Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1915)
- Date
- 1915-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 301 Dr. Fritz fink Ein grausames Schicksal hat in den Kreis der Hamburger Gesinnungsgenossen eine empfindliche Lücke gerissen. Am 1. August fiel im Osten Dr. Fritz Fink in treuester Rflichtcrfüllung, wegen außerordentlicher Tapferkeit zum Eisernen Kreuz II. und 1. Klasse vorgeschlagen. In kühnem Tatendrange, beseelt vom Wunsche, gerade als Jude soldatische Tüchtigkeit und Unerschrockenheit zu beweisen, sehnte er sich hinaus ins Feld und murrte über die Untätigkeit im Schützengraben. Bei einem Sturmangriff ließ ein Kopfschuß ihn eines schnellen, schonenden Todes sterben. Dieses ruhmvolle Ende war die würdigste Krönung für sein junges, von männlieh kühner Tatenlust durchglühtes Leben. -- Die Zurückbleibenden aber können nur ohne Ende trauern über den Verlust eines unserer besten Mitkämpfer, auf den alle ihre größten Hoffnungen gesetzt hatten. Sein hoher Verstand und idealer Schwung, seine glänzende Rednergäbe, sein vornehmer Charakter und nicht zuletzt seine große Bescheidenheit und versöhnliche Gerechtigkeit ließen ihn berufen erscheinen zum Führer in unserer jung-jüdischen Bewegung. So war er schon früh in allen Zweigen zionistischer Arbeit erfolgreich und führend tätig. 1 nt Lehren und Lernen der hebräischen Sprache, auf dem Fechtboden, irn Turnsaal und Ruderboot, in der zionistischen Ortsgruppe, im Herzlklub, als Vorsteher des nordwestdeutschen Gruppenverbandes, als beliebter Mitarbeiter in der zionistischen Presse, vor allem aber als von allen verehrter Bundesbruder und Chargierter im Verein jüdischer Studenten, den! er in Treue diente und in Liebe aiihing. Ueberall durch sein Beispiel anregend und durch seine edle Persönlichkeit neue Freunde werbend. So wird uns unser Fritz Fink immer im Gedächtnis bleiben, ein Muster eines aufrechten Mannes, auf den sein Volk stolz sein durfte. Dr. P. Z ad i k , Hamburg. Der Plan der Amerikanischjüdischen Konferenz Die amerikanischen Zeitungen vom August veröffentlichen folgende Mitteilung•, ln Uebereinstimmung mit der Resolution, die vom American Jewish Comitee auf der bpezialversammlung am 20. Juni 1915 angenommen wurde, daß die jüdischen Organisationen in den Vereinigten Staaten eingeladen werden sollen, Vertreter zu einer Konferenz zu entsenden, die ungefähr am 24. Oktober in Washington stattfindet, wurde das nachstehende Komitee ernannt, um die Liste der Organisationen aufzustellen, die eingeladen werden, und um die Anzahl der Delegieiten zu bezeichnen, die von jeder Organisation entsandt weiden sollen: Dr. Cyrus Adler, Vorsitzender, Col. Hariy Cutler, Samuel Dorf, Richter Julian W. Mack, Dr. J. L. M a g n e s, Bernhard Semel und lssac M. U 11 m a n. Das Komitee ist zusammengetreten und hat die nachfolgende versuchsweise Liste der Organisationen aufgestellt. Die Grundlage dieser versuchsweisen Liste waren die Korrekturen des amerikanisch jüdischen Jahrbuches 1915/16, welches ein Verzeichnis aller jüdischen Vereinigungen usw. in Amerika enthält, deren Existenz bekannt ist oder die sich selbst angemeldet haben. Die einzigen Organisationen, welche das Komitee nicht beriicksichtigt hat, sind akademische Verbindungen. Hilfsgesellschaften und Bruderlogen, deren Stiftungsurkunden ihnen nicht gestatten, außerhalb eines einzelnen