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Jüdische Rundschau · 1915-09-17 · Heft 38 (17.9.1915) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 312 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Nr. 38 --—.———--- Das Schulwesen \ 1 im deutschen Warsclmu % I);ts Po I 11 i s c 11 1• B ü 1־ g v 1׳ k 0 m i t c c in XX■'.ffdessen 1111icn 1'ci 1 uI!i 11!־ k0it;111 ׳״i'inciu bekannt Hl, hat diese seine Tendenz auch;1111' die Schulv r r \v a I I 11 11 g ausgedehnt. Fs 11,11 beschlossen, vorläufig in Warschau mul der lh11gcgend, später aber aueli in pan/, Polen den p o 111 i s e 11 e 11 Schul- / \v a n g ciii/.uführen. Im Laufe eines Monats sollen in Warschau •100 neue Schulen eröffnet werden, zu deren Erhaltung die Stadtverwaltung die* stattliche Summe \011־ ISO( )000 Rbl. beisteuert. I )ieses Schulbudpet wird nun voll den s t ii d t i s e!1 e 11 S t e 11 e r n auf-!.;ehraelit werden. Als nun aber die Stellung der jüdischen Bevölkern!!־״ Warschaus /um neuen p o I 11 i s c 11 e 11 Schulst a t u t zur Erörterung gelangte, wurde* der Vorschlag des Komiteemitglicds Herrn K. Zycki, eines Pole״, einstimmig äugenonnuen, demzufolge eien Juden das Recht /ustche, von den polnischen Schulen (iehrnuch zu machen, ohne elall sie dem em/ufülireiidcii Schulzwang unterliefen. In den G 11 e* 11 e r s c Int 1 e 11 nuilS der polui sehe► Unterricht eingeführt werden, um so hiel! es ausdrücklich kein Analphabetenl ti 111 unter den Juden aiifkonniiei) zu lassen. Nun sollte man meinen, daII ein Teil der zur Aushalten,״ der neuen städtischen Elementarschulen bestimmten 1 S00 (100 Rbl. aus städtischen Steuergeklcni auch den jüdischen Schulen zugute kommen werde, da ja die größere Hilfe der städtischen Steuereinnahmen von der jüdischen Bevölkerung aufgebracht wird! Doch nein: für die jüdischen Schulen hatte inan von den zwei Millionen keinen einzigen Pfennig übrig. Die Juden, die ihre Kinder durchaus in die ״Ghailarim“ schicken wollen, sollen es ausschlielllich auf ihre eigenen Kosten tun! Dali diese Beschlüsse der neuen polnischen Stadtverwaltung in Warschau in den weitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt und der gesamten polnischen Juden heit die tiefste Entrüstung heivomifen niuhtcu, ist klar. Die Empörung ist tim so gröber, als bekannt wurde, dall gerade in der vom ״Bürgerkomitee“ ernannten Unterrichtsk o 11t in i s s i o n von den vier Mitgliedern zwei Juden sind, allerdings Juden mit einer unzweideiitigeii ״Vergangenheit‘■': die Herren D i k stein mul N a t a 11 s o n.' Diese Herren sind wiederum wie Herr Nomberg im ״Ha int“ bemerkt - dazu ausersehen worden, wie schon einmal, anläßlich des seinerzeit von der russisch e* 11 Regierung vorgeschlagenen polnisch e n S e 1 b s t v e r w a 1 - t u 11 g s s t a 1111 c s , auch in der Scliulfrage an der Entrechtung ihrer ״(ilaubensgenossen“ mit/.uwirken. Diese ״Vertreter der Juden“ hatten gegen den erwähnten Vorschlag des Polen Zycki nichts einzuwenden und haben für dessen Annahme gestimmt. Demgegenüber stellt, wie alle Warschauer jüdischen Zeitungen melden, die gesamte jüdische ()effentlichkeit Polens die Forderung auf und ist bereit, ihre ganze Kraft für deren Verwirklichung einzusetzen, daß die für die Aushaltung der öf feiltlieh e 11 Volksschulen in Polen bestimmten S t c u e r - gelder in entsprechendem Verhältnis auch den j ii - dischen bereits vorhandenen und nach Bedarf neuzugriindciulen E I e m e 1! 