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Jüdische Rundschau · 1915-08-27 · Heft 35 (27.8.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 35 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 280 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35 Jüdische Patengemeinden für Ostpreußen Von WaisenhanMirvktor Peritz - Königsberg, Aussduißniitglieil 1k׳s ()stpr. Synagogen verba mies Von den Verheerungen, die ein großer 'Feil Ostpreulkits durch den Rimwneitifall erlitten hat, sind auch die j ü d i s c 11 e 11 < i e!11 e i n d e!1 O stpr e u - ß e 11 s;Ulfs schwerste betroffen worden. Fast die Hälfte dieser (iemeiiiden wurde durch den Krieg mindestens für längere Zeit /.ul:runde gerichtet, ein/eine Synagogen sind zerstört, verbrannt, Thorarolleu und sonstige gottesdienstliche (iegenstände sind vielfach geraubt und vernichtet. Der Sachschaden allein, den unsere ostpreiißiselicn (iemeiiiden durch den Krieg erlitten haben, beläuft sieh auf etwa ISO000 .\l. Besonders schmer/lieh werden aber vor allem die religiösen Verluste am gewohnten rituellen Leben, der Wegfall des Religionsunterrichtes der Jugend und jedes Gottesdienstes für die Erwachsenen empfunden, ln einem weiten Teile Ostpreußens muH das Jude n 111111 g a n z 11 e u a u f g e b a 111 werden. Der (.) s t p r e u li i s e 11 e S y 11 a g o g e!1 vorband, der sich für die■ ostprcußisdien (iemeiiiden stets voll Eifer betätigt hat, ist vorerst bemüht, sobald als möglich überall provisorische Aushilfen für die religiösen Bedürfnisse der zerstörten Gemeinden zu beschaffen. Er hat einen besonderen Kriegsa r b e i t s - A u s s c 11 u li gebildet, der sich eifrig darum bemüht, zuverlässige Unterlagen für eine Neu- Ordnung der Dinge zu schaffen, Die größte Sorge bei dem unternommenen Werke bildet aber die <iewinnung der für die Wiederatifrichtung der (Jemcinden erforderlichen G e 1 d ru i 11 e 1. Wir rechnen dabei neben den vom Staat zu erwartenden Sachentschädiguugen auf die allgemeine Beihilfe der Regierung aus den Mitteln für kirchliche und kommunale Zwecke. Wir hoffen auch, daß unsere ostpreußischen Gemeinden selbst für die Wiederautrichtung des jüdischen Lebens in ihrer Mitte, sobald sie können, außerordentliche Opfer bringen werden. Es ist aber trotzdem die Schaffung grundlegender Besserungen in den religiösen Verhältnissen der zerstörten Gemeinden nicht möglich ohne die Beihilft der \v o h I h a b e 11 den < r e m e i n d e n im Reich und der deutschen Juden h c i t im allgemeinen. Der Verband der ostpreußischen Synagogengemeindeii hat daher die vom Kriege nicht unmittelbar berührten Gemeinden Deutschlands aufgefordert, nach Art der Patenschaft für die Städte die K r i e g s - hilft■ für die einzelnen zerstörten oder schwer geschädigten ostpreußischen Gemeinden allein oder gemeinsam mit andern zu übernehmen. Hierbei soll die von ihnen in Paten- Schaft genommene Gemeinde als ihre K r i c g s - Filialgemeinde gelten, sie soll von ihnen neu hergelichtet und für eine Reihe von Jahren bis zur wiedererlangten Selbständigkeit nach Bedürfnis unterstützt werden. Der Verband der Ostpreußischen Synagogengemeinden .will den sich hierzu meldenden Pa t e n g e m c i n d e'11 ihre Kriegs-Filiale zitvveisen bzw. Vorschlägen, oder bei nur Teilbeteiligung das Zusammengehen mit anderen Gemeinden für eine Kriegs-Filiale ordnen. Es bleibt natürlich den einzelnen Patengenieinden überlassen, nach ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem guten Willen die Höhe ihrer Beisteuer selbst zu bestimmen. Doch wird für die Patenschaftbetciligung bei einer bestimmten Gemeinde eine M. i n d e s 11 e i s t 11!1 g von 1000 M., Die Mutter der Märtyrer Nach dem Tal rn u d. ״Um deinetwillen werden wir täglich erwürget und sind geachtet wie Schlachtschafe!