Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 265 sich mit dem Antisemitismus beschäftigt, hat Herrn Dmo \v sk i auf den Plan gerufen und ganz aus dem Häuschen gebracht. Sein Leiborgan, die 01״ azeta Wars/.awska“, erging sich in folgenden Bemerkungen : ״Also diente die ״Erklärung“ der polnischen Literatengesellschaft russischen Zeitungen als Material zur Bestätigung des ״fanatischen Hasses“ eines gewissen Teiles der polnischen Bevölkerung gegen die Juden, und um zu überzeugen, daß dies das Resultat der ״aufreizenden“ Tätigkeit gewissenloser Publizisten bilde . . . Bisher wurden derartige Beschuldigungen ausschließlich von der jidischcn oder der den Juden verkauften Presse erhoben; jetzt aber ist eine große Wandlung eingetreten und den Juden zu Hilfe kommt die ״Literatengesellschaft“, eine polnische Institution, um die — zumindest dem Namen nach —- die Blüte der polnischen Intelligenz geschart ist. Bedarf nun das ״Judentum“ der ganzen Welt eines besseren Beweises dafür, daß die von ihm erhobenen Beschuldigungen wahr sind? -- Was kann für den jüdischen Angriff wünschenswerter sein, als daß alle, welche unerschütterlich auf dem Boden der polnischcn Interessen stehen, als Fanatiker, ״Schwarzes Hundert“, Menschen ohne (jewissen und moralisches Empfinden charakterisiert werden? Die Gesellschaft der Literaten hat dieses Manöver dm Juden sehr erleichtert . . .“ Wenn man nur diese Ausführungen des Herrn Dm o w s k i liest, könnte man glauben, die Erklärung des polnischen Literaturvereins sei wirklich ein l>okument, das die antisemitische Politik im polnischen Volke verurteile. Und doch ist es in Wirklichkeit nur ein Zeugnis dafür, daß sich im polnischen Volke niemand gefunden hat, der die Anklagen von Georg Brandes bona fiele untersucht hätte. Die sinnlosen Beschimpfungen, die gegen Georg Brandes, den ״großen Freund des polnischen Volkes“, geschleudert werden, bedürfen keiner Antwort. Sie richten sich selbst. Ein ״Prozeß“ gegen Georg Brandes Der polnische Antisemitenführer und Obmann der ״fortschrittlichen Partei“ in Russisch-Polen, Andrzey Niemojewski, hat gegen Georg Brandes vor einem dänischen Gericht Klage erhoben wegen seiner bekannten Artikel im ״Politiken“ über die polnischen Judenverfolgungen, die unseren Lesern aus der ״Jüdischen Rundschau“ bekannt sind. Kürzlich berichtete das Organ Niem o j e w s k i s, das in Warschau erscheinende ״Mysl Niepodlegta“, daH man zur Deckung der Prozeßkosten eine öffentliche Sammlung in Russisch-Polen veranstaltet hat. An der Sammlung sind auch viele philanthropische und humanitäre Anstalten beteiligt. Auch die polnischen Zeitungen Deutschlands bringen die Erklärungen des — vor dem deutschen Einmarsch aus Warschau entwichenen — polnischen Politikers. ״Wie lange soll man schweigen?“ Unter dieser Ueberschrift finden wir in einer der Juli-Nummern der Warschauer jidischcn Tageszeitung ״Moment“ folgende bezeichnende Auslassungen des bekannten jüdisch-hebräischen Schriftstellers Hillel Z e i 11 i n: Der fortgesetzt betriebene Denunzicrungs- Feldzug gegen die Juden in gewissen polni sch e!1 Zeitungen ist allgemein bekannt und überrascht nicht mehr. In den letzten drei bis vier Wochen aber hat diese Tätigkeit derartige Dirnensionen angenommen, daß sie nunmehr ,einfach u 11 - erträglich ist. Es gibt keine Lüge, die nicht