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Jüdische Rundschau · 1915-08-20 · Heft 34 (20.8.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 34 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 272 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 34 erfüllt war, ist die Entrechtung der Juden wieder als zu Recht bestehend anerkannt worden. Die Juden sind um eine Hoffnung ärmer geworden, die ihre letzte war. Zwischen den Völkern Von Moses Calvary Friedrich Naumann betont in verschiedenen 'Aufsätzen der ״Hilfe“, wie wichtig es nach dem Kriege sein werde, daß Deutschland und Oesterreich — oder vielmehr das mitteleuropäische Oebilde, das er kommen sieht, — eine neue innere Stellung zu den Zwischenvölkern gewinne. In Nummer 31 der Hilfe definiert er Zwischenvölker als ״diejenigen Nationen, die zwischen der russischen und deutschen Macht nicht stark genug sind, eine eigene politische Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten, die aber nach beiden Seiten hin helfen oder hindern können und meist einen um so stärkeren Nationalitätssinn entwickeln, je weniger sie eine eigene Staatsmacht aufrichten können.“ ״Es sind,“ so fährt er fort, ״folgende Nationen: Polen, Tschechen, Litauer, Esthen, Ruthenen (Ukrainer).“ Und die Juden? Will Friedrieh Naumann sie ausscbalten aus der Reihe der Nationen? Naumanns Stellung zur Judenfrage war von jeher unklar. Dagegen ist nichts zu sagen. Die Judenfrage ist so schwierig und verworren, daß man vielleicht ein bedeutender Politiker sein kann, ohne in ihr ein klares entschiedenes Urteil zu haben. Als die Juden Dostojewski einst um ein solches Urteil baten, zeigte sich in seinen Antworten nur 'ein unklares Schwanken zwischen gutem Europäertum und rassischer Nationalgesinnung. Naumann hat, soviel mir bekannt ist, sich niemals entschieden ausgesprochen. Er hat, wegen des Nationaljudentums befragt, erklärt, daß es sich hier um eine innere Frage des Judentums handle, in die er sich nicht hineinmischen wolle. Im allgemeinen steht er wohl auf dem Standpunkt, daß die Rassenfrage kein naturwissenschaftliches, sondern ein historisches Problem sei. Nur einmal trat er aus seiner Zurückhaltung ein wenig 'heraus, indem er etwa schrieb — leider ist mir die Stelle in ihrem Wortlaut gerade nicht zugänglieh —: ״Ueber die Judenfrage genügt das eine, daß man in Deutschland ohne die Juden keine liberale Politik machen kann.“ Was bedeutet dieses pythische Orakel? Zunächst wohl: wir brauchen für die liberale Politik die Berliner Gelder. Weiterhin vielleicht: die deutschen Juden sind in ihrer Mehrheit liberal, und ihre Wahlstimmen sowie ihre Arbeit können für den Sieg des Liberalismus nicht entbehrt werden. Unschwer ist aus dem Ton des Satzes der Hintergedanke herauszuhören: eigentlich schade, daß es so ist, aber mit der Tatsache müssen wir rechnen. Mag sein, daß die Abhängigkeit Naumanns, als eines Führers liberaler Kreise, von der politisch liberalen Judenheit ihm so den Mund verschlossen hat, — heute müssen aus einem solchen Schweigen Folgerungen gezogen werden, die Naumann selbst vielleicht nicht lieb sind. Wenn er sich für die deutsche Judenfrage auch ebenfalls darauf beschränken zu können glaubt, bloß konfessioneile Differenzen zwischen Juden und Nichtjuden anzuerkennen, die in der Politik keine Rolle spielten; für die Frage der östlichen Juden, die jetzt auftaucht, ist das nicht mehr möglich. Aus Naumanns Schweigen über die Juden müßte gefolgert werden, daß er in dem östlichen Judentum einen nationalen Faktor, der als solcher Berücksichtigung verdient, nicht anerkennt: will er wirklich dem jüdischen Liberalismus auch diese Konzession machen? Der Neuliberalismus, das heißt der im wesentlichen durch Naumannsche Gedanken verjüngte Liberalismus ist, wie mir scheint, durchaus nicht so zukunftslos, wie viele jüngere jüdische Politiker ihn schelten; aber er muß sich dann auch in der Judenfrage von den Scheuklappen frei machen, die jüdischer Konfessionalismus ihm umgehängt