Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1915)
- Date
- 1915-09-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 309 Albanien, Bulgarien, wenn es nicht gelingt, durch die lebendigste Pflege des Hebräischen als lebender Sprache dem drohenden Untergang vorzubauen. Das Ideelle allein tut es freilich nicht. Nationale Begeisterung und nationale Stammessprache vermögen viel. Aber der gesunde (leist muH einen gesunden Körper haben. Es ist nötig, dal! durch die Ueberführung eines großen Teiles der orientalischen Judenschaft zu Gartenbau und Ackerwirtschaft die körperliche Gesundheit erhalten und die wirtschaftliche Sicherheit wieder errungen wird. Orient und orientalische Juden sind verarmt. Die Neubegründung eines breiteil jüdischen Bauernstandes wird den orientalischen Juden wirtschaftliche Festigkeit geben, die die Grundlage aller Entwicklung ist. Solche ländliche Siedlung ist in großem Maße nur im alten Heimatlande der Juden möglich. Die türkischen Juden fühlen sich mehr als alle anderen Staatsbürger als Mitträger des türkischen Staatsgedankens, weil auch sie, und sie mehr als alle anderen, genau empfinden und wissen, daß die Judenheit leidet, wenn die Türkei geschwächt wird, uncl^ daß eine starke Türkei die beste Schutzinacht der Juden ist. Die politischen Bestrebungen der orientalisehen Judenschaft sind alle innerhalb der heutigen Türkei bereits gegeben. Die Türkei ist ja kein nationaler Staat, wie Frankreich, das andere Nation alitäten mit eigenem geistigen Wesen in seiner Mitte nicht kennt, sondern ein Nationalitäten- Staat. Unter der Vorherrschaft der osmanischen Familie und de5 türkischen Volksstammes vermag sich jeder Stamm kulturell in seiner Eigenart zu entwickeln, wenn er nur den türkischen Staatsgedanken stützt und zur Größe des Ganzen beiträgt. Damm wird das Geschick der Judenheit vornehmlich im Orient auch weiter unlöslich mit dem Wohl und Wehe <j,es türkischen Reiches verbunden bleiben. Wir erleben im Augenblick in Rußland Judenverfolgungen von solcher Ausdehnung und so entsetzlicher Grausamkeit, daß alle Erinnerangen an die Verbrechen des Mittelalters dagegen verblassen. Es ist auch keine Frage, daß sich nach dem Kriege wiederum Millionen gehetzter Juden über den Ozean flüchten werden, — wenn man ihnen dort nicht die Tore verschließen wird. Näher dem Orte nach und näher der Seele der Fliehenden liegt der Orient unter der gerechten türkischen Herrschaft. Aber wirtschaftlich liegt er ferner. Denn hier gibt es keine Industrie-Zentren, die imstande sind, große Massen sofort, auch wenn sie besitzlos sind, mit Arbeit zu versorgen. Der Orient, der heute erst durch die Landwirtschaft wieder erschlossen werden muß, kann vorerst nur kleinere Massen allmählich auf nehmen. Im Verhältnis zu der geringen Bevölkerung sind auch kleine Judenmassen noch immer von Bedeutung, um so mehr als sie im Orient gerade eine höhere Wirtschafts- und Bildungsstufe darstellen als die Vorgefundene Landesbevölkerung. Hier sind sie auch, wie Palästina genügend ge- 7.eigt hat, imstande, durch die lebende hebräische Sprache einen engeren Zusammenhang unteremander zu schaffen und zugleich den Faden der alten Volksgeschichte fortzuspinnen. Durch diese Einwanderer werden auch, wie ebenfalls die palästinische Erfahrung zeigt, die einheimischen orientalischen Juden aus ihrer Lethargie aufgerüttelt und wachsen mit ihnen zu einem neuen kräftigen jüdischen Volkskörper zusammen, der eine gesunde Volksseele zu neuen Kulturschöpfungen befähigen wird. Hier, wo die ,Wurzeln der Kraft des jüdischen Volkes sind, ist das orientalische Judentum wurzelständiger als alle Juden der Welt. Die Juden bedürfen einer kräftigen Türkei zu ihrem Schutze, und das Osmanentum findet an den Juden die besten Helfer, um die Türkei stark und widerstandsfähig zu■ machen. Noch immer sind wie vor Jahrhunderten, und heute mehr als je, beider Geschicke üaauflöslich miteinander verknüpft. Türken und Juden, so viele Jahrhunderte lang der Greuel und der Abscheu der abendländischen Welt, begrüßen gemeinsam das Morgenrot der aufgehenden Sonne des Orients. R. Jizchok Jakob