Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1915)
- Date
- 1915-09-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651922-2651960--10306-2667714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
- Radom 1× ep/1000823
OCR text
Seite 320 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 39/40 Die letzte Entschließung des Zentralbiirgerkomitees ist anscheinend sehr bescheiden. Eine Institution ist aufgelöst, in ihrer Kasse befand sich eine gewisse Summe. Sie bestimmte, wozu dies (leid verwendet werden sollte. Aber für jeden Juden und!alle die sich für gesellschaftliche Fragen und Erscheinungen interessieren, ist diese letzte Entschließung mehr: Sie ist ein politisches Testament. , Das Zeutralbürgerkomitee ist judenfrei gewesen. Als die russische progressive fortschrittliche Presse die Tatsache verurteilte, daß eine solche bürgerliche Institution nicht nötig fand, auch Vertreter des ijüdischer! Volkes aui/unchmen, welches doch nicht weniger als das polnische durch den Krieg (gelitten hatte, versuchte anfangs die Dmowski-Gesellschaft, die russische Meinung irrc/uFiihreii, indem sie /u verstehen gab, dafi die höhere russische Verwaltung in Warschau keine Juden in das Bürgerkomitee gelassen habe. Als man die Herren an die ,Wand drückte, mußten sie eingestehen, daß äußere Hindernisse gegen die Aufnahme der Juden nicht bestanden hätten. Der einzige Grund sei Antisemitismus gewesen. So erklärte offen (irabskv dem Interviewer der ״Rjetsch.“ Für das Zeutralbürgerkomitee, wie für das Warschauer städtische Komitee war es eben eiserner Grundsatz, nicht mit der jüdischen Bevölkerung in Polen!zu gehen. Für jene polnischen Agitatoren, welche in Petersburg und Moskau wohnen und sich dort ,bemühen, die Rolle von Progressisten zu spielen, ,war cs aus gewissen Gründen nötig, die Nachricht (Zit verbreiten, daß das Zeutralbürgerkomitee oder das Warschauer Komitee als jüdischen Vertreter den Vor- Steher der jüdischen Gemeinde in Warschau aufgenommen habe. Diese falsche Nachricht rief den ,Artikel des Fürsten Trubetzkoj hervor, der in ,warmen Worten diesen ersten Fortschritt zu einem polnischjüdischen Ausgleich begrüßte. Aber auch dessen Worte vermochten nicht die Nationaldemokratie zu bewegen, das Gerücht, welches die Polen selbst ,verbreitet hatten, in die Wirklichkeit zu übertragen. Selbst einen Führer der Assimilatorcn wie Michal Bergson fanden sie nicht fähig oder würdig zur Aufnahme in das Bürgerkomitee. In dieser Zurücksetzung steckte etwas mehr als die Beleidigung elementarster demokratischer Grund- Sätze — es war die Durchführung des Boykott- Systems, um zwei Millionen polnischer Juden mit allen ihren Interessen vollständig auszuschalten. Auch die polnischen Arbeitermassen waren im Bürgerkotriitee nicht vertreten, aber für sie wurde doch einigermaßen gesorgt. 1 Dagegen wurde für die jüdische Bevölkerung überhaupt nicht gesorgt, als ob es in Polen überhaupt keine Juden gäbe oder diese nicht unter dem Krieg gelitten hätten. Von allen Ecken Rußlands kamen Gaben, gesammelt nach dem Grundsatz: ״Für alle gleich, ohne Unterschied von Religion und Nationalitat.“ Die russische Regierung hat dem Zentralbürgerkomitee H Mill. Rubel überwiesen, von all den Summen haben die Juden so gut wie nichts bekommen. Sie machen den sechsten Teil der Bevölkerung aus und schon deshalb, kämen ihnen Millionen zu; bei ,gerechter Verteilung hätten die Juden sogar mehr,bekommen müssen. Die Polen hat mail doch im ersten Kriegsjahr nicht aus Städten und Dörfern gejagt und sie nicht beraubt, und doch hat die ganze jüdische Bevölkerung־ vom Zeutralbürgerkomitee nur etwas mehr als 80 000 Rubel erhalten. Dabei gab es Zeiten, wo das Zentralhürgcrkomitce mit einem Wort an die russische Regierung viel hätte nützen können. Mau hat aber nach den bekam!