hat, er muß die Juden als nationale .Sonderheit anerkennen. Oder soll der galizianische Zustand verewigt werden, daß die Juden Polens sich wohl deutsch oder polnisch oder ruthenisch nennen können, aber daß es ihnen verwehrt ist, sich Juden zu nennen? Naumann lehnt es mit Recht ab, bestimmte Leitsätze für die deutsche Politik den Polen gegenüber aufzustellen, solange über die zukünftige Gestaltung Polens nichts entschieden ist; das gilt auch für die Juden. Aber wenn er es trotzdem für nötig hält, sich schon jetzt mit dem Wunsch nach Verständnis in die inneren Zustände der polnischen Seele zu vertiefen, wenn Rohrbach in der ״Hilfe“ dasselbe für Balten, Esthen und Letten versucht, so dürfen wohl die Juden ein gleiches für sich beanspruchen. Auch sie gehören zu jenen Zwischenvölkern, deren Nationalität Naumann zu achten bereit ist, soweit es innerhalb des Großstaatssystems der Gegenwart möglich ist. Freilich dürfte ein solches Verständnis nicht leicht werden, nicht einmal den deutschen Juden, geschweige denn den Stammesdeutschen. Denn der Fluch der Bibel ״mefusar uineforad ben haamim,“ — zerstreut und zertrennt zwischen den Völkern — ist an den Juden grausam in Erfüllung gegangen und hat in ihnen die Tragik der Zwischenvölker, auch in ihren Idealen auseinander- Zum Todestag David Wolffsohns. Am 24. Elul (3. September) ist *in Jahr vergangen, seit David Wolffsohn uns entrissen wurde. Die Erinnerung an seine Persönlichkeit und sein Wirken wird in uns allen wieder aufs schmerzlichste lebendig, wir empfinden aufs neue, was wir mit ihm verloren haben. Zugleich aber fühlen wir auch die Verpflichtung, das Andenken des verewigten Führers zu ehren, indem wir nach unserem Können das Werk zu erhalten und zu fördern suchen, dem seine heisseste Liebe gehörte: die Siedlung in Palästina. Am Todestage David Wolffsohns gedenken wir insbesondere des David und Fanny Wolffsohn-Fonds zur Errichtung von Arbeiterheimstätten in Palästina, der in dieser Zeit des Weltkrieges, wo Palästina von schwerster wirtschaftlicher Not heimgesucht wird, doppelt an Bedeutung gewinnt. Es ist eine Ehrenpflicht jedes Zionisten, am Todestage unseres verewigten Führers diesen Fonds zu bedenken und David Wolffsohn dadurch einen Teil des Dankes abzutragen, den jeder Einzelne von uns ihm schuldet. Jüdischer Nationalfonds Zentrale für Deutschland. gerissen zu sein, furchtbar vertieft. Die seelische Struktur der Ostjuden selber ist weniger einheitlieh als die irgend eines anderen Zwischenvolkes, und man muß sich zunächst begnügen, die bcstehenden Divergenzen in ihrer Eigenart atifzufassen und hinzunehmen. Es ist schon oft betont worden, daß die Ostjuden mehr als andere Völker dem Deutschtum durch ihre Sprache nahestehen: alle können Deutsch, fast alle verdanken wertvolle Bestandteile ihrer Bildung der deutschen Kultur. Das ist sicher richtig und für die Zukunft von nicht geringer Tragweite, für die Vergangenheit darf es jedoch nicht allzusehr überschätzt werden. Es wäre eine Blindheit, die sich früher oder später rächen müßte, wollte tnan die Ostjuden durchaus Ns Freunde der Zentralmächte und Feinde der Entente hinstellen. So wenig Grund die Ostjuden Rußlands und Amerikas haben, Rußland zu lieben, so wenig hat Preußen sich bemüht, sieh ihre politischen Sympathien zu verschaffen. Denn Preußen sah in der Judenfrage wie in der Polenfrage innere Probleme, und hat beide, ob mit Recht oder Unrecht, als solche behandelt, ohne Rücksicht auf etwaige äußere Politik. Die Schwierigkeiten, die die preußische Regierung seit Jahrzehnten der Aufnahme und Naturalisation von galizischen, ungarischen, russischen Juden gemacht hat, konnte nur dieSympathicn derüstjuden für England, Frankreich und Amerika verstärken; denn wenn jene Länder auch bereits anfingen, die massenhafte Einwanderung der Ostjuden zu beschränken, so herrschten dort im ganzen doch vorläufig noch die liberalen Traditionen des neunzehnten Jahrhunderts. F.in Gegensatz zu Deutschland ist ferner sowohl in der