Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 33 - 4'"' Polnische Wünsche Das von der russischen Regierung erlassene Verbot aller jidisehen und heb r ä i s c 11 e n Zeitungen in Rußland hat weite polnische Kreise mit lebhafter Genugtvung erfüllt und einen freudigen Widerhall in der polnischen Presse gefunden. Es seien hier einige Stellen aus einem Artikel in der Warschauer Tageszeitung ״Oazeta Warszawska“ wiedergegeben: ״Vor 53 Jahren erließ der Landestnarschall WielopoLski ein Gesetz (24. Mai 1862), das den Juden die Gleichberechtigung gewährte. Es wurden sowohl das vom König von Sachsen am 19. November 1818 im Warschauer Fürstentum für die Juden erlassene Verbot, Land zu erwerben, wie auch viele andere für die Juden geltende Beschränkungen betreffend das Recht, in den Städten Grundstücke zu erwerben und Häuser zu bauen, aufgehoben; es wurden die Gesetze aufgehoben, welche den Juden das Wohnen in einigen Städten, insbesondere in den Hauptstraßen der Mehrzahl der polnischen Städte, verboten; es wurden zum Teil die Be- Schränkungen bezüglich der Niederlassung der Juden in den Dörfern und innerhalb der Zwölf- Werst-Zone des Grenzgebietes abgeschafft. Schließlich •wurden auch sämtliche Beschränkungen bezüglich der Zulassung von Juden als Zeugen bei notariellen Akten und vor Gericht in Kriminalprozessen aufgehoben. Gleichzeitig ist die beleidigende Eidesformel der Juden beseitigt worden. Mit einem Worte: Eine völlige bürgerliche und gesell- I Schaft liehe Gleichstellung der Juden. Nur eine einzige Bedingung hat W i e 1 o - polski dabei gestellt: daß die Juden sich des Gebrauchs einer besonderenSpracheund Schrift in ihrem bürgerlichen Leben enthalten. Ihnen so viele Rechte einräumend, legte ihnen W i e 1 o p 01 s k i nur eine Be- Schränkung auf — daß sie den ״Jargon“ I nicht gebrauchen. Im § 7 des erwähnten Erlasses vom Jahre 1862 ןי heißt es darüber: ״Kein Zivilakt, noch Handelsurkunden, Testamente, Abmachungen, Verpflichtungen, Wechsel, Rechnungen, Bücher und Handelskorrespondenz, noch auch irgendwelche anderen Akten und Dokumente dürfen in Hebräisch oder Jüdisch-Deutsch oder in einer anderen Sprache mit hebräischer Schrift geschrieben werden. Andernfalls haben die Akten keine gesetzliche Geltung.“ ״Wielopolski — fährt die ״Gazeta Warszawska“ fort — gab sich dem Wahn hin, daß die Juden, der Wohltaten der Gleich- Berechtigung teilhaftig geworden, nunmehr die Landessprache annehmen und der poln i s c h e n Sprache den V-orzug vor dem jüdischdeutschen Kauderwelsch geben würden, daß sie dann ihre g e r m a n i s a t o r i s c h c T ä t i g k e i t einstellen . . ., aber die Wirklichkeit hat alle diese Erwartungen arg enttäuscht. ״Die Juden haben ihren Jargon nicht aufgegeben, im Gegenteil! — sie beanspruchen für denselben das Bürg e r r e c 111 in den Schulen und in der V e r - w a 11 u n g. Und nicht all ein die M a s s e n , sondern auch die Intelligenz spricht jidisch, mit der Absicht, die polnische Sprache überall auszuschalten und zu boykottieren.“ ״Inzwischen — heißt es im Artikel weiter — ist der erwähnte § 7 des Gesetzes von 1862 völlig in Vergessenheit geraten . . .“ Zum Schlüsse läßt der Artikeisclireiber an ״ die russischen Machthaber die Aufforderung ergehen, die j i d i s c 11 e Sprache endgültig zu verbieten und die jüdischen Blätter zu schließen, Die russische Regierung hat auch tatsächlich die Warschauer Tageszeitungen ״Moment“, ״H a i n t“ und ״H a z e f i r a 11“ unterdrückt. Unterdessen aber hat sich das Schicksal der russischen Herrschaft in Warschau gewendet. Jetzt wird die Hetze von polnischer Seite gegen die Aeußerungen alles eigenen jüdischen Kulturlebens wohl wieder eine andere Form suchen. Polnische Kolonisationspläne In der polnischen, in Petersburg erscheinenden Wochenschrift ״Glos Polski“ (Nr. 18) war folgende Notiz veröffentlicht: ״Das Zentrale (polnische) Bürgerko m i t e e (in Warschau) hat mit einer Tätigkeit von erhabener Bedeutung begonnen: es organisiert die Rückkehrderpolnischen Emigranten aus Amerika. Es leben dort mehr als 4 Millionen Polen. Optimisten neigen zur Annahme, daß mau ungefähr