Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 39-40 (23.9.1915)
- Date
- 1915-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39/40 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 319 < dein, nichts geändert. Dieselbe Leichtfertigkeit, dieselbe Verkennung von Tatsachen, dieselbe Des- Orientierung. Die überaus rasch sich entwickelnde jüdische Presse wurde verhöhnt und mißachtet. Die junge, zu großer Blüte entwickelte jüdische Literatur, die durch einzelne ihrer Vertreter einen Namen in Europa gewann, kurzum, der ganze kulturelle Aufstieg der jüdischen Massen der letzten Jahrzehnte wurde ignoriert. Es muß zugegeben werden, daß zur Vertiefung der Kluft zwischen der polnischen Oeffentlichkeit und der jüdischen Bevölkerung die jüdischen Assimi lauten nicht wenig beitrugen, die als die einzigen Vermittler zwischen der polnischen und jüdischen Bevölkerung die Scheidewand zwischen den beiden Völkern aufzurichten mitgeholfen haben. Seit Jahrzehnten klafft ein schier unüberbrückbarer Gegensatz zwischen dieser dünnen Oberschicht der Judenheit, der jüdischen üroBbourgeoisie und den Massen des jüdischen Volkes. Der ökonomische Anschluß dieses Bürgertums an die herrschenden Klassen des polnischen Volkes hat jeden kulturellen Zusammenhang zwischen ihm und dem jüdischen Volke aufgehoben. Während sich die jüdischen Massen in Polen stets als eine durch Geschichte, Oekonomik, Sprache, Sitte und Kultur geeinigte nationale Minderheit gefühlt haben, predigten die jüdischen Assimilanten nationale Entäußerung, das vorbehaltlose Aufgehen in dem herrschenden Volkstum, den freiwilligen Verzicht auf die nationale Eigenart und Tradition. Die jüdische Assimilation bemächtigte sich der Herrschaft in den jüdischen Organisationen und Gemeinden, die sie auf dem rückständigsten Zensus aufbaute, um sich derart die alleinige Vertretung der Juden zu sichern. ׳ Kulturelle Verwahrlosung, ökonomische Zerrüttung, Herabdrückung der jüdischen Bevölkerung zu einem Werkzeug der politischen Unterdrückung der nationalen Minderheiten auf polnischem Boden, waren die Früchte dieser Politik. Die aus dem Bürgertum hervorgegangene und von der assimilatorischen Ideologie erfüllte jüdische Intelligenz war auch die erste Trägerin des Sozialismus in der jüdischen Arbeiterschaft. Gelang es ihr auch nicht, die jüdische Arbeiterbewegung, seitdem sie zu einer Massenbewegung geworden ist, im antinationalen Sinne dauernd zu beeinflussen, so trägt sie doch ebenso wie die jüdische Plutokratie die Verantwortung dafür, die polnische Arbeiterschaft über die wahren Tatsachen des jüdischen Lebens und die Bestrebungen des jüdischen Volkes getäuscht zu haben, was zu einer Quelle dauernder Mißverstandnisse zwischen der polnischen und jüdischen Arbeiter- Schaft geworden ist. So wurde der Abstand zwischen der jüdischen und polnischen Bevölkerung immer größer, die Kluft immer tiefer! Besonders wurde Russisch-Polen zum Nährboden des polnischen Antisemitismus. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen die ״Litwaki“ wurde dort der wirtschaftliche Boykott gegen die Juden zum nationalen Gebot proklamiert und diese neue Parole mit allen Mitteln zu verwirklichen gesucht. Der ökonomische Wettbewerb, der übrigens auch in Galizien besteht und zu einem Versinken der jüdischen Mittelschicht und in letzter Linie zu einem gewaltsamen Anwachsen der jüdischen Aus- Wanderungsbewegung führte, hätte niemals die schroffen Formen eines organisierten fcindstligen Boykotts annehmen können, wenn die a n t i s e m i t i s c he Hetze einflußreicher Parteien und die seit Jahrzehnten genährte soziale Lüge der Assimilat i o n den Boden dazu nicht vorbereitet hätten. Den litauischen Juden, welche ein Opfer der zarischen Henkerpolitik, in relativ geringer