- teil Angebereien die Juden auf unerhörte Weise!;ins Städten und Dörfern vertrieben. Das Zentralbürger* komitee hat dagegen nicht die geringsten Schritte getan und nicht einmal einen Aufruf erlassen. , In Grodzisk hat man morgens die Juden vertrieben ,und am selben Morgen schon hat ein Flugblatt die polnisehen Massen aufgefordert, sich die verlassenen jiidisehen •Läden und Wohnungen aiizueignen. Die russische Regierung betrachtete die Vertreibillig als zeitweilige, die antisemitische Presse dagegen als (Mittel, für immer von den Juden frei zu werden. Wer erinnert sich nicht des Cyiiisimis, mit dem ein anderes Flugblatt beschrieb, wie in Zyrardow polnisehe Händler in jüdischen Lüden saßen und die verkauften Heringe in Blätter jüdischer heiliger Schritten ein« ickeiten, und in einem solchen Augenblick faßte das Zeutralbürgerkomitee den Beschluß, von Kanada tüchtige polnische Händler herüberztibringen, welche die frischgebackenen polnischen Händler in den judenfreien Städten die Kunst des Handels lehren sollten. Auch ini letzten Akt seiner Tätigkeit hat das Zcntralhürgerkomitec nicht die Möglichkeit gefunden, sich seiner Pflicht bei Austeilung der 1,0 Millionen zu entledigen. Auch nicht die kleinste Summe entfiel auf die jüdische Bevölkerung, und doch ist die Not unter diesen Massen, denen die Requisitionen des Warschauer Biirgerkoinitees alle Lebensmittel weggenommen haben, außerordentlich groß. So viele jüdische Städte liegen in Trümmern, mau müßte doch Baracken aufstellcu, man müßte sie organisieren, ihnen Lebensmittel oder Arzneien verschaffen. Der Beschluß des Zentralbürgerkomitees wird in der Geschichte fortleben. Es handelt sich nicht um das Geld. Gott hat uns so lange geholfen, er wird uns auch weiter helfen. Es handelt sich um die Idee, um die Demonstration, die in einem Beschluß liegt. Aut Schritt und Tritt appellieren gewisse polnische Kreise an unsere bürgerlichen Gefühle, — aber tut man nicht alles, diese Gefühle stumm zu machen? Aus der vertagten Duma (Die zweite Judendebatte) Die allgemeine Presse hat die Dumaverhandhingen fast übersehen, die am 16. August bei der Einbringung einer dringlichen Interpellation von Sozialdemokraten, Arbeits-Partei und Kadetten über die Beziehung der Regierung zu der jüdischen Be- Völkern»״ im Gebiete der Kriegsoperationen staftgefunden hat. Die Interpellation selbst wurde zum größten Teil von der russischen Zensur unterdrückt, hingegen sind wir in der Lage Auszüge aus den Reden der Abgeordneten zu bringen, die die Dringlichkeit ihres Antrages begründeten. Abgeordneter Ts cheheidsc (S. D.) sagte: ,,Sie wissen ausgezeichnet, daß die Regierung des Regimes v. 3. Juni (der Stolvpinschen Duinaauftösiiiig) stets auf der jüdischen Entrechtung begründet war; in allen für die Regierung kritischen Augenblicken richtete sie ihre ersten Schläge gegen die Juden, in der Richtung des geringsten Widerstandes. Sie erinnern sich ausgezeichnet, wie bei den ersten Anzeichen der Freiheitsbewegung in Rußland die Regierung zunächst gegen die Juden vorging, imd ihre Schläge nahmen die Form von Pogromen an. Als das Regime des 3. Juni fühlte, daß es erschöpft ist, als alle Illusionen, die mit ihm verbunden waren, zu schwänden begannen, hielt es die Regierung für notwendig, sich hinter den RüchPn der Juden zu verstecken, und .begann derart ihfc Stel- •lungen zu verscllan/.en und zu befestigen. Erinnern Sie sich an den unerhörten Skandalpro/.eß, .an die Bcilisaffärc! Im vorigen Jahre brach der Krieg aus, dessen tiefster Sinn, meines Erachtens, der ist, daß er das Regime des 3. Juni vor die Schicksalsfrage stellte des Seins oder Nichtseins. Und wieder wendet sich die Regierung den Juden ,zu; aber anstatt des rituellen Blutmärchens wird die Beschuldigung des Verrats gegen die Juden in den Vordergrund geschoben. Jetzt weiß das ganze Rußland und alle Welt, wer die Schuldigen der Lage sind, in die Rußland auf dem Kriegsschauplatz, und hinter der Front geraten ist. Die Schuldigen