eine Million Polen mit einem Gesamtkapital von einer Milliarde Rubel dazu veranlassen könnte, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Dem sei es, wie es wolle: Die (russische) Militärbehörde plant und hat zum Teil bereits Maßregeln ausgeführt, um die jüdi sehe Bevölkerung Polens etwas ״dünner“ werden zu lassen. Die so j u d e n r e i n gewordenen ״Plätze“ könnten leicht von den energischen und unternehmungslustigen am erikanischen Polen eingenommen werden. Das ״Zentrale B ü r g e r k o m i t e e“ ist mit großem Ernst an diesen Plan herangetreten, indem es eine spezielle ״Ausländische Sektion“ ins Leben gerufen hat. Wir erwarten die Ergebnisse dieser Tätigkeit mit begreiflichem Interesse.“ Dazu schrieb die Petersburger ״R j e t sc 11“: ״Nach dieser Mitteilung zu urteilen, besteht das Zentrale Bürgerkomitee nicht deshalb, weil Millionen von Polen im Lande keine Erwerbsmöglichkeit haben und der Unterstützung bedürfen, des Brotes und eines Obdachs, — sondern um einer Million Polen die bequeme Möglichkeit zu verschaffen, sich neben der bereits vorhandenen notleidenden polnischen Bevölkerung niederzulassen. Ist das nicht sonder- Die ״Oppinia Zydowska“, das Organ der ״Polen mosaischer Konfession“, bemerkt dazu: ״Noch sonderbarer ist es, daß eine Institution, welche dazu bestimmt ist, der ganzen Bevölkerung, ohn״ Unterschied des Glaubens und der Nationalität, Hilfe zu gewahren, ihre Aufgaben in bezug auf die jüdische Bevölkerung so auffaßt, daß sie die Orte, die nicht freiwillig und nur vorübergehend von einem Teile der Bevölkerung geräumt sind, sogleich von ״Eigenen“ . . . aus Amerika okkupieren lassen will. Dabei gründet diese Institution ihre Aussichten auf eine Erwartung, die eines bedrückten Volkes nicht würdig ist: daß die Repressalien gegen die polnischen Juden auch noch in einer Zeit in An- Wendung bleiben werden, von der alle anderen Nationalitäten des Reiches die Verwirklichung ihrer kühnsten Träume erhoffen.“ Zu diesem ,,Meinungsaustausch“ über die von Seite der Polen sicherlich nicht nur aka* d e m i s c h behandelte Frage müssen wir uns jetzt nicht weiter äußern. Die polnischen Pressestimmen beweisen aber, mit welcher Bestimmtheit die Polen noch vor der Besetzung Warschaus darauf gerechnet haben, daß die russische Herrschaft dauern werde, die von der russischen Regierung ״evakuierten“ Juden nicht zurückkehren und sie selbst also die verfügungsberechtigten Herren im Lande bleiben würden. Gegen Brandes Der Warschauer Verein der Schriftsteller und Journalisten hat gegen Brandes einen Aufruf erlassen, der folgenden Wortlaut hat: ״Herr Georg Brandes, nicht befriedigt von dein Aufrufe des Vereines der polnischen Schriftsteiler und Journalisten in Warschau vom 29. Januar 1. J., worin wir seine bisherigen, in der dänischen Presse gegen Polen veröffentlichten Insinuationen geringschätzig behandelten, ist in der Kopenliagener ״Politiken“ mit einem Artikel aufgetreten, der von Lügen und Verleumd u 11 g e n strotzt. Nachdem er mit diskretem Stillschweigen über den Absatz hinweggegaiigen, in dem wir auch seine Person geringschätzig behandelten als eine heute in Europa bereits wirklich diskreditierte Wissenschaftliehe Autorität, als eines literarischen Kritikers, dem bewußte F ä 1 s c h u n g von Tatsachen nachgewiesen wurde, wendet er sich unmittelbar an unsere Adresse mit einer Ermahnung folgenden Inkaltes: ״Es wäre besser, wenn der Verein der polnischen Schriftsteller mul Journalisten den Pogromen e n t g e g e 11 w i r k e n wollte, anstatt nichtssagende Erklärungen zu veröffentlichen, die niemandem, am allerwenigsten aber mir imponieren können.“ ״Und gerade hier steckt die Insinuation. Nirgends, niemals gab es bisher in Polen durch die polnische Gesellschaft organisierte Pogrome. Herrn Brandes ist dieses zweifelsohne bekannt, und trotzdem wirft er auf die Polen bewußt mit vollendeter Tücke verleumderische Verdächtigungen, einzig und allein zu dem Zwecke, um polnischen nationalen Interessen zu schaden. Herr Brandes hat schmählich gelogen. Bis in die letzten Tage hat unsere Gesellschaft mit dem im Augenblicke einer geschichtlichen Krise notwendigen Bedacht das provokatorische Verhalten der jüdischen Nationalisten ertragen, die von der liberalen russischen Presse und von den westlichen Vormündern von der Art der Herren Brandes, Bernstein und anderer ähnlicher gegen Polen aufgehetzt werden. Dieses allein ist die richtige Wahrheit, und dieses können wir der ganzen Welt laut und in der kategorischesten Weise erklären.