“ (Psalm 44, 23). Raw Jehudah spricht: Dies meint die Frau mit ihren sieben Söhnen. Also geschah mit Channah, der Tochter Nachthoms, daß sie mit ihren sieben Söhnen gefangen gesetzt ward. Man nahm sie und brachte sie in sieben Zellen. Dann führte man den ersten vor den Kaiser und sprach zu ihm: ״Bücke dich vordem Bilde!“ Er aber sprach: ״In der Thora steht geschrieben: Ich bin der Ewige, dein Gott.“ Da führten sie ihn ab und töteten ihn. Dann brachten sie den zweiten vor den Kaiser und sprachen zu ihm: ״Bücke dich vor dem Bilde!“ Er aber sprach : ״ln der Thora steht geschrieben: D11 sollst keinen andern Gott neben mir haben.“ E*a brachten sie den dritten vor den Kaiser und sprachen zu ihm: ״Bücke dich vor dem Bilde!“ Er aber sprach: ״ln der Thora steht geschrieben: Du sollst dich nicht bücken vor einem andern Gotte.“ Da führten sie ihn ab und töteten ihn. Dann brachten sie den vierten und sprachen zu ihm: ״Bücke dich vor dem Bilde!“ Er aber sprach: ״ln der Thora steht geschrieben: Wer den Göttern opfert und nicht dem Herrn allein, der sei verbannet.“ (11. B. Moses 22, 20.) Da führten sie ihn ab und töteten ihn. Dann brachten sie den fünften und sprachen zu ihm: ״Bücke dich vor dem Bilde!“ Er aber sprach: ״In der eventuell auf mehrere Jahre \ erteilt, vorausgesetzt, um diese Unterstützung von der einfachen I lilfstätigkeit für unser Ostpreiißenwerk bedeutsam zu unterscheiden. Einige Gemeinden haben sielt bereits in diesem Sinne zu einer Unterstützung ■verpfliehtet. Wenn die zur Hilfe bereiten Gemeinden, wie es bei den ürtspateiischatten geschieht, auch ihre einzelnen (1 e m e i n d e m i t g Hede r, V e!• e i 11 e usw. zu freiwilligen Ja h r e s b e 1 t r ä g e n für die Sache h e r a 11 z i e h e n , so dürfte es auch kleineren Gemeinden möglich sein, einen solchen Patenschaftsteil für eine unserer kriegsgeschädigten Gemeinden zu übernehmen. Selbstverständlich werden auch wohltätige Einzelpersonen durch eine entsprechende Spende als Paten für eine Gemeinde angenommen. Der N;1 m e d e r P;11 e n g e m e i 11 d e 11 und der einzelnen Patenpersoncu soll auf einer Gedenktafel in der Synagoge ihrer Kriegs-Filia!gemeinde verewigt werden. Alle sonstigen gütigen Beihilfen \011 Gemeindeii und Privaten zur religiösen Hilfe für unsere ostpreiilliseheii (iemeiiiden werden zu einem ״A 1 1 g e - in e i n e n K r i e g s h i 1 f s f o 11 d s f ii r j ü d i s c h c (i e m c i 11 d e 11 i 1 f e i n O s t p r e u ß e 11“ gesammelt und vom Verbände für diesen Zweck ausgegeben werden. Für die ״H'üisgenteindeii“ und Spender w ird der Verband ein besonderes ״(i e d e 11 k b 11 c h der Kriegs h e 1 f e 11013 ׳“ führen. Damit die geplanteu Maßnahmen einheitlich durchgeführt werden könne!! und eine genaue Kontrolle über die Verweildung der bewilligten Gelder ermöglicht wird, empfiehlt cs sich, daß auch die Patengcrnciuden ihre Hi Hsg e I d e r an den S y 11 a g o g e n v e r b a 11 d senden, der sie in Redarfsraten an die bestimmten Kriegs- Filialen auszuzahlen hat. Die Pateiigemeinilen erhalten dann Abrechnung vom Svnagogcnverband und regelmäßigen Bericht über die Entwicklung ihrer Kriegs-Filiale. Das große Werk des Wiederaufbaues der /.erstörten jüdischen Gemeinden kann nur gelingen, wenn alle leistungsfähigen jüdischen (iemeiiiden