Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JUEDISCHE RUNDSCHAU Pressestimmen zur Bostoner Convention ״The Jewish Advocate“ (Englisch-jüdisches Wochenblatt in Boston). Im ״The Jewish Advocate“ veröffentlicht ein Delegierter seine Eindrücke von der Con- .vention: Abgesehen von den großen Weltkongressen, die in früheren Jahren in den verschiedenen europäischen Ländern stattfanden, hat niemals eine wichtigere Zusammenkunft der Zionisten stattgefunden als! diejenige, die jetzt ihre Sitzungen hier in Boston zu'Ende geführt hat. Nicht nur in Anbetracht der großen Teilnehmerzahl, sondern auch in Anbetracht der hervorragenden Bedeutung der Zionisten, der amerikanischen wie der fremden, die anwesend waren, ist diese Convention die bemerkenswerteste gewesen, die je in Amerika stattgefunden hat. Die Eröffnungssitzung am Sonntag Morgen war ein eindrucksvoller Beweis für die neue Harmonie, die jetzt im amerikanischen Judentum herrscht. Die :Redner waren‘alle Vertreter oder Anführer wichtiger jüdischer Organisationen, und als einer nach dem anderen sich erhob, um seine Ergebenheit für das zionistische Programm zu verkünden und die loyale und finanzielle Unterstützung der Mitglieder seiner Vereinigung für die zionistische Sache zuzusagen, war es ganz klar, daß alle Parteibeziehungen ihren ge- .meinsamen Treffpunkt im Zionismus finden. Durch alle Versammlungen klang eine hohe Note begeisterten Gemeingefühls. Es gab nicht einen Moment, wo die Diskussionen nicht von einem stark vibrierenden rührenden Geist durchdrungen waren, ln den großen Versammlungen der Convention kam dieser Enthusiasmus am deutlichsten zum Ausdruck. Der Anblick der Massenversammlung am Sonntag Abend war imposant. Wenn man auf der Tribüne stand, blickte man auf die Zuhörerschaft — ein Meer von Gesichtern, die auch die letzte Reihe und jedes Winkelchen, jede Nische, jeden Korridor füllten — eine lebendig wogende Menge, von der jeder einzelne mit gespannter Aufmerksamkeit jedem Worte lauschte, das von den Lippen des Redners fiel, und jedem Satz, der den nationalen Standpunkt verherrlichte, donnernden Beifall spendete . . . Auf dem Bankett am Montag Abend, wo 100 000 Doll, gesammelt wurden, wurden gleiche Beifallsbezeugungen laut. Diese Tatsache liefert dem Kenner amerikanisch-jüdischer Geschichte eine glänzende Illustration zu der Veränderung, die im amerikanischen Judentum in den letzten zwei Jahrzehnten vor sich gegangen ist. . ,Sehr interessant waren auch die Versammlungen der zionistischen Zweigvereine. Charakteristisch waren die Ovationen, die Herrn Louis D. Brandeis dargebracht wurden. Immer, wenn er sich zum Sprechen anschickte, erhob sich ein Sturm von Beifall und ein׳ Tribut tiefer persönlicher Zuneigung. Jederzeit erhob sich ,seine überragende Erscheinung und seine distinguierte Persönlichkeit aus der Menge. Immer zeigte er den klaren und unbeirrbaren Geist, der ihn zu seiner jetzigen hohen Stellung gebracht hat. Er besitzt Selbstkontrolle und Selbst- Beherrschung in bemerkenswertem Grade und hat unzweifelhaft die Eigenschaften für einen Staatsmann. Die Convention hat bewiesen, daß der Zionismus die größte vereinigende Macht im amerikanisehen Judentum geworden Ist ... ״Jewish Comment“ (Englisch - jüdisches Wochenblatt in Baltimore). Der ״Jewish Comment“ vom 9. Juli schreibt u. a.: Wir hatten in Boston nicht die 18. Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten föaeration, sondern den ersten amerikanischjüdischen Kongreß, einen Kongreß, der treulieh das amerikanische Judentum repräsentierte, denn .'zweifellos hatte er die Zustimmung der großen jüdischen Masse. Für diejenigen von uns, die den Vorzug hatten, an seinen Beratungen teilzunehmen, um unsere Bewegung in ihren tiefsten Tiefen durch die Vision eines wiedererstandenen Judentums aufzurütteln, für diejenigen, die die besten Intelligenzen, die wir aufzuweisen haben, unserer Sache ergeben gesehen haben, gibt es keinen Mittelweg — da heißt es entweder jüdischer Nationalismus oder vollkommene Assimilation. Die große• v e r e i n i - gende Macht des Zionismus hat sich nie deutlicher gezeigt als hier, wo auf der gleichen Tribüne, mit dem gleichen Ideal einer jüdischen Wiedergeburt, für die gleiche Sache eintretend, eins mit sich und der Welt, Rabbiner Meyer Berlin, der Vertreter des streng orthodoxen Elementes, und Stephan W h i s e, der Vertreter der äußersten Reformartei, standen, und Zwischen diesen Vertreter-jeder chattierung von Orthodoxie und Reform ... Es gibt in der intelligenten christlichen Welt keine Anti- Zionisten. Sie stimmen nicht nur dieser großen Demonstration eines Strebens nach einem Ideal bei, sondern sie werden davon angeregt. Die einzigen Anti- Zionisten befinden sich unter den Nachkommen derjenigen, welche an den Wassern Babylons weinten und schworen, niemals Jerusalem zu vergessen. Sie sind jetzt nur ein Ueberrest. Werden sie zurückkehren? Aus der russischen Duma In der russischen Duma hielt der jüdische Deputierte Friedmann eine Rede, aus der wir vorläufig folgenden kürzeren Auszug bringen. ״Die Juden zeigen sich ungeachtet aller Verfolgungen und Unterdrückungen sowie der Rechtlosmachung׳ im Kriege dennoch als wahre Patrioten, sie standen den anderen Nationen• in keiner Beziehung nach, sie mobilisierten alle ihre Einberufenen, nur mit dem Unterschiede, daß sie dank eines Ausnahmegesetzes und im Gegensatz zu allen anderen russischen' Untertanen auch ihre einzigen Söhne in. den Krieg schickten. Die Zeitungen registrieren eine ungeheure Menge jüdischer Kriegsfreiwilliger. Diese Freiwilligen sollten ihrem Bildungsgrad nach Anspruch auf Offiziersrang haben, aber sie wußten ganz gut, daß sie als Juden den Offiziersrang nicht erhalten werden. Trotzdem zogen sie in den Krieg. Zahlreiche jüdische Studenten kamen aus dem Ausland und gingen an die Front. Die Juden bauten Lazarette, spendeten viel Geld und brachten v e r h ä 11 n i s - mäßig weit größere Opfer als andere Nationen. Viele jüdische Soldaten bekamen auch das Georgskreuz. So war dje Stimmung der Juden bei Kriegsausbruch. Ursprünglich schien es, als ob man mit dieser Stimmung und mit dem Gefühl von Hunderttausenden von Juden, die ihr Blut fürs Vaterland vergießen,, rechnen wird. Aber geschah es in Wirklichkeit? Juden und Jüdinnen, deren Männer, ' Kinder und Brüder ihr Blut fürs Vaterland vergossen haben, wurden überall verfolgt und ausgewiesen. Viele durch den Krieg zu Krüppeln gewordene jüdische. Soldaten wurden, als sie aus dem Lazarett entlassen waren, in den Ansiedlungsrayon geschickt. Anders als eine Schmach kann man dies nicht nennen.“ Friedmann sprach dann weiter über die Unterdrückung der jüdischen Presse, über das Verbot der jidischen Sprache in Wort und Schrift, über die Prozentnorm in den Lehranstalten und über alle schrecklichen Verfolgungen und Leiden der Juden. . ״Gestern,“ so führte er weiter aus, ״wurden hier den Polen Begrüßungsreden gehalten. Das ist natürlich gerecht und richtig. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß im Polenlande und in den Grenzgebieten jüdisches Blut in starken Strömen fließt, und zum Unglück nicht nur von Feindeshand. Militärbehörden und Regierung brauchten Sündenbocke für ihre Mißerfolge. ׳Man benutzt zu diesem Zwecke die alte Firma, das ist der Jude. Kaum überschritt der Feind die Grenze, so verbreiteten sich schon Gerüchte, daß jüdisches Gold auf Aeroplanen, in Särgen und Eingeweiden von Gänsen zu den Deutschen floß. Die Legende wuchs, sie verbreitete sich dank der Agitation der Regierungsagenten und nahm schließlich ungeheure Dimensionen an. Den Juden gegenüber wurden unerhörte Maßnahmen angewendet, und diese Maßnahmen, die vor den Augen der ganzen Bevölkerung vollzogen wurden, flößten derselben und der Armee das Gefühl ein, daß die Juden als schlimmste Feinde des Landes außerhalb des Gesetzes stehen. Zuerst wurden alle Juden aus Polen und Litauen ausge wiesen. Ueber eine Million Menschen mußten den Bettelstab ergreifen. Verwundete jüdische Soldaten mit dem Georgskreuz wurden in Viehwagen und wirklich wie Vieh mit einem Frachtschein abtransportiert. In demselben Frachtschein unter der Rubrik,״Art der Ware“ standen: vierhundertfünfzig, oder sechshundert, oder tausend ausgewiesene Juden. Eine andere harte Maßnahme war das Geiselnnehmen. Es handelt sich hier um einen unerhörten Fall in der Weltgeschichte. Man nahm Juden als Geiseln, also Staatsangehörige des eigenen Landes.“ Aus der Lemberger Russenzeit Das Zionistische Zentralbureau erhielt, von seinem Sekretär Herrn Dr. Max Geyer, der die Zeit der russischen Herr- Schaft in Lemberg erlebt hat, einen Bericht, dem folgende Stellen entnommen seien: Die Evakuierung von Lemberg kam so schnell, daß es mir nicht mehr möglich war, mit meiner Familie zu verreisen. Ich■ blieb also in der Russenstadt. •Erlebnisse gab es in Fülle, nur schade, daß gar keine Aufzeichnungen angelegt oder besser fortgesetzt werden durften. Am allerwenigsten ,war das mir möglich, da ich unter strenger Ueberwach u n g seitens der gut organisierten Ochrana gehalten wurde. — Was ich durchgemacht und durchgelitten habe, läßt sich kaum ,auf diesem Wege schildern. Ich hatte aber auch meine S a t i s f a k t i o n. Denn es gelang uns — meiner Wenigkeit in Verbindung mit den anderen zurückgebliebenen Gesinnungsgenossen — im Rahmen des gleich gegrün- Seite 267 deten Rettungskomitees, eine großartige" Tätigkeit zugüns’i en der armen j ü d 1 s c h e n‘.B e-' ,völkerurig zu entwickeln. Es heißt;:jetzt•auc^a]!';! gemein, daß die Z i o n i s t e n ■hier .in.״־Abwesenheit; der Kultusgemeinde und aller anderen :maßgebenden׳ Faktoren geradezu W un d e r gewirkt habehAWit’ haben mehr als 170000 R u b e 1 an׳ baren ■G eld ״ Unterstützungen, überdies Brot und. Schuhe ausgeteiit. Ich habe gleich nach dem ,Abzug.der• :Rüssen clas: jüdische j,T a g b 1 a 11“ wieder jns Leben 'gerpfen,■; da es während der Invasionszeit eingestellt war. Es ist eine große Mühe, dienn' ich-bin ganz allein-.:-:,'4 Das Elend hier ist unbeschreiblich. Und‘ die Teuerung zusammen mit ׳ der Krankheit reiben _:altes auf, was noch irgendeinen. Halt haben, könnte!