Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 JIJEDISCHE RUNDSCHAU Seite 311 als Lelzter stand. Sehr vieles hat er liier gesehnt'- l'eii. Von Anfaiifr an dabei, einer der eifrigsten und sinnvollsten!*fieser des Gedankens der Kör- [H'iYiiclit lind -er/ielmng unserer jungen Juden, hat er anregend, lehrend, zeigend, vollendend das gegeben, was uns am meisten fehlte das praktische Beispiel. Er war selbst ein guter Mittelstreckeiiläiifer und hat aus eigener Kenntnis das Meiste lind Enlselieidendste getan, als die moderne l ehre vom Sport in die־ alten Sehliiudie der Timierei gegossen wurde. Es gab kaum eine Art des Leibessports, die er nicht kannte, wenige, die er nicht praktisch geübt hätte, keine, die er nicht liebte. Wir haben in I )eutschland nicht viel I eilte, die־ so tief in das Wesen und die Geschiehte des Sports eingedrttugen sind, wie er es war, und es gibt nur drei oder vier, die so wie er darüber zu schreiben verstanden. Die junge jüdische Turn- und Sportbewegung wird seinen Rat und sein gutes Vorbild schmerzlich missen. Die ihn gut kannten, liebten ihn. Ihnen war dieser Mensch wie ein Urquell von Einfachlich, (icradhcit, Offenheit. Harmlos wie er war keiner, anspruchslos wie er keiner, ehrlich wie er keiner, keiner war treu wie er, keiner so selbstverständlich. Und einfach, geracl, selbstverständlich war auch sein Zionismus. Es war ihm wohl nicht gegeben, anderen den Weg vor/iizeichnen, aber er selbst brauchte keinen Weiser. Er war viel zu bescheiden, um je herauszutreten, und es mögen nicht viele sein, die dazu kamen, diese Seite seines Wesens zu erkennen. Aber er war von einer fast nachtwamllerischen Sicherheit der Entscheidung. Die ändere!] Erscheinungen der Welt lagen ihm nicht und berührten ihn wenig. Er hatte nicht den Trieb des Vorwärtsstrebens mul Weiternickeiis, aber er hatte einen feinen, Hebenswürdigen, fast leichtsinnigen Humor. Der war am Ende das Wesentliche in ihm mul lieli ihn so sicher seinen Weg gehen, den geraden und rechten, genule und recht wie vier Mann selbst. Einige waren, die liebten ihn. Julius Beiger. 0 ■s IlVie es den Juden \ in Polen ergeht... } In unserer vorigen Nummer haben wir aus dein Bericht tler Vertrauensmänner, welche die von der Warschauer jüdischen (iemeimleverwaltung eingesetzte ״Koniinission zur Linderung der Kriegsnot unter den Juden Polens“ in die polnischen Provinzstiidte entsandt hat, Schilderungen der Lage der Juden während der IJ e b e r g a 11 g s z e i t wiedergegeben. Wir entnehmen nun den Veröl'feiitlicliungen der seither - unter der deutschen Zensur! — ■ erschienenen Warschauer jüdischen Zeitungen, der ״H a z e - f i r a lt‘" und des ״M 0 111 e n t“, folgende bezeichnende Tatsachen über das Verhalten der!Klinischen Bevölkerung und der nach dem Einzüge der Deutschen eingesetzten polnischen Stadtbehördeu den Juden gegenüber. Nach dem Einzug der Deutschen in Warschau wurde das polnische ״Bürgerkomitee“ mit dem bürsten I. j 11 h 0111 i 1־ s k i an der Spitze als die ״berste städtische Behörde bestätigt, der die Organiation der Stadtverwaltung und des Sicherheits- ־heilstes obliegt. In diesem ״Bürgerkomitee“ war auch nt einziger Jude vertreten, ein Jude allerdings, der \011 vornherein mit allem Nachdruck betonte, er sei Pole und vertrete kein c j ti d i s c h c 11 In-! 