Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 310 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38 Ueberzeugung und bei seiner ausgedehnten Lehrtätigkeit als eine Schwächung des thoratreuen Judentums. Aber Rabbi Reines war Optimist im besten, reinsten Sinne des Wortes. Er war durchdrungen von der göttlichen, und somit unwiderstehlichen, einzig sieghaften Kraft der jüdischen Lehre, als dem ewig unverrückbaren Pole, nach dem das jüdische Volk ja immer gravitiere, wenn auch nicht immer irr gerader aufsteigender Kurve; er war überzeugt, daß diese Lehre letzten Endes auch das politische Schicksal des jüdischen Volkes bestimme. Mit weitem Blick und Herzen, weise und gütig, umfaßte er alle Stammesbrüder mit gleicher Liebe, mochten sie im Denken, in Sitte und Art von ihm noch s;> verschieden sein. Er suchte zu verstehen und lernte verzeihen. Er stand nicht abseits, erstreute die Saat, die nach seinem festen Glauben dereinst reiche Ernte verspricht. Die Spannkraft der Jugend fehlte dem unermüdlich Tätigen in seiner zionistischen Epoche, und mit ihm können wir den Schmerz nacliempfinden, daß seine üefoig- Schaft nicht größer war. Auch die heute Widerstrebenden werden ihn verstehen und würdigen lernen und werden mit uns in ihm einen der Großen und Getreuen des jüdischen Volkes dankbar verehren. F. Fritz Abraham Fritz. Abraham ist gefallen, der unserer Zeitung mehrere Jahre ein gewissenhafter Redakteur, viel länger noch ein treuer Mitarbeiter war. Er hat seine Arbeit an der Jüdischen Rundschau, dem Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, immer aufgefaßt als eine Aufgabe, zu deren Erfüllung ihn sein reines und heißes zionistisches Fühlen drängte. Wie seine ganze Arbeit für unser Volk und seine nationale Erneuerung, so zeigte vor allem seine Arbeit an der Jüdischen Rundschau stets die unvergleichliche Echtheit und Zuverlässigkeit eines vom reinsten Idealismus erfüllten Juden und Menschen. Wir haben Fritz Abraham viel zu danken. Wir werden seiner nicht vergessen. Redaktion der ,Jüdischen Rundschau1* Erlebnis im Felde Von Fritz Abraham Kurz bevor unser nun gefallener Freund Fritz A b r a h a m aus dem Lazarett wieder ins Feld rückte, dem frühen Tod entgegen, sandte er uns diesen Beitrag. Wir bringen ihn nun als seinen letzten Gruß an die Leser der ״Jüdischen Rundschau“. Es war an einem der letzten Oktobertage des Vorjahres während der Rückzugsbewegungen unserer Truppen aus dem Gouvernement Suwalki. Der Halbzug, dem ich zugeteilt war, hatte als Nachspitze den Marsch unseres Bataillons zu decken und war wiederholt in kleine Gefechte mit dem nachrückenden Feind verwickelt worden. So kam es, daß wir erst nach Einbruch der Dunkelheit in dem Dorfe P. anlangten, wo die Kompagnien zur Ruhe übergegangen waren. Der Marsch, der hinter uns lag, war lang, und die berüchtigten russischen Wege waren durch den seit Tagen ständig niederströmenden Regen aufgeweicht. Im Dorfe wurde die Straße vollends grandios. Der Zugführer sparte daher sich und uns die — in der Dunkelheit fast aussichtslose ־— Mühe, das Quartier der eigenen Kompagnie ausfindig zu machen. Wir suchten auf dem ersten besten Gehöft, das von den Unseren bereits belegt war, unterzukommen. Was wir erhofften, war das lange entbehrte ״Dach überm Kopf“, ein Bündel Stroh und ein Schluck wannen Kaffees, der der in nassen Kleidern fröstelnden Gesellsehaft dringend nottat. In letzterer Hoffnung sahen wir uns sehr bald enttäuscht. Kaum hatten wir die Gewehre zusammengesetzt und die Tornister abgehängt, da verkündete uns ein energischer Knall, der dem hungrigen Feldsoldaten durch Mark und Bein zu gehen pflegt, daß der Inhalt der Gulaschkanone erschöpft und ihr Deckel geschlossen sei. Es blieb uns die Hoffniing auf ein leidliches Lager. Der Pole, dein das Anwesen gehörte, war bald herbeigebracht, und unser