 1־ o m a und Wim :11:1 saul von Flüchtlingen überfüll!. Nach einem Bericht der ״Novvoje Wrcmja“ fand dieser Tage eine MinisterberaUing statt, in der die Fr.’ige einer staatlichen Hilfsaktion für die Fluchtlinge erörtert wurde. 11! der diesbezüglichen Vorlage wird hervorgehubcti, daß die deutschen Kolonisten und die ״p o 1 i t i s c 11 V e r 11 a e h t i g e 11, die aus den Kriegsgebieteii entfernt worden sind“, von der staatlichen Unterst ü t z u 11 g a u s zu - s c!1 1 i e ß e u s e i e 11. Auf den Moskauer Bahnhöfen liegen gegenwärtig 4C0 Eisenbahnwagen mit Fliichtli! gen aus Polen und Litauen. Aus den amtlichen russischen Listen geht hervor, daß im ersten Kriegsjahr insgesamt 502 Juden in der russischen Armee das ״Georgskieuz“ erhalten haben. + In diesem Jahre ist den Juden erlaubt worden, die alljährliche große Messe in Nischni-Nowgorod aufzusiichen. Der Senat hat aber erklärt, daß Juden in keinem Falle Mitglieder des Verwaltungsrates der Messe sein dürfen. ZIONISTISCHE BEWEGUNG Rumänien. Der Verein ״S a r o 11" in Bukarest setzt drei Preise ä 100 Frcs. für die Insten Arbeiten über die folgenden Themata aus: 1. Der Einfluß der zionistisehen Bewegung auf die jüdische Kultur; 2. Die Bedeutung der Studentenschaft in der nationaljüdischen Bewegung; 3. Aus der Kulturgeschichte der rutnänischeu Juden. An diesem Preisausschreiben können die jüdischen Studenten ans Rumänien leiluelimeii, sowohl an rumänischen wie an ausländischen Universitäten. Die Arbeiten müssen originell sein, Uebcrsctzungen sind nicht ziigelassen. Das Manuskript muß in rumänischer Sprache geschrieben und so laug sein, daß es in einer 32 Seiten starken Broschüre erscheinen kann. Die Arbeit muß ein Kennwort, ohne den Namen des Verfassers, tragen. Ein versiegelter Brief mit dem Kennwort enthält Name mul Adresse des Verfassers. Die Manuskripte müssen bis spätestens 1. Navetnher 1*115 an Dr. L. Mayersoiiii, Bukarest, (kdea Mosilor *)7, geliefert sein. Aus dem östlichen Okkupationsgebiet. Der Verein ,. I i a t e c 11 1 a “ in Lodz plant eine Reihe von hebräischen Theatervorstellungen. Die erste Aufführung wird am Mittwoch, den 27. September, am dritten Tage des Chol - hainocd - Sukkot, stattfinden. Gleichzeitig wird ein großes hebräisches Kinderfest veranstaltet werden Zur Aufführung gelangt das Lustspiel .Meci irat-Josef“ 1 .Der Verkauf Josephs“) von dem jungen hebräischen Dichter Isaak Kazenels o 11 n. * in I o 11 / soll rin j ü d 1 י c h e r 11 a l i o 11 a I e 1' F r a u e 11 v e r e! n , wie ans L o tl / beneblet wird, gegründet werden. Die Salzungen sind bereits auggearbeitet mul werden den Behörden zur Bestätigung vorgelegt werden. Nachrichten Berlin. Unsere Gesinnungsgenossen Lothar S c h 11 r g a s t - Berlin (K. J. V.) und Dr. John L i s s a u e r - Berlin (K. J. V.) Italien das Eiserne Kreuz erhalten. Unsere Gesinnungsgenossen Mathias Walk- Breslau und Max M a in I o k wurden verwundet. Berlin. (J ii d i s c h e r R u d e r k 1 u b 1 v r i a.) Am vorletzten Sonntag hat sich der Jüdische Ruderklub Ivria zum ersten Male seit seiner Ent- Stellung an einer allgemeinen R e g a 11 a beteiligt. Die Jugendabteilung hatte zum zweiten Vierer der Jungdeutsehlaiidregatta gemeldet, die auf der Spree zwischen Copeiiick und Niederschöiievveide statttaiid. Wenn es der Ivria auch .- infolge eines Zufalls — diesmal noch nicht gelang, einen Preis zu erringen, so konnte der Jüdische Ruderklub nach dem Verlauf dieser Regatta doch die Einsicht gewonnen haben, daß er k e i 11 e m anderen Vereine nachstehe und bei jeder Gelegenheit den Wettbewerb attfnehmen