1 ressen: Herr N a t a n s 0 11, einer der in den ictzten Jahren zu zweifelhafter Berühmtheit gelaugten I iilirer der polnisch-jüdischen Assimilantenkreise. Er hat allerdings später aus unbekannten Gründen sein \111t niedergelegt. Diese oberste polnische ~י t a d t b e 11 5 1־ d e hat den städtischen Sicherheitsdienst einer ״B ü r g e r m i 11 z.“ anvertraut, in der nicli einige luden vertreten sind, aber nur in unter- ,!‘ordnetet־ Stellung, während die Leitung auschließlich in polnischen Händen liegt. Sie rat auch das Gerichtswesen neu organisiert, und ■ ia ein Mangel an Richtern bestand, wandte man sieh 11׳ bekannte Warschauer Rechtsanwälte, darunter auch חn Juden, mit der Anfrage, oh sie als Richter hm- :!ereil wollen. Daraufhin wurden mehrere polnische Rechtsanwälte als Richter eingesetzt; die jüdischen Bewerber wurden nicht weiter berücksichtigt. lieber das Verhalten der Beamten dieser von hm zentralen ״Bürgerkomitee“ eingesetzten pol- Pi!sehen ״B ü r g c r in i I i z" g egen d i e j i'1 d i s c 1t e 1 '• e v ö I k e r u 11 g W a r s c h a u s und dasselbe ul auch aus anderen polnischen Städten berichtet " 1sseit mm die Warschauer jüdischen Zeitungen die schwersten Uebergriffe zu berichten. Zunächst erachtet cs diese ״Bürgenuiliz" für ihre vornehmste Aufgabe, dir jüdische Bevölkerung in der iniglniibliebsten Weise zu schikanieren mul öffentlich ohne jeden Grund zu mißhandeln. Mehrere Leitartikel tler ״II a ze f i r a 11“ befassen sich mit diesen brutalen Miltliandlimgen tler Juden auf offener Studie durch die Beamten der ״Bnrgcrmiliz". Auch sonst ist speziell üir die Juden die Pitigelstrafe eingefiilirt! Es geschellen haarsträubende Dinge. Lin bezüglicher Artikel an leitender Steile der ״Hazefirali“ spricht von der Wiederkehr ״mittelalterlicher Schrecken“. Dieser ״Bürgermiliz" sieht auch die Befugnis zu, im Aufliage Aufruf Wir sind iu ein neues Jahr ciutgclreten, 11:1s die I onlemiigen des allen Jahres wiederholt, vielleicht noch eindringlicher als das verflossene. Denn Not wird mit längerer Däner immer bitterer! Vor mehr als einem Jahr sind wir /usatutneugetreten, utu sie zu lindern. Was wir tun konnten, dank dem freudigen ()pferwallen aller unserer Lretindc, war leider wenig. Unsere Mittel reichten nicht, um auch nur in allen den fällen g r ii 11 d lieh zu helfen, die an uns herantraten. Doch konnten wir nt;melier Laiuiiie über die schlimmste Zeit liinweglielfen. Unsere Bri'1der, die die Feinde ans ihrer galizisclien Heimat vertrieben hatten, sind inzwischen zum Teil dorthin /uriiekgekehrt; zürn anderen Teile . ist es {*düngen, ihnen Arbeit und somit eine heschcitlene Existenz, fern von ihrer Heimat zu begründen. Schlimmer stellt es tun unsere zumeist seit Jahren in Deutschland ansüßi.gen Brüder russischer Staatsangehörigkeit. Aus ihren früheren Wohnorten vertrieben, wurden sie in beträchtlicher Zahl hierher verschlagen. Die hier Ansässigen verloren ihre Existenz, die jungen Leute, meist Studierende, wurden vom Verkehr mit ihren Angehörigen abgeschnitten und blieben ohne Subsistenzmittel. Ihre Lage ist auch heute noch eine sehr trostlose. Hilfe von irgend welcher Seite wird ihnen nicht mehr gewährt. Wohl hat eine Anzahl von ihnen mechanische Arbeitsleistur.g übernommen. In vielen Fällen aber genügt leider ihre Körperkraft zur Ausübung der ihnen zugänglichen schweren Arbeit nicht, obwohl es an ihrer Bereitwilligkeit nie fehlt. Hier ist '11 ach wie vor U n t e r s t ii