Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 274 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Nr. 34 Alle Volksstämnic Oesterreichs haben ungeheure Blutopfer gebracht, um diese Reichsteile zu verteidigen und wieder zu erobern. Alle VoUtSätiimme Oesterreichs werden die Mittel und die Arbeit aufbringen müssen, welche der Wiederaufbau erfordern wird. Alle Volksstamme haben das gleiche, starke Interesse daran, daß in den an Rußland grenzenden Gebieten Ordnung geschaffen werde, denn sie allein bietet den zuverläßigsten Schutz, gegenüber dem Feinde. Aus diesen Gründen muß schon jetzt Verwahrung gegen jene Bestrebungen eingelegt werden, welche daliin zielen, den Wiederaufbau Galiziens und der Bukowina zur Angelegenheit dieser Kranländer zu stempeln. Er kann nur dann zu einem gedeihlichen Ende geführt werden, wenn er durch die Zent r a I r e g i e r u n g besorgt wird. Bei Festhaitung dieses Grundsatzes kann eine hohe k. k, Regiegierung sich der Zustimmung und tatkräftigen Mithilfe aller österreichischen Völker und Volksschichten versichert halten. D e n n n ur d a n n ers c he i 111 e s verbürgt, daß alle M a fi n;1 11 m e 11 zur R e g e 1 u n g der wirtschaftlichen und sozialen Verhältn i s s e im Sinne strengster G c r e c 11 t i g - k e i t getroffen w e r d e n. Allen Volksstämmen und allen Wirtschaftsklassdn muß in gleicher Weise Hilfe werden. Die Zentralregierung und nur diese wird den wirtschaftlichen Wiederaufbau in diesem Sinne organisieren und leiten können. 2.) Unerläßliche ü r u n d b e d 1' n g u n g für fruchtbare Arbeit ist eine s c h I e u - n i g e undgründl icheRcorganisatio 11 d e s Verwaltungsapparat e s. Durch sorgfältige A uswahl der!,ersonen und z w e c k d i e 111 i c 11 e B e s t i m m u 11 g des W i r k 1111 g s k r c i s e s m 11 ß er zur Stütz e unbedingter Gerechtigkeit und u 11 h e - dingt erReichstreueausgestaltct werden, ln Erwägung all dieser Umstände unterbreiten die Gefertigten folgende Anträge: A. Der Plan und die Vorbereitung des Wirtschaftliehen und sozialen Wiederaufbaues ist einem von der Zentralregierung einzusetzenderi Komitee zu übertragen. Das Komitee ist unter Ausschaltung jeder Rücksichtnahme auf politische Machtverhältnisse und Sonderbestrebungen aus fachkundigen Männern des praktischen Lebens und der Wissenschaft, Oesjerreiehern, (ohne Rücksicht auf ihre Landes/ugehörigkeit) zusammenzusetzen. B. Zur Ordnung' (,kr wirtschaftlichen Verhältnisse in Galizien und der Bukowina sind in möglichst vielen Zentren der betreffenden Landesteile spezielle Sc hadenerhebungskommissi o n e n einzusetzen. Die Kommissionen sind der Zentralregierung direkt zu unterstellen. Sie sind, den Verhältnissen entspreeilend, aus Vertrauensmännern der polnischen, ruthenischen und jüdischen Bevölkerung zu bilden. Sie arbeiten unter dem Vorsitz eines delegierten Beamten der Zentralregierung, welcher nur dieser verantwortlieh ist. Kein Bürger darf unter irgendwelchem Vorwände daran gehindert werden, sei!1 e F o r d e r 11 ri g e 11 n n d B e - schwcrdend e n O rgaiiendiescr K o m m i s - s i o n e n unmittelbar m ii n d I i c 11 u n d schriftlich vorzutragen. Die Gefertigten bitten eine hohe k. k. Regierung diese Anträge um Feststellungen als den Ausdruck heißer Vaterlandsliebe und der Sorge um die Zukunft Oesterreichs zu werten und zu prüfen. Sie bitten aber auch als Vertreter der Interessen der österreichischen Judensehaft, insbesondere der schwergeprüften Juden Galiziens lind der Bukowina, um Gehör. Kein Volksstamm Oesterreichs hat so schwer gelitten wie die Juden. Niemand hat