Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1915)
- Date
- 1915-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 296 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37 und Suwalki, insgesamt 280 000 an der Zahl, innerhalb dreißig Stunden ihre ״Heimat“ verlassen und in die östlichen Gouvernements ziehen. Seit Kriegsausbruch hat die russische Regierung — wie der jüdische Abgeordnete Friedniann in der Duma initgcteilt hat ־— nahezu eine Million Juden vertrieben. Es sträubt sich die Feder, all ihr Leid und Elend zu schildern. Die übrigen russischen Juden wetteiferten in der Bestrebung, die Not ihrer Brüder zu lindern. Kein einziger Rabbiner ließ seine Gemeinde in Stich. Die Zionisten standen überall mit an der Spitze aller Aktionen, die zur Linderung der Not der aus dem Kriegsgebiete fliehenden Juden durchgeführt wurden. Die Moskauer Juden allein legten für die armen Flüchtlinge an einem Tage eine Million Rubel zusammen, die russische Regierung selbst spendete eine halbe Million Rubel. Allein was bedeuten alle diese Summen und Hilfeleistungen in Ansehung des großen Unglücks! Auch in C) e s t e 1־1 ־ e i e 11 und 1) e u t s c 111 a n d entstanden allenthalben Komitees, die mit großem Eifer, wenn auch nicht immer mit vollem Verstandnis für die jüdische Psyche, daran gingen, die brandigsten Wunden zu heilen und dem großen Elend abzuhelfen. Ganz besonders erfolgreich betätigten sich auf diesem Gebiete die zionistischen O r - ganisationeu. Jetzt zeigten sich die Früchte der jüdisehnationaleii Erziehung. Die einzigen, die den Flüchtlingen als Brüder gegeiiüberstanden, die sich eins mit ihnen fühlten, waren die Nationaljuden. Die übrigen, wie lobenswert auch sonst ihre Arbeit war und wieviel sie auch tun mochten, blieben beim besten Willen nur Wohltäter. Die werktätige Hilfe, mit der die Westjuden ihre Brüder aus dem Osten bedachten, aber selbst das Erscheinen der Ostjuden im Westen an und für sich, lösten dieselbe Wirkung aus wie der Aufenthalt westjüdischer Soldaten in den Juderistädten des Ostens. Das monatelange Zusammenleben brachte sie einander näher und trug vieles zur Erweckung und Stärkung des jüdischen Nationalgehillles bei. Mit Bewunderung muß uns das Leben und die Haltung der jüdischen Flüchtlinge erfüllen. Die meisten von ihnen flüchteten Kopf über Hals und ließen all ihr Hab und Gut zurück. Als sie sich in den wihjiremdeti Städten einrichteten und ihr Leben von einer armseligen Unterstützung fristeten, ohne zu wissen, was die nächste Zukunft bringen und mit ihnen geschehen werde, kam ihre seelische Stärke zum Vorschein. Ein anderes Volk wäre unter diesen Umständen zusammengebrochen oder in eine seelische Stumpfheit verfallen. Die Ostjuden bewahrten ihre ganze seelische Kraft, ihren Wissensdrang und ihr Interesse am Leben lind seinen Ereignissen. Sie belagerten die Büchereien, um ihren Wissensdurst zu stillen, nahmen an Versammlungen teil, die sich mit jüdischen, politischen oder anderen Ereignissen befaßten und warteten mit Fassung die Rückkehr nach ihren Wohnorten ab. Was die galizisehen Juden für den österreichischen Staat im Kriege bedeuteten, welchen Anteil sie an dem siegreichen Vordringen der verbündeten Armeen haben, was dieses Volk, dessen Loyalität, Staatstreue, Opferfreudigkeit von keinem anderen osterreichischen Volke iibertroffen wurde, leistete, wird nach dem Kriege erst voll und ganz naehgewicseii werden können. Diese Treue mußten aber die Juden teuer bezahlen. Als die Russen in Galizien