t z 1111 g dring e 11 d 11 o t w e 11 d i g. W i 1־ d ii r f e 11 1111 s dieser heiligen Pflicht nicht entziehen. Darum wenden wir uns aufs neue an die Gebefreudigkeit und ()pferwiIIigkeit aller unserer Freunde. Die Mittel unserer Hilfskomitees sind erschöpft, xv i r k ö 1111 e n die Unters t ü t z. ti 11 g s g e 1 d e r nicht w e i t e r 7. a h - len, wenn sie uns nicht helfen. Und der Winter stellt vor der Tür, der des Darbenden Leid noch verschärft. Wie groll und mannigfach die Anforderungen der schweren Zeit auch an jeden einzelnctt herantreten, seinen Br ii d e r n z u heif e n , w i 1׳ d tt 11 d m 1! B j oder eine S p e 11 d e d a rb 1־ i n g c n. Helft uns, unsere Kassen wieder zu füllen, macht es uns möglich, die schwere d r ii c k c n d e Not z u lind e r 11, d i e I I u 11 - gern de 11 zu sättigen, den Heimat- 1 o s e n ein Ob d a c h z. u s i c h e r 11! Das Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland I. A.: Hulda Zlocisti. der Zentralbehörde Beschlagnahmen von Nahmugs* mittel» und anderen Waren zu g e in e i!1 11 ii t z i g e 11 Z w ecke 11 vor/unehnien. 1 )iese Beschlagnahmen werden mm mit Vorliebe und fast a u s s c h 1 i e Ii - lieh bei den Juden, in jüdischen Geschäften und Betrieben, voigenomnien! Es werden auch durch Beamte der Miliz ohne jeden Auftrag ״Requisitionen“ ausgetühvt. Die so Betroffenen müssen mit den niedrigsten ,,Entschädigungen“ vorlieh nehmen. Es wird mit Bestimmtheit behauptet, dali unter diesen Beamten der ״Bürgeriniliz" zahlreiche Kreaturen aus dem I) in o w s k i s c 11 e 11 Anhang vertreten sind, die so die bequemste Gelegenheit haben, die Juden zu schädigen und die jüdischen Geschäfte und Betriebe zu ruinieren. Den jüdischen Bäckern wird 11:1s Brot weg gen! mimen mul an die polnischen Häckeriien abgdiclVrt. Die in jotl 1 -oluti Laden re1|U1ril lten Waren wvrdeu polnischen (»•schälten zum Verkauf übergeben. Dabei w e 1 1׳ r 11 sieh diese ון o I II 1 s e 11 en ( 1 e s c 11 a 1 t s 1 u h a h e r u u 11 H a e k 1׳ I g a II / o I I e 11 . 11 e n | 11 11 e 11 e t w ,1 s z 11 \ e 1־ k a 11 1' e 11. In einem Artikel 1101 ,,I I :1 / e f 1 r .1 11“ wird darauf liingeu lesen, dali die Hm koli tätig keil anseheinend /!t neuem Lehe:: erw.nhl sei, uml dal» die Maufmkeit und ( ileiellan igkeit dei Lalle auf eine weitverzweigte, m: 1l1L׳e1>!dnete < >1 gamsatiuii schließen lassen. Ag einen dieser lim k o t ( o r :;a 11 1 s ,1 I 1 o n bereisen samtlielie 1)011' gcnu-mdeii 111 der I 'nigchli ug nni Waisellali und besliinmeii die l’am 111 und ( mtsbesit/ei, Kartul lein und Mehl nicht an Juden zu verkaufen, sie werden m dieser I atigkeit \t»n den polnischen I )1 »1 flieh!ird! 11 tatkräftig unterstützt. Die jüdische Bevölkerung Warschaus lebt dei Erwartung, dal! die provisorisch!■ polnische ״Burger miliz“ bald einer regulären (leut'Ci'icn Polizei Platz machen werde. Audi 111 Lodz, hat!lies!: ״Miliz" so lange ihr l ,nweseii gelriebeii, bis sie von einer deutschen Polizei ahgelöst wurde. Ls ist nudi zu bemerken, dali die gesamte poluisdie Presse Warschaus durchaus auf der Seite der polnischen Stndibehördeii steht und nicht vor den schuersten Verleumdungen der Juden znriiekschetil. Die berüchtigten Hetzblätter ״llwa Grosze“' und ,,Ci a z e t;1 W als / 1 1׳v s k :1", die anfangs unter;inneren iVameii Ir• rausgegeben wurden, erscheinen jetzt wieder unter ihren alten Namen und