Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1915)
- Date
- 1915-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37 Seite 297 € J U E DI SC H E RUNDSCHAU len. Der jüdischen Auffassung war dieser Geist bisher immer fremd gewesen. ״Man kann .... das 18. Jahrhundert das selbstkluge nennen, indem es sich auf eine gewisse klare Verständigkeit sehr viel einbildete und alles nach einem einmal gegebenen Maßstabe abzumessen sich gewöhnt hat. Zweifelsucht und entscheidendes Absprechen wechselten miteinander ab, um ein und dieselbe Wirkung hervorzubringen: eine dünkelhafte Selbstgenügsamkeit und ein Ablehnen alles dessen, was sich nicht sogleich erreichen, noch überschauen ließ.Wo findet sieh Ehrfurcht für hohe, unerreichbare Forderungen? wo das Gefühl für einen in unergründliche Tiefe sich senkenden Ernst? wie selten ist die Nachsicht gegen kühnes, mißlungenes Bestreben! wie selten die Geduld gegen den langsam Werdenden1״ So kennzeichnete Goethe den Geist jener Zeit. Und gerade diese auf den Einzelnen gestellte, die geschichtlichen Bindungen zerstörende Selbstklugheit war dem in seinem .Wesen festbestimmten Judentum das Fremdeste; es hat sie erlernt von den Anderen. Sie war das unheilvolle Geschenk der Aufklärungszeit, die dem Judentum mit der Emanzipation den alle Bande zerstörenden Rationalismus gab. Damals erst ist der Jude ein Rationalist geworden. Die Ursachen, die ihn zum ausgeprägtesten Vertreter der neu erworbenen Art, die Welt zu betrachten, gemacht haben und die ihn bis heute i.m Rationalismus haben verharren lassen, liegen aber nicht in jüdischer Anlage und Art, sondern in den durch die Emanzipation geschaffenen jüdischen Verhältnissen begründet. Schnell mußte sich der plötzlich in die Welt hereingeholte Jude in ihr zurechtfinden, und zu dieser Schnelligkeit der Orientierung konnte ihm nur ein schnelles Mittel verhelfen. Das schnellste aber ist der Gedanke. Auf Ererbtes und Gemachtes gab es keinen Verlaß mehr. Die Reife der Entwicklung durfte er nicht abwarten, dem langsamen Werden durch die Arbeit der Geschlechter konnte er sich angesichts der übermächtigen, blendenden Kulturwelt Europas nicht überlassen. Die Gewaltsamkeit des Augenblickes berauschte ihn, er vergaß die Gebundenheit angesichts einer Freiheit, deren Grenzen er nicht zu erschauen vermochte. Die Kenntnis der Aufklärung, der er diese Freiheit verdankte, bewies ihm, daß es garnicht so schwer sei, seinen Platz in der Welt zu erringen. Das Glauben war in Mißkredit gekommen, die Bedeutung des geschichtlichen Werdens wurde geleugnet und die Konstruktionen des gesunden Menschenver- Standes gestalteten die Wirklichkeit. Die Methodik des Denkens beherrschte der dialektisch geschulte Jude, und so war es ihm leicht, Weltanschauiigen für sich und andere zu zimmern. EHe Schnelligkeit des Ueberganges machte ihn zum Rationalisten und da er seit damals nicht mehr zur Ruhe gekommen ist, spielt bis heute die Selbstklugheit in seinem Leben die erste Rolle. Am wenigsten freilich gelang es dem jüdischen Rationalismus, das Judentum für seine Zwecke herzurichten. Da gab es zu viele ungelöste, instinktiv gefühlte Reste der Vergangenheit. So sahen sich die Juden bald dazu gedrängt, die Konstrukteure für die anderen zu werden und jenen das zu leisten, was sie für sich selbst nicht hatten schaffen können. Sie wurden die von aller Vergangenheit am wenigsten beirrten, berufsmäßigen Weltverbesserer, sie wurden die überzeugtesten Kosmopoliten, die Internationalen, die Erfinder der interkonfessionellen Wohltätigkeit, die Menschen, die immer das Allgemeine und niemals das Besondere verstanden. Ihre Hoffnungen verlegten sie auf die Auerkennung allgemeiner Anschauungen und auch für sich begannen sie alles von dem allgemeinen Fortschritt der Menschheit zu erwarten. Der alles durchdringende schnelle Gedanke stieß nirgends auf Widerstand, und war etwas im gedankliehen Aufbau folgerichtig durchgeführt, dann war es auch gut und wurde zu einer Lösung, die keine Rätsel mehr übrig ließ. Das Geheimnisvolle, Unlösbare, das Besondere im Menschen, also alles was