waren keineswegs die Juden, das kann das ganze Land bestätigen, es waren diejenigen, die an den Armeelieferungsaiifträgen ihre Taschen vollstopften. Schuldig waren diejenigen, die mit Hilfe der Herren Mjassojedoff und Grotguß und anderer Verräter Rußland verkauften. Wenn die Rede in der Tat davon ist, wer die Schukltragendeu an der Situation sind, in der sich das Land befindet, so muß man die Frage aufwerfen, welchen ,Anteil an der verbrecherischen Verräterorganisation, deren Teilnehmer unlängst gehängt wurden, derjenige Mann hatte, der am deutlichsten das Regime des 3. Juni verkörperte — der jüngst demissionierte Minister des Innern, Herr Maklakoff. M. H., im Laufe eines vollen Jahres wird behauptet, daß die Schlächterei, die vor sich geht, das Meer von Blut, das vergossen wird, all das geschieht im Namen der Wahrheit, des Rechtes, der Gercchtigkeit, im Namen des höchsten Grundsatzes der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit. Wenn dem so ist, dann akzeptieren Sie unsere dringende Interpellation und erlauben Sie von der Regierung eine Antwort darauf zu verlangen, im Namen welchen Rechts ein ganzes Volk sogar für die schwersten Verbrechen seiner einzelnen Angehörigen verantwortlich gemacht wird. Im Zeichen welcher Wahrheit wird im ״Regierungsboten“ die völlig erfundene und lügenhafte Mitteilung veröffentlicht, die Juden hätten in Kusclii das russische Militär verraten? Aus welchem Grunde wird unter Androhung von Geldbußen verschiedenen Zeitschriften befohlen, diese Nachricht zu publizieren? Welche Gerechtigkeit verlangt, daß ein jüdischer Freiwilliger, der mehrmals auf dein Schlachtfelde war, Invalide, verstümmelt, noch nicht genesen, in 21 Stirnden ־verjagt wird, wenn er in verschiedenen Städten Rußlands (außerhalb des Ansiedlungsgebieis) Beschäftigung sucht? Im Namen welcher Humanität wird es verboten, den in Waggons eingesperrten, hungernden, evakuierten Juden Nahrung zu reichen? Im Namen welcher Freiheit wird mit einem Federstrich die gesamte jüdische Presse eingestellt und vernichtet? Im Namen welcher Brüderlichkeit wird ein Teil der Armee und der Soldaten gegen die jüdischen Soldaten aufgehetzt, die mit ihnen zusammen in den Schützengräben liegen? Die Deutschen werden beschuldigt, daß sic die Kriegsgesetze verletzten, giftige Gase verwenden und die Gefangenen verstümmeln. Diese Art der Kriegsfiihrung kann nur unsere tiefste Empörung und unsere Proteste hervorrufen. Sic ist eine Schmach für die herrschenden Klassen Deutschlands und die ganze Bourgeoisie, vertreten in der deutschen Regierung. M. ff.! Auf Grund welcher Gesetze erscheinen bei uns in Rußland Armeebefehle, die friedliche jiidischc Bevölkerung zu treiben, sie den Kugelfi auszusetzen? Auf Grund welcher Gesetzesregeln werden von den jüdischen Untertanen Rußlands Geiseln genominell, in den Kerker gesetzt, gefoltert und hingerichtet? Die Deutschen werden gebrandinarkl, weil sie die größten Kunstdenkmäler nicht schonen, die Reims- Kathedrale zerstörten, aber ich frage Sie: aus welchen ethischen und ästhetischen Gründen wird eine jüdische Frau vergewaltigt, die in den Mauern einer Synagoge Rettung sucht! (Rufe rechts: Was? Welche Niedertracht!) Ja, das ist eine Niedertracht, aber eine Tatsache! Ja, m. H.! Die bürgerliche Welt hat ihr Antlitz enthüllt und nichts Heiliges gilt ihr, als das goldene Kalb und die gepanzerte Faust.