über die Juden verbreitet wird; es gibt in der Welt keine Gemeinheit, die nicht den Juden zugeschrieben wird; es gibt kein noch so schweres Verbrechen, dessen die Juden nicht beschuldigt werden. Und die wilde Hetze nimmt kein Ende; mit jedem neuen Tage steigert sich die Zahl der Lügen und der Verleumdungen. Bis in die letzten Wochen wurde der H a ß g e g e!1 d i e J u de u in die polnischen Massen gepflanzt. Heute erleben die erwähnten polnischen Zeitungen bereits die Frucht ihrer giftigen Aussaat. Bis jetzt handelte es sich nur um eine gewöhnliche Judenfresserei; was aber heute daraus entstanden ist, ist eine — unheilbare Massenverg i f t u n g . . . Es ist erstaunlich, zu beobachten, mit welcher namenlosen Frechheit die ״D w a G r o s z. e“ und die ihr Gleichgesinnten jeden Tag ihre frischgebackcnen Lügen in die Welt setzen! Einst mußte auch der abgefeimteste Judenfresser seine Verleum- ■düngen auf irgendwelche erdichtete ״Tatsachen“ stützen. Seine Tätigkeit bestand ehemals bestenfalls in einer falschen Beleuchtung und Verdrehung der Tatsachen oder in der willkürlichen Vermehrung und Uebertreibuiig von Vorfällen. Heute aber ist der Judenfresser dieser Mühe enthoben. Er braucht sich nicht mehr nach Tatsachen umzusehen, die er verdrehen und in falsches Licht rücken und übertreiben soll, sondern er saugt vielmehr alles aus den Fingern, unbekümmert um die Wirklichkeit. Da sitzt irgendein Gentleman in der Schreibstube der ״G azeta Warszawska“, der ״Diva Grosze“ oder des ״Dzie.n“ und erfindet Lügen, von denen eine gröber ist als die andere, eine närrischer und unbeholfener ist als die zweite und inacht nicht den geringsten Versuch, ihnen den Anschein einer auch noch so geringen Wahrscheinlichkeit zu verleihen. Er weiß ja wohl, daß seine Leser alles für bare Münze nehmen, die Juden aber darauf verzichten werden, offenkundigen Narreteien entgegenzutreten. Aber diese;offenkundigen Narreteien werden von Zehntausenden von Menschen gelesen und als wirklich geschehene Tatsachen hingenommen, und die Flammen des Judenhasses lodern immer höher auf. Und gerade in diesem Augenblick fahren die polnisch - antisemitischen Zeitungen mit verstärkter Energie fort, ihre Leser gegen die Juden a 11 f z 11 w i e g e 111, und zwar durch die systematische Verbreitung der niederträchtigsten Lügen über die Juden. Ist es nicht an der Zeit, daß die Vorsteher der jüdischen Gemeinde oder andere angesehene Juden sich an die Machthaber mit dem Ersuchen wenden, den offenkundigen Lügen, Verleumdungen und Hetzereien der Gassenblätter gegen die Juden Halt zu gebieten? Es wäre leicht, die betreffenden Kreise von der Grundlosigkeit der von den polnischen Gassenblättern gegen die Juden verbreiteten ״Informationen“ und der Schädlichkeit ihrer Agitation zu überzeugen. Es ist unzweifelhaft, daß. wenn eine behördliche Untersuchung der von den polnischen GassenbUittern verbreiteten Geschichten eingeleitet worden wäre — und dies wäre geschehen, wenn man es von maßgebender jüdischer Seite gefordert hätte — die betreffenden Zeitungen nicht in der Lage wären, ein Hundertstel von dem zu beweisen, was sie als ״Tat- Sachen“ behaupten. Die völlige Gegenstandslosigkeit alles dessen, was die polnischen Gassenblättchen gegen die Juden verbringen, würde dann klar zutage treten.