/;.jT jüdischer Nationalkalender Ende August erscheint 'im Verlage, R. L ö vyi t in Wien der ״Jüdische Nation a 1 k ä 1 e n d e jd für das Jahr 5676, herausgegeben. Von Dr.; Otto Abel es und Ludwig B a t o. A11 diesem Jalirbuch'e werden Männer des bewußten Judentums <mitarb:etteuj die in dieser sturmbewegten Zeit . zu? ihrem Volke sprechen und es beraten wollen. .Unter anderen.haben Beiträge zugesagt: _י' Dr. Otto A b e Fe s, Ludwig Ba tö; Dr.'Siegfried Bernfeld;. ■Dr. Nathan Birnbaum, Thekla Blech-Merwin, Kurt Blumenfeld, Max B r o d , Adolf Friedemann, Adolf Lichtheim, Dr. A. Schwadron, Adolf S t a hd, Abgeordneter Dr. St rau eher, Rabbiner Dr. Thon, Dozent Harry Torczyner, Dr. Egon Z vve i g usw; ׳-' , . Aufsätze, Novellen, Skizzen ,und Gedichte unserer ersten Schriftsteller :(darunter ungedrückte Gedichte von Hugo Zucker mann) und ein erlesener Bilderschmuck werden diesem jüdischen. Volksbuche dauernden Wert verleihen. Der ״J ü d i s c h e N a t i o n al ד k a 1 e n d e r“ soll als ein starker, handlicher Band erscheinen.; AUS ALLER WELT Aus Palästina. ' Louis H. L e v i n, welcher den Lebensmitte(- transport auf dem amerikanischen Regierungsdampfer ״Vulkan“ nach P a 1 ä s t i n a begleitet hätte? ist auf dem griechischen Dampfer .',,Athen a i“׳;,nadj Amerika zurückgekehrt. Dem ,J e w'i s 11 Comment“ vom 8. Juli zufolge berichtet er, daß die Lage der Juden in Pal'äsf i'n a. jetzt;,äußer) ordentlich schlecht ist. Er' fand dort sehr Wenig Lebensmittel und die vorhandenen konnten’;hur zu sehr hohen Preisen erstanden:werden.:?Ferner fand er die Juden ohne genügende Mittel, um Nah? rungsmittel zu kaufen, selbst wenn sie zu haben waren. Und schließlich haben noch die Heuschrecken die diesjährige Ernte total zerstört. .:■::y-A-■ ״Als unsere Gesellschaft in Palästina ankam,“ sagt Herr Levin, ״fänden wir. die Verhältniss!l noch schlechter, als man uns berichtet: hatte. ׳:■ Es ab tatsächlich keine Lebensmittel außer denjenigen) ie wir mitbrachten, zu keinem Preise. Wir stießen auf verschiedene Schwierigkeiten,um Transportmittel für die von uns mitgebrachten Nahrungsmittel aufzutreiben. Fast die einzigen Transportmittel waren Kamele, und diese konnten nicht in genügender Anzahl besorgt werden, um unser > Hilfswerk mit;der gewünschten , Schnelligkeit durchzuführen.'., ■ ״: '־ Die Lebensmittel, die wir brächten, brächten nur zeitweise Abhilfe, und1, wenn nicht mehr1 geschickt wird, so stehen Tausende von unglücklichen Familien dem Hungertode gegenüber. Die Ernte dieser Saison ist fast ganz von den Heuschrecken zerstört, so daß die einzige Hoffnung auf der Unterstützung von außen beruht.“ Aus Amerika. . י In New York wurde dieser; Tage •ein Verband ״J u n g - G a 1 i z i e n“ begründet. Dem voni neuen! Verbände erlassenen Aufruf entnehmen wir folgende Ausführungen: . - , ״Die' Zerstörung eines hundertjährigen! Kultur-1 Zentrums in unserer alten Heimat, die die fruchtbare Tätigkeit vieler Generationen vernichtet. hat, hat bei uns das Bedürfnis hervorgerufen, alle moralischen und materiellen Kräfte der Galizier in Amerika! zusammenzuraffen, um das, kulturelle :Leben unserer! Kolonie zu heben und zu fördern und den Boden vorzubereiten für den zu erwartenden großen'Strom der Intelligenz, den die künftige Immigration hierherführen wird. Man möchte ein neues Wort hören und sich zu neuem Schaffen aufraffen! Es sind Kräfte vorhanden, die ein Gebiet für ׳ihre Betätigung suchen, und auch Menschenmassen, die beeinflußt werden wollen.“ - Niemals bis heute hatte die Intelligenz des galizisenen Viertels eine solche Gelegenheit, ihr Wort zu sagen, wie gerade in diesem Augenblick. Zeit und ׳Umstände haben Kräfte geweckt, deren Vorhandensein bis jetzt niemand geahnt hat. Die erforderliche Kulturarbeit verlangt das Zusammenwirken aller Kulturdemente.“