Reines Der Tod hält reiche Ernte, ln den Tagen, in denen wir in wehmütiger ^prehrung unseres unvergeßlichen David Wolffsohn gedenken, haben wir wiederum den Heimgang eines Großen unseres Volkes zu beklagfcn. Rabbi Jizchok Jakob Reines זע״ל ist im Alter von etwa 73 Jahren einem schweren Leiden erlegen. Mit ihm ist aus der jüdischen Gclehrtenwelt des Ostens ein Mann von hervorragenden Geistesgaben und einer umfassenden talmudisehen Gelehrsamkeit dahingegangen. Unsere Zeit ist arm an Persönlichkeiten, deren Bedeutung auf dem Gebiete der Thora- und Talmudwisscnschuft allseitig anerkannt ist, die in die glanzvolle Vergangenheit der östlichen Hochschulen hineinragen, andererseits für das Bildungsstreben der Gegenwart tiefstes Verständnis besitzen und damit der Zukunft unseres Volkes in wahrhafter Weise dienen. Diese Synthese von Talmudwissenschaft und allgemeiner Bildung suchte er in den von ihm in den zwei Gemeinden, in denen er als Rabbiner und Lehrer wirkte, in Swenzianv und Lida, begründeten Schulen zu verwirklichen. Aber ein anderes Moment machte diese Schulgründungen besonders wertvoll, die bewußt national-jüdische Gesinnung, die ihn als eifrigen Anhänger des R. Zvvi Hirsch Kalischer, R. Elia Gutmacher, R. Mordechai Eliasberg, jener Vorläufer der modernen zionistischen Bewegung, schon in jtmgen Jahren erfüllte. Er hatte den Mut der Ueberzeugung, diese Schulen trotz heftiger Fehde der führenden Rabbinen und gegen ihren Wider- Spruch zu behaupten. Mit Eifer schloß er sich den Chow’we-Zion an, die in ihm den Mann voll Charakter und Geist verehrten. Er war der Mann des Wortes und der Tat. Seine Reden begeisterten und entzückten die Kundigen wie die große Menge, und sein kraftvolles Eintreten für die Interessen der Gesamtheit namentlich zu einer Zeit, als ein allgemeines Sehächtverbot die russische Judenheit bedrohte, gewannen ihm die Sympathien aller. Den Fachgelehrten war er längst durch seine geistvollen Schriften bekannt, aber seine leidenschaftliche Anteilnahme an national-jüdischen Bestrebungen erschwerte seine Stellung und beeinträchtigte die allgemeine Anerkennung und Würdigung, die er vollauf verdiente. Ernstlich wagte niemand, die Lauterkeit seiner religiösen Ueberzeugung in Zweifel zu ziehen, aber er teilte das Schicksal jener kühnen Neuerer, die ihrer Zeit vorauseilen, trotz Kampf und Fehde an ihrem Lebensvverk nicht irre werden, aber vereinsamen. Herzls Auftreten und der Baseler Kongress zogen ihn in ihren Bann. Nicht stürmisch und unüberlegt schloß er sich der zionistischen Bewegung an. In einer Art Autobiographie, in der er sein zionistisches Bekenntnis niederlegt, schreibt er, daß er sich den ersten Beratungen und Zusammenkünften der Anhänger Herzls absichtlich ferngehalten habe. Er habe sich lange Zeit gewissenhaft namentlich darüber geprüft, ob das zionistische Bekenntnis mit seiner religiosen Ueberzeugung vereinbar sei. Er bejahte es, und nun blieb er auch seiner Ueberzeugung treu Seine Arbeitskraft und sein Organisationstalent waren bedeutend, aber die Gefolgschaft entsprach nicht der allgemeinen Anerkennung, die er als Führer einer Partei verdiente und auch fand. Vielleicht ist dies in der Eigenart der östlichen Verhältnisse begründet, unter denen Gegensätze religiöser Anschauung nicht zur Trennung führen wie im Westen. Reines war eine der markantesten Erscheinungen auf der Kongreßtribüne. Er nahm selten das Wort, aber er fand stets eine aufmerksame Zuhörerschaft. Seine Persönlichkeit wirkte als solche durch ihre Geschlossenheit und zionistisch« Treue. Der Ausdruck innerer Wahrhaftigkeit und Selbstlosigkeit war es, wenn er in bewußtem Gegensatz zu den Anschauungen seines engeren Kreises sich zum Herzischen Zionismus bekannte und damit sich den Weg zu einflußreichen Stellungen und zur Berufung an größere Rabbinatssitze verlegte. Es war eiii untrügliches Zeichen vornehmer Gesinnung und wahrer Bescheidenheit, daß er in den Männern wie Herzl und Nordau, von deren Lebensanscbauung, Sitte und Art ihn eine Welt trennte, die Führer anerkannte und, selbst ein ,,(joaim Aulom“, .sieh ihnen willig unterordnete. Er