Staates zu arbeiten. Das Komitee erwartet Vorschläge betreffs Aufnahme solcher jüdischer Organisationen, die in der Liste nicht enthalten sind. Die Vertretung ist auf drei führenden Prinzipien j aufgebaut: 1) Anzahl der Mitglieder jeder Organisation, | 2) die verschiedenartigen Interessen der amerikanischen Juden, 3) die territoriale Verteilung der jüdischen Be- ן völkerung in Ameiika, Das American Jewish Comitee beschloß, daß die Zahl der Delegierten 150 nicht übersteigen solle. Die Gesamtsumme der auf die Organisationen des nachstehenden Verzeichnisses verteilten Delegierten beträgt 120. Das Komitee hat eine Anzahl von Mitgliedern freigelassen, so daß auch Organisationen, die Im dieser Liste noch nicht enthalten sind, noch vertreten 1 werden können, falls sie zugtlassen werden, und um j Hir die Vertretung jener Staaten der Union zu sorgen, aus!denen Delegierte von den Organisationen nicht gewählt I werden sollten, so daß schließlich jeder Staat der Union ן durch wenigstens einen Delegierten vertreten ist. ן Die Höchstzahl der Delegierten, die den einzelnen I Organisationen gestattet ist, beträgt 7, die Mindestzahl 1. Es werden an die Organisationen Einladungen verisandt werden, worin sie aufgefordert werden, dem Kol'iiitee die Namen der Delegierten zu nennen, welche I* mannt worden sind, um sie auf der Konferenz zu vertreten, die nicht später als am 10. Oktober 1915 stattfindet. Im nachstehenden folgt die Liste der Organisationen, welche eingeladen werden, an der jüdischen Konferenz teilzunehmen, und die Anzahl ihrer Repräsentanten: American Jewish Comitee.7 American Jewish Historieal Society .1 Arbeiter Ring.5 Central Conference of American Rabbis.2 Council of Jewish Women . .2 Council of Young Men’s Hebrew and Kindred Associations. 3 Dropsie College for Hebrew and Cognate Learning 1 Eastern Council of Reform Rabbis.2 Federation of American Zionists.7 Federation of Oalician and Bukowinean Jews . . 5 Federation of Jewish Farmers.1 Federation of Oriental Jews.2 Federation of Rountanian Jews ..1 Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society . . 1 Hebrew Union College.1 Independent Order B’nai Brith.7 Independent Order B’rith Abraham.7 Independent Order B’rith Sholom.5 Independent Order Free Sons of Israel.2 Independent Order Free Sons ol Judah.3 Independent Order of True Sisters.2 Independent Western Star Order.3 Intercollegiate Menorah Association.2 Jewish Chatitauqua Society.2 Jewish National Workers Alliance.2 Jewish Publication Society.2 Jewish Socialist Federation.2 Jewish Socialist-Territorialist Labor Paity of America 2 Jewish Socialist Labor Party Poale Zion ... 2 Jewish Theological Seminaiy.4 Mizrachi of America.2 National Association of Jewish Charities .... 2 National Conference of Jewish Social Workers . . I National Federation of Temple Sisterhoods ... 2 Order B’rith Abraham.7 Order Knigths of Joseph.2 Order Sons of Zion.2 Progressive Order of the West . 2 Union of American Hebrew Congregations ... 7 Union of Orthodox Jewish Congregations .... 3 United Orthodox Rabbis. 