sich dem Rationalismus verschloß, wurde folgerichtig als i überwunden, unmodern, mittelalterlich abgelehnt. Nichts ist charakteristischer als die Ablehnung des Mittelalters schlechthin, die bei den Juden des 19. Jahrhunderts fast ausnahmslos zu finden ist. Sie vertreten die Auffassung, daß sich eigentlich die Neuzeit ruhig ans Altertum anschließen könnte und daß alles, was dazwischen an Entwickelung neuer menschlicher Bildungen liegt, nur eine bedauernswerte Verirrung des menschlichen Geistes in finsteren Zeiten darstellt. So ist der geschichtslose Jude unserer Tage ein Mensch, der alles erfaßt und alles versteht und dennoch niemals den letzten außerhalb des rein gedanklichen Erkennens liegenden Grund eines Dinges begreift. Und während der Rationalismus der nichtjüdischen Welt durch das organisch fortschreitende Leben der einzelnen Völker korrigiert wird, wirkt der jüdische Rationalismus so unerträglich und tot, weil er das Leben der Juden zu sein scheint. Es war eine geschichtliche Notwendigkeit, die das jüdische Volk in diese ihm fremde Weltanschauung hineinzwang, von der es seitdem beherrscht wird. Auch heute noch, wo im jüdischen Volke die Sehnsucht erwacht ist, in seiner Art wieder leben und träumen zu können, das Allgemeine durch das Besondere zu überwinden und wieder den Weg aus Aufgelöstheit zur Geschlossenheit zu finden, sitzt der Rationalismus dem Juden zäh im Blut. Noch immer glaubt der unhistorische Jude, es gehöre zum Wesen einer großen Idee, daß sie mindestens der ganzen Menschheit das Heil bringen wolle. Was nicht mit dem Anspruch auftritt, universelle Bedeutung zu haben, sei schon deshalb als beherrschende Anschauung abzulehnen. Und wie der jüdische Rationalismus seine ganze Kraft daran setzte, den nationalen, ihm eng und klein erscheinenden Inhalt des Judentums auszurotten, so findet heute naturgemäß jeder Nationalisierungsversuch die größten Widerstände. Bei den europäischen Völkern hat die nationale Bewegung die historische Anschauung gegenüber der rationalistischen zur Herrschaft gebracht, ln der jüdischen Geschichte ist die rationalistische Periode erheblicher und dauert länger als bei den anderen Völkern, aber auch in ihr umfaßt sie einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum, und seit Jahrzehnten können wir den Beginn einer neuen jüdischen Entwicklung beobachten, die zur Nationalisierung und damit zur Ueberwindung des Rationalismus führen wird. Niemals in der Geschichte stellt sich die Idee einer neuen Zeit unvermittelt und rein gegen die Idee der alten Zeit. Der Nationalismus Fichtes, in dem das deutsche Nationalgefühl den herrlichsten Ausdruck seines Empfindens erblickte, ist in Wahrheit stark kosmopolitisch. ״Es war nicht so, wie man sich oft und bequem die Sache darstellt, daß der Kosmopolitismus fade und abgelebt am Boden lag und der junge nationale Gedanke nun leicht und siegreich emporstieg, sondern Kosmopolitismus und Nationalismus standen noch geraume Zeit in einer engen Bluts- und Lebensgemeinschaft.“ (Meinecke, Weltbürgertum und Nationalstaat, S. 120, 1911.) Wir brauchen uns daher nicht darüber zu wundern, daß die zionistische Ueberwindung des jüdischen Rationalismus in ihren Anfängen selbst durchaus rationalistisch ist, und daß wir in den zionistischen Reihen noch immer dem starken Gegensatz zwischen konstruktivem und geschiehtlieh nationalem Denken begegnen. So mußte der Judenstaat eine von allen Gegensätzen des Werdens losgelöste theoretische Konstruktion sein, und ebenso sind naturgemäß Achad Haams Schriften durch rationalistisches Denken gestaltet. Der größere Gehalt an persönlichem Leben und das größere Maß an geschichtlich vorwärts treibender Kraft ist es, was uns diese Werke moderner und geschichtlicher erscheinen läßt, als sie es ihrem äußeren Gewände nach sind. Bernerkenswert ist auch die heute noch in zionistischen Kreisen wiederkehrende mechanistische Auffassung, daß der Zionismus dem jüdischen Volke ein Leben bereiten will nach dem Vorbild der anderen unter sogenannten natürlichen Bedingungen lebenden Völker; es soll nicht besser