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Jüdische Rundschau · 1915-09-17 · Heft 38 (17.9.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 308 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38 Naßi als Herzog von Naxos und designierter Vizekönig von Zypern ist bekannt genug, um an ihm die Allgemeinstellung der türkischen Juden ermessen zu können. Das türkische Reich wurde für die Juden ein Asyl, das gerade damals am mächtigsten war, als die Schrecknisse der Judenverfolgungen in Europa den höchsten Punkt erreicht hatten, (iern gingen die Juden deshalb nach der Türkei, wenn inan sie, die inan sonst vertrieb, überhaupt nur abziehen ließ. Dort behielten sie ihre Eigenart in Sprache und Sitte, Religion und sogar nationaler Selbstverwaltung bei und konnten sich zu einem Organismus entwickeln, der den Fortbestand des Judentums gewährleistete. Damals wurden Türken tum und Judentum fest verbunden. Jeder osmanische Sieg bedeutete einen freien Atemzug für die sonst gehetzten Juden, und jede Niederlage der Türkei war eine doppelte Niederläge der Juden und des Judentums. Und dieses Verhältnis ist so geblieben bis auf den heutigen Tag. Die alten Schichten der einheimischen Juden aus dem byzantinischen Reiche, die einen griechischen Dialekt sprechen und deshalb Rutnanioten, d. h. Griechlinge, genannt werden, und ebenso die aus dem Chalifate in Babylonien, die zürn Teil arabisch reden, zum großen Teil aber die alte aramäische Mundart beibehalten haben, die alte arabische Judenschaft Palästinas — sie alle ordneten sich dein spaniolischen Judentum, das eine höhere Kultur und Wirtschaftsform vertrat, unter, und die nicht in geschlossenen Gruppen einwandernden aschkenasischen Juden blieben nur kurze Zeit deutsche und polnische Juden, um häufig ganz in den Szefardim zu verschwinden. Erst die großen Judenverfolgungen der Neuzeit, die in den blutigen Pogromen der Russen ihren lebendigsten Ausdruck fanden, trieben nicht bloß Millionen Juden über den Ozean nach Westen, sondern auch Tausende nach Süden und Südosten, wo ein großer Teil von ihnen wieder die gastlichste Aufnahme in dem weiten und duldsamen türkischen Reiche fand, wo selbst noch die härteste Herrscherfaust ihnen eine milde und gerechte Regierung wurde. Seit dieser Zeit entstanden überall neben den ßefardischen auch aschkenasische jüdische Gemeinden, die zum Teile größer und bedeutender wurden, weil sie von der frischen Kraft eines wirtschaftlich regsamen Stammes getragen waren. Besonders Konstantinopel, Smyrna, Beirut, noch mehr aber Jerusalem, wurden zu*großen Sammelstätten aschkenasischer Juden, die alsbald als wertvolle wirtschädliche Bereicherung des Landes und als zuverlässige Stütze der Regierung empfunden wurden, ln den letzten dreißig Jahren hat vor allem auch die zionistische Bewegung unter den Juden aller Länder dazu beigetragen, daß dieser Zustrom von Juden nach den türkischen Ländern und besonders nach Palästina nicht aufgehört hat. Diese Juden hegen überall eine innige Liebe zur Türkei. Sie sind deren zuverlässigste Völkerschaft. Zur jungtürkischen Bewegung haben die Juden von Saloniki, die vier Fünftel der Bevölkerung ausmachen, einen nicht unerlieblichen Teil beigetragen, und auf ihren Einfluß ist es zum Teil zurückzuführen, daß Saloniki das eigentliche Zentrum der nationalen Bewegung der Türkei war, bis es durch den Unglückliehen Balkankrieg dem türkischen Reiche verloren ging. Die Juden, die heute auf der Balkanhalbinsel wohnen, haben dieselbe günstige Stellung im türkischen Reiche, die sie immer innehatten, soweit noch der Halbmond über ihnen weht. Die rumänischen Juden sind durch die judenfeindliche Politik in Rumänien seit 1880, wo sie noch mehr als 400 000 Seelen zählten, heute bereits auf die Hälfte dieser Zahl heruntergedrückt worden, ln Serbien gab es vor dem letzten Balkankriege eine so kleine Zahl von altspaniolischen Juden, daß es sich nicht einmal verlohnte, sie irgendwelchen Unterdrückungsmaßregeln zu unterwerfen. Die Gerechtigkeit erfordert es, festzustellen, daß bis zum jetzigen Kriege die Juden in Serbien eine ausgezeichnete Stellung einnahinen. In Neu-Serbien freilieh, wo sie zahlreicher