sie, das kann mit Stolz behauptet werden, im zähen Festhalten am österreichischen Staatsgedanken, in der glühenden Liebe zu Kaiser und Reich übertroffen. Neben Tausenden jüdischer Soldaten haben Tausende jüdische Nichtküinpfer in Galizien und der Bukowina wohl ihr Leben gelassen. Darum darf der Ruf u m S c h 111 z u 11 d R e c 111 f ü r d i e J u d e n s c h a f t G a i i z i e n s u 11 d d e r B u k o \v i 11 a nicht 11 ng e h ö r t v e r hall e 11! An vielen Anzeichen ist zu erkennen, dali natiunaler Chauvinismus und Rassenhaß sich zwischen die Juden und ihr Recht stellen, daß viele wiedereingesetzte Organe der Willkür in noch verstärktem Maße fröhnen. Sie deuten darauf hin, daß wiederum e i ti e d e r s t a a t s 1 r e u e s t e 11 B e v ö I k e r u n g sk 1 a s s e 11 ihres Re e 111 e s 11 n d d e r w ulilvcr-' dienten S 1 a a t s h i 1 i e s v s t e ni a t i s e h verkürzt w e r d e 11 soll u 11 d v e r k ü r z t w erden w i rd, w e 11 11 nicht eine hohe k. k. Regierung durch energisches Eingreifen sofortige Abhilfe schafft. Die Gefertigten erlauben sich noch darauf ־zu verweisen, daß die Juden Galiziens und der Bukowina gerade deshalb ungleich blutiger lind schwerer zu leiden hätten, als alle anderen, weil ihre unersclnittcrliehe Vaterlandsliebe und ihre felsenfeste Staatstreue den wütenden Haß des cingeilrimgenen Feindes erregten. 111 den Juden sollten die markantesten Truger des österreichischen Staatsgedankens im Osten getroffen werden. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes für Oesterreichs Wohl gelitten. Darum muß ihnen in Oesterreich ihr gutes Recht werden. W'i e n , den 25. Juli 1()15, A d o 1 f S t a 11 d Präsident des Zentralkomitees dergalizischeti Zionisten. Dr. Karl P o 11 a k Präsident des Exekutivkomitees der österreichischen Zionisten. ״Der polnische Januskopf“ Die beispiellosen Verleumdungen der galizischen Juden als ״Russenfreunde“, die von palnischen Blättern verbreitet und von Führern einfiußreicher politischer Parteien mit großem Nach,druck wiederholt werden, haben begreiflicherweise in weiten Kreisen des österreichischen Judentums großes Aufsehen und tiefste Entrüstung hervorgerufen. Die Unterstellungen des konservativen Führers Dr. H u p k a in der Krakauer konservativen Tageszeitung ״Czas“ haben natürlich in der gesamten jidischen Presse Oesterreichs die schärfste Zurückweisung get'unden, Einen besonders starken Eindruck rief ein Protestschreiben hervor, das der jüdische Reichsratsabgeordnete Heinrich Reizes in den Wiener und B u ,d a p e s t e r Zeitungen veröffentlicht hat. Reichsratsabgeordneter Reizes schreibt u, a.: ״Eure Gewährsmänner — auf deren Nebert&bsichten ich hier nicht eingehen will -־, welche die niederträcht i g s t e 11 Verleum 1d u n g e n über die galizischen Juden in die Welt gesetzt haben, haben sich der b e w u ß t e 11 Lüg e schuldig gemacht. Sie werden aher ihren Zweck nicht erreichen, weil glücklicherweise bereits maßgebende Persönlichkeiten die loyale Haltung der Juden zur Monarchie und ihr heldenhaftes Verhalten gegen den Feind während ׳der Invasionszeit festgestellt haben. Die Juden Galiziens, die die furchtbarsten Leiden auszustehen und Höllenpein z.u erdulden hatten, deren Leben während des vergangenen Jahres ein Ruhmesblatt in der jüdischen Marannengcsehichte bildet, -- diese Juden halten es für unter ihrer Würde, sich gegen derartige verlogene Insinuationeu zu verteidigen." Zum Schlüsse sei bemerkt,!;laß die österreichisehen Zionisten Schritte unternommen haben, um den Präses der Lemberger jüdischen Gemeinde, Dr. S c h a f, und einen p 