und nicht schlechter werden, und die Idee der Auserwähltheit, die jeder von ihrer eigenen Ewigkeit überzeugten Gemeinschaft, jedem lebendigen Volke, innewohnt, wird noch nicht allgemein gefühlt. Es fehlt vielfach noch der einfache Mut, das eigene Ethos allein wirken zu lassen. Noch besteht die Meinung, die eigene Sache könnte dadurch gestärkt werden, daß inan sie mit dem Schicksal anderer verknüpft, ln den Erörterungen über die Erreichung des nationalen Zieles spielt die Zuversieht auf die kämpfende, allein lebendig machende, /ur Leistung führende nationale Idee vielfach eine geringere Rolle als die Hoffnung auf bestehende, meßbare und von außen her kommende Kräfte. Man glaubt die Wirkung zu erhöhen, wenn man antinationale jüdische Kreise dazu bestimmt, Sachwalter der Angelegenheiten des jüdischen Volkes zu werden, oder wenn man das jüdische Volk als Teil einer quantitativ größeren Sache darstellt, als einen Teil der großen Welt des Orients, oder als eines von vielen unterdrückten Völkern. Auch die Vorstellung von der Entwicklung der zionistischen Arbeit wird mitunter durch eine rein mechanische Auffassung der zionistischen Organisation beeinflußt. Manche Zionisten erwarten die zionistischen Erfolge ausschließlich von der überlegenen Kombinatorik, dem klugen politischen Vorgehen einiger führender Persönlichkeiten und glauben mehr an die Größe eines Augenblicks und die Bedeutung einer einmaligen Aktion als an die Gewalt der zLonistischen Bewegung, sie kommen sich als unbeteiligte Zuschauer vor, die nachher über die Handlungen Einzelner zu Gericht sitzen. Sie fülllen nicht, daß in Wahrheit die gläubige Sehnsucht aller Zionisten die Machtmittel schafft, welche die zionistische Politik wirksam werden lassen. Der Rationalismus ist seiner Natur nach unpolitisch. Er trübt den Blick für die mannigfaltigen und vielgestaltigen Forderungen des wirklichen Lebens, deren tiefstes Verstehen allein den Politiker macht. Den Juden hat der Rationalismus vollends der politischen Einsicht beraubt, und die schwierigste Aufgabe des jüdischen Nationalismus ist die Politisierung des in politischen Doktrinen befangenen Judentums. Es bedarf einer Generationen dauernden Entwicklung, bis aus politischen Doktrinären politische Menschen werden. So deutlich demnach noch die Spuren der rationalistischen Periode in der sie ablösenden zionistischen Epoche erkennbar sind, so zeigt andererseits die Geschichte der zionistischen Bewegung, daß gerade im letzten Jahrzehnt die nationale Bewegung sich gegen alles Mechanische und Konstruktive aufbäumt. Die große Liebe, die der jüdische Nationalismus im Juden erweckt hat, zeigt ihm mehr und mehr das ganze Leben in seiner unendlichen vielgestaltigen Wirklichkeit, auch zeigt sie ihm die geheimen Triebkräfte menschlichen Schaffens, und er fühlt, ״daß die Völker nicht von Vernunft und Ueberredung zu allgemeinen Anschauungen vorwärts getrieben werden, sondern von der unbekannten, befehlenden und zwingenden Kraft ihres Willens zu einer von allen unterschiedenen, eigenartigen, schaffenden nationalen Persönlichkeit.“ Gelingt es dem Zionismus, die Juden wieder zu einem Volke zu machen, dann wird in der jüdischen Geschichte die Zeit des Rationalismus ein kurzer Uebergang sein. Die jüdische Assimilation mußte ihrem Wesen nach unhistorisch und damit rationalistisch sein. Der jüdische Nationalismus schafft im Volke die Kraft einer ungeheuren Bejahung des Lebens und damit die Wurzelhaftigkeit, die durch keine gedanklichen Konstruktionen zu erschüttern ist. M a a r a b i. Geldsendungen aus O esterreich - U ngarn Unsere Gesinnungsgenossen in Oesterreich- Ungarn machen wir darauf aufmerksam, dass sie Geldbeträge für die Zwecke des Zionistischen Aktions-Komitees, wie auch für die Jüdische Rundschau sowie das Hilfswerk in Palästina am einfachsten und unter Vermeidung aller Kosten auf folgenden Postscheck-Konten einzahlen können: Postspafkassenkonto Professor Warburg für Zionistisches Zentral-Büro Nr. 145340 Wien Postsparkassenkonto der ״Welt“ Nr. 39913 Wien Postsparkassenkonto der ״Welt“ Nr. 61555 Budapest.