“ Die russischen ״Machthaber“ und Gönner des polnischen Hetzgesindels haben inzwischen der Metropole Polens den Rücken gekehrt. Die Stunde der Herren, D in o w s k i und Genossen hat geschlagen. Der polnische Januskopf Solange Lemberg und der größte Teil Galiziens von den -Russen besetzt war, bestand die ״Taktik“ gewisser polnischer Kreise — der A 11 p o 1 e 11, der stärksten polnischen Partei, ganz besonders — darin, die Juden Galiziens den russischen Machthabern gegenüber als Freunde, ja als Spione Oesterreich-Ungarns und 'Deutschlands hinzustellen. Jetzt, da 'die Russen — und ihre »)!polnischen Freunde .- Galizien den Rücken gewandt haben und die ״österreichische Orientierung“ wieder eingekehrt ist, beginnt der polnisch-antisemitische Januskopf sein zweites Gesicht zu zeigen. Die galizisehen, speziell die Lemberger Juden sind im Handumdrehen zu Russenfreunden geworden, ln einem an leitender Stelle erschienenen Artikel in der führenden konservativen Zeitung Galiziens, dem ״Czas“ N1393 .־, schildert der Führer der polnischen Konservativen, Dr. Hupka, die ״Stimmung in Lemberg“ während der Russenherrschaft und jetzt. Es heißt darin u. a.: ״Während der russischen Invasion und auch nach der Vertreibung der Russen aus Lemberg hatte sich die Lemberger Bevölkerung in zwei feindliche Lager gespalten; in jenes der Juden und jenes des inzwischen stark entwickelten Antisemitismus, der vor dem Kriege gar nicht existiert hat. Die christliche Bevölkerung ist über die zurückgebliebene jüdische Bevölkerung sehr erbost, da sie der am 3. Scptember v. J. in Lemberg einmarschierenden russischen Armee einen begeisterten Empfang bereitet und die Pferde der Kosaken geküßt hat. (!) Und auch später, trotz der barbarischen Behandlung der Juden durch die Russen und ungeachtet der Pogrome, haben die Juden die größte Anhänglichkeit an die Russen an den Tag gelegt, um dann Blumen über die zu streuen, die die Russen verjagt haben, die durch die Stadt geführten russischen Gefangenen zu peinigen und nicht nur den schlimmsten Lebensmittelwucher zu treiben, sondern auch nach allen Seiten mit Denunziationen um sich zu werfen.“ Jeder Kommentar zu dieser beispiellosen Ent- Stellung aller Tatsachen ist überflüssig. Ls muß aber wenigstens anerkannt werden, daß sie eine ganz u 11 g e w ö 11 n I i c he l 11 ז v e r f r o r e 11 11 e i t hekündet. Die jüdischen Flüchtlinge in Wilna Einem längeren Bericht der Petersburger ״R j e t s c h“ entnehmen wir folgende, allerdings schon etwas überholte Schilderung aus Wilna: ״Das schöne, alte Wilna ist jetzt nicht wiederzuerkennen. Die Stadt ist von Flüchtlingen voll ’und, wohin man geht, wohin man blickt, sieht man sie, die Verjagten und Unstäten, die Unglücklichen und Kranken. Bereits seit einer Reihe von Monaten - - seit der Mitte des vergangenen Winters zieht sich u 11 u n t e r b r o c h en ei 11 Strom von Heimatlosen nach Wilna, dem ״littauischen Jerusalem“, hin. Bereits damals sind die ersten Scharen von Flüchtlingen aus den G rodnocr und S u w a 1 k e r Gouvernements zusammen über viertausend Persollen angekommeti. Später war der Zustrom in Abnahme begriffen. Allein seit Anfang Mai hat sich eine furchtbare Flut von den aus ihren Heimatsorten Vertriebenen über diese Stadt ergossen, und es dauerte nicht lange, da war das jüdische Wilna mit den unglücklichen Opfern des russischen