0 1 n i s c h e n Reichsratsa b g e o r d n e t e 11, die sich während der ganzen Zeit der Russenherrschaft in Lemberg aufhielten, zu veranlassen, einen öffentlichen Protest gegen die grundlosen Verleumdungen des konservativen Füllrers Dr. Hupka im ״C z a s“ zu erlassen. Polnischer Antisemitismus in Amerika Der Antisemitismus der Polen kommt auch in den polnischen Zeitungen A in e r i k a s mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit zum Ausdruck. Während das repräsentative New Yorker polnische Organ ״Free Po!and" sieh noch bis zu einem gewissen Grade literarischen Anstandes befleißigt und sich im allgemeinen darauf beschränkt, die von Brandes, Bernstein u. a. berichteten Tatsachen abzuleugneu oder sie doch als unzulässige Verallgemeinerungen hinzustelleii, — so in einem langen ״Die Juden in Polen“ überschriebenen Artikel aus der Feder Alexander J a s i e 11 0 w s k i s in Nr. 17 dieses Blattes weiß der in Milwaukee erscheinende ״Kuryer Polski“ in einem am (1. Mai erschienenen Artikel über ״Das jüdische Problem in Polen“ die gegenwärtige germaiiophobe Stimmung in Amerika glänzend auszunützen, indem er die Juden als D e u t s c h c utid Dcutschgcsi n 111 e in Mißkredit zu bringen sucht. So heißt es in einem anderen ״Eine Antw o r t an Br a n des, B e r 11 s t e in, K;1 h n ü n d a 11 d e r e V e r I e 11 m d e r P o I e n s“ überschriebenen Artikel folgendermaßen: ״Die Sprache ist das Kennzeichen der Nationalität. J)ie Juden Europas und Amerikas gehören zwar einer anderen Rasse an als die Deutschen und haben auch eine andere Religion als diese; allein weil sie Deutsch als ihre Muttersprache angenommen haben, betrachten sie sieh als einen Teil der deutschen Nation.“ Nachdem der Artikelschreiber diese ״Wissenschaftliehe“ Feststellung gemacht hat, fährt er fort: ,,Aber warum erlauben die Juden den deutschen Preliagenten B r a 11 d e s , Bernstein, Le w i 11, Ähr. K a h a 11, L u z a 111 (!), die schändlichsten Ver- Icüiuduiigen gegen Polen in die Welt zu setzen, gegen dasselbe Polen, das im Laufe von sichen Jahrhunderteu den Juden eine freundliche Heimat war?“ — Und so gellt es weiter. Eine dritte polnische Zeitung Amerikas, der 1״ i z i e 1111 i k Z w i a 11 s k o w i“ in Chic a g o , veröffentlieht einen langen Artikel über ״Das neue Paliistina“. Das ״neue Palästina1' ist selbstverständlieh nicht jenes Mittelmeerland, sondern das ganz verjudete Polen, in dem die Juden ihre nationale Selbständigkeit wiederherstellen wollen. Nachdem sich der Schreiber des Artikels in kaum wiederzugebenden Beschimpfungen des Judentums ergangen und die nationalen Ansprüche der Juden in Polen als ״u n - erhörte Frechheit“ glossiert hat, hißt er zun! Schluß folgende nicht mißzuverstehemle Warnung an die Juden ergehen: ״Mir scheint, daß die Herren Zionisten an dem Faden unserer Geduld und unserer Liberalität zu stark zerren. Wir raten ihnen, davon zu lassen, es könnte sonst ein schlimmes Ende für sie nehmen!“ Diese Anführungen bilden nur einen kleinen Teil von dein, was von polnischer Seite in Amerika in Schrift und Wort gegen die Juden gehetzt wird. Es mag vorläufig als ״Kostprobe“ genügen. Aus Lemberg Die Lcmb e rg e r Behörde verfügte am 27. Juni auf Grund des § 7 des Reichsgesetzblattes Nr. 66 vom 17. September 1866 die Einstellung zweier bekannter polnischer Blätter in Lemberg, des ״Wiek N o w y“ und des ״D z i e n n i k P ol s k i“. Diese beiden polnischen Zeitungen haben während der Russenherrschaft in Lemberg eine nicht mehr zweideutige Rolle gespielt. Sie erachteten es als ihre Hauptaufgabe, die ״günstige