verfolgen (»[teilbar die gleichen Tendenzen wie zuvor. Man befleißigt sich allerdings iu der Form einer gewissen Vorsicht und /'tirückhahiuig, iu der Hauptsache ist aber alles beim alten geblieben. Ein *Leitartikel in der ״Ha/cfirah“ vom 26. August befallt sich mit der Gestaltung der pol nisch-jüdischeii Beziehung iu der letzten Zeit und bringt eine zysaininenfassende Darstellung alles dessen, was in der Zwischenzeit und iu den darauf folgenden Ligen von polnischer Seite gegen die Jtiiieu verübt worden ist. Die Schlußsätze dieses Artikels seien an dieser Stelle wiedergegeben: ״INoelt sind die Ströme unseres Blutes, des Blutes der Unschuldigen, die im Laufe dieses Jahres vergossen wurden, nicht erkaltet. Noch stehen die Galgen vor misereu Augen, noch sind Massen von Juden in den Gefängnissen eingesperrt und gehen einem Verbrechertod entgegen, oder sie verkommen in Sibirien infolge der Denunziationen des pofnischen Gesindels und seiner Anführer. Das Herz Tausender von uns will vor Grant vergehen, angesiclits der!,!(sadte, daß ihr Eigentum, ihre Geschäfte und Hauser in polnischen Händen sind, die atn Anstiftung jener ftös*.־w1'dtte von ihnen Besitz geitoinmen haben. Es findet sich niemand unter den Söhnen dieses Volkes, der die Räuber zureclitvveisi und zur Zurückgabe des Raubes an die Unglücklichen und Elenden bewegt. Noch werden wir auf offener Straße und in den Amtsstuben mißhandelt tuuf geschlagen, noch suchen die Scharen der Bösewichte, uns Hungers sterben zu lassen. Haben wir jetzt die Kraft und den .Mut, über Rechte, über unseren Anteil am Staats- und Verwaltuitgslebeii zu verhandeln! Ein einziger Schrei entringt sielt unseren Herzen: Lasset ab, Ihr Bösewichte! . . . Lasset vom Rauben und Morden, vernichtet uns nicht' Was wir aber jetzt sagen können, ist dies: Wenn uns bisher alles Furchtbare, das uns bis auf die große Umwälzung der letzten Tage widerfuhr, nicht zu vernichten vermochte, so werden auch die neuen Geschehnisse uns nicht aus dem Lande ausmerzeii. Es wird Euch nicht gelingen! Ein Volk, das jalirtausende lang die furchtbarsten Prüfungen bestanden hat, dein alle Tvraniu-i der Welt nicht bei/ukomtnen vermochte, wird durch die Tücke einiger Bösewichte und durch ihren Heberniut nicht iu wenigen Jahren zur Streck!‘ gebracht werden. Wir haben uns zwei Jalirtausende behauptet, wir werden uns auch heute unserer Haut wehren uml standhalten! Wenn dereinst die Ruhe eingezogen sein wird, wenn die Morel-, Raubuml Gewalttat en;nifgehöit haben werden, wenn die Welt erleichtert aufatmen wird - dann wird der, der von uns übrig bleiben wird, eilt ftirciitbares Wort verkünden, ein Wort, dessen Schrecken die Welt erzittern machen wird. Eitel sind die Artikel eines Brandes und L u z a t t i , die die Menschheit in Empörung versetzten. Sie bedeuten nicht s gegen den tausendsten Teil dessen, was dieses Wort verkünden wird. Dann, wenn die Last des Morden-, des ,MartertUllis lind der Leiden von unseren Herzen lallen wird, werden wir erleichtert aufstchen und. freien Mutes die Empfindungen unseres Herzens und unsere Ansichten über unseren Anteil an Polen zum Ausdruck bringen." Mitteilung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Wir sind in der 1 age, einem Zahnarzt eine Stelle als Assistent oder Vertreterin Hamburg iiach/uw eisen Zionistische Vereinigung• für Deutschland. Berlin W. 15, Sächsische Str. 8.