Anzahl im industriell aufblühenden Polen Erwerbsmöglichkeiten gesucht haben und dort als produktives Element in friedlichem Zusammenleben mit der Bevölkerung des Landes unter Wahrung ihrer nationalen Eigenart zum Wirtschaftliehen Aufstieg Polens wesentlich beitrugen, wurden in böswilligster Weise russifikatorische Tendenzen zugeschrieben. Trotzdem es wie ein Hohn klingt, daß Menschen, die von den Zarenschergen blutig verfolgt wurden, es als ihre Mission betrachten sollten, die Kultur ihrer Unterdrücker auf fremden Boden zu verpflanzen, fanden sich alle polnischen Parteien im Kampfe gegen die ״Litwaki“ zusanunen, ein Begriff, der immer dehnbarer wurde, da ״die emporlodernde Leidenschaft nicht Halt machte an der Grenze zwischen dem russischen und polnischen Juden“. Als der Weltkrieg ausbrach, haben die Juden Galiziens diesen historischen Moment benützt, um den Polen ihre Solidaritätsgefühle auszudrücken. Trotzdem sahen sich die Juden in Russisch-Polen vor der erschreckenden Tatsache eines neuen Aufloderns des tiefsten Judenhasses. Es erhellt aus unzähligen Beweisen und konnte von niemandem widerlegt werden, daß zugleich mit dem Kriegsorkan, der über Polen wütete, ein innerer Sturm gegen die Juden zu toben begann, der erschreckende Dimensionen angenommen hat. Die meistgelesene und einflußreiche polnische Presse Rußlands hat durch Verbreitung von wilden Gerüchten, sinnlosen Verdächtigungen und schämlosen Denunziationen die Legende vom jüdischen Landesverrat und die Pogromstimmung in der russisehen Armee systematisch gefördert und der russisehen Heeresleitung einen willkommenen Vorwand zu den grausamsten Judenverfolgungen geliefert. Die Besitzergreifung von Geschäftsniederlassungen vertriebener Juden durch ihre polnischen Nachbarn wurde von der polnischen Presse mit unverhüllter Genugtuung verzeichnet. Die finsteren Elemente der polnischen Bevölkerung Russisch-Polens haben den wilden Kosakenhorden Handlangerdienste im Kampfe gegen die Juden geleistet. Wenn angesichts dieser nicht wegzuleugnenden Tatsachen, für die wir dokumentarjschc Belege in Händen haben, die Autoren der in Rede stehenden ״Erklärung“ sagen: ״Aber auch die antisemitische Partei hat weder nach ihrem Programm noch auch in ihrer politischen und agitatorischen Wirksamkeit Exzesse des Pöbels gegen die JudA zu provozieren gesucht, und es ist uns (sic!) kein einziger Fall bekannt, in welchem selbst nur der polnische Pöbel in Russisch-Polen sich Pogrome gegen die Juden zuschulden kommen ließ“ — so richtet sich diese Behauptung von selbst als eine geradezu ungeheuerliche Entstellung der Wahrheit. Wir sind weit davon entfernt, das verbrecherische Treiben des Abschaums der polnischen Bevölkerung dem ganzen polnischen Volke zur Last zu legen. Aber wir köqjien uns vor der Tatsache nicht verschließen, daß auch ein Teil der polnischen Intelligenz, ein unheimlich großer Teil der polnischen Presse, daß polnische Führer den schaurig großen Moment des Weltkrieges für geeignet hielten, dqn Judenhaß zu entfesseln. Wir können die Tatsache nicht verschwelgen, daß die Juden in Russisch-Polen von einem Netz von Denunziationen und Verhetzungen umgarnt, den Druck ihres bitter harten Schicksals unter der russischen Knute tausendfach schwerer empfinden mußten. Diese Tatsachen zwingen uns, gegen die Unter- Zeichner der obenerwähnten Erklärung, die den verwerflichen Versuch unternommen haben, den polnisehen Antisemitismus reinzuwaschen und die polnische Gesellschaft in ihrer verhängnisvoll irrtümliehen Stellung zu den nationalen Lebensfragen der Juden zu bestärken, auf das entschiedenste aufzutreten und unseren Protest einzulegen. Zugleich stellen wir fest: Ungeachtet der Spannung, die künstlieh zwischen der polnischen und jüdischen Bevölkerung