“ ״Andererseits müssen wir Herrn Brandes darauf aufmerksam machen, daß es nicht der Gepflogen h eiten der Gesellschaft polnische rSchriftst eile rund Journalisten entspricht, Pogromen entgegen zutreten. Die polnische Ocffentlichkeit kann nicht für vereinzelte Ausschreitungen dieser Art verantwortlieh gemacht werden, da sie leider die Möglichkeit des freien Handelns oder des Einschreitens gegen Handlungen nach einer gewissen Richtung nicht besitzt, wie sie auch nicht für den antisemitischen Fanatismus, der in weiten Kreisen der polnischen. Gesellschaft um sich greift, verantwortlich zu machen ist.“*) ״Dazu tragen Faktoren bei, die von der polnischen Gesellschaft ganz und gar unabhängig sind. Zunächst das fortwährende Hereinströmen in polnisches Gebiet der von Rußland aus den Ansiedlungszonen verjagten Juden, die sich unter uns an Zahl immer stärker fühlen, offensiv auftreten und häufig wesentlichste Interessen der Polen bedrohen. Auch kann die polnische Gesellschaft nicht verantwörtlich gemacht werden für den händelsüchtigen und provokatorischen, stets von Haß erfüllten Ton der jüdischen nationalistischen und zionistischen Presse, der unter uns einen entsprechenden natürliehen Widerhall der Entrüstung und des Unwillens weckt. Sie ist auch nicht verantwortlich für das unaufgeklärte unbegreifliche, in höchstem Grade ungerechte Verhältnis der liberalen russischen Publizisten von der Art des Herrn Miljukow sowie der verschiedensteil Herren Brandes und Bernstein zu uns, die, indem sie uns nichtbegangene Sünden vorwerfen, indem sie die phantastischen, angeblich von der polnischen Nation gegen die Juden begangenen Tat- Sachen bringen oder wahre in einem falschen Lichte darstellen, die schmerzhafte Wunde der jüdischen Sache immer mehr zum Eitern bringen.“ ״Die Selbstverteidigung ist das natürliche Recht eines jeden lebenden Wesens. Die nationale Selbst- Verteidigung ist die natürliche Pflicht der Nation. Gegen jeglichen Angriff feindlicher •Kräfte muß sich die polnische Gesellschaft wehren. Aber die Ge- Seilschaft versteht es, daß die Pogrome weder Zweck noch Mittel sein können. Die polnische Intelligenz und mit ihr der Verein der polnischen Schriftsteller und Journalisten will das Land aufrichtig und um jeden Preis vor dem Vorwurfe unkulturelier Ausschreitungen der Menge schützen. Aber der Verein verfügt über keine anderen Präventivmittel außer dem Wort der Ueberredung. Mit diesem Worte auch wendet sich des Ausschuß des Vereines der polnischen Schriftsteller und Journalisten hiermit an Herrn B ra ndes, an die russischen Publizisten von der Zeitung ״׳Razswiet“, ״Rjecz“ und anderen, und an alle jene, die durch ihr Auftreten, scheinbar in Verteidigung der Juden, anstatt die Leidenschaften zu dämpfen, die glimmenden elementaren Zwistigkeiten zu einer Feuersbrunst anfachen, statt die Reibungen und Divergenzen zu mäßigen, jene Mißstimmung nur vergrößern, die eine geschichtliche Fatalität zwischen der polnischen Nation und der jüdischen Masse geschaffen.“ ״So, Ihr Herren, wenn Sie wirklich im Namen humanitärer Losungsworte auftreten, wenn Eure Phantasie in der Wirklichkeit von den Gedanken an die gewaltsamen und empörenden Szenen geschreckt sind, wenn Euch wirklich das Wohl am Herzen liegt, und nicht etwa versteckte tückische Aussichten — dann höret auf zu hetzen.“ Diese ״Erklärung“ hat zu einer Diskussion in der polnischen Presse geführt. Jener, von der Zeitschrift ״Polen“ schamhaft verschwiegene Absatz, der *) Dieser Absatz ist charakteristischerweise bei der Wietiergabe der Erklärung durch die Wiener Zeitschrift ״Polen“ von der Redaktion nicht wörtlich, wie der ganze übrige Teil, sondern nur in andeutender und abgeschwiichter Form wiedergegeben worden.