Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 282 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35 Maße gelitten, und werden sich auch weiter ohne größere Schwierigkeiten erhalten können) von lag zu Tag kritischer wird. Andererseits ist es ja selbstverständlich, daß mit der letzten Kraft gearbeitet werden muß, um die jüdischen Kolonien in Judäa, in denen soviel Kapital steckt, und die so viele Energie gefordert haben, über die kritische Zeit hinvvcgzubringen. Der Schekel im Kriege Es naht nunmehr wieder die Zeit, wo man in Friedenszeiten begann, die für unsere Organisation so wichtige Winterarbeit vorzubereiten. Im vorigen Jahre standen wir dem Kriege noch zu neu und zu fassungslos gegenüber, als daß wir damals an eine geregelte zionistische Tätigkeit hätten denken können. In der Zwischenzeit aber sind wir mit den Folgen des Krieges j auf wirtschaftlichem und anderem Gebiet vertraut ge- : worden und werden so die Möglichkeit finden, in diesem , Jahre trotz des Krieges eine geregelte zionistische ■ Winterarbeit zu eröffnen. In erster Linie handelt es sich , dabei um die S c h e k e I p r o p a g a 11 d a. Der Schekel bedeutet ja für unsere Organisation nicht nur die älteste und eine der wichtigsten Einnahmequellen, son-; dem seine Zahlung ist die elementarste Pflicht jedes ‘ Zionisten, und die Voraussetzung für seine Zugehörig- : keit zur Organisation. Deshalb wird kein Gesinnungsj genösse, auch wenn er im Felde steht, zögern, in j diesem Jahre wie in Friedensjahren den Schekel zu j zahlen. Ein Tätigkeitsbericht des ״Hechawer“ Dem ausführlichen Tätigkeitsbericht, den das Schweizerische Kartell des Hechavver, der zionistischen Organisation der ostjüdischen Studenten, derHechawer - Konferenz in Bern am 18. Juli 1915 vorlegte, entnehmen wir folgendes: Die Arbeit in der Schweiz wurde am 1. Januar 1915 aufgenommen, zu einer Zeit, da die jüdischen Studenten in der Schweiz die schweren Folgen des Krieges bereits arg zu fühlen bekamen. Um sich über die allgemeine Tage der zionistischen Organisation zu informieren, trat das Kartell sofort in einen regen Briefwechsel mit dem Actions-Comite, der seitdem ununterbrochen aufrecht erhalten wurde. Als die ersten beunruhigenden Nachrichten aus Palästina eintrafen, wurde ein Mitglied des Hechawer, das kurz zuvor Palästina verlassen hatte, an die einzelnen Vereine entsandt, um sie mit der Lage in Palästina vertraut zu machen. Allen Bestrebungen, die mit der sogenannten j üdischen Legion in irgendwelchem Zusammenhang standen, stand der Hechawer von Anfang an scharf ablehnend gegenüber und billigte voll und ganz die Politik des Engeren Actions-Comites, nachdem die Leitung des Hechawer Gelegenheit erhalten hatte, die aktuellen Fragen des Zionismus mit einem Mitgliede des E.A. C. persönlich zu besprechen. Der Hechawer entfaltete während der letzten 6 Monate eine rege Propaganda-Tätigkeit. Der bekannte Schriftsteller Schmarja Gorelik besuchte die Vereine in Lausanne, Genf Und Zürich und hielt Vorträge über die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes. Dr. Jacob Klatzkin sprach in Bern und Zürich in öffentlichen Ver- Sammlungen über das Thema ״Der Krieg und die jüdische Frage“. Herr Joschua Barzilai aus Palästina referierte über die Loge Bnei-Mosche. Dr. M o s s i n s o h n , der nach seiner Abreise aus Palästina seinen Wohnsitz in der Schweiz nahm, hielt in Lausanne in einer vom Hechavver gemeinsam mit dem Verein Israel veranstalteten Versammlung einen Vortrag über die Lage der Juden in Palästina und wiederholte diesen Vortrag später in Bern. Die Zahl der Besucher bei diesen Vorträgen belief sich im Durchschnitt auf 100 bis 120. Das Mitglied des Actions-Comites Dr. Alexander Marmorek besuchte wiederholt die Vereins- Sitzungen in Zürich und nahm regen Anteil an den Diskussionen über die innere Lage der ztonistischen Organisation. Von Mitgliedern des Hechawer sprachen Herr Kaiser mann, Abiturient des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, in Genf und Bern über die Lage in Palästina, Herr Granovsky in Zürich, Bern und Basel über die Lage der russischen Juden, Herr Weinschal in Lausanne und B e r n über ״Zionistische Weltanschauung“. Die Trauerrede bei der anläßlich des Todes von Perez in Zürich veranstalteten Gedächtnisfeier hielt Herr O I s c h w a n g e r. Für die schriftliche Propaganda wurde ln erster Linie der ״Hass