kannte die Grenzen seines Könnens und nur in der organisierten Zusammenfassung der Judenheit in ihrer Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit glaubte er den Bestand des Judentums auch für die Zukunft gesichert. Weit entfernt, die Berechtigung einer oder der anderen Richtung im Judentum nicht an/.uerkennen, war er davon überzeugt, daß nur auf nationaler Basis auch das tlioratreue Judentum wieder erstarken würde, wie seine Schwächung auf die Loslösung von dieser Basis zuriiek/uführeu sei. Die Treue zum zionistischen Programm bekundete er auch in der Uganda-Frage. Der VI. Kongreß sali ein starkes ״Zentrum“ von anerkannten rabbinischen Autoritäten des ()stens. Die Ablehnung des IJgandaprojekts trieb sie in großer Zahl aus dein zionistischen Lager. Jene erfaßten die allgemein politische welthistorische Bedeutung des englischen Angebots, und betrachteien die Ablehnung als einen schweren Fehler. Sie wurden jedoch wohl zweifellos auch dadurch für das Ugandaprojekt gewonnen, daß sie die Judenheit für Palästina in religiöser Beziehung nicht für reif hielten. Diese Ueberzeugung entsprach völlig der ,,Angst vor dem Charter“, dem das jüdische Volk durch den Mangel an politischer und organisatorischer Geschlossenheit auch heute nicht gewachsen wäre. Keineswegs in geringerem Maße erfüllte diese Sorge Rabbi Reines, aber sie trat zurück vor der großen Bedeutung des Strebens nach Konzentration aller Kräfte des jüdischen Volkes. Diese Frage war für ihn noch nicht spruchreif, und die Wirren׳ damals erschienen ihm wie eine Art Läuterungsprozeß, für die große Aufgabe gleichsam naturnotwendig. In dieser Ueberzeugung machten ihn auch Anwürfe der Gegner nicht irre, die in seinem Verhalten einen Verrat an der Sache der Religion selbst erblickten, ebensowenig die Beschlüsse des X. Kongreßes. Er kannte Judentum und Judenheit gut genug und hat sich nie darüber zu täuschen versucht, daß eine jüdische Bewegung sich nicht auf die Lösung der Magenfrage beschränken könnte. Er wußte, daß Geistes- und Kulturfragen ein jüdisches Pariament in hohem Maße beschäftigen müssen. Weder aussichtsreich noch klug erschien es ihm, Kulturbestrebungen gewaltsam zurückzudrängen, wenn ihre Formulierung ihn auch anfangs erschreckte und verwirrte. Daß eine Auseinander- Setzung kommen mußte, war ihm ohne weiteres klar. Aber er fand nicht den Mut der Resignation und er verblieb in der Organisation, um den Kampf aufzunehnien, er wollte ihm nicht ausweichen. Er erschöpfte sich jedoch nicht in negativer Kritik, er wollte bauen und damit die destruktiven Tendenzen, soweit sie im Kongreß und neuen Jischuw־ zu Tage traten, unwirksam machen. So schuf erden Misrachi und ermunterte zu praktischer Arbeit in Palästina.; Nicht leichten Herzens errichtete er somit wieder Grenzen, die bei einem Zusammenschluß aller Glieder des jüdischen Volkes den Grundgedanken des Zionismus aufzuheben scheinen. Aber in der parlamentarischen Struktur des Zionismus lag seine Differenzierung begründet, und es wäre unnatürlich, wenn neben der ״Fraktion“, die der Begründung des Misrachi vorausgegangen war, eine Gruppierung der traditionellen, thoratreuen Juden in diesem Gesamtbilde fehlte. Jedoch nicht nur dekorativen Zwecken sollte der Misrachi dienen. In ihm sollten die Interessen des überlieferten Judentums formuliert und vertreten werden. Er verkannte keineswegs die Gefahr einer Majorisierung dieser Interessen, aber er betrachtete die Bewegung als solche als ein Vorbereitungsstadiurn, das noch lange nicht zum Abschluß gelangt sei und das Spiel parlamentarischer Kräfte zulasse. Man hat seine Haltung nach dem X. Kongreß als einen Utnfall bezeichnet. Es war nur ein kurzes Schwanken* dann kehrte er zu dem in ehrlicher ׳Selbstprüfung als richtig anerkannten Ziel, zu der im Dienste des armen, verachteten, zersplitterten Volkes einzig wirksamen Arbeit zurück. Man w ar von gegnerischer Seite geneigt, das Verhalten dieses Mannes und sein Urteil als ein sanftes Hinübergleiten zu Anschauungen zu verurteilen, die dem Wesen des wahren überlieferten Judentums widersprächen, als eine Gefährdung der eigenen