sind, ergeht es ihnen ähnlieh wie den Muhammedanern, ln Griechen- 1 an d haben sie nach der Verfassung alle Gleichberechtigung. (Die hat ja der Berliner Vertrag auch den rumänischen Juden garantiert.) Und so lange es in Athen und Volo nur ganz kleine Judengemeinden gab und eine bemerkbare, wenn auch unbedeutende jüdische Gemeinde nur in Korfu war, hat es auch nur einmal in Korfu vor 20 Jahren eine Judenverfolgung gegeben. Sonst ließ man die Juden unbehelligt. Aber seitdem Saloniki griechisch geworden ist, in dem von 135 000 Einwohnern noch jetzt wenigstens 80—OO000 Juden sind, übertrifft den Antisemitismus gewisser griechischer Machthaberund Parteiführer nur noch die griechische Presse in Saloniki, deren Ziel es ist, die Juden aus der Stadt zu verdrängen. Tatsächlich sind seit 2 Jahren nicht "weniger als 15 000 Juden aus der Stadt geflohen und haben sich nach der gastlichen Türkei und zum Teil nach Bulgarien gewandt. Denn außer der Türkei bietet, da Serbien mit kaum mehr als 6000 Juden nicht in Betracht kommt, im wesentlichen das Zartum Bulgarien größeren Judenschaften die Möglichkeit eines gesicherten Lebens. Bulgarien, das eine verhältnismäßig größere Zahl jüdischer Bürger übernominen hat, gewährleistet ihnen die Bürgerrechte und verbürgt ihnen die gleiche Sicherheit wie seinen christlichen und muhammedanischen Untertanen. Sie werden dort Beamte und Offiziere wie in der Türkei, und der bulgarische Jude fühlt sich frei und aufrecht, wenn er auch die Höhe der politischen Rechte, wie sie in der Türkei der Judenheit als Nation zugestanden werden, nicht erreicht. Auch auf den Kriegsschauplätzen des Orients werden die Juden über ihre verhältnismäßige Beteiligung an den kriegführenden Heeren hinaus in hohem Maße betroffen, da sie, ähnlich wie in Europa, gerade an den Stellen dichter sind, an welchen sich die hauptsächlichsten kriegerischen Ereignisse abspielen. Daß dazu auch die Judenschaft des Landes Israel gehört, hat schon deshalb seine besondere Bedeutung, weil diese ihren großen Wert für die Erhaltung und Erneuerung des Gesarntjudentums, der orientalischen und östliehen Judenheit insbesondere, erst jetzt noch bewiesen hat. Ueber das Schicksal, das den Juden im brennenden russischen Reichskörper zuteil werden wird, vermögen wir uns kein Bild zu machen. Aber jede noch so böse Vorahnung ist bisher immer noch unendlich durch die blutige Wirklichkeit übertroffen worden. In Polen, Littauen und Kurland und den ganzen Westprovinzen hat die russische Mordbuben-Politik noch unmittelbar vor ihrem militärischen Zusammenbruch zahllose unschuldige Juden ermordet, verjagt, geschändet, zu Tode gemartert und in allen seinen Scheußlichkeiten und Schandtaten noch einmal sich selbst übertroffen. Dort sind nur noch zufällige Trümmer einer zusammengebrochenen großen Judenheit. Anders ist es bisher infolge der siegreichen Waffen der türkischen Heere dein größten Teil unserer Brüder i!n Orient ergangen. Sie dürfen nach dem Kriege auf eine Regeneration ihrer zermürbten Kräfte unter der Fürsorge des Sultans rechnen. Die Juden des Orients haben in hohem Maße ihre Eigenart bewahrt. In Typus und Reinheit des Blutes sind sie unverfälscht wie nur irgendwelche Juden des Abendlandes. Dazu kommt ihr zähes Festhalten an den eigentümlichen Erscheinungen überlieferter jüdischer Kultur. Das zeigt sich u. a. in dern Weiterleben spezifischer Judensprachen, die sie als Familiensprachen erhalten, während ihr religiöses und damit ihr kulturell-nationales Leben noch immer der hebräischen Sprache sich bedient. Solche Judensprachen sind: Das Spaniolische der Szefardim, das Jüdisch-Deutsche der Aschkenasim, das Griechische der rumaniotischen^ das Jüdisch-Aramaische der mesopotamischen, das Jüdisch-Arabische verschiedener Dialekte der arabischen Juden. Weiterhin kommen, das Juden-Tät der Kaukasus-Juden und das bucharische, ebenso wie das iranische Juden-Persisch in Frage. Das konservative Festhalten an der nationalen Ueberlieferung, das sich verschieden zeigt, je nach der mittelalterlichen Heimat dieser Juden, zeigt keine in Analogie christlicher Orthodoxie künstlich gebildete Rechtgläubigkeit. Vielmehr ist es reines