Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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\. ׳ ׳\ \! A ׳ r I י¬¬ ו Abonnements - I I I I I I Jüdische Rundschau, G. m. b. H. | BERLIN W.1S, Sächsische Straße 8. j Telephon: Amt UhUnd 845, 846, f Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. | atif die wöchentlich am Freitag erscheinende ״Jüdische Rundschau“ kosten bei der Expedition und bei allen Postämtern vierteljährlich M• 1,00 innerhalb Deutschlands, in Oesterreich- Ungarn M. 2,50, in» Ausland M. 8,—. DU6DISCH6 RUNDSCHAU Anzeigen kosten für die sechsgespaltene Petitseile oder deren Raum 40 Pf.; Stellen- Angebote und - Gesuche sowie Vereins- Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen" O o O O nur 30 Pfennig. O 0 O O Manuskripte werden, wenn Porto hei liegt* stets *uriiekgesandt. Redaktionascblufl: Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundichan BERLIN W. 15, Sächsische Strafe 8. Telephon: Amt UhUnd 845, 846« Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. ALLC6M6IN6 3UCDISCHC ZCITUNfi Nummer 34 Berlin, den 20. August 1015 10. Eiul 5675 | j XX. Jahrgang. Ausweis der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Schekel: Berlin 2, , I)1׳utsch-Ey!au 1,-•-, Elberfehl (30, , München 15,—, Traunstein 1, aus dem Felde 2, . Landesbeiträge.• Berlin 4,-, Berliner Zion. Verein. (für 1 <414) 15, Elberfeld (f. 1014) 180, , Frankfurt a. O. 1, , Mannheim 150, München 12,—, Berlin (Einzelbeitrat;) 3, . Propagandafonds: Berlin: R-A Dr. A'fred Ba. drian 20, (10, f. 1014), Dr. Albert Baer 10, , J. Colin 30,- (davon i. 1014 15, ), Dr. Walter Fischer 3, (1014), P. Hauser 5, , R.-A. T11. Heilborn 20, , Dr. A. Juda 10,-■, Dr. Smoira 5,—, Dr. Tugendreich 15,; Breslau: Leo Grünthal 20,; Crefeld: R.-A. Wilczek 5,-; Elberfeld: Mirjam Epstein 5,-■; Gnescn: Eugen Oelsner 5,--; Guttstadt (Ostpr.): D. Schwarz 12,-■■; Hombruch b. Dortmund: Gustav Eisenstein 2, (2. Rate); Königsberg i. Pr.: Dr. Sandler 5,; Thale: Leo Reichenbach 10,—; Zcrkovv i. Posen: Tierarzt Dr. Mai 10,; aus dem Felde; Leutn. d. Res, Max Elias-Mühlhausen i. Thür. 10, , Oberarzt Dr. Grünfelder-Berlin 20,—, Dr. S. Hildesheimer-Berlin 12, , R.-A. Nothmann-Krotoschin 10, , 11.-ü. Pinczower 5, , Off.-Stellv. Em. Roer-Berlin 10, , Dr. Adalbert Sachs-Berlin 20,—, Unterarzt Dr. j. WeilSbrem 10, , Unterarzt Dr. Ernst Wolff 10, , Kanonier Ernst Wollstein 5,—. Eingang vom 12• bis 19. August: Schekel; 81, Al.; Landesbeiträge: 365, M.; Prop a g a n d a fonds; 306, M. Gesamteingang: Schekel; 22S3, M.; Laudesb eiträge: 3110, M.; Propagandafonds: 8049, - M. Die russische Duma und die Juden Von Leo Rosenberg Unsere Brüder in Rußland haben nun den Leidenskelch bis zur Neige geleert. Was sie in diesem blutigsten Jahre der Weltgeschichte erduldet haben, wird das furchtbarste Kapitel einer tausendjährigen Leidensgeschichte bilden. Wahrlieh, die finstersten Zeiten des Mittelalters erstehen vor unserem geistigen Auge, wenn wir vernehmen, was Millionen Juden des Zarenreiches in diesen letzten Monaten über sich ergehen lassen mußten. Daß sie aber in diesem Meer von Blut und Tränen nicht ganz aufgelöst worden sind, daß sie nicht einer dumpfen Verzweiflung anheimgefallen sind, ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß in ihnen noch eine Hoffnung lebte, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das große russische Volk, glaubte man, werde in diesen schicksalsschweren Tagen Einkehr halten und eine seelische Wandhing durchniachen. Es werde, sehend geworden, der geschändeten Gerechtigkeit