und alle deutschen Juden dabei mithelfen. Möge unser Aufruf in allen jüdischen Gemeinden offene Herzen finden! Die Polenfrage im Reichstag Die gesamte Presse brachte in der vorigen Woche mehr oder weniger genau die Rede, die der Reichsk a n zier in der R e i c h s t a g s s i t / 1111 g v o nt letzten Donnerstag gehalten hat. Wir teilen den diesbezüglichen Teil der Retehskanzlerrede wortlieh nach dein offiziellen s t e 11 o g r a p h i - sehen Bericht mit: ״Meine Herren, unsere und die österreich-ungarischen Truppen haben die Grenze von Kongreßpolen gegen Osten erreicht, und beiden fällt die Aufgabe zu, das Land zu verwalten. Geographische und politische Schicksale haben seit langen Jahrhunderten D e u t s e 11 e und P o 1 e 11 gegen einander zu kämpfen gezwungen. Die Erinnerung an diese alten Gegensätze mindert nicht die Achtung vor der Leidenschaft, Vaterlandsliebe und Zähigkeit, mit der das polnische Volk seine alte westliche Kultur, seine Freiheitsliebe gegen das Russenttim verteidigt und auch durch das Unglück dieses Krieges bewahrt hat. (Bravo!) Die gleifinerischen V e r s p r e c 11 u 11 g e n unserer Feinde ahme ich nicht nach. Aber ich hoffe, daß die heutige Besetzung der polnischen Thora steht geschrieben: Höre, Israel, der Ewige ist dein Gott, der Ewige ist einzig!“ Da brachten sie den sechsten und sprachen zu ihm: ״Bücke dich vor dem Bilde!“ Er aber sprach: ״In der Thora steht geschrieben: So sollst du nun heutigen Tags wissen und zu Herzen nehmen, daß Gott der Herr ist oben im Himmel und unten auf Erden und keiner mehr.“ (V. B. Moses 4, 39.) Da brachten sie den siebenten, den jüngsten von allen. Der Kaiser sprach zu ihm: ״Mein Sohn, bücke dich vor dem Bilde!“ Er aber sprach: ״Davor hüte mich Gott!“ Fragte der Kaiser: ״Warum?“ Sprach der Knabe: ״In unserer Thora steht geschrieben: ,Dem Herrn hast <Ju heute zugesagt, daß er deiti Gott sei . . . und der Herr hat dir heute zugesagt, daß du sein eigen Volk sein sollst‘. (V. B. Moses 26, 17, 18.) Wir haben vor dem Heiligen, gepriesen sei er, geschworen, ihn nicht mit einem andern Gott zu verwechseln und zu vertauschen. Und auch er hat uns geschworen, uns mit keinem Volke zu vertauschen.“ Sprach der Kaiser: ״Deine Brüder sind satt an Tagen und an Leben und haben das Gute genossen; du aber bist noch nicht satt an Tagen und an Leben und hast das Gute auf der Welt noch nicht genossen: Bücke dich vor detn Bilde!“ Sprach der Knabe: ״In unserer Thora steht geschrieben: ,Gott regiert immer und ewig/ Und ferner steht geschrieben: ,Gott ist ein König von Ewigkeit, Völker gehen verloren aus seinem Lande/ Ihr werdet zunichte und euer Reich wird zunichte, aber der Heilige, gepriesen sei er, lebt und dauert in Ewigkeit.“ Sprach Grenzen gegen Osten den Beginn einer Entwicklung darsteüen wird, die die alten (!egeiisät/c zwischen Deutschen und Polen aus der Welt schafft und das vom nissiselieii joch betreite Land einer glücklichen Zukunft cntgcgeiii’ülireii wird, in der es die Eigenart seines nationalen Lebens pflegen lind entwickeln kann. (Bravo!) Das von uns besetzte Land werden wir unter möglichster I I e r a 11 / i e h u!1 g 1׳ e r e i g e n e 11 Bevölke r u n g gerecht verwalten (Bravo!), die untermeidliehen Schwierigkeiten, die der Krieg mit sich bringt, atis/tigleielien und die Wunden, die Rußland dem Lande geschlagen hat, zu heilen suchen. (Brat;!!)