heraufbeschworen wurde, ungeachtet der Erbittcrung, die diese Verhetzungspolitik bei den Juden der ganzen Welt hervorgerufen hat, strebt das jüdische Proletariat Galiziens ein friedliches Zusammenleben zwischen den Juden und den anderen Völkern des Landes an. Das jüdische Proletariat Galiziens sieht den Zeitpunkt der Befreiung des Landes und Russisch-Polens vom barbarischen Druck der zarischen Gewaltherrschaft als den geeigneten an, für den Beginn einer ersprießlichen Tätigkeit auf allen Gebieten der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens im Lande. Gerade in Galizien hat der gewalttätige Antisemitismus als herrschendes politisches System keine feste Wurzel fassen können. Dort wußten sich wenigstens die fortschrittlichen Parteien von dieser grotesken Verbindung des Antisemitismus mit den Losungen des Fortschritts fernzuhalten, die in Russisch-Polen vorherrschend wurde. Im Gegenteil! Hier war der Antisemitismus stets die Richtlinie der reaktionärsten Politik, die zugleich unter der Flagge des extremen Russophilcntums segelte. Leider hat die kurze Russenherrschaft auch in Galizien den Juden manch bittere Erfahrung gebracht, und es fehlt auch jetzt nach der Befreiung des Landes nicht an Elementen, die auf die Vergiftung des jüdisch-polnischen Zusammenlebens Einarbeiten. Demgegenüber erklären wir: nicht Verhetzung auf beiden Seiten, sondern Frieden und produktive Arbeit im Lande ist unsere Parole. Die Unterzeichneten sehen die friedliche, gesunde und freiheitliche Entwicklung Polens bedingt von der freien Entwicklungsmöglichkeit aller das Land bewohnender Nahonen. Ein dauernder Friede zwischen der polnischen und jüdischen Bevölkerung ist nur möglich, wenn die große jüdische Minorität nicht nur bürgerliche Gleichberechtigung erlangt, sondern auch volle politische Gleichstellung und freies Selbstvcrwaltungsrecht in nationalen Angelegenheiten. Das jüdische Volk in Polen begnügt sich nicht mit der Zusicherung bürgerlicher Gleichberechtigung, die mit nationaler Zwangsassimilation verbunden wird. Gestützt auf seine Zahl, ökonomische Bedeutung im Lande und kulturelle Entwicklung fordert das jüdische Volk die volle Sicherung seiner nationalen Rechte. Ein befreites Polen ist nur als ein innerlich freies Polen möglich, begründet auf den Grundsätzen der Demokratie und der nationalen Freiheit aller das Land ■ bewohnenden Völker. Exekutive der Jüdischen Sozialistisehen Arbeiterpartei Poale-Zion Oesterreichs. Die Warschauer jüdische Presse zur Auflösung des Zentral- Bürgerkomitees ״Haint“ Nr. 186 Morgenausgabe vom 15. September und ״ M o m e 111 “ Nr. 186 vom 15. September berichten nahezu gleichlautend über die Auflösung wie folgt: Die Verwaltung des Zentralbürgerkomitees hat die offizielle Meldung über die Auflösung durch!einen eigenhändigen Brief des Generalgouverneurs an den Fürsten Lubomirski erhalten. Der Brief lautete: ״Unter Berufung auf beigelegte Bekanntmachung sehe ich mich gezwungen, die Tätigkeit des ,Zentralbürgerkomitees einzustellen.“ Gleichzeitig hat Fürst Lubomirski einen zweiten offiziellen Brief erhalten, in dem erklärt wird, ,daß das Bürgerkomitee der Stadt Warschau, nach gewissen Aenderungen in seiner Tätigkeit, weiter funktionieren könne. Gestern hat das Zcntralbürgcrkomitec seine äußere Tätigkeit eingestellt und die Liquidationsarbeit angefangen. An dem Tor des Büros des Zentralbürgerkomitees Jasna 32 wurde ein Zettel mit folgender' Inschrift ausgehängt: ״Laut Verordnung der Regierung ist das Komitee aufgelöst worden. Das Komitee ist geschlossen.