1 a r s c h 11 1 e 11 in vollem Maße zugute kommen sollen. Die Organisation des jüdischen Schulwesens soll auf derselben Grundlage 'ausgebaut werden, wie die des polnischem Die Be- Stimmung des Dnterrichtsprograinins und die Leitung dieser Schulen soll in den Händen einer speziellen jüdischen l äiterrichtskommission liegen. Schmuel David Luzatto Am morgigen Jom Kippur jährt sieh zum fünfzigstcn .Mal der Todestag Schmuel David L 11 z a 11 ns, Lr war ein Mann, der zu einer Zeit, da das gesamte Westjudentum alles Jüdische verloren hatte, es aus eigener Kraft vermochte, die grölte Assimilation innerlich zu überwinden und zum Judentum zurück- /iikelireu. Am ersten LI ul (1570 (ISO()) wurde Luzatto als Solm eines armen Tischlers in Triest geboren. Von seinem Vater, der in allen jüdischen Wissenschatten wohl bewandert war, erhielt er die erste Unterweisung iit jüdischen Dingen. Bald brachte es der glänzend befähigte Knabe so weit, daß er sich seihst tortbilden konnte. Fine in die Tiefe gellende (inindlichkeit keiin/eichiicte schon seine frühen jüdisch-wisscnschaftliehen Abhandlungen. Sein Ruf wuchs von Jahr zu j; 111 r, und im Jahr!829 berief die Regierung den erst Neiuumd/wanzi״jährigen nach Padua zur Le!- tung des dort gerade gegründeten R a b b i n er-Semniars. liier blieb und lehrte Luzatto bis au sein Lebensende. Die Wissenschaft vom Judentum verdankt dem grollen Manne manche wertvolle Forschung. Die jüdische Literatur namentlich hat es ihm zu verdanken, daß er manches bis dahin unbekannte Werk ans dem Verborgenen der alten italienischen Bibliothcken, die ja an jüdischen Handschriften äußerst reich sind, ans Licht gebracht und der Vergessenheit entrissen hat. Dies ist sein wissenschaftliches Verdienst. Auf diesem Gebiete stell! er nicht allein da, hier gab es überall, namentlich in Deutschland, eine Anzahl von Gelehrten, die der gleichen Aufgabe lebten. Ist er mich einer der ('müßten unter ihnen, so bleibt doch ein anderes menschliches, jüdisches Verdienst noch größer. Während alle anderen Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft sie als Teil einer interessanten, aber toten Kultur betrachteten, sich mit ihr etwa so beschäftigten, wie mau sieh mit der habylonischen oder altägv,ptisehen Kultur beschäftigt, so hat Luzatto in ihr gelebt, sie als ein lebendiges! Stück seiner selbst betrachtet. Die anderen lebten der Wissenschaft vom Judentum, er der Wissenschaft im ludentum. Luzatto hat auch hebräische Gedichte geschrieben. Freilich, sic haben kaum hohen künstlerischen Wert, die besten von ihnen erlichen sich zu einer mittleren Höhe. Aber die Tatsache allein, daß er in hebräischcr Sprache gedichtet hat, bildet einen bedeutenden Beitrag zur Kenntnis seiner Persönlichkeit. Sie zeigt, wie sehr er im Judentum lebte, sie beweist auch dem Ungläubigsten, daß selbst in der Zeit ihrer schlimmsten Stagnatioiisperiodc die jüdische Kultur lebte. 111 einer Zeit, da die Juden ganz Westeuropas in Schwärmereien von Kosmopolitismus und Internationalismus aufgingen, war Luzatto Nationaljmk*. Und wird seine wissenschaftliche Größe leben, solange es jüdische Wissenschaft überhaupt gibt, so wird auch seine jüdisch-menschliche Größe unvergessen bleiben. H. A. Vom Jüdischen Nationalfonds Die Spendeiieingäiige des jüdischen N'ationalfonds im Monat August dieses Jahres betragen 10 373,35 M. Die Einnahmen verteilen sich auf die verschiedenen Länder in folgender Weise: Nordamerika 10008 M., Oesterreich i )07,70 M., Deutschland 3145,35 M., Kanada 2787,07 M., Ungarn '2122,00 M., Südafrika 1713,01 M., Rumänien 1513,06 M., England 1101,33 M., Brasilien 86(1,28 M., Rußland 706,31 M., Aegypten 452,36 M., Südslawische Länder 440,71 M., Schweiz 354,70 AE, Holland 227,60 M.t Italien 175,20 AE, Dänemark 