“ Die Polen und ihr Vertreter, Herr Set da, füllten diese Worte als das Versprechen auf, s ii tu t - liehen polnischen Wünschen nach/ukomnieii. Aehnlieber Ansicht waren auch die Herren Bassermami und Fischbeck. Herr ()ertcl jedoch war nicht dieser Mciinnig und ganz und gar nicht Herr Sduiltz-Broinborg. Uns scheint es, als habe Herr Oertel durchaus Recht, wenn er die Aciilierungen des Reichskanzlers als ״nicht so greifbar“ und ,,!lieht ganz so deutlich‘' hezeichnete. Auch wir glauben, daß diese Frage noch nicht genügend geklart ist. Unsere Stellungnahme ist ja unseni Lesern aus den von uns veröffentlichten Artikeln, über die Polen frage hinlänglich bekannt. ״Offener Brief an unsere Brüder in Europa‘4 Das New Yorker ״J ii d i s c h e T a g e - Blatt“ versendet an die gesamte jüdische Presse den nachfolgenden Artikel. Wir können die darin geäußerte Meinung nicht nachprüfen, halten sie aber für interessant genug, uni sie zu veröffentlichen. üefl'eiuliche und private Meldungen besagen, daß unsere Glaubensgenossen drüben auf die Juden Anterikas ihre Hoffnung setzen und von ihnen Hilfe und Leitung in dieser kritischen Periode der jüdischen (1 eschieIvte erwa 1'ten. Es scheint jedoch, daß die Juden Europas den wirklichen Stand der Dinge auf dieser Seite des Oceans mißverstehen. Aus dein, was in der europäisch-jüdisehen Presse veröffentlicht wird, geht deutlich hervor, daß man dort vollkommen falsch informiert ist. Wir möchten sie aiifklären. Die Juden dieses Landes haben eine Krisis durchzumachen. Wir bringen unsere eigenen Angelegenheiten in Ordnung, um der Situation gewachsen zu sein, die durch den europäisehen Krieg geschaffen wurde. E i 11 e r Tatsache sollten sich unsere Brüder in defi kriegführenden Ländern erinnern. Wir in Amerika sind nicht, wie behauptet wurde, taub für die Schmerzens- und Hilferufe, die über das Meer zu uns herübertönen; auch sagen wir nicht mit Kain: ,,Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Wir sind vollständig vorbereitet, tun jede mögliche Hilfe zu leisten und, wenn nötig, jedes Opfer zu bringen, das unsern Beistand wirksam machen kann. Um zu einem nutzbringenden Verständnis zu kommen, dürfen sieh die jüdischen Führer drüben nicht der Kaiser: ״Siehe, deine Brüder sind erschlagen vor dir. Ich werfe meinen Ringvor dem Bilde zur Erde; so hebe ihn auf, damit man sage: Er hörte auf das Wort des Kaisers.“ Sprach der Knabe: ״Wehe dir, Kaiser, wehe dir, Kaiser! So sorgst du um deine EhreKund die Ehre des Heiligen, gepriesen sei er, trittst du mit Füßen!“ Da führten sie ihn ab, um ihn zu töten. Sprach seine Mutter zu ihnen: ״Gebt mir meinen Sohn, daß ich ihn noch einmal küsse.“ Und sie gaben ihn ihr. Sprach sie zum Kaiser: ״Bei deinem Leben, Kaiser, töte zuerst mich und dann töte diesen!“ Sprach der Kaiser: ״Nicht höre ich auf dein Wort. Denn es steht geschrieben in eurer Thora: ,Ihn und sein Kind sollt ihr nicht schlachten an einem Tage/ (111. B. Moses 22, 28.)“ Sprach sie zu ihm: ״Einfältiger, hast du schon alle Gebote erfüllt, daß dir nur dies eine übrig geblieben ist?“ Sogleich gebot der Kaiser, ihren Sohn zu töten. Da warf sich die Mutter über ihn, umarmte und küßte ihn und sprach: ״Mein Sohn, gehe hin zu deinem Vater Abraham und sage ihm: So spricht meine Mutter: Sei nicht stolz; denn du hast einen Altar erbaut, ich aber habe sieben Altäre erbaut. Bei dir war es nur eine Prüfung, bei mir aber war es Tat.“ Während sie ihn umfangen hielt und küßte, tötete man ihn. Sie aber stieg auf das Dach und warf sich hinab, daß sie starb. Da ertönte eine Stimme vom Himmel, die rief: ״Die Mutter der Kinder freut sich.“ (Psalm 113, 40.)

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