“ Abg. Dsiuhinski (Arbeitspartei) sagte. ״Die Interpellation und die angeführten Tatsachen verdienen Ihre Aufmerksamkeit nicht nur, weil sie gesetzwidrig sind und von entsetzlicher Grausamkeit, nicht nur deshalb, weil Hunderttaiisende unserer Brüder, die völlig unschuldig sind, in die Lage von Verbrechern und Verbannten gebracht wurden, nicht nur darum, weil viele Hunderte von Unschuldigen als Geiseln bis zum heutigen Tage in Kerkern schmachten. Diese Interpellation hat in diesen schweren kriegerischen Augenblicken allgemeine, staatliche Bedeutung. Alle diese so energischen Maßnahmen der zivilen lind militärischen Behörden beweisen, daß sie jetzt eine Menge von Energie und Aufmerksamkeit auf eine schädliche Politik verwenden und ihre eigentliche Funktion nicht erfüllen. Als Bevollmächtigter der 5. sibirischen Korninission war ich an der Front und kann bezeugen, mit welcher unermeßlichen Grausamkeit die Verbannung der Juden aus dem Gouvernement Radom vorgenommen wurde. Die gesamte Bevölkerung wurde in einigen Nachtstunden evakuiert; um 11 Uhr nachts wurde der Bevölkerung der Wegzug mit der Drohung allgekündigt, daß, wer bis Sonnenaufgang zurückbleibt, gehängt wurde. So begann in einer dunklen Nacht der Abzug der Juden in die nächste Stadt Ilscha, 30 km weit. Greise, Kranke, Paralysierte mußten auf den Händen getragen werden. Die Zahl der Verbannten ist ungeheuer, aus dem Gouv. Kovvno 7. B. sind 150 003 evakuiert, aus dem Gouv, Grodno ca. 60 000, aus Polen bis 200 000, insgesamt etwa eine halbe Million Menschen, verurteilt zu Qualen gleich Verbrechern. Die politischen und Gendarmerie־ Behörden verhalten sich zu den jüdischen Verbannten genau so, wie zu irgendwelchen Verbrechern. Auf einer Station z. B. wurde das. Jüdische Komitee zu den Waggons der Flüchtlinge nicht zugelassen, mn sie mit Nahrung Und Wasser zu versorgen. In einem Falle wurde ein Zug mit Verb muten, die in 2 Stunden evakuiert wurden, kein einziges Mal geöffnet und niemand wurde zugelassen. Die Mehrheit der Verbannten im Zuge u׳ar in dein! Zustand von Halbtoten, 16 waren scharlachkrank, einer hatte Flecktyphus und nach 3 Tagen starb eine kranke Frau an Erschöpfung. Einige Gouverneure in den Orten, wohin inan die Verbannten brachte, steigerten die Leiden dieser unschuldigen Menschen, indem sie die schutzlosen Opfer geradezu verhöhnten. Eine besondere Energie in dieser Beziehung zeigten die Gouverneine von Poltawa, der Mmsker Gouverneur Girs 1111 d der von Jekateriuoslaw. Sie verwandelten die Evakuierung der Juden in eine politische Verbannung nach bestimmten Orten, man nahm den Juden ganz widerrechtlich die Pässe ab, gab ihnen Durchzugsscheine mit der Bezeichnung des Ankunftsdatums an einem Orte der 5 Gouvernements. 111 diesen für die Ansiedhing der verbannten Juden bestimmten Gouvernements jagte man sie völlig willkürlicli von einem Ort zum andern . . . Das Jüdische Komitee in Poltawa erhielt eine Rüge des Ciouvermuirs, daß es sich ״Hilfskomitee für die jüdischen Kriegsnotleidenden“ nennt. Es wurde angewiesen, sich von nun an ״Hilfskomitee für die Verbannten“ zu nennen, denn — heißt es in diesem Erlaß — die Juden seien als politisch Unzuverlässige ausgewiesen. Die Unmenschlichkeit der lokalen Behörden zeigte sich auch nach Erscheinen des Erlasses über die Einstellung der Massenvertreibungen . , . Mit einem Worte, jede Verordnung die anscheinend dazu dient, die Lage der Juden zu erleichtern, wird von den lokalen Behörden dazu benutzt, um zu unterdrücken und zu mißhandeln. Die gesetzwidrigste und grausamste Maßnahme ist der bekannte Befehl über die Geiseln, die von den eigenen Bürgern gestellt werden müssen. Es sei bemerkt, daß als Geiseln die Wohlhabendsten, die von den Behörden selbst am meisten geschätzten Personen, genommen werden. Welcher Mensch erlaubt es, zu richten und für eine Schuld zu strafen, die ein Mensch nicht hegangen hat, für die Schuld eines andern, den er vielleicht auch gar nicht kennt! Trotzdem sitzen auch jetzt -100 Geiseln in dem Kerker von Poltawa, Jekaterinos- law und Mohilevv, in steter Angst, daß man sie jeden Augenblick hängen kann. Das ist, m. Fi., keine bloße Drohung, bitte hören Sie einen Teil des Erlasses an: ״Der (iberkommandierende gestattet die Anwendung der völligen Evakuierung nur iii besonderen Fällen und hält es für notwendig, reiche Juden, nicht Krönrabbiner, als Geiseln mit der Warnung zu nehmen, daß