u• j e t“ verwendet, sodann das in Rußland erscheinende Hechawer-Organ ״J e w - rejskij Student“, das jetzt in einer Anzahl von 200 Exemplaren für die Schweiz mul Italien bezogen wird. Ferner wurde vom schweizerischen Kartell des Hechawer eine von Leo Jaffe verfaßte Propaganda- Broschüre herausgegeben, die das neue jüdische Leben in Palästina behandelt. Der Hechawer beteiligt sicii sehr lebhaft an der Arbei t des Schweizerischen Zionisten- Verbau d e s lind betrieb energisch die Sammlungen für den Nationnlfonds. Irn ü e nfer Seminar des Hechawer wurden Kurse für die Vereinsleiter abgehalten, um den mit der Leitung der Vereine betrauten Gesinnungsgenosscn eine möglichst einheitliche wissenschaftliche Vorbildung zu ermöglichen. Die Kurse erstreckten sich über Palästinakundc, Geschichte der Juden, Geschichte und Theorie des Zionismus. Zur Unter- Stützung dieser Tätigkeit wurde mit Hilfe des Nationalbuiules des Actions-Comites eine Kartellbibliothek ins Leben gerufen. Interessant ist die Gründung des Züricher P a - lästinaheims, das den ersten Versuch darstellt, junge Zionisten durch gemeinsames Zusammenleben für Palästina vorzubereiten. Hebräische Sprachkurse wurden von den Herren Bloch, Gottesfried und Grünspan erteilt, die vorläufig allerdings nur in Zürich konkrete Resultate erzielt haben. Vom Zentralkomitec des Hechavver wurde ein aus drei Teilen bestehendes Programm für den Unterricht in der hebräischen Sprache zusammcngestellt, das von den Herren Epstein und H a 1׳ a r i gemeinsam mit den Leitern der hebräischen Kurse in Berlin verfaßt worden ist. Einen breiten Raum in der Tätigkeit des Zentralkomitecs des Hechavver nahm seine Arbeit für die von der Genfer Konferenz des Hechavver beschlossene Zeitschrift für Selbstbildung ein, die der inneren Arbeit der Vereine gewidmet ist. Bisher sind 4 Hefte dieser Zeitschrift erschienen, die 7 Aufsätze über Theorie und Praxis des Zionismus, 3 über Geschiehte der Juden in Palästina und 5 über Palästinakunde enthalten. Außerdem berichtet die Zeitung regelmäßig über die Tätigkeit der einzelnen Vereine, und das Zentralkomitee veröffentlichte dort bibliographische Mitteilungen und Unterrichtsprogramme. Der erzieherische Wert der Zeitung, deren Zweck es ist, den jüdischen Studenten, die sich mit den Problemen des Zionismus vertraut machen wollen, behilflich zu sein, ist ein außerordentlich hoher. Sie übt einen bestimmenden Einfluß auf das geistige Leben der Hechavver aus. Das Schweizerische Kartell des Hechavver nahm auch lebhaften Anteil an den allgemeinen jüdischen Arbeiten. So wurden von Hechawer jüdische Unterst iitzungskassen in Basel, Bern und Zürich gegründet. ln anderen Städten wie Lausanne beteiligte sieh das Hechavver an derartigen Gründüngen. Der Hechawer nahm auch Anteil an der Gründung des Jüdischen s t u d e n t i s ch c n Kassen verband es der Schweiz, der mit Unter- Stützung des Hechavver seine Arbeit begann. Auf Initiative des Züricher Hechavvcr-Vereins vereinigten sich sämtliche Organisationen in Zürich zu einer gemeinsamen Aktion für die durch den Krieg notleidenden Juden. Das Schicksal der galizischen Geiseln in Rußland Aus Stockholm kommen wenig erfreuliche Nachrichten über das Schicksal der von den Russen nach K i e w verschleppten galizischen Geiseln. K i e vv bildete bisher den Sammelpunkt für alle aus Ga- 1 i z i,e n und anderen österreichischen Gebieten Verschleppten. Jetzt aber sind die russischen Behörden zu der Uebcrzeugung gelangt, daß Kiew sich nicht mehr hierzu eigne, und haben daher heschlossen, die ״Geiseln“ nach Sibirien, besonders nach der Stadt Samarkand, wegzuführen. Nur diejenigen, die sich hoher Protektion erfreuen, werden in Moskau ihren Wohnsitz nehmen dürfen. Zu diesen ״Glücklichen“ gehören auch der gewesene Bürgermeister und Abgeordnete von Zioczövv, Dr. Josef Gold, Dr. R u t o vv s k i, Dr. Stahl und Dr. Schleicher. ~ Es wird auch mitgeteilt, daß der weggeführte Prorektor der Leinberger Universität, Prof. Adolf B e r, von der über ihn verhängten Kerkerstrafe befreit und unter Polizeiaufsicht gestellt worden ist. Jüdische Studierende an der Petersburger Universität Dieser Tage fand eine Beratung der Pefersb u r g e r IJ ח i v e r s i t ä t s - V e r vv a 1111 n g unter dem Vorsitz des Rektors Prof. Grimm statt, in der die Frage der Zulassung von Juden an der Universität zur Erörterung gelangte. Wie aus dem