einzogen, verfolgten sie mit den tierischsten und grausamsten Mitteln, bei deren Lektüre sich einem das Herz im Leibe zusa in menseh nürt, die galizisclie Judenschaft. Zertrümmerte Wohnstätten, grausam ermordete Greise und Kinder, verstümmelte Leichen, geschändete Franc« und Mädchen, entweihte Svuagogen und Friedhöfe, zerrissene Thorarollen, bezeichnen den Weg der moskowitischen Truppen, der für unser Volk ein Leidensweg sondergleichen geworden ist. Selbst die rtissisehen Juden, denen es in diesem Kriege ebenfalls fürchterlich ergangen ist, sagten einmütig, daß ihre Leiden ein Kinderspiel dagegen wären, was den Volksgenossen in Galizien widerfahren ist. Das linde der Russcnhcrrseliaft be/eiclmeten die gewaltsam nach Rußland verschleppten Tausende von Juden und die Tausende, die die Russen als Deckung gegen die feindlichen Truppen vor sich hertrieben. Die herzzerreißenden Schilderungen der mittelalterlichen Chroniken Lmek Habacha und Schcwet jeliuda, der Memorbüehcr der rheinlundischeii Gemeinden, cier Klagelieder über die Zerstörung der Gemeinden durch die Kreuzfahrer, sie alle sind jetzt wieder zur Wirklichkcit geworden, zur Wirklichkeit von gestern und heute. ln Rußland ist die üesamtlage der Juden trostloser geworden als je. Die Judenverfolgungen wuchsen ins Maßlose, Georg Brandes und nach ihm auch Luigi Luzzatti erhoben ihre Stimme zugunsten ihrer so arg bedrängten .Stammesgenossen wider die Peiniger. Ts ist noch nicht die Zeit gekommen, auf die Vorgänge in Russisch-Polen und auf das Verhältnis der Juden zu den Pole!; überhaupt naher einzugehen. Auch geistig wurden und werden unsere Brüder in Rußland niedergehalten. Ihre besten Zeitungeu, darunter das zionistische Zentralorgan für Rußland, der ״Raßwiet“ in Sankt-Petersburg, und die literarische Monatsschrift ״Haschiloach“ in Odessa, wurden gewaltsam unterdrückt. Noch ist der Krieg nicht zu Ende, noch leben wir inmitten des furchtbaren Weltenbrandes, dessen Ende gar nicht abzusehen ist und wissen nicht, was der russischen Judcnhcit der morgige Tag bringen wird! Eine große Erleichterung ist natürlich den Juden in den von den Verbündeten besetzten Gebieten Russisch-Polens zuteil geworden. Ganz besonders ist die Vortrefflichkeit der deutschen Verwaltung hervorztiheben,—die in allen ihren Maßnahmen und Einrichtungen die jüdische Nationalität anerkannt und zur Geltung gebracht hat. Die ״jüdische Rundschau“ hat ihren Lesern über die Entwicklung der Verhältnisse in Pa 1 ä s t i 11 a vom Ausbruch des Krieges;111 auf dem Laufenden gehalten, so daß ein detaillierter IJeberblick hierüber nicht vonnöten ist. Bekannt sind auch die von der zionistischen Organisation eingeleiteten -Hilfsa k t i o n e n f ü r Palästina, die zuerst und fnit besonderem Erfolge in A m e r i k a einsetzten. Bei dieser Gelegenheit soll die Jahresscluiti auch nicht ohne Erwähnung an der Affäre des Jüdischen T c c 11 - n i k u 111 s in Haifa vorübergehen. Durch den Krieg ist die Z i o n i s t ׳ s e h e O r - ganisation in eine schwere Luge geraten. Das Actioiis-Comite verlor die Fühlung mit den Juden der mit Deutschland Krieg führenden Länder, lind in allen Landesorganisatkmen sind die besten Kräfte zum Militärdienste eiiige/ogen worden. Allein die Zionistische Organisation hat sich den geänderten Verhältnissen alsbald angepaßt und zur Aufrechterhaltung der Organisation in Kopenhagen und in New York Bureaus errichtet. ln allen Ländern herrschte — wiewohl der Krieg dem jüdischen Leben viele und wertvolle