130,33 i\E, Griechenland 77,56 AE, Schweden 03,33 AE, Frankreich 15,01 M. Verzeichnis der seit Anfang 1912 offenstehenden Goldenen Buchkonten Nachstehende Liste enthält die seit dem Jahre 1012 offenstehende״ Goldenbttch-TeilZahlungskonten, welche afso im Sinne unserer Instruktionen mit dem 31. Dezeniber 1014 verfallen sind. Wie üblich, wird jedoch den Konten, die schon die Hälfte des Vollbetrages erreicht haben (diese sind mit einem * versehen) eine Nachzahlungsfrist zur Vervollständigung der Eintragungssumme (AE 205) bis /uni 15. November 1015 gewährt. Bamberg, Julius Strauß.M. 11,45 Berlin, Moses und Betty Nacht . . . . —,50 ״ ״ * Kurt Rosenbauin.177,70 ״ *Metz, Jos. Frankel.180,60 ״ Reichenbach, Benno Bak.21 ״,— Die Lage der jüdischen Vertriebenen im Taurischen Gouvernement Laut dem dem ,Petersburger jüdischen Komitee‘* bis zum 1S. | u 1 i zugegangenen Frmittehingen verteilten sich die nach dem Gouvernement Taurien abgeschobenen jüdischen Vertriebenen auf die verschiedenen Orte dieses Gouvernements folgendermaßen: N״־,״ der Orle ״ Zahl der Vertriebenen Aleschki. 1284 152 Berdjansk .... 4710 1328 Genitschesk . . . 4870 851 Kachowka .... 3003 148 Melitopal .... 5615 2040 Michailowka , . 750 HO Nogaisk. 484 260 Orjechow .... 1436 728 Sintferopol.... 9660 8740 B. Tokmak.... 1200 1026 M.Toktnak . . . 300 97 Tschernigowka . 920 1(12 > Insgesamt 232־34 155S2 Die Vertriebenen kommen größtenteils aus den Gouvernements Kowno und K u r a 11 d, zu einem anderen Teile aus dem S u wa) k i-Gouvernement. lieber dos Alter der Verschickten sind folgende Erhebungen vorhanden; Alter Berdjansk Orjechow ü enikschesk Bis 7 Jahre 222 106 142 von 7—13 204 123 149 273 13-20 ״ 130 147 20-45 344 180 233 170 60 45 ״ 144 99 . 60-70 87 39 55 übet* 70 '28 17 2(5 Die Berufslage ergab sich folgendermaßen; Berdjansk üenitsch esk Orjechow Arbeiter und Handwerker. 228 194 182 Kattfleute . . (17 38 78 Freie Berufe . 35 8 _ Kinder und Berufslose . . 898 467 591 Insgesamt 1228 707 8,51 AUS ALLER WELT Aus Amerika. Die j ü d i s c h e Arbeit e r - K o 11 v c 11 t i 11 ח i 11 A in e r i k a. Am 4, und 5. September findet in New York ein vom nationalen Arbciterkomitcc für jüdische Reellte einbertifeiier Dclegieitentag der jüdischen politisehen, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Arbeiter-Orgnnisationeii der Vereinigten Staaten und Kanadas statt, der der Juden frage in (len kriegfiihrenden Ländern gewidmet ist. Am Kongresse beteiligen sieh die verschiedenen politischen Strömungen unter der jüdischen Arbeiterschaft, sowohl die jüdische Füderation der sozialistischen Partei wie die sozialistische Partei Pcale-Zion, die auch sämtlich im ()!׳ganisationskomitee vertreten sind. Dies ist die erste Tagung diesei* Art, die, die programmatischen Meinungsversehiedenheiten und die Parleicifersiichteleien den großen Aufgaben des Momentes unterordnend, da/u bestimmt ist, eine einheitliche Aktion des jüdischen Proletariats Nordamerikas zugunsten der bürgerlichen, politischen und nationalen Gleichberechtigung der Juden der kriegführenden Staaten einzuleiteii. Die Tagung soll in gebührender Weise auf den schmachvollen Feldzug der russischen Heeresleitung gegen die wehrlose jüdische Zivilbevölkerung reagieren. * E r I o I g c j ii d i s c 11 e r (i c w e r k s c 11 a f teil i 11 A 111 e r i k a. Die _ j ii d i s c h e Arbeiterschaft No w Yorks feiert gegenwärtig zwei große Siege. Sowohl im Damenals auch im Herrenschneiderfadi New Yorks, den zwei großen Industriezweigen, die zum größten Teil jüdische Arbeitskräfte beschäftigen, ist es den Arbeiterorganisationen