“ Die gesamte Tätigkeit des Zentralbürgerkomitees ist eingestellt, Anleihen und Unterstützungen werden nicht mehr ausgegeben. Die Werkstätten und Arbeiten in allen Sektionen sind eingestellt; in den!Büros werden die Liquidationsarbeiten aufgenommen. Man schließt die Bücher ab, reguliert die Rechnungen und schließt die im Laufe befindlichen Arbeiten!ab. Das Kapital von 1,29 Millionen Rubel wurde!verteilt. Um 1 Uhr mittags trat die Liquidationskommission zu einer Beratung zusammen, welcher auch der polnisehe Abgeordnete des deutschen Reichstags von Dziembowski beiwohnte. Weil in der Bekanntmachung betreffs Auflösung des Komitees nichts über die!Art und den Zeitpunkt der Liquidation mitgeteilt wurde, wurde beschlossen, auf eine Erklärung seitens der Regierung zu warten. Im Zusammenhang mit der Uebergabe von 600000 Rubeln aus den Mitteln des Zentralbürgerkomitees an den Warschauer katholischen Erzbischof fand gestern im katholischen Konsistorium eine Beratung unter dem Vorsitz des Erzbischofs statt. Es sollen nach dem Muster von Posen und Krakau Komitees gebildet werden, welche die Hilfstätigkeit in der Provinz unter Zuziehung der Ortsgeistlichen regeln sollen. Auch das Warschauer Gouverneinents-Bürgerkomitee trat gestern an die Liquidation seiner!Einrichtungen heran und wählte hierzu eine Kommission. Aus den vorhandenen Geldern wurden 75000 Rubel zuin Unterhalt der Beamten auf 3 Monate bestimmt. Der nach Begleichung verschiedener Forderungen vorhandene Rest soll dem Erzbischof übergeben werden. ״H a i n t“ vom 15. September befaßt sich in einem Aufsatz ״Die Teilung“ mit der Verwendung der Gelder des C. B. K.! Als die Vorsteher der jüdischen Presse dem!Präsidenten Lubomirski in einer Denkschrift über die Beziehungen des Zentralbürgerkomitees und seiner Einrichtungen zur jüdischen Bevölkerung eine Reihe himmelschreiender Gewalttaten der Miliz berichteten, hörte der Fürst mit Verwunderung zu und erklärte, daß er von diesen Dingen nichts wisse und der Meinung sei, die Beziehungen hätten sich in letzter Zeit wesentlich verbessert. Wir haben an der Aufrichtigkeit seiner Worte nicht gezweifelt. Wir haben verstandgp, daß er!zu Hause in seiner Stube nicht sieht, was;auf der Gasse vorgeht, und haben ihm davon erzählt. Aber jetzt ist unter dem Vorsitz desselben Fürsten die Liquidationssitzung des Zentralbürgerkomitees erfolgt, welche einstimmig die Verteilung der Fonds vornahm, einer Summe von 1,29 Millionen Rubel Hiervon wurden gegeben: 600000 Rubel dem Erzbischof für Hungerleidende, 300000 Rubel zur Verfügung von Jan ,Tralewski für Schulen in der Provinz usw. bis zum letzten Groschen. Wir fragen nun den Fürsten Lubomirski, der dieser Verteilung zugestimmt hat, ob er auch;nicht wußte, daß sich in Warschau 300000 Juden befinden, von denen ein großer Teil einen Bissen!Brot dringend nötig hat, und daß das Gold dem iZentralbürgerkomitee meist mit der ausdrücklichen Bedingung übergeben worden war, es ohne Unterschied von!Religion und Nation zu verteilen. Wir fragen nun, ,mit welchem Recht hat man die ganze Summe genommen, unter den eigenen Leuten verteilt und den jüdischen Notleidenden nicht einen Groschen gegeben? Und wie kann der Stadtpräsident, der für!die ganze Bevölkerung sorgen soll, seine Hand zu!einer solchen Teilung bieten? Auch früher haben die Juden wenig ■von den Geldern gehabt, die sich in der Gewalt des Zentralbürgerkomitees befanden. Es ist richtig, daß im Verlauf des Krieges etwa 11 Millionen Rubel verteilt wurden, davon kamen auf die Juden!kaum 100000 Rubel. Solange aber das Zcntralbürgcrkomitec bestand, war doch das Unrecht nie so!auffallend, wie diesmal. Früher konnte man rechnen, daß!doch etwas gegeben wurde, jetzt aber muß die!Frage gestellt werden: ״Wo ist unser Teil?“ Mit!welchem Recht hat man mehr als 11,4 Millionen!verteilen können und davon keinen Groschen für die;jüdische Bevölkerung gegeben? Im ״Moment“ Nr. 186 vorn 15. September äußert sich Noe Prilutzki zur gleichen Frage,