zum Triumphe verhelfen. Denn die Juden Rußlands wußten, daß außer ihnen noch zahlreiche Völker und Stämme m diesem großen Volker-Mausoleum, Rußland genannt, auf den Tag der Auferstehung harren, und daß auch das ״herrschende“, einem narnenlosen Elend preisgegebene russische ״Volk“ ihr Leidens- und Kampfgenosse ist. So harrten sie 1 uf den Tag, der allen Niedergedrückten Erlösung! ringen werde. Und sie durften glauben, daß dieser 1g jetzt, da das Alte ins Wanken geraten ist 1 id die Erkenntnis von der Unumgänglichkeit 11 -יer Reform an Haupt und Gliedern auch in den o■rdunkeltesten Köpfen zu tagen beginnt, daß v eser Tag der Aufrichtung nicht mein־ in weiter I erne liege. Sie warteten auf das Wunderbare .. . , Eine schmerzlich? Enttäuschung ist ihnen! och diesmal nicht erspart geblieben. Diesmal ״Per Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. aber kam sie nicht von der Tücke der tyrannischen Machthaber, sondern von den anerkannten Vert r e t e r n des russischen Volkes in einer feierlichen Kundgebung der Reichsduma. Am 2. August wurde die XX. Session der russischen Reiehsduma eröffnet. Der zweite Tag der Verhandlungen war ganz der ״Nationalitätenfrage“ gewidmet. Es wurden wieder in jener eigenartigen Mischung von Sentimentalität und Wuchtigkeit Anklagereden gegen die Regierung gehalten, deren Wirkung durch ihre Wiederliolung in jeder Dumatagung nicht gerade gesteigert wird. Den Reigen eröffnete diesmal aber der auf der äußersten Rechten stehende Pogromagitator Markow II, der bezüglich der Vertreibung der Juden aus den kriegsbedrohten Gebieten ausführte, daß die massenhafte Abschiebung der verräterischen Juden notwendig sei, und daß man sie auch im Innern Rußlands isoliercri müsse, damit sie nicht weiter die bösen Taten äusftihren, wegen deren sie ihre Wohnorte verlassen mußten. Die üktobristen arid Nationalistcn zogen es vor, die Juden ganz totzuschweigen. Dann hielten M i 1 j u k o w, K e - r e n s k i und T s c h c h e i d z e flammende, von tiefster sittlicher Entrüstung und lebhaftestem Gerechtigkeitsgefühl getragene Reden, in denen sie auch für die Sache der Juden eintraten. Auf sie folgte der Vertreter der Juden in der Duma, N. M. F r i e d m a n n , der in einer ebenso würdewie wirkungsvollen Weise sprach und dessen erschlitternde Berichte unsern Lesern aus der Tagespresse bekannt sind. Seine Rede war eine Tat. Sie war zugleich der Schmerzensschrei eines his aufs Blut gepeinigten, gehetzten Volkes und eine stolze Kundgebung seines ungebrochenen Daseinswillens. Von derselben Tribüne, von der im Februar dieses Jahres der russische Minister des Acußeren Ssasonovv die Pogrome als ,,Verleumdung“ und ,,mißgünstige Erfindung der Deutschen“ zu dementieren wagte, stellte der Vertreter der Juden unter dem verständnisinnigen Schweigen des ganzen Hauses fest, daß P 0 g r o!11 e , Gewalttaten, Frauenschändungen durch das russische Heer verübt worden sind, und stellte in Ais sieht, auf die grauenerregenden Einzelheiten in einer geheimen Sitzung näher einzugelnm. So körnte er den Abgesandten des russischen Volkes zurufen; ״Die spanische Inquisition, meine Herren, war ein Kinderspiel im Vergleich mit dem, was jetzt den Juden in. Rußland geschieht“ . . . Nun kam der bedeutendste und denkwürdigste Moment dieser Duiriatagung. Es geschah, was wohl auch unter den Juden die Wenigsten erwartet haben. In diesen großen Tagen der Einkehr und der Selbstbesinnung hat das russische Volk durch seine Vertreter in der Duma klar an den Tag gelegt, daß es für die Sache der Juden nichts übrig