Kompagniedolrnetscher mußte ihm unsere Absicht, bei ihm zu übernachten, beibringen. Widerwillig, wie sich die Gesellschaft in solchen Fällen stets zeigt, führte er uns in den ziemlich geräumigen Flurraum, der nach russischer Sitte den Schweinestall von der inenschliehen Behausung trennt. Die Aussicht, auf dem harten Erd- und Steinboden zu rasten, schien uns wenig angenehm. Wir wollten weiterforschen lind verlangten nach einer Stallaterne, um uns durch eigenen Augenschein über die Quartiermöglichkeiten zu unterrichten. Der Bauer versicherte, kein Petroleum zu haben. ״So soll er von wo anders welches beschaffen!“ - ״Wir haben alle keins,“ war die Antwort, ״nur der Jude hat welches, aber der gibt es nicht her!“ Meine Kameraden gaben sich mit der Antwort zufrieden und wir nahmen nur um schnell zur Ruhe zu kommen — mit dem harten und feuditen Lager fürlieb. In mir hatten die Worte des Polen recht gemischte Gefühle wachgerufen: Offenbar hatte der Brave die Manneszucht deutscher Soldaten an seinen Erfahrungen mit den heimischen Kosaken gemessen. Sein Hinweis — der übrigens nach deutschem Recht als Landesverrat abgeurteilt würde — entsprang wohl der Hoffnung, am kommenden Morgen auf dem Dach des verhaßten Juden den ״roten Hahn“ aufflammen zu sehen. In die Empörung über diesen mißglückten Schurkenstreich mischte sich bei mir die freudige Erwartung, so ganz unvermutet wieder einmal mit einem Blutsverwandten zusamrnenzutreffen. Ich nahm mir vor, am Morgen einen kurzen Besuch beim Dorfjuden zu ermöglichen. Für diesen Entschluß war das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit keineswegs allein maßgeblich. Schon bei mancher früheren Gelegenheit hatte ich dankbaren Herzens die Gastlichkeit jüdischer Häuser kennen gelernt. Die durch den Krieg noch so furchtbar gesteigerte Armut hatte ihnen ja nur weniges gelassen, womit sie den jüdischen Soldaten bewirten konnten. Aber ein Olas wärmenden Tees war während der langen Regenszeit stets hochwillkommen und wurde vor! mir nicht nur wegen der Gesinnung, aus der es gereicht wurde, geschätzt. Einmal war ich gar zum Freitagabend geladen und werde die Weihe dieser Feier nicht so bald vergessen. Diesmal tat nun mein leerer Magen das seine, um dem Gedanken an etwas Wärmendes oder gar Sättigendes Gleichberechtigung neben dein ideellen Beweggrund des beabsichtigten Besuches zu verschaffen. Und ich glaubte Grund zu haben, gerade in dieser Richtung meine Er- Wartungen ziemlich hoch zu spannen, denn icli konnte mir den grimmen Haß des Polen und sein heimtückisches Attentat auf den Juden eben nur als Neid des Besitzlosen auf den glücklicheren Mitmenschen erklären. Wie sollte sich auch sonst ein einzelner Jude bei dem stumpfen, theoretisehen Ueberlegungen gewiß nicht zugänglichen Bauernvolk mißliebig machen? Am andern Morgen war ich als erster marschbereit. Sehr bald hatte ich heraus, daß sich das Haus des Juden am westlichen Dorfrande befinde. Ich erwirkte die Erlaubnis, mich der Traftie erst später beim Vorbeimarsch aiiziischließen und gewann so einige Minuten, um mein Vorhaben vom Abend zuvor durchzuführen. Unterwegs sah ich, daß das Dorf von all den elenden Dörfern, durch die ich während der letzten Wochen marschiert war, wohl das eiendeste war. Und von all den baufälligen Häusern, die kaum noch diese Bezeichnung verdienten, war das, in dem der Jude wohnte, am baufälligsten. Ich trat ein. An einem spärlichen offenen Feuer, das aus Reisig auf dem Herd entzündet war, wärmte sich ein grauhaariges Männchen, ln einer Ecke hockte ein etwa lSjähriges Mäddien mit verhärmten Gesichtszügen. Ein roh gezimmerter Tisch und ein Wandbrett, auf dem die frommen Bücher des Alten ihren Platz gefunden hatten, bildeten die Einrichtung des armliehen Raumes. Scheu und mißtrauisch trat mir der Hausherr entgegen. Hat man auch in den besetzten Gebieten volles