Kräfte entzogen hat — ein reges jüdisches Gemeinleben und das Interesse für jüdische öffentliche Angelegenheiten, somit auch das Interesse für den Zionismus, dessen Berechtigung immer mehr anerkannt wird, hat in großem Maße zugenotnmeii. Vielen Juden hat der Krieg die Augen geöffnet und sie zu ihrem Volke zurückgeführt. Die Zionistische Organisation ist der einzige jüdische interterritoriale Verband, der auch während des Krieges mit allen seinen Teilen in Verbindung stand, zu arbeiten und um den Preis sehr großer Opfer seine Tätigkeit weiterzuführen vermochte. ln den V e r e i n i g t e 11 Staaten A m t r i k a s hat das zionistische Leben im letzten Jahre vorneliiTilieh infolge der regen Palästina-Arbeit einen machtvollen Aufschwung genommen, den die Ende Juni in Boston abgehobene zionistische Konferenz deutlich zum Ausdruck brachte. In den letzten Tagen haben große jüdische Verbände das Baseler Prograinin anerkannt und sind der zionistischen Organisation bcigetreteii, wodurch sie eine Viertel- 111 i 11 i o 11 n e u e r M i t g 1 i e d e r gewann. Aber auch in E 11 g I a!1 d hat ein reges zionistisches Leben geherrscht. Die zionistische Organisation in Deutschland hat sich vornehmlich der Palästina- Arbeit, die in Oesterreich der Fliielitliiigsfiirsorge und der mit der Lage der Juden in Galizien zusammenhängenden wirtschaftlichen und politischen Arbeit gewidmet. Zu diesem Behüte ist ein Exekutivkomitee der österreichischen Zionisten ins Leben gerufen worden, Jas eine ersprießliche Tätigkeit entfaltete. Die österreichischen Zionisten haben ferner das späten• auch von anderen jüdischen Organisationen unterstützte Jüdische Krie g s a r e 11 i v geschaffen. Es steht zweifellos fest, daß;die Feinde lind Neider der Judenschaft emsig au der Arbeit sind, aus dem Kriege Material gegen die Juden zu sammein und daß sofort nach dem Kriege eine alles Dagewesene iiberbietende Bewegung gegen uns einsetzen wird. Schon jetzt ist eine au die niedrigsten Instinkte sich wendende Agitation zu bemerken. Dieser üefcthr gilt es zu begegnen. Und wir können es, weil wir uns in diesem Kriege über alle Er- Wartung hinaus bewährt haben. Aber die Tatsachen allein genügen nicht. Zu leicht entschwinden sie dem Gedächtnisse der Völker und dt»r Maßgebenden, wir müssen sie daher für ewige Zeiten fest halten. Diesem Zwecke dient das Jüdische Kriegsarciiiv. Von der alles überdauernden Palästina-Liebe des jüdischen Volkes zeigen die für den Jüdischen National f o 11 d s einlatiiendeu Spenden. Aller Voraussieht nach dürfte er im Jahre 1915 trotz des furchtbaren Kriegsjahres eine Einnahme von über eine halbe Million Franken auf weise 11, ein Betrag, der vor einigen Jahren auch im Frieden nicht erreicht worden ist. In letzter Zeit ist in P a 1 ä s t i 11 a eine Besserung der Lage eingetreten. Ganz besonders wichtig ist es, daß alle hebräischen Schulen des Landes geöffnet sind und ihre» Unterricht fortsetzen. Auch die Farmen setzen ihre Arbeit ungehindert fort. Der größte Teil der diesjährigen Getreideernte konnte glücklich eingebracht werden, was eine Verbilligung des Getreides nach sich ziehen dürfte. Viele, viele prächtige Söhne hat das jüdische Volk im Kriege verloren. Aber auch unter den Daheinigeblienenen mähte der Schnitter Tod ganze Reihen nieder: David Wolffsohn, einer der markantesten Führer der zionistischen Judenschaft, hat sich zu seinen Vätern versammelt. Jizchok Leibusch Perez, der jüdische Dichterfürst, folgte ihm bald. Und soeben ist erst, mitten