2 United Synagogue of America.3 Die Leiden der Juden in Litauen Audi in den kriegsbedrohten Gebieten L i t a 1t - ens hatten die Juden die furchtbarsten Leiden auszustehen. Viele Juden wurden auf Denunziationen von!Klinischer Seite vor das ״Kriegsgericht“ gestellt und gehängt. In Sehetel, Gouvernement G rodno, wurde ein angesehener Jude gehängt, weil er anläßlich einer ״Siegesfeier“ die russische Fahne nicht in der ״richtigen“ Weise auf seinem Hause gehißt hatte. In W i 111 a wurde infolge der Aussage eines Polen ein Jude zu Tode geprügelt, weil er angeblich in einer Debatte behauptet hatte, Deutschland sei stärker als Rußland. Die Brutalität der Polizeibehörden übersteigt jede Grenze. Ohne jeden Vorwand werden Juden mißhandelt und monatelang in Haft gehalten. In dieser Hinsicht hat sich besonders der als Lokaltvrann bekannte Kommandant von Kowno hervorgetan. Um seine Habsucht zu befriedigen, ersann er ein sehr wirksames Mittel. Bereits vor S> Monaten ließ er durch die Polizeibehörde die jüdische Bevölkerung auffordern, schleunigst die Stadt zu räumen, da die Deutschen im Anzüge wären. Dreiviertel der jiidisehen Bevölkerung verließen darauf die Stadt und zogen nach Wilkomir. Später erfuhren sie, daß die Deutschen gar nicht in Kowno eingezogen wären, und wollten daher zurückkehren. Allein der Kotnmandant ließ sie ohne besondere Erlaubnis der Polizei nicht in die Stadt hinein. Für eine derartige nur für 10 Tage gültige Aufenthaltserlaubnis mußten die Juden 23 Rubel zahlen. Alle 10 Tage mußten sie die Erlaubnis erneuern und selbstverständlich neue Gebühren eiltrichten. Das ergab eine unversiegbare Einnahmequelle für die Polizeibearnten und den Herrn Kommandanten. Ein einziger Pristavv (Wachtmeister) rühmte sich, im Laufe eines Monats einen ״Reingewinn“ von 25,000 Rubeln erzielt zu haben. Die nicht zahlungsfähigen Juden aber mußten sich in den benachbarten Städten herumtreiben, getrennt von ihren Familien und ihren Geschäften, Aber die Geschäfte blieben während der Abwesenheit ihrer Inhaber nicht geschlossen. Sie wurden vielmehr von der Polizeibehörde weitergeführt und mußten sogar an den Sabbattagen geöffnet sein. Den Behörden stand ein uneingeschränktes Verfügungsrecht über sie zu. Wenige l äge vor der Eroberung K o \v 11 o s durch die Deutschen sandte der dortige Gouverneur Soldaten- Patrouillen in alle Stadtteile aus, um die Chaluka- Büchsen für ״Rabbi Mei'r baal-haneß“ aus allen jüdischen Häusern zu entfernen. Die Polen hatten ״amlieh denunziert, diese Geld Sammlungen w ä - ren für die Deutschen bestimmt. Niemojewski gegen Georg Brandes Wie wir bereits berichteten, hat der polnische Antisemitenführer und Obmann der ,,fortschrittlichen Partei“ in Kongreß-Polen, Andrzej N i e in o j e w s k i, vor einem dänischen Gericht gegen Brandes die Klage wegen ״Verleumdung“ erhoben. In einer der letzten Nummern des Niemojcwskischen Organs, des in Warschau erscheinenden ״,\i y s I N iepod- 1 e g I a“, finden wir nun folgenden Brief veröffentlicht, den Niemojewski an die Redaktion der Zeitung ,,P o I i t i k e 11“ in Kopenhagen gerichtet hat: ״Geehrte Redaktion des ״Politiken“! Ehen erhielt ich den Wortlaut der zwei Artikel über die ״Verhältnisse in Polen“, die Georg Brandes im ״Politiken“ vom 23. und 26. Oktober 1914 veröffentlicht hat. Zugunsten der Juden über mein polnisches Vaterland Lüge auf Lüge häufend, eriaubte sich der Verfasser, folgende verleumderische Behauptung gegen mich vorzubringen: ״Der Freidenker Niemojewski hat ein Buch geschrieben, in dem die Ritualmurdbeseliukligimg propagiert wird, und zu diesem Behufe hat er im ganzen Laude Agitationsreden gehalten.