durch eine eiitschlossenc, kampfbereite Haltung gelungen, den betreffenden Arbeitsgeberverbänden wichtige Zugeständnisse abziizwingen. Anlaß zum Konflikt in der F r;1 u e n b e k I e i - B u 11 g s i!ul 11 s t r i e (Frauemiiaiitelscliocidcrei) gab die Kündigung der Tarifgeineinschaft, die 5 Jahre* bestanden hatte, seitens des maßgebenden Arbeitgeberverbandes, der die* gegenwärtige Kriegszeit für geeignet wähnte, die Arbeiterorganisation zu demiitigen und auszuschalten. Dieser Anschlag mißlang klaglieh. Die Arbeiterorganisation ließ sich nicht einschüchtern, sondern rüstete mit fieberhafter Energie zu einem Generalstreik, erließ aber gleichzeitig eineu öffentlichen Appell an die Arbeitgeber, den Streitlall einem Schiedsgericht zu überweisen. Daraufhin intervenierte der Mayer der Stadt New York, der einen Verinittlungsausscluiß zur Schlichtung der zu Tage getretenen Differenzen einsetzte. Diesem Ausschuß ist es auch nach anfänglicher Weigerung der Kapitalistenorganisation gelungen, sie zu einem E’ntgegenkommen zu bewegen. Es wurde zwischen beiden Verbänden ein neuer Tarif für zwei Jahre vereinbart. Die Union hat durchgesetzt: Die Einsetzung einer gemeinsamen Kommission zur allgemeinen Lohnregelung, Lohnaufschlag für ge‘- wisse Arbeiterkategorien, gleichmäßige Verteilung der Arbeit in der toten Saison unter allen beschäftigten Arbeitern zwecks Vermeidung von Entlassungen, Wiedercinstellimg ohne hinreichenden Grund Entlassener. Der letzte Punkt bildete den eigentlichen Kern ((er Differenzen, da die Maßregelung der rührigen Gewerkschaftsmitglieder hercits zu einem System ausgeartet war. Der Vertrag umfaßt 60,000 organisierte Arbeiter. Ebenso erfolgreich waren die organisierten Herrensc 11 n e i d e r. In ihrem Verbände war eine Spaltun״ eingetreten. Die alte Organisation, die United garment workers, hatte durch ihre rückständigen Metlioden alle Sympathien der klassenbewuliten Arbeiterscliaft eingebüßt. A11 ihrer Statt war vor sechs Monaten ein neuer Gewerkschaftsverband, die Amalgated klothing workers Union, getreten, die von den Vereinigten jüdischen Gewerkschaften und der Arheiterpresse unterstützt, rasche Organisationserfolge erreicht und die Führung der Herrenschneider der East Side New Yorks und der Provinz übernommen hatte. Diese Organisation brachte es nach der Proklamicrung eines Ausstandes in einigen Sektionen des Faches, der fünf Tage dauerte, fertig, einen günstigen Vertrag mit dem betreffenden Arbeitgeberverbande abzuschließen. Die neue Vereinbarung enthält folgende Zugestünduisse; ״Union schap“ d. 11. Einstellung von nur Organisierten, Einsetzung von Lohnregulierungs- und Vermittlungsämtern. Außerdem werden die in den vergangenen zwei Jahren seit dem letzten Generalstreik vorgeuommenen Lolmreduzierimgeii ganz oder zur Hälfte rückgängig gemacht. Allgemein empfindet man große Genugtuung darüber, daß in der gegenwärtigen Zeit der Wirtschaftliehen Depression auch in Amerika und der crschütternden Kriegsereignisse, in einer Zeit, wo das osteuropäische Judentum so sehr auf die Hilfe der Juden Amerikas angewiesen ist, zwei Riesenkämpfe haben vermieden werden können, die das jüdische Wirtschaftsleben ih New York lahmgelegt und die allgemeine Aufmerksamkeit der amerikanischen Juden vom Schicksal der Juden Rußlands, Galiziens usw. abgelenkt hätten. Aus Rußland. Maiaufruf der Poale-Zion Rußlands. Es ist uns, wenn auch mit grober Verspätung eine wertvolle Kundgebung /.״gegangen - der Maiaufruf der Jüdischen sozialistischen Partei Poale Z i o 11 Rußlands.

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