Barbarismus überfüllt. Alle öffentlichen Institutionen und Vereine hatten mit der Unterbringung der Heimatlosen voll zu tun, aber es reichte alles nicht aus, und das speziell zu diesem Behufe ins Leben gerufene Komitee hatte nicht wenig Arbeit zu leisten, bis es gelungen war, Abhilfe zu schaffen. Gegenwärtig befinden sich in Wilna über 10000 Flüchtlinge, von denen 8000 in Vereinslokalen und über 2000 in Privatvvohnuiigen untergebracht worden sind. Das Flüchtlings-Komitee entfaltet eine sehr rege Hilfstätigkeit. Bis jetzt sind in Wilna etwa 50 Aufnahmcqtiartierc eröffnet worden, das größte in einem leerstehenden Fabriklokal, in dem 950 Flüchtlinge untergebracht worden sind. Es sind auch drei Kinderasyle mit hundert Waisenkindern eröffnet worden. Außerdem hat die ״Petersburger Gesellschaft für Gesundhcitspflegc unter den Juden“ ein Krankenhaus und ein Altersheim geschaffen. Die Versorgung der großen Zahl der Heimatlosen durch das Komitee bedarf eines Aufwandes von ca. 40 000 Rubel monatlich. Die Mittel erhält das Komitee von Petersburger und Moskauer j ü d i - sehen Wohlfan rtsgescllschaften, wie auch vom ״Großfürstin-Tatjana-Ausschuß“. — In Wilna selbst wurde ein ״Flüdhtlirigstag“ veranstaltet, der eine Einnahme von 85 000 Rubel erzielte. — Auch in den Städtchen in der Umgebung von Wilna befinden sieh Tausende jüdischer Fluchtlinge. An manchen Tagen hatten Tausende von Vertricbenen Wilna mit der Bahn passiert.“ Inzwischen hat sich leider das Schicksal der vertriebenen Juden noch trauriger gestaltet. Dr. Karpel Lippe In Wien ist soeben Dr. Karpel Lippe gestorben, Mit ihm ist einer jener Chowewe Zion dahingegangen, d!ie dem organisierten Zionismus ganz bewußt vorgearbeitet haben. Sein Name wird neben denen von P i ns k e r, M o h i - 1 e w e r, J a s s i n o vv s k y, dem kürzlich verstorbenen Pinskcr Rabbiner R. David Fried mann und anderen Größen der Chibbath Zion fortleben, deren Tätigkeit in der Kattowitzer Konferenz ihren ׳Höhepunkt fand. Lippe selbst hat an der Konferenz nicht teilgenommen. Aber schon 1880 finden wir ihn als Begründer des ersten Palästinavereins inRumiinien, dem bald eine ganze Reihe anderer Vereine folgte. Neben dem greisen Pin des gebührt ihm wohl das größte Verdienst daran, daß die rumänischen Zionisten sich an der praktischen Palästina- Kolonisation so eifrig und erfolgreich beteiligten. S i eh 1־ o n - j a c o b und R o sch- P i n a h sind bleibende Denkmäler dieser Arbeit. Als Herzls mächtiger Ruf erscholl, schloß sich L i p p e der neuen Bewegung an und als Alters- Präsident durfte er den ersten Baseler Kongreß eröffnen. Dr. Lippe hat ziemlich früh seine galizische Heimat verlassen und lebte später in Jassy, wo er eine ausgedehnte ärztliehe Praxis ausübte. Vor einigen Jahren kehrte er nach Galizien zurück und ließ sich in Przemv.sl nieder. Der Einfall der Russen zwang den Greis zur Flucht, und in Wien hat er nun sein arbeitsreiches Leben abgeschlossen. Das Leichenbegängnis Dr. Karpel I.ippes fand Mittwoch, den 3. d. M., um 12 Uhr, am Zentralfriedliofe in Wien statt. Dem Begräbnis wohnten außer der Familie eine Abordnung der Zionistischen Partei, und zwar als Repräsentanten der galizisehen Zionisten Adolf S t a n d und l)r. F. W a s c h i t z , als Rcpräsentaut der westösterreichiseheu Zionisten Reichsratsrevisor Taussig u. a. bei.