über diese Beratung erstatteten Bericht Jiervorgeht, sind in diesem Jahre insgesamt 1160 Aufnahmegesuche eingereicht worden, von denen nur 686 stattgegeben worden ist. Unter den von Juden eingereichten Gesuchen wurden folgende berücksichtigt: Zuerst wurden 17 Juden außerhalb der üblichen P r o z e n 111 o 1׳ m zugelassen, die persönlich am Kriege teilgenommen haben oder Kinder von Kriegsteil• nehrnern sind. Ferner wurde auf 46 für Juden vorhandenen Plätzen 22 Juden mit g o 1 d e n e n und 17 mit silbernen ״Medaillen“ Aufnahme gewährt. Die übrigen zehn Plätze blieben ״unbesetzt“ mit der Maßgäbe, daß sie für weitere jüdische Kriegsteilnehmer reserviert bleiben sollen. Die Hetze gegen die russischjüdischen Kriegsgefangenen Das tragische Schicksal der russischen Juden verfolgt sie über die Grenzen Rußlands hinaus. Nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch in der Krie g s g e f a n g c n sch a f t sind sie ihren! traurigen Geschick nicht entzogen. Der Antisemitismus ist in der russischen Armee sehr stark entwickelt. Daran hat auch der Krieg trotz aller Beweise des Heldentums nichts geändert. Daß aber der Haß und die Verleumdung dein russischen Juden auch in die Kriegsgefangenschaft folgt, das zeigen die folgenden Berichte amtlicher russischer Organe und die Nachrichten über die Stimmungen und Ansichten bei den russischen Kriegsgefangenen in Deutschland und — wohlgemerkt — bei ihren nach Millionen, zählenden Angehörigen und Bekannten in den russiseilen Heimatsorten' mit erschreckender Deutlichkeit. ״Am 29. Mai,“ so lesen wir in dem offiziellen ״R u s k i j 1 n v a 1 i d“, ״passierten auf dem Wege nach Petr 0 g r a d die Bahnstation Bjeloostrow folgende aus der deutschen Kriegsgefangenschaft entflohenen Militärpersonen: Vizefelavvebel Gavvril S e rdj u k o vv , Unteroffizier Iwan T i m o s c h e vv s k i, Soldat Josef Karbol, Unteroffizier Michael Korenew und der Kosak Iwan Panken. Diese Entflohenen erzählten bei einer Austragung durch die Beamten der Gendarmerie, daß sie in der Gefangenschaff unter sehr schlechten Bedingungen gelebt hätten. Man hielt sie in einem Viehstall, und mehrere von ihnen verbrachten zvvanzigmal vierundzwanzig Stunden unter freiem Himmel. Außer der schlechten Behandlung bekamen sie auch verdorbene Nahrungsmittel zu essen, und auch diese nicht ausreichend. Dadurch entstanden unter den russischen Gefangenen epidemische Krankheiten, denen viele zum Opfer gefallen sind.“ ״Besondere Privilegien bei den Deutschen genießen vor allen russischen Gefangenen die jüdischen Soldaten. Die Deutschen haben diesen Juden eine unbeschränkte Macht über die russischen Gefangenen verliehen; sie haben sie mit eigens dazu bestimmten, vom deutschen Generalstab empfohlenen (!) G 11 m m ikniitteln (!) versehen und ihnen befohlen, die russischen Gefangenen bei dem geringsten Verseilen unbarmherzig zu prügeln.“ ״Die jüdischen Soldaten machen von der ihnen von den Deutschen verliehenen Vollmacht unbeschränkten Gebrauch und nehmen sich sogar noch mehr Rechte, als ihnen zustehen. Sie treiben einfach ihren Spaß mit den russischen Soldaten und hetzen auch vielfach die deutsche Wache auf sie, die sie dann zu Tode peinigt.“ ״Einige von den jüdischen Soldaten legen eine aufreizend-freche Haltung an den Tag, indem sie fortgesetzt zu den russischen Soldaten sagen: ״Hier ist nicht Rußland.“ ״Das Leben der jüdischen Gefangenen in der deutschen Gefangenschaft ist von dem der russisehen Gefangenen ganz verschieden. Die Deutschen, behandeln die Juden mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit. Die Einwohner bringen ihnen sehr oft Gaben und sie erhalten auch ihr Essen getrennt von allen anderen Gefangenen. Sie werden auch gut verpflegt.“ ״Als besonders freche Juden, die ihre zeitweilige Rolle als Vorgesetzte der russischen Gefangenen, die ihnen von den Deutschen verliehen wurde, aufs schlimmste ausgenutzt haben, haben die obengenannten Flüchtlinge folgende jüdischen Soldaten bczeichnet: 1. Gotmann, aus dem beßarabischen Gouvemement, Armeeabteilung unbekannt; 2. Kostetzki, aus Lodz; 3. Leib Dorinan’t aus Odessa; seine Frau betreibt dort ein Nahrungsmittelgeschäft; 4. Katz, Armeeabteilung unbekannt; 5. Ljunka, Familienname unbekannt; 6. Salomo n, vom 103. Petrosawoden-Regiment; 7. Siegmund Saluzki, von demselben Regiment; 8. Kert- Löst die Roschhaschanahwflnsche durch den Nationalfonds ab!