“ In meinem Buche ״Die jüdische Seele in talmudischer Beleuchtung“ wird die Frage der sögenannten ״Ritualmorde" bei den Juden nicht berührt. Meine Vorträge über die Judenfrage haben sich auf die Kommentierung des erwähnten Buches beschränkt. Gegen den Lügner Brandes habe ich in Kopenhagen einen Prozeß wegen Verleumdung angestrengt, und ich werde vor aller Welt den Beweis dafür liefern, was eine Person, welche sich als Literaturhistoriker und Kritiker aiisgibt und den Titel eines Universitätsprofessors erlangt hat, in unehrlieber Weise zu leugnen sucht. — — — Die falschen Artikel des ״l'niversitätsprofessors“ Brandes sind wahrscheinlich auch in der schwedischen, österreichischen und amerikanischen Presse wiedergegeben worden. Ich werde mich deshalb überall bemühen, diesem schändlichen Lügner die Maske vom Gesicht zu reißen. Seine Artikel schloß Brandes mit der Bemerkung, ijaß seine Gegner wohl die Tatsache seiner jüdischen Abstammung in die Erörterungen ziehen werden. Das gibt mir das Recht, auf die Abstamm 11 n g seiner E t h i k hinzuweisen. Der Talmud und sein Kommentar, der ״Schukhan Aruch“, lehren, wie die Gojim zu betrügen und zu täuschen seien. ״Choschen-Hamischpat“ 131, 4; 183,7: 2127. 26 u. a. S. Wer wissenschaftlich zu denken vermag, versteht, daß die Natur sich nicht dein Lehrbuch der Physik anpaßt, sondern vielmehr das Buch nach der Natur geschrieben ist. Daher hat wohl die jüdische Seele den Talmud geschaffen, und nicht umgekehrt. Herr Brandes hat vielleicht den Talmud nicht studiert, aber die Ethik des Talmud durchflutet ihn und kommt in solchem Artikel wie ״Die Verhältnisse in Polen“ zum Vorschein. Die Redaktion des ״Politiken“ kennt anscheinend das Gebaren des ״Litcraturforschcrs“, ״Literaturkritikers“ und namentlich des — ״Universitätsprofessors“ nicht. Deshalb möchte ich die Redaktion nicht in den Prozeß einbezielien, unter der Bedingung natürlich, daß sie diesen meinen Brief in einer wortti euen dänischen Uelierset/niig veröffentlicht, wozu sie sich durch das Ehrgefühl und die Wahrhcitsliebe bewogen fühlen wird. Dänemark wird gleichzeitig die .Möglichkeit erhalten, sich darüber klar zu werden, wie maßlos falsch auch die anderen ״Informationell“ Braudes' über Polen sind. Mit Achtung A 11 d r! e j N i c m ojeivski." Ein Kommentar unsererseits zu diesem Schreiben dürfte überflüssig sein. Wir wollen hier nur die Bemerkung■ der jidisclien ״I. od /er Volkszeittlng" (S. August) zu diesem Schreiben wiedergeben• ״Es erscheint uns überflüssig, auf die bekannte Ehrlichkeit und das Ehrgefühl des Herrn N iemojewski hinzuweisen. Der Name Niemojewski ist den Juden Polens wohlbekannt und seine ״ehrenhafte“ Mitarbeit in der ״I)w;t Grosze“ ist niemandem ein Geheimnis. Es ist auch überflüssig, hier 11 o c h!11 als di e I a t s a c 11 c 11 zusa 111 rn e n z 11 s t e 11 e 11, die b e \v eise 11, w i e sch w a c 11 die B r a 11 d e s s c 11 e 11 B e s c 11 u I d i - gung e n a 11 de m g e g e 11 ü b e r w a ren, w a s w i r hier erlebt 11 a b e 11. Und wenn dieser ״Prozeß“ nicht lediglich ein bloßes Reklame-Manöver des Pan Niemojewski ist, werden auch wir mit nicht geringerer Ungeduld seinen Ausgang erwarten.“ Die polnischen Zeitungen in Oesterreich und Deutschland haben, soweit wir fest stellen konnten, den Brief Nicmoj e ivskis ihren Lesern ohne jede Einschränkung und /«stimmend zur Kenntnis gebracht.