nationales und stammestümlitTies Herkommen. Das ist vielfach erstarrt, verknöchert, verarmt und veräußerlicht. Dagegen wollten die Allianzschulen wirken, aber es gelang ihnen nicht, weil sie künstliche Gebilde an die Stelle natürlicher Entwicklung setzten und so eine viel größere Inhaltslosigkeit bewirkten, als das vorher der Fall gewesen. Französische Aeußerlichkeiten vermochten nicht, den festen sittlichen Halt zu ersetzen, den diese konservativen Juden sonst doch in der Jahrtausende alten Verankerung in ihrer Ueberlieferung und in ihrer nationalen Hoffnung gefunden hatten. Jetzt wurden die jüdischen Bräuche vielfach durch nichtjüdische Boulevard- Sitten ersetzt, und dieses sonst so wurzelhafte Judentum oft genug seinen natürlichen Grundlagen entfremdet. Dem orientalischen Juden fehlt wie seinem christlichen und muhammedanischen Landsmanne das Ideal. Es fehlt ihm der Schwung. Dem Szefardi noch mehr als deni Aschkenasi, dem arabischen Juden noch mehr als dem Spaniolen. Eine Ausnahme machen die Jemeuer, das sind Leute mit echter nationaler Glut, mit tiefer religiöser Ueberzeugung und Innigkeit. Ihnen ist das alte Judenideal nicht verblichen. Um den Orient neu zu beleben, bedarf es nicht bloß materieller Kräfte, nicht nur des belebenden Kapitals und wirtschaftlichen Schaffens, es sind dazu auch neue Ideen und reine ideale Hingabe notwendig. Zur Hebung und Neubelebung der orientalischen Juden bedarf es gewiß auch wirtschaftlicher Neuerungen, des Zuflusses von Kapital und Arbeitskräften, vor allem aber neuer geistiger Strömungen, eines neuen Geistes, eines hohen und begeisternden Ideals. Dies kann nu' dann wirklich fortschreitende Bew gung schaffen, wenn das Ideal im Herzen der Juden eine natürliche Stätte hat. Es kann aufbauend nur wirken, wenn es der Natur des Juden entspricht. Es darf nicht künstlich von außen hereingetragen sein. Einzig und allein ein jüdisch-nationales Ideal vermag die schlummernden Kräfte zu wecken, ohne das Leben zu stören oder gar zu zerstören. Solange die Juden im türkischen Reiche zusammenlebten, das weithin gedehnt war, blieben sie trotz der verschiedenen Familiensprachen, trotz der unterschiedlichen Riten und der mannigfaltigsten Beziehungen zu ihren Adoptiv-Vaterländern, deren Liebkosungen sie glücklich entrönnen waren, in einer großen kulturellen Gemeinschaft. Sie bildeten die jüdische ״Millet“ (Nation) im türkischen Reiche, mit eigener national-kultureller Verfassung, eigenen Beamten, eigener Vertretung, gemeinsamen Interessen und gleichgerichteter Erziehung. Dieses'große Kulturgebiet ist mit der Verkleinerung der Türkei für die Juden zertrümmert worden. Kleine getrennte Judenschaften sind entstanden, und an die Stelle der jeweiligen Judensprachen treten allmählich die Sprachen der mittleren und kleineren Länder, durch die diese Juden nunmehr von den Massen des jüdischen Volkes getrennt sind. Soweit sie noch jüdisch-deutsch sprechen oder in kleinen Resten am Spaniolischen festhalten können, haben sie mit größeren Judenschaften immer noch eine geistige Verbindung. Aber welche jüdische Literatur gibt es in der serbischen, der neu-griechischen, wallachischen, albanischen oder der bulgarischen Sprache? Das Zerfallen der Judenheit in kleine sprachliehe Gebiete zerreißt noch mehr als alle Assi« milation den Zusammenhang des Judentums hnd entfremdet schnell diese Juden dem Fortleben in der jüdischen Geschichte. Denn nur eine solche Sprache läßt den Halt am Judentum zu, in der auch ein ausreichendes jüdisches Schrifttum vorliegt. Wo das Hebräische in Vergessenheit gerät, ohne daß eine genügende jüdische Literatur in der Familiensprache vorliegt, geht das Judentum oft in wenigen Geschlechtern völlig zugründe. Die klassischen Beispiele sind dafür in Europa das französische, in Afrika das abessinisehe und in Asien gar das chinesische Judentum. Der Verlust des Hebräischen ohne den Ersatz durch eine Sprache mit jüdisojpr Literatur hat in diesen Ländern den fortschreitenden oder vollendeten Untergang des Judentums zur Folge gehabt. Derselbe Verlust droht den Juden des Orients in Serbien, in Griechenland, Rumänien

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