Zutrauen in den rechtliehen Sinn der deutschen Soldaten, so hat solch ein Besuch für den Betroffenen doch selten Gutes zu bedeuten. Meist handelt es sich um notwendige Requisitionen, Einquartierung oder ähnliehe». Für den Juden aber, der den Verleumdüngen seiner polnischen Nachbarn ausgesetzt ist, besteht noch besonderer Grund zur Besorgnis. Sobald ich mich aber als Jude bekannt hatte, war alle Scheu von dem Alten gewichen und bei der herzlichen Begrüßung, traten ihm Freudentränen in die Augen. Der Jude stand dem Juden gegenüber. Vielleicht waren Monate vergangen, seitdem zum letztenmal eine verwandte und gleichgestimmte Seele die Schwelle dieses Hauses betreten hatte. Die kurze Unterhaltung drehte sich um das Elend seiner Lage, das in den verflossenen Festwochen besonders bitter empfunden wurde, und um die Familienverhältnisse beider Teile, ln Friedenszeiten verdiente der Alte, dessen Tochter mir nur ein (olas ungesüßten Kaffee zu reichen vermochte, als Schuhmacher sein karges Brot. Jetzt im Kriege zählte ledernes Sclnihvverk in P. zu den Gegenständen eines unerschwinglichen Luxus. So hungerte man sich eben durch, so gut oder schlecht es ging. Die besorgte Frage meines Wirtes, ob das Gefecht sich wieder in die Gegend des Dorfes ziehen würde und ob Gefahr wäre, daß die Russen wiederkämen, konnte und mochte ich nicht in beruhigendem Simne beantworten. Wußte ich doch, wieviel Unheil durch derartige Beschwichtigungen schon angerichtet war. Ich mußte gehen. Der Abschied wurde uns beiden schwer. Mit herzlichem Braderkuß schieden wir. Wie mag wohl das Schicksal des Aermsten bei der Rückkehr seiner ״Landsleute“ gewesen sein? Wahrscheinlich sind dort die Verleiimdungen der Polen auf fruchtbaren Boden gefallen. Beim Weitermarsch gab mir mein kurzer Besuch allerlei zu denken. Meine Gedanken drehten sich immer um die eine Frage: ״Woher dieser Haß gegen diesen einzelnen Juden, der sich als Handwerker der ländlichen Dorfbevölkerang doch nützlich erweisen mußte?“ Alle Erklärungen, mit denen war so gerne die Beweggründe des Antisemitismus zu erforschen suchen, mußten hier versagen. Es blieb nur die Deutung, daß die Verhetzung von seiten der polnischen Intellektuellen wirklich gründliche Arbeit leistet und selbst den kleinsten Flecken nicht ausläßt. Es wurde mir verständlich, daß die Juden Polens und Suwalkis auch von dem Ergebnis dieses Krieges und der zukünftigen Gestaltung der Landkarte wenig Günstiges für ihr eigenes Los erwarten. Denn so schwer auch gegenwärtig die russische Herrschaft auf ihnen lastet — das Elend, das ihrer in einem autonomen Polen warten würde, ließe den alten Zustand beinahe als freiheitlich erscheinen. Es blieb mir die Hoff-!rang, daß es geliftgen wird, in diesen Gebieten den Geist deutscher Gesittung auch zum Nutzen unserer Brüder zur Geltung zu bringen. Fritz Abraham (Gefallen beim Sturm auf . Ende August.) Viele unter uns haben ihn sehr wert gehalten. Den arbeitsfrohen Redakteur unserer Zeitung, liebenswürdig in seinem Wesen wie in seinem Stil — ein guter, fleißiger Werkmann des Zionismus. Zuletzt sahen wir ihn an der Arbeit beim Kongresse in Wien. Fast nie erblickte man ihn im Saale. Aber es war ein kleines Zimmer da, in dem saß er Tag und Nacht, üben ging der Kongreß, Schlachten wurden geschlagen, Grundvesten sanken und neue Epochen rangen sich aus dem Wirbel. Ein Glutwind der Ideen und Entscheidungen erfüllte das Haus, erhitzte die Köpfe, raste in den Herzen. — In den! kleinen Zimmer saß unser Freund, klebte ein Stenogramm an das andere, las, besserte, schrieb lind war auch heiß im Herzen und hatte auch Tollheit im Hirn, — ein ruhiges Bild selbstverständlicher Pflichttreue, ein braver zionistischer Soldat. Wir entsinnen uns seiner von seiner vorbildliehen Arbeit in der Jüdischen Turnerschaft, wo er immer einer der Ersten war und immer gern