Gelegenheit“ zu benutzen, um einen vernichtenden Schlag gegen die Juden zu führen. Dabei haben die Herausgeber und Mitarbeiter dieser Zeitungen sich in Beweisen der Ergebenheit den neuen Machthabern gegenüber nicht genug tun können. Dieselben Zeitungen waren aber auch sofort nach der Befreiung Galiziens am Werke, zunächst die Ruthe n e n , dann aber mit besonderem Behagen die J uden als Verrät er und Russen freunde hinzustellen. Die unvergleichliche Verwandlungskunst der Herren hat aber, wie man sieht, über ihre wahre Gesinnung und Haltung nicht täuschen können. Die Vertreibung der Juden aus Kurland Der in Kopenhagen erscheinenden ״J ü - d i s c h e n V o 1 k s z e i t u n g“ entnehmen wir folgende interessanten Einzelheiten über die Vertreibung der Juden aus Kurland. Als ich in Riga angelangt war, fiel mir gleich auf, wie sehr sich der Anblick der Stadt geändert hat. ln den Straßen sah man ein trauriges Bild abgehärmter Juden, die, ihr ganzes Vermögen in ihren zwei Händen, herumlungerten. (In der Stadt hielten sich damals 5Ü 000 60 000 zugewanderte heimatlose Juden auf.) Fast alle Juden hatten nur so viel von ihrem Eigentum mitgenommen, wie sie tragen konnten. Juden, gestern noch wohlhabende Hausbesitzer, freigebige Spender und in ihren Ortsgemeinden angescheue Männer, kamen zu den Hilfskomitees und baten um Unterstützung. Die Heimatlosen Berichteten mir ü b*e r u n e r - hörte Verbrechen, die man an ihnen begangen hat. Nachdem ich diese Aussagen geprüft und mich von ihrer Richtigkeit überzeugt habe, kann ich sie der (.)Öffentlichkeit übergehen: In der Funderstraße 21 befanden sich mehr als zwanzig Juden aus dem Städtchen S. im Gouvernement K o w n o , die vor ihrer Ausweisung von den Kosaken m i IS h a n d e i t wurden, ohne daß die Juden nach dem Grund fragen durften. Als ich die Juden in R i g a traf, steckten sie fast ganz in Verb ä n d e n. 111 solchem Zustande mußten sie zu Fuß nach Riga kommen. Dieselben Juden erzählten, dali auch vier Juden eines anderen Städtchens von den Kosaken so zugerichtet wurden, daß sie bald darauf ihren Wunden erlagen. Ein jüdischer Frauenarzt, der diese Juden photographierte, wurde unter dein Vorwand ver■ haftet, er sei ein Spion. Die Städtchen W. und M. sind fast ganz zer■ stört. Die Einwohner der Stadt M. haben einigt Male telegraphisch um die Erlaubnis nachgesucht nach ihrem Wohnorte zurückkeliren zu dürfen, tun ihr Eigentum zu holen. Sie erhielten keine Antwort Auf meiner Reise nach Riga traf ich mit einen angesehenen Kaufmann aus Dwinsk (Dünaburi: zusammen, der mir folgendes erzählte: Am zweite! Tage des Wochen festes fand ich mich mit noch einig t : Mitgliedern des D vv i n s k e r Hilfskomitees auf den dortigen Bahnhof ein, um einen eventuell eintreffende: Zug mit Flüchtlingen zu erwarten. (Nebenbei st bemerkt, daß man vielen Juden gestattete, in Ru; auszusteigen, und sie in Fr acht wagen weite transportierte, ohne den Ankunftsort auzugebcu. 1 vielen Fällen hielten sie 4—5 Tage auf kleinen St; tionen, ohne daß sie den Wagen verlassen durften Es traf auch gleich darauf ein Zug ein, aus de! ein erschütterndes Gejammer erscholl. Als wir <1 Wageiifüren öffneten, erblickten wir eine Grap[ alter Juden in Tallis und Tefilliit, des ״Mussaf“-Geb! verrichtend, mit einem Weinen und Jammer: das nicht einmal am Jom Kippur seinesgleicln hat. Ein alter Rabbiner, ein 90 jähriger Greis, in <1 ganzen Gegend berühmt und ein großer Gelehrt!, lag auf dem Boden und konnte sich nicht einmal z: ״Achtuhrgebet“ aufrichten. Seine trockenen Lipp: flüsterten immerfort: ״Umipne chataenu galinu 111!;)