im Flüchtlingselend der russischen Evakuierung, Rabbiner Reines in Lida gestorben. Auch die jüdische Gelehrteiiwelt hat zwei Tote zu beklagen: Jakob Barth und Adolf Berliner. Große und schwere Opfer hat das jüdische Volk in diesem Kriege gebracht, ja — wie heute *die Dinge stehen — war das jüdische Volk im Osten das Opfer des Krieges. Und so wollen wir hoffen, daß das jüdische Volk diese Opfer nicht vergebens gebracht hat. Wie der Krieg auch ausgehen mag, die jüdische Auswanderung aus dem Osten wird eilten ungeahnten Umfang an nehmen. Und wieder taucht die alte, stereotype Frage des jüdischen Exils auf: Wohin? Für uns gibt es nur eine Antwort. Nach dem Kriege wird es die Aufgabe gelten, die Möglichkeiten für die Verwirklichung des zionistischen Ideals zu schaffen und die durch den Krieg wachgerufenen und gestärkten jüdischen Kräfte in die richtigen Bahnen zu lenken. Viel jüdisches Blut ist in diesem Kriege geflössen, wir haben auch viel gelernt. Vor allem haben wir gelernt, wie die ״Nationen der Erde“ ihr Volkstum verteidigen . .. Aus dein vergossenen jüdischen Blute werden für unser Volk Rosen der Freiheit erblühen. Judentum und Rationalismus Die Ueberzeugung, daß der Jude ein Rationalist sei, ist so unbestritten, daß auch innerhalb des Zionismus ihr nur selten ein ernster Zweifel entgegengesetzt worden ist. Als der Rationalismns in der europäischen Welt in Mißkredit geriet, konnte sich die jüdische Assimi- Kation mit dem Worte Max Webers trösten: ״Der Jude ist Rationalist, nicht weil er Jude, sondern weil er alf ist.“ Die Lehre vom Rationalis- 11111s der Juden gehörte zu den allgemein anerkannten Wahrheiten, die man mit dem Worte ״bekanntlich“ eiimileiten pflegt und in denen gerade deshalb, weil man sie kritiklos hinniimnt, 'Irrtiimcr!ange Zeit unbemerkt verborgen bleiben können. Der Rationalismus ist in der jüdischen Genieinschaft nicht früher nachzuweisen als in der nicht]üdisehen Umwelt. Die Behauptung, daß der Jude seinem Wesen nach immer rationalistisch gewesen sei, entbehrt jedes wirklichen Beweises. Der Hinweis darauf, daß die Juden in dialektischer Form zu denken pflegten und Meister der Dialektik waren, besagt an sich gar nichts. Dialektik ist Denkmethode, Rationalismus ist Weltansehauung. Eine notwendige Verbundenheit beider ist nicht erforderlich. Aus der allgemeinen Beobachtung, daß der Rationalismus sich immer in dialektischer Manier darstellt, darf noch nicht der Schluß gezogen werden, daß die dialektisch gewandten Juden ihrer Lebensauffassung nach Rationalisten waren. Im Judentum lebte bis zur Emanzipation als stärkste Kraft der Glaube an die außerhalb von Vernunft und Wissen stehende Erlösung. An den durch die Geschichte geschaffenen Zusammenhängen hat Dialektik nicht zu rütteln versucht. Sie war nie eine konstruktive Macht, sondern blieb immer die Dienerin des durch Ewigkeitserinnemng und Messiashoffnung, durch Gottergebenheit und Zweifellosigkeit getragenen Lebens. Gerade in den Jahrhunderten der schwächsten jüdischen Schöpferkraft, im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Dialektik immer mehr etwas nur Spielerisches, Begleitendes. Sie rankte sich um den festen, anerkannten Besitz, ohne den Versuch zu machen, ihn durch Umgestaltung zu erneuern. Sie machte deshalb das jüdische Wesen eher dumpfer als durchsichtiger und erst als von außen her der Rationalismus des 18. Jahrhunderts eindrang, begann sich die jüdische Dialektik in den Dienst der neuen europäischen Weltanschauung zu stel-