sozialen Schichtung wie in gewissen kulturellen Zusammenhängen gegeben. Noch vor neunzig Jahren bemerkte Heine, daß in der preußischen Provinz Posen der dritte Stand ausschließlich aus Juden bestehe. Das mag schon damals nicht völlig richtig gewesen sein und hat sich für die preußische Provinz jedenfalls seitdem erheblich verschoben. Aber in dem russisehen Polen galt es noch vor wenigen Jahrzehn־ ten, und der rücksichtslose Kampf des plötzlich aufstrebenden Polentums gegen die Juden ist zum Teil auf diese Zusammensetzung der Bevölkerung zurückzuführen. Dieser dritte Stand ist nun zweifellos sowohl in seinen Lebensgewohnheiten wie in seinen geschäftlichen Gepflogenheiten von der russischen Willkürwirtschaft beeinflußt, und man wird ihm Zeit und Gelegenheit geben müssen, sich an die deutsche Ordnung, die ihm bislang noch vielfach als Pedanterie erscheint, zu gewohnen. Diese Tatsache hervorzuheben scheint mir um so wichtiger, weil selbst jüdische Organe glaubten, von den polnischen Juden als von einer minderwertigen Sorte Menschen abrücken zu müssen, uneingedenk ihrer eigenen jüdischen Vergangenheit und der Entwicklung, die das deutsche Judentum in den letzten hundert Jahren unter dem Einfluß geordneter Zustände genommen hat. Die jüdischen Arbeiter Polens, vielfach Sozialisten, hassen zweifellos die russische Regierang, aber viele unter ihnen glauben an eine künftige Sendung des erst frei gewordenen russisehen Volkes. Sie teilen diesen Glauben mit vielen gebildeten Kreisen der polnischen, wie vor allem der russischen Juden. So seltsam es manchem deutschen Juden zunächst scheinen mag, diese gebildeten Juden Rußlands haben zum Teil eine schwärmerische Verehrung für die russische Seele, da sie von der russischen Kultur cntscheidende Einflüsse für ihr geistiges Leben erfahren haben. Gab es doch selbst unter den deutschen Balten viele, die durchaus rußlandstreu waren, unter denen nun zu Beginn des Krieges jene tragischen, von Rolirbach mitgeteilten Verse entstanden: Wir singen kein Lied, wir sprechen kein Wort, Wir drücken uns stumm die Hand, Wir kämpfen uns staubige Wege fort, Wir — ohne Vaterland. Die Masse aber der polnischen Juden empfindet weder polnisch noch russisch noch deutsch, sondern zunächst jüdisch. Naumann stellt in seinen! Aufsatz die Zwischenvölker gleichsam vor eine Alternative, er meint, daß es in allen kleinen Nationen von nun an eine mehr deutsche und eine inehr russische Partei oder Richtung geben wird. Aber das ist durchaus nicht notwendig. Die Zwischenvölker werden sich ohne weiteres in ihrer Gesinnung dem Staatsganzen einordnen können, wenn man ihnen nur nationale Bewegungsfreiheit läßt. Das aber können die Juden vor allem erwarten, daß sie nicht etwa staatsrechtlich von den Polen, augenblicklich ihren grimmigsten Feinden, abhängig werden, wie sie es in Galizien sind. Hier in Qalizien hat die Tatsache, daß ein jüdisches Volkstum von seiten der Regierung nicht anerkannt wurde, sondern die Juden immer mehr ״atomisiort“, vereinzelt würden, den Juden mir zwei Möglichkeiten gelassen: einerseits wurden sie von den Polen unterdrückt, andererseits wurde ein großer Teil der Intelligenz ins polnische Lager getrieben. Gerade das mußte im Interesse der deutschen Politik vermieden werden. Nur wenn man den Juden ihre Nationalität mit den damit verbündenen Rechten in demselben M׳. ׳Je wie anderen Zwischenvölkern läßt, werden sie in den Zentralmachten die Befreier vom russischen joche erblicken können: und das gerade ist ja Naumanns Ziel. Einen starken Widerstand haben die Zentral-!nächte von seiten der Juden schon darum nicht zu fürchten, weil diese gelernt haben, mit den Tatsachen zu rechnen. Das ist keineswegs ein moralisches Lob; aber es ist etwa das Ergebnis einer niederdrückenden, den zähesten Lebenswillen erzeugenden Geschichte von Jahrhunderten und wird der deutschen Regierung, wie immer sic ihre Verhältnisse ordnet, ihre Sache erleichtern.

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