hat. daß es nicht gewillt ist, die Sache der Juden zu der seinigeii zu machen. Im Namen des Zentrums, der Nationalisten und der Oktobristen formulierte der rechtsste•׳ liende Graf Bobrinski ein Bruder des russisehen Statthalters in Galizien einen Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung, in dem ausgeführt wurde: ״Unter der Betonung des Umstandes, daß der rasche Sieg allein durch die Beteiligung der gesamten Bevölkerung an der Be- Schaffung des Kriegsmaterials ermöglicht werden kann, was aber nur zu erzielen sei durch die Sicherung des inneren Friedens und Hintan- Setzung aller früheren politischen Gegensätze lind Kämpfe, sowie durch ein gutes Verhältnis und freundliches Entgegenkommen der Regierung gegenüber den Jnteressen aller treugesinnten Elemente der russischen Bevölkerung, ohne Unterschied der Abstammung, der Sprache und des Bekenntnisses, und mit der Ueberzeugung, daß nur ein einmütiges Zusammenwirken des Volkes mit der Regierung den Sieg verbürgen* kann, und der Erwartu n g, daß die bisherigen Schwierigkeiten in der Heeresversorgung durch dieses Zusammenarbeiten aufgehoben und die Schuldigen ohne Ansehen der*Stellung einer gerechten Strafe verfallen werden - geht die Reichsduma zur Tagesordnung über.“ Die Partei der Konstitutionellen Demokraten (Kadetten) trat dieser Formulierung entgegen, indem ihr Wortführer, Miljukow, die Streichung des Wortes ״treugesinnt“ forderte. Ihr schlossen sich natürlieh auch die Progressisten und die Sozialdemokraten an, obgleich die letzteren sich überhaupt gegen die ganze ״Formel“• ablehnend verhielten. Diese letzteren wollten noch einige Bestimmungen, so wegen einer, Amnestie und der Verantwortlichkeit der Regierung vor der Reiehsduma, hineinbringen. Darauf schlug der Abgeordnete T e w k e 1 j e w im Namen der Vertreter der lettischen, litauischen, esthisclien, arrncnischen, mohammedanischen und jüdischen Bevölkerung einen Zusatz zur Uebergangsformel vor, dahin lautend, daß die Duma ihrem Wunsch Ausdruck gebe, daß in naher Zukunft Mittel ergriffen werden, um 1. die gegen die nichtrussisehen Völker gerichteten administrativen Repressivmaßregeln aufzuheben; 2. auf gesetzgeberischem Wege alle jene erschwerenden Gesetze zu beseitigen, die an Religion und Nationalität geknüpft sind. Dieser Vorschlag wurde mit einer Mehrheit vor! 101 gegen 162 abgelehnt; die F o 1־ d e r u 11 g d e r Kadett e n , das o m i n ö s e W o r t ״t r e u g e s i n n t“ z u streichen, w 11 r d e in ei 11 e r 7. w eiten A b s t i tu 11111 n g in i t g r o ß e r M e h r heit a b g e I e h n t. Bei der Eiulabstimmung wurde die Uebergangsformel m i t fast allen S t i m - m e n , in i t alleiniger A ti s n a h 111 e d e r S t i ni 111 e n der S o z i a 1 d e 111 o kraten, der ״Trudowiki“ und einiger rechtss t e 11 e n 11 e r A b g e o r d n e t e r a n g e n o m - men. Dafür haben also auch die Kadetten gestimmt, nachdem sie ihre ״Verbesserung“ nicht durchzuset/eii vermochten! - Die Ablehnung des Antrages Tcwkeljew erbringt den deutlichen Beweis, daß die russischen Juden von dieser Duma nichts zu erwarten haben. Der Antrag war so unkonkret, daß er auch im Falle seiner Annahme zu keinen greifbaren Ergehiiissen geführt hätte. Aber nicht einmal für diese platonischen Wünsche war eine Mehrheit zu haben. Unsere russischen Brüder wissen nun, was ihnen bevorsteht. In einer Tagung der Vertreter des russischen Volkes, die im Zeichen des nahenden Weltgerichtes stellend, von den Gefühlen der vielgepriesenen brüderlichen Zusammengchörigkeit aller Völker und Stämme des Reiches